Archiv für das Tag 'Ahlert'

Trochowskis Leben in Spanien

30. Dezember 2011

Um 14.52 Uhr klingelt es an der Tür. „Einen Moment bitte mal, ich muss kurz zur Tür“, sagt mein Gesprächspartner, dann legt er sein Handy zur Seite. Ich kann nichts sehen, kann nur zuhören. Und bin begeistert. Vor der Tür steht ganz offensichtlich eine Spanierin, und die spricht schnell und ohne Pause mit Piotr Trochowski. Ich denke so bei mir: „Ob diese Frau schon mitbekommen hat, dass sie mit einem Deutschen spricht?“ Plötzlich die Antwort an die Dame. Spanisch. Nein, es kommt mir nicht Spanisch vor, es ist Spanisch. So, wie es sich anhört, ist es perfekt. „Troche“ spricht fließend wie die Dame, er spricht ohne Pause, er spricht voller Selbstbewusstsein. Unglaublich. Ich staune nur. Und als er der Dame erklärt hat, dass er gerade ein Telefonat mit Hamburg führt, als er die Tür wieder geschlossen hat und sein Handy wieder in die Hand nimmt, da sagt er: „Sorry. Aber ich habe mich beeilt.“ Ich halte mit meiner Begeisterung nicht zurück: „Troche, das ist ja unglaublich. Du sprichst ja perfekt Spanisch – wie geht das?“ Er: „Ich wollte es anders machen, als die Spieler, die aus dem Ausland zum HSV gekommen sind. Oft können sie nach einem halben Jahr oder noch länger kein Deutsch. Das wollte ich mir nicht zum Vorbild nehmen, also habe ich, als der Vertrag mit dem FC Sevilla im April perfekt war, sofort damit begonnen, Spanisch zu lernen. Im Auto habe ich immer nur spanische CD’s gehört. Und inzwischen unterhalte ich mich mit jedem hier auf Spanisch, gebe auch Interviews auf Spanisch – alles kein Problem mehr.“ Er fügt noch hinzu: „Ich wusste, dass sie hier alle kein Englisch sprechen, also blieb mir nichts übrig, als Spanisch zu lernen.“ Das hätte ich, das gebe ich zu, niemals erwartet. Großes Kompliment, Piotr Trochowski!

Über Weihnachten war er mal wieder in Hamburg. Bei seiner Familie, seinen Freunden – in seiner Wohnung, die er immer noch hier hat. „Es war einfach nur schön. Aber zu kurz. Nur fünf Tage. Es war schnell, intensiv, aber es hat Spaß gebracht. Und wenn ich schon mal hier bin, dann muss ich eben alle sehen, die Familie und die Freunde, das ist dann ein volles Programm. Zudem musste ich ja für Weihnachten Geschenke einkaufen und einpacken, dafür ging auch eine Menge Zeit drauf. Insgesamt war es schön, aber auch anstrengend.“

Im Sommer hat er Hamburg verlassen. Ich habe lange überlegt, wie diese Geschichte, die ich jetzt schreibe, heißen soll. Lange hatte ich den Gedanken: „Der kleine Dribbelkünstler setzt sich durch.“ Das habe ich schnell verworfen. Dann: „Von einem der auszog . . .“ Und weiter war mein Gedanke: „ . . . weil sie ihn beim HSV nicht mehr wollten.“ Oder: „. . . weil sie ihn hier vom Hof gejagt haben.“ Das klang mir aber dann doch zu hart. Obwohl doch viel Wahrheit dran ist. An beiden Versionen. Ich erinnere mich noch ganz genau: Im Frühjahr bahnte sich sein Wechsel zum FC Sevilla an. Damals bat mich ein HSV-Verantwortlicher, nichts mehr davon zu schreiben, dass Trochowski keine Zukunft mehr beim HSV hätte. Die Begründung wurde mir gleich mitgeliefert: „Dann könnte sich der Deal mit Sevilla vielleicht doch noch zerschlagen, denn was sollen die mit einem Spieler, den der HSV nicht mehr will . . ?“ Gebeten, geschwiegen – Wechsel geklappt.

Obwohl ich es bis heute nicht verstehen kann, noch immer nicht verstehen kann, wieso in Hamburg mit einem deutschen Nationalspieler so verfahren wurde? Und zwar von allen. Nicht nur vom HSV. 35 Länderspiele hat Trochowski gemacht, er wurde mit 2010 Deutschland WM-Dritter – sein bislang letztes Länderspiel hat er im WM-Halbfinale ausgerechnet gegen Spanien bestritten. Warum? Warum gerät ein solcher Spieler so in die Kritik? Wegen seiner Kringel, die er auf den Rasen hinlegte? Wegen seiner offenen Worte, wenn er gelegentlich über Ziele und andere Klubs sprach? Das allein kann es nicht gewesen sein, irgendetwas muss es aber gewesen sein – doch das ist für ihn längst abgehakt. Und für mich jetzt auch. Er fühlt sich wohl in Sevilla, sauwohl sogar. Er hat nichts falsch gemacht, als er im Frühjahr bei einem in Europa sehr angesehenen spanischen Spitzen-Klub für gleich vier Jahre unterschrieb. Damals wurde diese Zeremonie von vielen mit einem süffisanten Lächeln begleitet. Heute sagte er: „Ich habe alle Spiele, die ich mitmachen konnte, auch mitgemacht. Und das in der besten Liga der Welt.“ Stolz klingt mit, in seinen Worten, und dieser Stolz ist in meinen Augen auch völlig berechtigt.

In den Länderspielpausen hatte Trochowski immer frei, weil Jogi Löw ihn nicht mehr anruft. In diesen Zeiten flog der dreimal nach Hamburg. Weil er Hamburg immer noch im Herzen hat. Und alle unliebsamen Sachen, die er hier erlebt hat: „Abgehakt.“ Sagt er. Und weiter: „Weil ich doch viele, sehr viele schöne Zeiten in den sechseinhalb Jahren hier hatte. In der Europa League im Halbfinale, im DFB-Pokal im Halbfinale, das war doch was. Ich denke an das Positive, denke nicht an das Schlechte. Und beim HSV wurde ich ja auch Nationalspieler. Hamburg ist meine Heimat, daran wird sich nichts ändern. Wenn ich hier bin, dann blühe ich auf. Dann freue ich mich einfach, wieder hier zu sein. Egal ob es regnet, egal was für ein Wetter gerade ist.“ Von Sevilla schwärmt er: „Das ist der Gegensatz zu Hamburg. Eher klein, ein wenig verträumt, viele alte Gebäude – und immer Sonne. Das ist einfach traumhaft. Ich habe eine Stunde zum Strand. Und im Winter trainiert man hier bei 16 Grad, das ist doch super.“

Er fährt in Sevilla noch immer seinen Mercedes mit deutschem Kennzeichen, und er bewohnt mit Ehefrau Melanie eine Wohnung in der Stadt. „Ich wollte nicht an den Rand, so wie in Hamburg Henstedt-Ulzburg oder Norderstedt, ich wollte mittendrin sein, wenn ich vor die Tür gehe. Noch wohnen wir aber nicht in der richtigen Wohnung, denn es ist schwer, hier eine passende Wohnung zu finden“, sagt er. Weil Melli zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von zu Hause weg ist, fliegt sie noch öfters heim. „Mir ist der Gang von Hamburg nach Sevilla leichter gefallen, weil ich das als Fußballer ja gewohnt war“, sagt er und ergänzt: „Der Wechsel hat sich absolut gelohnt, ich habe nichts, wirklich nichts zu bereuen.“

Gleich zu Saisonbeginn wurde Piotr Trochowski vom Platz gestellt. Eine Erfahrung, die er in Hamburg nie machen musste. Aber wieso? Er erklärt: „Zweimal Gelb. Ich bin zweimal zu hart eingestiegen.“ Wie ist das überhaupt? Wie erlebt er es, in Spanien zu spielen? Ist es härter? „Nein, härter ist es ganz sicher nicht. Es ist aber schneller. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass sie hier alle, von vorne bis hinten, sogar bis zum Torwart, eine solide Grundtechnik haben, hier wird technisch anspruchsvoller gespielt. Hier sind sie alle zierlicher, quirliger, alle können sie super mit dem Ball umgehen. Härter aber ist es hier nicht, ich werde hier nicht anders als in Deutschland attackiert.“

Gibt es denn noch andere Unterschiede zum deutschen Fußball? Er sagt: „Ja. Das Training zum Beispiel.“ Und was? „Unser Trainer ist in allen Übungen unheimlich präzise, er ist ein Perfektionist. Und dazu haben wir in der Vorbereitung kaum Läufe absolviert. Wir haben alles mit dem Ball gemacht, wenn Läufe, dann beschränkte sich das auf eine kurze und intensive Zeit. Monotones Laufen, wie es in Deutschland in der Vorbereitung so oft gemacht wird, das gibt es in Spanien nicht. Das hat ja auch nicht wirklich etwas mit Fußball zu tun. Hier ist alles auf das Spiel ausgelegt.“

Sätze, wie sie mir einst auch Ruud van Nistelrooy gesagt hat – als er staunte, wie hier in Deutschland vor Beginn einer Saison trainiert wird.

Gleich im ersten Punktspiel gab es für „Troche“ das Wiedersehen mit van Nistelrooy und Joris Mathijsen. In Sevilla wurde der FC Malaga mit 2:1 besiegt. Nach dem Spiel flogen Ruud und „Troche“ gemeinsam nach Hamburg, weil es dort noch etwas zu erledigen gab.

Die Nationalmannschaft ist immer noch sein Ziel: „Davon träumt doch jeder Spieler. Und ich werde wieder angreifen und versuchen, wieder auf den Zug aufzuspringen.“ Über die Chancen sagt er: „Ich habe oft gespielt, bin jetzt ja erst ein halbes Jahr hier. Es ist noch ausbaufähig, mein Spiel kann auch – ganz klar – noch besser werden, aber bislang läuft es ganz gut.“ Der FC Sevilla ist Tabellensechster, hat eine gute Mannschaft, die Konkurrenz für Piotr Trochowski ist groß. Er sagt über die Ziele: „Wir sind bislang nicht zufrieden mit Platz sechs, unser Ziel ist die Champions League. Wir sind besser als wir zurzeit stehen, aber wir hatten zwischendurch auch eine schlechtere Phase, als wir in vier Spielen nur zwei Punkte gemacht haben. Das muss besser werden.“

Zum HSV hat er hin und wieder noch Kontakt. Per Telefon. Mit Dennis Aogo und Marinus Bester, den Jürgen Ahlert habe ich hier mal getroffen.“ Deutsches Fernsehen hat er nicht, hat deshalb auch nur einmal ein HSV-Spiel in einer Sportsbar live gesehen, die Heimniederlage gegen Schalke: „Da hat der HSV ganz gut gespielt, das hätten sie nicht verlieren müssen.“ Da hat er auch seinen „Nachfolger“ gesehen, den jungen Zhi Gin Lam. Trochowski: „Der gefiel mir gut, er hat viele sehr gute Sachen gemacht, hat mit Tempo nach vorne gespielt, hat ohne Scheu aufgespielt – das war schon okay.“ Obwohl er ja ein kleiner Spieler ist. Wie Trochowski auch. Der reklamiert aber sofort: „Wenn du hier Xavi und Messi siehst, die wiegen gerade mal 60 Kilo, das sind Fliegengewichte und sind dennoch die besten Spieler der Welt. Die Größe hat nichts damit zu tun, wie man Fußball spielt, man muss nur Fußball spielen können.“

Apropos Weltstars. Wie ist es, wenn er gegen Barcelona oder Real Madrid spielt? „Das ist schon etwas Besonderes, ganz klar, wenn man sich mit solchen Stars messen kann. Gegen Real haben wir kürzlich ja 2:6 auf den Kopf bekommen, das war ganz bitter, denn wir hatten in Halbzeit eins mehr Spielanteile und die besseren Chancen. Real hatte drei Möglichkeiten und macht daraus drei Treffer. Daran kann man erst einmal die Effektivität solcher Stars sehen, das war unglaublich. Die machen nicht viel, die machen aber das meiste richtig. Das ist der Unterschied.“

Und Barcelona? Am 22. Oktober hat der FC Sevilla – mit Piotr Trochowski – 0:0 bei der zurzeit weltbesten Mannschaft gespielt. Wie war das? Trochowski: „Unfassbar. Barcelona ist noch besser, noch extremer als Real. Unsere Leistung an diesem Tag war super, wir waren nur defensiv eingestellt – und kamen nur ganz selten an den Ball. Den hält Barcelona fast perfekt. Und wenn du den Ball tatsächlich einmal hast, dann ist der Weg bis zum Tor so weit, da liegen dann 60, 70 Meter vor dir. Und du bist von den defensive Aktionen schon so kaputt, dass du die Aktionen gar nicht mehr voll konzentriert zum Abschluss bringen kannst. Das merken die Gegenspieler sofort, die attackieren dich sofort – da ist es sehr, sehr schwer, überhaupt mitspielen zu können. Barcelona ist wirklich unglaublich, eine solche Mannschaft habe ich noch nie erlebt.“

Und wie feiert dann der „kleine“ FC Sevilla ein 0:0 bei einer solchen Übermannschaft? Piotr Trochowski: „Gar nicht groß. Von einem 0:0 in Barcelona kann man sich ja nicht viel kaufen. Das ist genauso wie in Hamburg, wenn wir gegen den FC Bayern gewonnen haben. Dann kommt der nächste Gegner, und wenn du die Punkte nicht holst, dann ist ein 0:0 gegen den großen Klub schlicht vergessen – so ist das.“

Zum Schluss, das ist nicht vergessen, frage ich noch eine Frage zum HSV. Steigt der HSV ab? „Troche“ wie aus der Pistole geschossen: „Niemals. Das wird nicht passieren. Die werden diese Saison überstehen, und dann wird es darauf ankommen, was sie draus machen. Aber Abstieg wird in dieser Saison kein Thema sein, denn die Mannschaft ist ja wieder im Kommen, und die Fans werden schon richtig gut helfen. Und ich vertraue Thorsten Fink, mit dem ich ja schon beim FC Bayern gespielt habe – ein guter Typ, er wird es schon richten, keine Angst.“

Okay, „Troche“ das wollen wir Dir dann mal so glauben. Und alles Gute weiter in Spanien. Bereist am 5. Januar geht es ja weiter, dann spielt der FC Sevilla beim FC Valencia – gleich ein Hammer-Auftakt. Wie der des HSV.

18.03 Uhr

Der Sturm – und eine Geschichte

3. Juli 2010

Was für ein Sturm in Hamburg. Tut bei dieser Hitze ganz gut. Wenn dieser Sturm helfen würde. Ich bin schon erstaunt, wie viele „Matz-abber“ die wirtschaftliche Lage des HSV kennen. Ganz erstaunlich. Und was mir dabei unterstellt wird – alle Achtung. Natürlich schreibe ich nicht gerne jeden Tag darüber, dass beim HSV ein Ball von 35 Luft verloren hat, oder dass dem Spieler XY das Schuhband gerissen ist, oder dass jeder Profi, die Jung-Talente eingeschlossen, 16 Liegestütze machen musste. Aber informiere ich deshalb falsch? Ich behaupte von mir, das galt schon als Schreiberling für die Print-Ausgabe des Abendblattes, dass ich immer nur die Wahrheit schreibe. Das gilt immer noch. Auch für diesen Beitrag, Und für jeden vorherigen.

Ich möchte auf diese Problematik jetzt auch nicht mehr näher eingehen. Alle diejenigen, die mich jetzt „zum Teufel wünschen“, denen empfehle ich die Außerordentliche Mitglieder-Versammlung am 13. Juli. Und wer selbst nicht da sein kann, aber gerne informiert werden möchte (das gilt auch für die Leute, die heute schon alles wissen), was da abgelaufen ist, die sollten sich tags darauf durch die Medien informieren lassen.

Und alle diejenigen, die mir jetzt noch unterstellen, ich hätte dummes Zeug geschrieben, dürfen sich dann gerne genauso vehement bei mir entschuldigen. Und ich mache es, falls es anders kommt als ich denke, dann auch umgekehrt. Versprochen.

Eines und eins das macht zwei. Sang einst Hildegard Knef. Wer eins und eins zusammenzählen kann, der ist gut dran. Und wer davon träumt, dass der HSV im Geld schwimmt, und der Herr Kühne nur per Zufall seine Millionen im Volkspark abgeladen hat, der möge weiter träumen. Mehr möchte ich von diesem Deal aber auch nicht mehr schreiben. Weil ich doch genau wusste, dass es mir von einigen Besserwissern um die Ohren gegeben wird. Diejenigen, die nicht wissen, was sie nun glauben sollen, die bitte ich, am 13. Juli die Fragen zu stellen, die nötig sind, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Wobei ich noch einmal sagen muss: Ich habe nichts, absolut nichts gegen diese jetzige HSV-Führung. Wird mir ja auch immer wieder unterstellt. Ist aber nicht so. Ich sage es noch einmal ganz deutlich: Der sportliche Aufschwung des HSV ist eingetreten, als Bernd Hoffmann, Katja Kraus und Dietmar Beiersdorfer das Sagen hatten.

Aber dass vielleicht trotz der allerbesten Führung hier und dort mal eine finanzielle Lücke entstehen kann, das kommt sicher vor. Das gab es vor 50 Jahren schon (beim HSV), das gab es vor 30 Jahren, vor 20 Jahren und auch vor zehn. Immer dann aber, wenn hier davon geträumt wurde, dass man als Trainer einen Wenger, Hiddink oder Mourinho holen könne, und als Spieler Ronaldo, Messi oder Rooney, habe ich es gewagt, ganz dezent darauf hin zu weisen, dass der HSV für solche Leute nicht genügend Geld in der Kasse hätte. Und das Echo? Mir flogen die Proteste und Beschimpfungen nur so um die Ohren. Wie diesmal. Ich nehme das mit Gelassnehit hin. Ganz ehrlich. Weil ich weiß, was ich weiß. Auch in diesem Falle kann ich nur jedem, der mich jetzt verteufelt, raten:

ABWARTEN.

So, nun ist aber auch Schluss mit lustig. Im Gegensatz zu Hamburg weht auf Sylt immer ein kleines Lüftchen. Das macht die Sache „Trainingslager“ noch halbwegs erträglich. Obwohl die Spieler schon tüchtig am Keuchen sind. Als Collin Benjamin heute Mittag vom Trainingsplatz kam, verdrehte er die Augen. Nicht aus Show-Gründen, sondern weil er tatsächlich am Ende war: „Ich bin völlig platt.“ Die Hitze ist unerträglich, die Sonne unaufhaltsam und penetrant. Trotz allem wurde wieder zwei Stunden „fett“ trainiert. Und, was erstaunlich ist: Nach dem Training erfüllt jeder Spieler noch geduldig Autogrammwünsche. Alle Achtung. Besonders gefragt ist natürlich Ruud van Nistelrooy, aber auch er stellt sich allen Anforderungen profihaft – und meistens noch mit einem Lächeln auf den Lippen. Der Niederländer schreibt sogar schon vor dem Training, und er stellt sich bereitwillig zum Foto. Hervorragend! Aber wie gesagt, das machen alle.

Um schnell einmal auf einen „Neuen“ im HSV-Trainer-Team zu kommen: Torwarttrainer Ronny Teuber (der ja ein Rückkehrer ist) „verwöhnt“ seinen Keeper mit jeder Menge neuer Übungen, die ich in dieser Form beim HSV noch nie gesehen habe – höchstens mal beim BTT Sepp Maier. Eine gute Sache.

Nicht ganz so gut (oder gelungen) war der Trainingsabschluss: Stürmer Paolo Guerrero fuhr, um Trainings-Utensilien einzusammeln, einen HSV-Kombi – und zwar quer über das Spielfeld. Was den Chef der “Nordsee-College-Sylt”-Anlage zu folgendem spontanen Ausruf veranlasste: „Hey, was ist das denn für ein Penner!?“

Paolo hatte es nur gut gemeint, er umging so den auf der Tartanbahn stehenden Autogrammjägern. Es konnte also keiner vor das Auto laufen. Aber: Die Lister haben natürlich Angst um ihren „heiligen“ Rasen, der ja eigentlich schlecht sein sollte (so hieß es vorher in Hamburg), der sich dann aber tatsächlich in einem hervorragenden Zustand präsentierte – und nun nicht unbedingt von einem HSV-Auto beschädigt werden sollte. Manager Jürgen Ahlert wies Paolo Guerreo auf die Falschfahrt hin, und das war es dann auch.

Ende gut, alles gut? Hoffentlich.

So, nun noch eine Sommergeschichte im Anschluss – und bevor es mit Deutschland gegen Argentinien losgeht.
Lieber Herr Rehwinkel, der Name Ihrer Familie ist in Hamburger Fußballkreisen sehr wohl bekannt – ich danke Ihnen, dass Sie uns Ihre Geschichte aufgeschrieben haben. Und nun beginnt es:

Sehr geehrte Herr Matz,
mit großer Begeisterung lese ich täglich ihre Informationen über den HSV und bin schwer begeistert, so viele Details und Informationen über den HSV zu bekommen – und eigentlich hat alles Hand und Fuß.
Gerne möchte ich zu den Sommergeschichten meinen Beitrag senden, vielleicht ist er ja druckwertig.
Als Nickname könnte ich mir gut „der Frankfurter” vorstellen. Mit diesem Namen werde ich Zukunft auch an dem Blog teilnehmen, falls er nicht vergeben ist.

Hier nun meine HSV-Geschichte, zur Information die Namen in meiner Geschichte waren: Mein Vater Heinz Rehwinkel spielte in Remscheid, seine Brüder Jürgen und Claus (Oschi) Rehwinkel bei Victoria. Jürgen Rehwinkel später auch als Betreuer (er war Heilpraktiker) und rannte immer auf Feld, wenn einer umfiel . . .

HSV-Fan seit über 50 Jahren

Für meine Sommergeschichte muss ich recht weit ausholen: Mein Kinderfotoalbum fängt mit dem Stadionfoto vom VfB-Marathon Remscheid an. Mein Vater kam in den späten vierziger Jahren aus Hamburg beruflich nach Remscheid ins Ruhrgebiet und spielte mit viel Erfolg als Torwart beim VfB-Marathon. Die Zeiten waren schlecht und die Wohnungen teuer, aber er bekam mit seiner Frau eine Wohnung in der Tribüne des Stadions, damals gab es noch so etwas.

Als ich dann geboren wurde, hatte ich dann den größten Spielplatz, den sich ein Kind nur vorstellen kann, ein ganzes Stadion. Ich war am liebsten in der Sprunggrube, eine super tolle und große Sandkiste.
Nachdem der Verein meinen Vater nicht mehr bezahlen konnte (Kündigung lautete: Sie sind ein großartiger Spieler, aber wir können uns ihr Gehalt nicht mehr leisten und müssen sie hiermit entlassen, unentgeltlich können Sie aber gerne bei uns weiter spielen…!), zog unsere Familie dann aus beruflichen Gründen zurück nach Hamburg. Da mein Vater auch schon gegen den HSV gespielt hatte, (gegen Uwes Vater), war dann doch eine Verbindung zum HSV vorhanden, obwohl seine Brüder beide bei Victoria spielten Jürgen im Tor und Oschi im Mittelfeld. Aber wenn es die Möglichkeit gab, pilgerte man aus Eppendorf zum Rothenbaum und später dann ins Volksparkstadion.

Wir Kinder immer mit dabei. Es ergab es sich dann, das alle Kinder (drei Jungs, jeder Vater hatte einen Sohn) bei Victoria in die Jugendmannschaften eintraten, da der Weg – auch bei uns nach Ochsenzoll zum HSV zu weit war. Auch war unser aller Können sicherlich nicht gut genug, um beim großen HSV zu spielen, dass wurde uns auch regelmäßig gezeigt, es gab eine Packung nach der anderen.

Unsere Wochenenden waren mit Fußball voll gefüllt, erst die Jugendspiele, dann schnell duschen und Väter und Söhne ab ins Volksparkstadion. Nach Spielschluss schnellen Schrittes ins Auto und Sportschau gucken, für unsere Mütter unverständlich. Spiel live gesehen und dann noch einmal im Fernsehen?

Sonntagvormittag dann zur Hoheluft und das Spiel von Victoria angesehen, sofern es ein Heimspiel gab. Mal sehen, was die Onkels
so drauf hatten. Nachmittags dann schnell einen Spaziergang an der Alster oder im Wald in der Umgebung, rechtzeitig für Bonanza, dann wieder daheim.

Heute kann ich unsere Mütter nur bedauern, alles drehte sich um Fußball. Schlimmer wurde es nur noch, wenn es Europapokalspiele gab, dann neben Fußballtraining auch noch mit dem Vater ins nächste Lokal und die Spiele bei der ersten Cola und im verräuchertem Nebenraum, auf dem Boden sitzend, beobachtet.
Ich denke, wir haben kein Heimspiel vom HSV in der damaligen Zeit verpasst.

Beruflich hat es mich dann 1972 nach Frankfurt verschlagen. Aber immer wenn es möglich war und die Eintracht oder gar Offenbach hatte den HSV zu Gast, war ich im Stadion.

Auch nach 50 Jahren bin ich immer noch echter HSV-Fan, ohne HSV-Bettwäsche, aber mit großer HSV Fahne, die beim Sieg dann bei uns vom Balkon flattert. Sieht übrigens viel besser aus, als die Fahne von den Nachbarn; der eine Schalke 04, der andere Bayern!

Ich hoffe der HSV fängt sich wieder und die Eintracht spielt weiter in der Ersten Liga, damit ich dann wieder „meinen“ HSV sehen kann – zur Eintracht gehe ich übrigens sonst nicht.

Nur der HSV

14.41 Uhr