Archiv für das Tag 'Adler'

Bis Schlusspfiff ist nichts wichtiger als dieses Spiel…!

27. Mai 2015

Da schreibe ich einmal wieder über Rafael van der Vaart und alle drehen durch. Dabei steht in meinen Zeilen, dass van der Vaart in meinen Augen keine Erstligatauglichkeit hat und in meinen Augen auch nur dann zum Einsatz kommen dürfte, wenn Lasogga und/oder Olic ausfallen UND HSV-Trainer Bruno Labbadia es als die beste Lösung ansieht. Eben jener Labbadia, der (man glaubt es kaum!!) deutlich näher an dem Niederländer dran ist und dessen momentane Leistungsfähigkeit besser einschätzen kann als ich, ihn als die momentan beste Besetzung für die etwaige Position sieht. Ich vertraue dem Trainer nach dessen überzeugender Performance in den letzten Wochen – mehr nicht. Auch dann, wenn er im Gegensatz zu mir glaubt, dass van der Vaart der Mann ist, der jetzt gebraucht wird.

 

Ich maße mir schlichtweg nicht an, es besser zu wissen. Schon gar nicht, nachdem ich nur Bruchteile der letzten Einheiten mitverfolgen konnte. Und vor allem: auf mich kommt es auch überhaupt nicht an. Ich will nur, dass der HSV die Relegation übersteht – erst einmal. Danach wird abgerechnet. Auch mit van der Vaart. Daher, noch mal für alle, für die ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe: Mit keinem Wort heiße ich van der Vaarts Aktion in Stuttgart nachträglich gut – im Gegenteil: Das war eines Mannschaftskapitäns mehr als unwürdig, das war definitiv voll fürn A….. Und ich schrieb daher auch, dass ich ihn allein ob dieser Szene nicht aufstellen würde. Obwohl ich ihn in den Jahren kennengelernt habe und weiß, dass er diesen Fehler wiedergutmachen will…

Aber zurück zum einzig Wichtigen, was in meinen Augen bis zum Klassenerhalt auch alles andere in den Schatten stellt: zum Sportlichen. Heute fand in Malente die letzte Trainingseinheit statt. Nach dem Feuerschwur, den meine „BILD“-Kollegen beim gestrigen Lagerfeuer ausgemacht hatte, ging es heute noch einmal zur Sache. Die letzten Feinschliffe für die zwei Spiele der Saison sollten geholt werden – und neben Petr Jiracek (brach ab) fehlte Ivica Olic ob seiner anhaltenden Rückenprobleme. Es droht also weiterhin der Ausfall des 1:0-Torschützen vom Sonnabend. Positiv: Pierre Michel Lasogga indes ist offenbar wieder gesund. Heute trainierte er erneut voll mit und dürfte somit auch morgen von Beginn an auflaufen können.

Die große Frage also ist: Wer ersetzt Olic, sollte der Kroate ausfallen? Zuletzt hatte Labbadia immer betont, bei einem Stürmerausfall logischerweise Artjoms Rudnevs reinwerfen zu wollen. Allerdings ging es dabei eher um einen Ausfall Lasoggas. Das viel größere Problem aber ist, dass auch Rudnevs heute ausfiel und nicht im Kader steht. Der Lette leidet an Adduktorenproblemen. Statt seiner agierte im heutigen Training Zoltan Stieber als Linksaußen, während Lewis Holtby die „Neuneinhalb“ spielte und van der Vaart nur im B-Team agierte. Im A-Team beließ es Labbadia erwartungsgemäß bei der Abwehr aus dem Köln-Spiel sowie erneut Marcelo Diaz neben Gojko Kacar.

Mit im Kader für das erste Relegationsspiel ist (noch) Ivica Olic. Und obwohl noch nicht klar ist, ob er Olic spielen kann (der Mopo sagte er: „Abwarten. Heute könnte ich noch nicht…“), sorgte sein Sturmpartner Pierre Michel Lasogga heute für Freude im Trainerteam. Bei den Abschlussübungen mit Flanken über die Außen traf der letztjährige Relegationsheld nahezu wie er wollte. Mit dem Fuß links wie rechts und mit dem Kopf – und das Lob von Trainer Labbadia war ihm sicher. Zumal der sich gegen defensiver spielende Karlsruher gut beraten ist, das eigene Spiel über die Außen zu forcieren und Lasogga zu suchen. Denn wichtig wird sein, dass der bullige Angreifer möglichst oft im oder zumindest direkt am Strafraum in Ballbesitz kommt. Nur dann ist er wirklich gefährlich – wie auch das heutige Training eindrucksvoll bewies. Und sollte Labbadia letztlich doch eine zweite Spitze brauchen, hat er ja auch noch Offensivallrounder Maximilian Beister im Kader…

Es gäbe tatsächlich an einem Tag wie diesem noch so viel zu berichten, man könnte so viele verschiedene Aufstellungsmöglichkeiten diskutieren. Aber ich belasse es heute beim Notwendigsten. Ich glaube, dass bis morgen nach dem Spiel wirklich nichts anderes wichtig ist als das, was die Mannschaft unterstützt. So, wie der erneute Aufruf zum Spalierstehen für die Mannschaft. Auf www.hsv-ev.de heißt es:

Alles geben für die Relegation

Wir haben gezittert, wir haben gebangt, wir haben gejubelt. Und wir alle haben immer noch Gänsehaut, wenn wir an den 23.05.2015 denken.

MACHT ES NOCH EINMAL

Die Begrüßung der Mannschaft war ein toller, großartiger Erfolg. Tausende HSV Fans säumten den Weg von der Sylvesterallee bis direkt vor das Stadion und sorgten für Gänsehautatmosphäre – auch im Mannschaftsbus. Die Mannschaft war so begeistert, dass wir gebeten wurden, die Aktion vor dem Relegationsspiel am kommenden Donnerstag zu wiederholen.

MACHT ES NOCH EINMAL

Kommt alle am Donnerstag um 19 Uhr zur Sylvesterallee und begrüßt unser Team! Wir brauchen noch mehr Leute, noch mehr Stimmung, NOCH MEHR GÄNSEHAUT!

Und danach mobilisieren wir alle im Stadion nochmal all unsere Kräfte und geben 90 Minuten ALLES!

Ihr werdet gebraucht!

MACHT ES NOCH EINMAL

 

 

Eine mehr als unterstützenswerte Aktion, wie ich finde. Weniger Verständnis habe ich für die kurzfristige Vorverlegung des Rückspiels auf 19 statt 20.30 Uhr am kommenden Montag. Angeblich will man so der Dunkelheit nach dem Spiel aus dem Weg gehen, die der Sicherheit abträglich wäre. Ich hoffe nur, dass alle HSV-Fans mit langer Anreise trotz dieser Verlegung pünktlich im Stadion sein werden.

 

Aber zurück zum morgigen Hinspiel! Morgen heißt es, noch mal alles zu geben – und am besten noch mal ein wenig mehr als sonst! 90 Minuten lang Vollgas auf und neben dem Platz! Auch, wenn man sich mal nicht einer Meinung ist, und auch wenn man mit der Aufstellung mal nicht einverstanden ist – Einzelschicksale zählen nicht mehr. Was auch immer irgendwer glaubt, kritisieren zu müssen – er sollte damit warten bis nach Schlusspfiff dieser Relegation. Es zählt gegen den KSC tatsächlich ausschließlich das Ergebnis. Kurz gesagt: Die elf, die auflaufen, müssen es richten – mit der uneingeschränkten Unterstützung von den Rängen. Und ich bin mir sicher, dass sie morgen genau das von den Rängen der Imtech-Arena bekommt. So, wie zuletzt immer…

 

In diesem Sinne: Alle Mann an Bord!!!

 

Bis morgen!

 

Scholle

Noch mal Malente – als Vorbereitung auf den Karlsruher SC

24. Mai 2015

Es ist die Relegation geworden, Fußball-Gott sei Dank. Das führt dazu, dass die meisten HSV-Fans erst einmal für ein, zwei Tage mal kräftig durchzuatmen. Bevor es dann am Donnerstag wieder ans Eingemachte geht. Es gibt nach Abendblatt-Informationen nur noch 7000 Karten für das Spiel gegen den Karlsruher SC, der sich heute durch einen 1:0-Erfolg die Chance auf den nachträglichen Aufstieg sicherte. Wer also noch live dabei sein will, der sollte sich sputen. Das Spiel wird ausverkauft sein, wahrscheinlich hätte der HSV diese 90 Minuten Zusatzzeit zwei- oder dreimal ausverkaufen können. Zum Glück ist es so. Und zum Glück rennen diese Super-Fans dem HSV weiterhin die „Bude“ ein. Und sie sind ein wunderbarer zwölfter Mann für dieses Team geworden, keine Frage. Es ist einfach nur großartig, wie die Hamburger Anhänger ihre Truppe unterstützt – traumhaft.

Stefan Böger, unser Gast bei „Matz ab live“ hatte es uns erzählt: Er beobachtete sogar die Seitenwahl ganz genau, und er schilderte: „Johan Djourou hatte die Wahl gewonnen und suchte sich sehr genau aus, wie er spielen wollte.“ Erst sollte der HSV gen Süden spielen, dann gegen den fantastischen Norden. Und das klappte. Nach der Nullnummer in Halbzeit eins wurde der HSV im zweiten Durchgang noch durchdringlicher nach vorne gepeitscht – und schoss die beiden siegbringenden Tore. Davon sollte es eine Wiederholung geben – an diesem Donnerstag.

Denn eines sollte sich dieser HSV vornehmen – und es somit besser machen als noch vor einem Jahr: Tore im Hinspiel schießen. Vor einem Jahr gab es gegen Greuther Fürth bekanntlich ein 0:0 – zu wenig eigentlich, um überleben zu können. Es gelang trotz allem. Diesmal sollten möglichst genügend Tore erzielt werden, sodass man schon mit einem beruhigenden Vorsprung zum Rückspiel fahren könnte. Ich weiß, ich weiß, keine Panik, das ist natürlich ein ganz frommer Wunsch, und solche Wunschkonzerte werden auch in Relegationsspielen ganz, ganz selten mal erfüllt, aber hoffen darf man doch mal – oder?

Zumal der HSV diesmal doch unter anderen, besseren Voraussetzungen in die Relegation geht. Vor einem Jahr kam der HSV aus einer Niederlagen-Serie heraus in die beiden Spiele, das Selbstvertrauen war total auf der Strecke geblieben. Außerdem war die Mannschaft damals in einem katastrophalen Fitness-Zustand, denn spätestens nach 70 Minuten hatte kein HSV-Spieler mehr die nötigen Körner, um noch eine Normalform abrufen zu können. Ganz eklatant war es im Rückspiel in Fürth, da ging nach 70 Minuten (oder schon eher?) nichts mehr. Nur Jaroslav Drobny hielt die Mannschaft damals in der Ersten Liga. Nur der HSV-Keeper, damals die eigentliche Nummer zwei. Unvergessen, diese Super-Leistung des Tschechen, der diesmal bekanntlich ausfallen wird (Schultereckgelenksprengung).

Diesmal macht Rene Adler den Drobny. Keine Frage. Deutschlands ehemaliger Nationaltorwart ist super drauf, hält seit Wochen die tollsten Dinger – und schwierigsten Sachen. Adler ist super drauf, und er hat ja auch gestanden, dass er Spaß an diesem Abstiegskampf hat. Das möge bis morgen in einer Woche, dann bis möglichst kurz vor Mitternacht, so bleiben. Und wird es wohl auch – wenn nichts mehr Gravierendes dazwischenkommt. Zum Glück für den HSV hat sich Adler wieder ein eine ganz, ganz prächtige Form hineingesteigert, zum Glück. Das macht ihn jetzt besonders wertvoll.

Ähnlich verhält es sich mit Heiko Westermann, der gestern in der 82. Minute ausgewechselt werden musste – der Abwehrrecke war mit seinen Kräften, eigentlich völlig untypisch für ihn, am Ende, und zwar restlos. Westermann war nicht verletzt, er hatte einfach in diesen 82. Minuten alles gegeben, er war rauf und runter gelaufen, half auch fast überall aus, so kennt man ihn – das war eine vorbildliche Vorstellung des ehemaligen Nationalspielers.

„Heiko war k.o., nicht verletzt. Aber genau das habe ich gewollt, das brauchen wir – dafür haben wir ja Dennis Diekmeier draußen sitzen. Der hat sich über das Training wieder sehr gut reingearbeitet, das habe ich schon im Training gesehen – der brennt. Deswegen ist es gut, dass einer, der dann nicht mehr kann, es auch signalisiert – dann können wir auf der Bank reagieren.“

Ein ähnliches Pensum wie Westermann hatte gegen Schalke Ivica Olic absolviert. Und dazu noch das so wichtige 1:0 geschossen. Bruno Labbadia über seinen ältesten Feldspieler: „Ivi hat ein riesiges Laufpensum absolviert – wie alle Spieler. Er hatte aber nach diesen 90 Minuten auch große körperliche Probleme, denn sein Rücken hatte gegen Ende komplett zugemacht – also gestern wirkte er tatsächlich wie ein alter Mann. Es gab auch kleinere Probleme mit den Adduktoren, aber für uns war wichtig, dass das nicht schwerwiegender Art ist.“ Zum 1:0 von Olic befand der Coach: „Für ihn hat mich besonders gefreut, dass er das Tor gemacht hat, denn die Situation ist für ihn jetzt, nach seiner Rückkehr zum HSV, ja nicht besonders einfach. Aber er ist ein erfahrener Mann, und einem Offensivmann tut ein Tor immer ganz besonders gut – deswegen ist jetzt das Allerwichtigste, dass wir seinen Rücken wieder freibekommen, damit er am Donnerstag spielen kann.“
Ganz speziell an diesem Olic-Treffer war ja, dass er den Ball mit rechts in die lange Ecke schoss! Mit rechts. Dieses rechte Bein hat er eigentlich nur, damit er nicht umkippen kann…

Bruno Labbadia sprach heute mit uns, „Scholle“ hat dieses Gespräch aufgezeichnet, dieses Video könnt Ihr Euch hier ansehen. Später, als „Scholle“ nicht mehr aufnahm, gab es noch eine kleine Fortsetzung mit Labbadia, und das Wichtigste davon habe ich geschrieben. Oder schreibe es jetzt noch. Zum Beispiel sprach Bruno Labbadia noch über das Spiel. Für ihn war es ein „riesiges Spiel“ seiner Mannschaft. Wir hatten bei „Matz ab live“ aber über die erste Halbzeit, die ja doch viele Quer- und Rückpässe gebracht hatte (vom HSV), gesprochen und vermutet, dass der Trainer seiner Mannschaft eine gewisse Zurückhaltung in Halbzeit eins auferlegt hatte. So hatte es auch Stefan Böger vage vermutet – oder auch nur in den Bereich einer Möglichkeit gezogen. Labbadia dazu: „Es steht ja auch ein Gegner auf dem Platz. Und Schalke hat definitiv keinen Millimeter abgeschenkt. Wir haben sie dazu gebracht, dass sie irgendwann den Widerstand aufgegeben haben. Aber nur deshalb, weil wir dagegengehalten haben. Deswegen sage ich, dass wir auch in der ersten Halbzeit ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht haben.“

Über die Fehler, die sich in das Spiel seiner Mannschaft im ersten Durchgang eingeschlichen hatten, befand Labbadia: „Das habe ich zur Halbzeit angesprochen, wir die Konter nicht gut ausgefahren haben, und wir sind nicht konsequent in den Strafraum gegangen, obwohl dazu mehrere Möglichkeiten gehabt haben.“ Der HSV-Trainer weiter: „Wenn man zwei Tore in der zweiten Halbzeit schießt, dann ist man schnell dazu geneigt zu sagen, dass die zweite Halbzeit besser war, aber ich finde, dass wir in der ersten Halbzeit die Ruhe bewahrt haben. Wie will man schnell spielen, wenn der Gegner die Räume so geschickt zustellt. Und das hat Schalke gut getan. Die standen kompakt. Das ist die italienische oder englische Schule von Trainer Di Matteo, er achtet darauf, dass die Passwege geschickt zugestellt werden. Darauf warten sie nur, um dann zu kontern. Wir haben ihnen aber diese Möglichkeiten nicht gegeben. Wir haben ruhig gespielt, wir haben variabel gespielt, wir haben den Ball und den Gegner laufen lassen. Und wenn der Gegner viel laufen muss, dann lässt er irgendwann auch mal nach – das war eine Marschroute, unsere Marschroute.“

Eine schöne Erklärung des Trainers. Die aber wahrscheinlich für einen ehemaligen HSV-Profi nicht so richtig zählt. Für. Wer? William „Jimmy“ Hartwig. Den gibt es. Immer noch. Heute ist er Schauspieler, aber ab und an sagt er auch etwas über den Fußball allgemein und den HSV ganz speziell. Bei „Spox“ meinte Hartwig nach dem 2:0-Sieg über Schalke: „Ich ärgere mich über die Wettbewerbsverzerrung von Schalke. Das ist eine Unverschämtheit von einer Mannschaft, die im Europapokal mitspielen will, keine Gegenwehr zu zeigen. Der HSV hat sich Mühe gegeben, aber sie haben ja keine Gegenwehr gehabt. Das ist so traurig für die Freiburger. Dass sich der HSV jetzt wieder auf den 16. Platz gerettet hat, das befriedigt weder mich noch die anderen ehemaligen HSV-Spieler.“ Und auch das noch: „Der HSV hat wieder das Glück, auf dem Relegationsplatz zu stehen, Dann jubeln sie alle, wie toll der Verein ist, dabei ist er marode und von oben kaputt. Das ist das, was mich am meisten ärgert.“ Zudem offenbarte Hartwig: „Auch wenn ich mal mit den ehemaligen Kollegen wie Manni Kaltz oder Felix Magath spreche – ein schöner Ab- und Aufstieg wäre angebracht gewesen.“

Kann man ja mal sagen, wenn einem danach ist. Aber wer will das eigentlich lesen – oder hören? Von Hartwig? Der ist hier bei jedem Heimspiel zu sehen – natürlich nicht. Aber von solchen Herren gibt es eben immer noch so viele. Nie hier, aber über den HSV reden. Aber auch solche muss es geben. Wahrscheinlich. Hartwig ist da nicht allein.

Schnell noch zu etwas Wichtigerem: Petr Jiracek ist verletzt, hat heute auch nicht trainiert. Weil er vor zwei Tagen im Training einen Schlag auf den Knöchel bekommen hatte. Labbadia: „Es war eigentlich zuerst gar nicht so schlimm, aber jetzt ist es plötzlich dick geworden, er hat Schmerzen. Er hat gestern noch auf die Zähne gebissen, aber heute ging es nicht mehr, jetzt müssen wir abwarten, bis die Schwellung zurückgeht, um zu sehen, wie schwer die Verletzung ist.“

Und nun zu Scholles Teil:

Der Karlsruher SC ist es also geworden. Wobei, bevor ich über den KSC schreibe, an dieser Stelle meinen allerherzlichsten Glückwunsch an unseren Stadtrivalen FC St. Pauli, der sich trotz der 0:1-Niederlage in Darmstadt die Klasse rettete! Chapeau, FC St. Pauli, Herzlichen Glückwunsch zur Rettung, Ewald Lienen! Wir nehmen das mal als gutes Omen für den Hamburger Existenzkampf im Fußball…

Und wenn wir schon anderen gratulieren, dann natürlich dem SV Darmstadt 98. Nachdem sich Darmstadt 98 sensationell wie ich finde, den Aufstieg in die Erste Liga verdient hat, mussten sich die heute extrem souverän auftretenden Badener mit der Relegation gegen den HSV zufrieden geben. Und ich sage es vorweg: Der Anspruch des HSV muss der Klassenerhalt bleiben. In der Relegation ist man zweifellos auch gegen den KSC haushoher Favorit. Dennoch muss ich unseren Matz-ab-Live-Gästen Jan-Christian Müller und Stefan Böger Recht geben, ich hätte angesichts der heutigen Leistung tatsächlich am liebsten den FCK genommen, der ohne den nicht einmal für den Kader nominierten Kerem Demirbay („Ich weiß nicht, warum ich gar nicht dabei war“) gegen den 80%-Ingolstädter Zweitligameister trotz der Führung letztlich enttäuschte. Dieser KSC hingegen war 1860 München die gesamten 90 Minuten überlegen und spielte das so wichtige Spiel erstaunlich gelassen und unaufgeregt runter. In dieser Verfassung, da verrate ich kein Geheimnis, ist der KSC ein ganz harter Brocken.
Ein Brocken mit Selbstvertrauen. „Irgendwann ist Hamburg dran. Warum nicht dieses Jahr…“ – das sagte KSC-Keeper Orlishausen und weiß, wovon er spricht. Immerhin schlug er den HSV vor drei Jahren als Nummer eins mit dem KSC im DFB-Pokal als damaliger Drittligist 4:2, nachdem die Hamburger durch Marcus Berg und Maxi Beister sogar zweimal in Führung gegangen waren. Ich war damals live vor Ort und saß bei gefühlten 100 Grad Celsius neben einem KSC-Reporter, der damals vom mitspielenden Hakan Calhanoglu schwärmte und parallel nicht aufhören konnte, über einen zu schimpfen: Rouwen Hennings. Der war damals erst beim HSV dann beim FC St. Pauli gescheitert, ehe er beim landete und sich dort inzwischen zum Führungsspieler gemausert hat. Dass er jetzt gegen seinen Jugendclub antreten muss – es stört ihn nicht. „Egal gegen wen, die Relegation ist eine Riesenchance und wir wollen unsere tolle Saison krönen“, so Hennings.

Und tatsächlich ist die Chance für diesen KSC groß. Nach Meister Ingolstadt hat man das beste Torverhältnis und nicht allein ob des Topwertes von nur 26 gefangenen Gegentreffern auch die beste Abwehr. Mit gewissen Parallelen zum HSV sogar, denn auch die beiden KSC-Innenverteidiger Gordon und Gulde schädeln nahezu jeden hohen Ball raus und spielen eher rustikal denn filigran. Für den HSV, der zuletzt vermehrt auf Standards setzen konnte, dürfte es mit derselben Taktik beim KSC schwer werden.

Fakt ist jedenfalls, dass der HSV auf eine tief stehende, gut verteidigende und bei Kontern gefährliche Zweitligamannschaft trifft. Nicht unbedingt das Profil, das diesem HSV liegt. Allein über die rechte Verteidigerseite geht nach vorn immer wieder mal die Post ab. Während Max auf links zumindest heute verhältnismäßig ruhig spielte, sorgte Rechtsverteidiger Enrico Valentini vor allem im Duett mit dem quirligen Torschützen Manuel Torres immer wieder für Gefahr vor dem gegnerischen Tor. Wobei ich glaube, dass das schnelle, dribbelstarke und kurze Leichtgewicht Torres (1,75 Meter) gut zu unserem nicht minder schnellen Linksverteidiger Matthias Ostrzolek (1,78 Meter) passen dürfte.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Restsonntag und einen hoffentlich schönen, sonnigen Pfingstmontag. An diesem findet allerdings kein Training statt, die Mannschaft startet dafür um 16.30 Uhr ins Trainingslager nach Malente. Aber: bevor ich mich hier verabschiede, erlaubt mir (Scholle) bitte noch ein Wort zu Hartwigs Aussagen:

Dass der eigenwillige Offenbacher gern mal einen raushaut, ist bekannt und mir grundsätzlich auch nicht unsympathisch. Er war immer so und ist es noch immer. Aber jetzt als Ex-HSVer dem Verein mehr oder weniger deutlich den Abstieg zu wünschen, das finde ich daneben. Auch Hartwig weiß um die finanzielle Situation beim HSV und kann sich ausmalen, wie schwer ein Abstieg wiegen würde. Und egal wie berechtigt sich die 83er-Helden als Helfer beim „neuen HSV“ auch übergangen fühlen, in einer solch gefährlichen Situation wie aktuell sollte man mehr Zusammenhalt erwarten können. Alles, was er heute gesagt hat, hätte auch noch diese acht Tage bis zum Klassenerhalt Zeit gehabt.

Bis dahin,
Dieter und Scholle

P.S.: Was ich (Dieter) wieder einmal vergessen habe (Asche auf mein Haupt!) – in der Hektik: „Matz ab live“ von gestern ist natürlich wieder eine Sendung, die vom Abendblatt-TV hergestellt wurde, die beiden Regisseure waren Volker Sarbach und Axel Leonhard. Unterstützt werden wir alle von unserem Premium-Partner Maske, die Auto-Langzeitvermietung.
Und dann möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei unseren Gästen Jan-Christian Müller (Frankfurter Rundschau) und Stefan Böger (ehemaliger HSV-Profi und DDR-Nationalspieler) bedanken, die wieder einmal ganz hervorragende Analytiker waren. Gerne immer wieder, denn so macht es riesigen Spaß – nicht nur, wenn der HSV gewinnt. Aber natürlich auch, ganz klar.

Welch ein Glück! 2:0-Sieg – Relegation!

23. Mai 2015

Das Zittern geht weiter. Zum Glück! Nach großem Kampf hat der HSV zwar mit 2:0 gegen Schalke 04 gewonnen, aber noch ist nichts gewonnen – es geht in die Relegation gegen den Zweitliga-Dritten, der am morgigen Sonntag ermittelt wird: Kaiserslautern, Darmstadt oder Karlsruhe sind die Kandidaten. Seine Pflichtaufgabe hat der HSV nach mäßiger erster Hälfte großartig erfüllt, als die Mannschaft im zweiten Durchgang Richtung Norden spielte, also auf die prächtigen Fans, da war dann mehr Schwung, mehr Tempo und auch mehr Siegeswille erkennbar. Der Sieg war völlig verdient – gegen eine doch recht schwache Schalker Truppe. Das soll allerdings nicht die Leistung des HSV herabwürdigen, denn diesmal zeigte sich die Mannschaft von ihrer besseren Seite – endlich einmal wieder. Jetzt geht es doch noch weiter, was viele vorher nicht für möglich gehalten hatten – aber zum Glück darf jetzt noch weiter gezittert werden. Zum Glück. Der HSV lebt noch. Jedenfalls ein bisschen. Wer hätte das gedacht?
Direkt abgestiegen sind Paderborn und der SC Freiburg, der 1:2 in Hannover verlor. Auch das war riesiges Glück! Und vielen Dank, nein, ein riesiges Dankeschön an Hannover 96, dass es diesen Sieg und kein Unentschieden gab, sonst läge ganz Hamburg jetzt wohl am Boden. Danke, 96!

Der Geist von Malente schwebte über diesem Spiel. Oder, wie auch schon geschrieben, das Abstiegsgespenst. Gestern war noch ein kleines, „inoffizielles“ Matz-ab-Treffen in Barmbek, das wieder ganz hervorragend organisiert war – von unserer „Hope/Eva“. Vielen Dank dafür, das war wieder einmal großartig (auch die Teilnahme von Buchautor Volker Keidel – „Mein Ditmar Jakobsweg“). Und es war wieder, für mich – bei diesem Tabellenstand – total überraschend, auch sehr gut besucht. Das ist überragend! Wenn die HSV-Mannschaft nur halbwegs so viel Einsatz und Herz gezeigt hätte, es wäre mindestens ein Mittelfeldplatz geworden. Aber es ist müßig, jetzt noch groß und breit darüber zu schreiben, es ist wie es ist. Bewundernswert, und dann komme ich zum Fußball, ist auf jeden Fall der fast grenzenlose Optimismus der „Matz-abber“, die alle noch von einem positiven Saisonausklang überzeugt waren. Auch das ist hervorragend und vorbildlich.

 

Im Presseraum war – wie immer – der Tipp der Medien gefragt. An einer Tafel prangten einige Ergebnisse, wie wohl das Spiel ausgehen werde. Die meisten hatten auf HSV-Sieg getippt. Zu gewinnen gab es – einen HSV-Gartenzwerg. Wie sinnig. Aber in Klammern war hinzugefügt worden: „Nur bei Nicht-Abstieg des HSV“ . . . Natürlich. Wer wollte denn sonst noch einen HSV-Gartenzwerg mit nach Hause nehmen?

 

 

Die Stimmung war grandios. Von Beginn an. Es wurde von Anfang an gesungen. Bis auf die Schalker Ecke (es sollten diesmal nur 5000 Anhänger aus Gelsenkirchen gekommen sein?), die dagegenhielten: „Nie mehr Erste Liga, HSV . . .“

 

Begann das Spiel eigentlich gut – für den HSV? Blitzschnell führte Hannover 96 gegen Freiburg 1:0, und auch der SC Paderborn gelang das erste Tor gegen den VfB Stuttgart. Damit war der HSV erst einmal Tabellenschlusslicht. Aber würde der HSV ein Tor erzielen und damit 1:0 in Führung gehen, stünde er gleich auf Platz 14. Das war doch Anreiz genug, etwas zu riskieren – nach vorne. Pech aber gesellte sich wieder einmal hinzu. Nach einem Tritt gegen Pierre-Michel Lasogga signalisierte die HSV-Spitze alsbald: „Auswechseln. Die Schulter.“ In der 27. Minute kam Artjoms Rudnevs für Lasogga und hatte sofort eine prächtige Chance, die bis dahin beste des Spiels: Lewis Holtby bediente den auf rechts in den Strafraum preschenden Heiko Westermann, kluger Rückpass – „Rudi“ hatte seine Beine noch nicht richtig sortiert, schoss sich mit rechts an die linke Wade, vorbei. Weit vorbei. Bitter. Ganz bitter. Weil man ja weiß, dass der HSV Chancen solcher Güte nur recht, recht wenige in einem Spiel bekommt. Aber gut, es ist so wie es ist. Und noch einmal der gute „Rudi“, diesmal zog er aus 20 Metern ab, zentral, aber er hatte immer noch kein Zielwasser getrunken (kam sein Einsatz zu plötzlich?) – wieder weit vorbei (38.).

 

Dann kam Schalke (ohne Dennis Aogo, der mit war, aber nicht im Kader, und mit Choupo-Moting auf der Bank). Der junge Abwehrmann Friedrich hätte aus fünf Metern nach einer Ecke den Ball nur treffen müssen . . . So gab es nur einen harmlosen Roller, den Marcelo Diaz auf der Linie stehend ohne Mühe abfing (39.). Und drei Minuten später die beste Möglichkeit der ersten Halbzeit: Nach einem krassen Abspielfehler von Diaz lief der Konter, Meyer bediente Huntelaar, der einen Moment lang unbewacht am Fünfer stand – doch der Niederländer trat in den Rasen und schoss weit vorbei, gestört noch von Johan Djourou. Das war Glück. Es blieb beim 0:0 – und es gab Beifall zur Pause. Trotz der Tatsache, dass der HSV teilweise zu pomadig, zu langsam und zu umständlich gespielt hatte, und dazu ohne große Bewegungen – von wegen anbieten, freilaufen.

 

„Ich verstehe diese vielen Quer- und Rückpässe nicht, der HSV muss doch gewinnen, also schneller nach vorne spielen. Er tut aber gerade so, als würde er schon 3:0 führen“, sagte „Dittsche“, Schauspieler und Komiker Olli Dittrich, der in weiß-blauer HSV-Jacke auf der Tribüne saß. Und dennoch hoffte er natürlich auf das eine, das erlösende Tor. Und das fiel nach dem Seitenwechsel. Eckstoß von links von Ivo Ilicevic, vorne verlängerte (?) Djourou fast artistisch mit der Hacke (anders ging es nicht), und so kam die Kugel zu Ivica Olic. Der stoppte, dann schoss er aus halblinker Position mit rechts – unhaltbar in die lange Ecke. Oben stand Olli Dittrich mit erhobenen Arme und feierte wie ein Triumphator. Und unten sauste Trainer Bruno Labbadia wieder auf den Rasen und drehte seine Ehrenrunde. Zudem waren sie alle von der Ersatzbank aufgesprungen und feierten ausgelassen am Rande (49.). Jetzt geht’s los!

 

Und wie. In der 58. Minute hieß es 2:0. Freistoß von Holtby aus halbrechter Position, und am Fünfmeterraum schraubte sich Innenverteidiger Slobodan Rajkovic in die Luft und köpfte mit dem Hinterkopf ein. Welch ein Jubel! Der Volkspark erzitterte, alle lagen sich in den Armen. Und „niemals Zweite Liga, niemals, niemals.“

 

Danach zog sich der HSV zurück, verteidigte geschickt und konzentriert. Bis auf die „Hundertprozentige“ für Schalke, die Eric-Maxim Choupo-Moting (ausgerechnet er!) vergab, weil Rene Adler großartig parierte, passierte nicht mehr so viel. 2:0. Jubel nach dem Schlusspfiff. Und das große Warten auf die anderen Ergebnisse. Rettung? Relegation? Oder was?

 

Es wurde die Relegation. Und dafür kassierte die Mannschaft dann doch noch viel Beifall. Die Mannschaft drehte schon eine Ehrenrunde, aber in Hannover wurde noch gespielt, kurz vor Schluss verkürzte Freiburg noch auf 1:2 – bei einem Unentschieden wäre der HSV abgestiegen! Aber dann lagen sich Lotto King Karl und Sky-Moderator Patrick Wasserziehr in den Armen – Schluss in Hannover. Am Donnerstag gibt es hier in Hamburg das erste Relegationsspiel – es wird weiter gezittert.
Daumen drücken!
Nur der HSV.

 

Die Einzelkritik

 

Rene Adler war die Ruhe selbst, wurde aber auch kaum einmal vor eine große Probe gestellt. Bis auf die 83. Minute. Da stand der eingewechselte Choupo-Moting allein vor ihm, der Schalker wollte den Keeper ausspielen – und scheiterte. Riesige Parade von Adler, eine Weltklasse-Parade.

 

Heiko Westermann ging rauf und runter, er gab wirklich wieder einmal alles – und wirkte früh kaputt (oder angeschlagen?). Er hielt bis zur 82. Minute durch, und das ist wieder vorbildlich zu nennen.

 

Johan Djourou trat souverän, haute sich immer wieder großartig rein, fuhr den Schalker Angreifern in die Füße – so soll es sein. Und so wollen ihn die Hamburger immer sehen.

 


Slobodan Rajkovic
war wieder derjenige, der den Ball immer wieder nach vorne schlagen musste – weil es kein anderer der Kollegen tat. Diesmal waren nicht ganz so viele Fehlpässe dabei. Hinten gab er sich keine Blöße, vorne erzielte er das so wichtige 2:0 – gut.

 

Matthias Ostrzolek hatte Farfan meistens im Griff, das allein ist schon mal okay. Ansonsten müsste er sich in Sachen Offengeist vielleicht einmal etwas mehr zutrauen.

 

Gojko Kacar hatte einige Fehlpässe auf Lager, zerriss sich aber ansonsten wie zuletzt immer. Viel unterwegs. Eine Stütze.

 

Marcelo Diaz erledigte einige „Dinge“ sehr lässig, aber er hatte meistens alles im Griff, auch wenn er einige Fehlpässe spielte. Bewahrte auch oft die Ruhe am Ball, was einige Kollegen von ihm nicht taten. Dennoch: Es muss mehr kommen von ihm.

 

Ivo Ilicevic spielte ein richtig gutes Spiel, alle Achtung. Es geht ja doch. Auch wenn er zuletzt ein wenig abtauchte.

 

Lewis Holtby war in Halbzeit eins kaum zu sehen, im zweiten Durchgang etwas besser – aber so richtig gut wurde er dennoch nicht.

 

Ivica Olic schoss das wichtigste Tor seiner zweiten HSV-Karriere, ackerte, kämpfte, war überall zu finden – das war gut.

 

Pierre-Michel Lasogga musste früh passen, da verletzt.

 

Artjoms Rudnevs (ab 27. Min. für Lasogga) war viel auf Achse, bäumte sich auf, wehrte sich, ging weite Wege – nur das Glück stand ihm beim Abschluss nicht zur Seite. Kommt das noch?

 


Dennis Diekmeier
(ab 82. Min. für Westermann) kämpfte noch tüchtig mit.

 

Petr Jiracek (ab 87. Min. für Olic) durfte noch mitmachen – und die Siegprämie kassieren.

 

Gleich werden wir, es könnte allerdings etwas später (15 Minuten vielleicht) werden, weil heute ja doch so einiges los ist im Volkspark. Da sich die Weg zu bahnen, könnte diesmal etwas schwerer werden.
Wir werden natürlich über den Saisonausgang sprechen, über das Schalke-Spiel, und da haben wir uns den „Glücksbringer“ der vergangenen beiden Heimspiel wieder eingeladen, den ehemaligen HSV-Profi Stefan Böger. Zudem gibt uns der in Deutschland bekannte und populäre Fußball-Journalist Jan-Christian Müller (Frankfurter Rundschau) die Ehre, er ist Dauergast bei Sendungen wie „Doppelpass“ (Sport1) und „Sky 90“. Das HA-TV, „Scholle“ und ich würden uns wieder sehr freuen, wenn Ihr uns per Bildschirm bei diesem Rückblick begleiten würdet. Bis gleich also.

 

17.47 Uhr

Wie der Gang aufs Schafott

22. Mai 2015

Morgen endet die 52. Saison der Fußball-Bundesliga. Zum 52. Mal steht der HSV in der Endtabelle. Wir wissen ziemlich sicher, dass er allenfalls ein einziges Mal – nämlich im vergangenen Jahr – ähnlich schlecht dastand, wie er es morgen kurz vor halb sechs tun wird. Drei Mal war der HSV in den vergangenen 52 Jahren sogar an erster Stelle und wurde Deutscher Meister. Das ist lange her -und natürlich hat dieser Verein in den vergangenen Jahren alles dafür getan, falls dieses 52. Mal in Folge in der Bundesliga-Tabelle das vorerst letzte Mal sein wird. Weiß Gott hat er das.

Kennt Ihr das? Alle Welt fragt dich: Was glaubst du, wird das noch was? Ja, nein, vielleicht – die Antwort muss ebenso unklar bleiben wie unerheblich. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird an diesem 34. Spieltag irgendetwas passieren, was unerwartet ist. Als Favoriten gehen wohl der VfB Stuttgart nach zwei Heimsiegen in Folge ins Rennen und vielleicht auch Hannover 96, das nach dem 2:1 zuletzt in Augsburg Rückenwind bekommen haben dürfte. Aber vielleicht gilt das auch für die Freiburger nach ihrem Sieg gegen die Bayern. Oder profitiert am Ende der SC Paderborn, weil das Team von Andre Breitenreiter am wenigsten zu verlieren hat?

Am meisten zu verlieren hat der HSV. Er kann sein ganzes Selbstverständnis verlieren. Kein Dino mehr, keine ewige Uhr. Vielleicht auch keine vernünftige Perspektive. Denn nach heutigem Stand wäre das Rausposaunen des Ziels „sofortiger Wiederaufstieg“ unrealistisch. Dietmar Beiersdorfer und sein Team wären nicht nur für den ersten Abstieg der HSV-Geschichte verantwortlich, sondern sie hätten sich weitestgehend unmöglich gemacht, weil sie dies sogar mit dem teuersten HSV-Kader aller Zeiten „geschafft“ hätten.

Diese finanzielle Komponente würde dafür sorgen, dass sich der HSV strecken müsste, um das 10-Millionen-Euro-Loch zu stopfen, das für die Zweitliga-Lizenz offen ist. Ich gehe davon aus, und entsprechende Signale kommen aus dem Verein, dass dies gelingen würde. Freilich auf Kosten des Handlungsspielraumes für die Verstärkung der Mannschaft. Doch nachdem auch in dieser Saison Unsummen ausgegeben wurde für Spieler, die keine Mannschaft bilden konnten, muss der enge Gürtel kein zusätzlicher Nachteil sein.

Sollte es also schief gehen morgen – und ich sehe außer der Unberechenbarkeit der HSV-Mannschaft keinen rationalen Grund, warum es nicht schief gehen sollte -, dann beginnt ein neues Zeitalter. Nach allem, was wir in dieser Woche gehört haben, wird dieses neue Zeitalter mehr oder weniger mit den alten Figuren eingeläutet. Beiersdorfer an der Spitze, und auch Joachim Hilke und Frank Wettstein im Vorstand. Die sportliche Leitung mit Peter Knäbel und Bernhard Peters dürften weiter ihr Konzept verfolgen, das ja insbesondere eine mittelfristige Komponente hat.

Am vergangenen Wochenende war Matthias Sammer im aktuellen Sportstudio. Dort war sehr viel die Rede von Strategien und der Zusammenstellung einer Mannschaft. Sammer hat dort eine Kernaussage getroffen, die eins-zu-eins für den HSV gilt – wenn auch auf anderem Niveau. „Bei aller langfristigen Planung darf man nie das Tagesgeschäft aus den Augen verlieren.“

Und genau hier hat Beiersdorfer mit seinem Team den Kernfehler begangen – das Tagesgeschäft wurde vernachlässigt.

Insbesondere hat der Verein es versäumt, auf der Trainerposition konsequent auf einen starken Mann zu setzen. Mirko Slomka – von Anfang an unerwünscht und „enteiert“ durch Klaus-Michael Kühne. Joe Zinnbauer – er kam zunächst „bis auf weiteres“ (O-Ton Dietmar Beiersdorfer), hat es noch sehr gut gemacht, war doch aber immer nur der Platzhalter für Thomas Tuchel. Peter Knäbel – eine Verlegenheitslösung. Erst mit Bruno Labbadia kam ein richtiger Trainer. Vor dem 28. Spieltag auf dem letzten Platz. Hier wurde das Tagesgeschäft tatsächlich vernachlässigt.

Die Aufarbeitung der Saison bietet noch viele andere Perspektiven. Es gibt eine ganze Reihe weiterer „Schuldiger“ und Ungereimtheiten. Es gibt schlechte Startbedingungen und hausgemachte Fehler. Es gibt unerklärliche Transfer-Flops und – immer noch – einen üblen HSV-Virus der Selbstzufriedenheit, von dem sich die aktuelle Mannschaft nicht freimachen konnte.

Aber es gibt auch noch eine Chance: es gibt die Chance, dass sich morgen gegen Schalke das Blatt wendet. Der HSV ist noch im Spiel, so wie Frankfurt 1999 im Spiel war in einem der dramatischsten Abstiegs-Krimis aller Zeiten. Und so gehen wir alle in diesen Nachmittag in der Gewissheit, dass nichts unmöglich ist. Genauso groß ist die Gewissheit, dass Hoffnung beim HSV in den vergangenen Jahren noch immer enttäuscht wurde. Alles in allem eine merkwürdige Stimmungslage. Es ist wie der freiwillige Gang aufs Schafott.

Das Ding morgen wird der HSV nur mit positiven Emotionen bestehen können. Es muss ein Augsburg-Feeling ins Stadion kommen. Stimmung und Entschlossenheit vom ersten Schritt an. Wenn dieses Signal von unten kommt, dann werden die Tribünen einstimmen. Für dieses eine Spiel alles andere vergessen. Nicht mehr nachdenken, ob einen die Beine noch tragen, sondern einfach losrennen. Man nennt das: Glück erzwingen. So wie gegen Augsburg, so wie in Mainz, so wie gegen Freiburg.

Die allermeisten der 57.000 Zuschauer morgen im Stadion können nichts für die aktuelle Malaise. Sie leiden mit ihrem Verein, auch wenn sie sich noch so oft abgewendet haben. Sie haben den Abstieg nicht verdient. Hat der HSV ihn verdient? Sicher mehr als Paderborn oder Freiburg – aber die Fans im Stadion, sie haben den Abstieg nicht verdient!

Die Mannschaft des HSV ist heute nach einem Training um 17.03 Uhr aus Malente Richtung Hamburg gedüst. Im Elysee Hotel wird übernachtet – wie immer. Morgen nach einem Vormittag, dessen Stunden sich sicher hinziehen werden wie Kaugummi, geht’s dann irgendwann ins Stadion. Fans werden Spalier stehen und ihren Kickern zujubeln. Wie es in den Köpfen der Profis aussieht? Keiner kann es sagen. Richten sie sich noch einmal auf nach dem Stuttgart-Niederschlag? Völlig ungewiss. Der HSV verliert ja nicht nur sehr oft – er verliert oft auch viel mehr als nur ein Spiel. In Stuttgart hat er den Glauben verloren, den er sich in den Wochen zuvor mühsam aufgebaut hatte. Hat Malente jetzt gereicht, um diesen Glauben wiederzufinden? Hilft vielleicht der FC Schalke 04, der in Sachen Außendarstellung in dieser Woche auf HSV-Niveau war?

Es wird spannend morgen Nachmittag – und so wie wir unseren Verein kennen, wird es auch dramatisch.

So könnte sich der HSV retten: Adler – Westermann, Djourou, Rajkovic, Ostrzolek – Kacar, Jiracek – Stieber, Ilicevic, Olic – Lasogga

Dieter und Scholle begrüßen anschließend Ex-Profi Stefan Böger und Journalist Jan-Christian Müller zu „Matz-ab-live“.

Lars
18.10 Uhr

Die Hoffnung des HSV? Der liebe Gott und ein Wunder

17. Mai 2015

Das, was keiner will, ist eingetreten. Der HSV hat sein Schicksal nicht mehr in der eigenen Hand. Ebenso wie das eigene 1:2 beim VfB Stuttgart waren die Siege des SC Freiburg und Hannover 96 für diese Konstellation verantwortlich. Vielleicht wirft die Haltung der Bayern im Breisgau Fragen auf, aber am Ende bekommt der HSV, was er verdient. Und das ist nach diesem desaströsen Spiel in der Mercedes-Benz-Arena der vorletzte Tabellenplatz und die Gewissheit, dass nicht einmal ein Sieg am letzten Spieltag gegen Schalke den Klassenerhalt – oder wenigstens die Relegation – aus eigener Kraft sichern würde.

Umfrage: Hält der HSV die Klasse, und was, wenn nicht?

„Wir haben eine Ausgangslage, die sich drastisch verschlechtert hat“, stellte Trainer Bruno Labbadia klar. „Dabei war uns ja von Beginn an klar, dass wir bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt spielen würden. Allerdings haben wir uns die gute Position, die wir uns erarbeitet haben, kaputt gemacht.“ Und wie sie das gemacht haben. Gegen 15.45 Uhr stand der HSV mit eineinhalb Beinen in der Bundesliga, am Ende steht die Mannschaft mit eineinhalb Beinen im Unterhaus. „Es war ein Matchball, den wir vergeben haben“, setzte Vereinsboss Dietmar Beiersdorfer drauf. „Die Leistung war enttäuschend. Das war schwach und zu wenig.“ Weitere Analysen über die Hintergründe dieses Auftritts lieferten die Verantwortlichen nicht. Im Grunde war das auch schnell zu erkennen. Ich will mich auf wenige Dinge beschränken, die alle miteinander zu tun haben.

Das erste Mal hatte ich an diesem Nachmittag in Stuttgart ein ungutes Gefühl, als die HSV-Profis mit den T-Shirts zum Warmlaufen auf den Rasen marschierten. „Wir schaffen es!“ stand darauf. Allzu große Sicherheit, die Bekanntgabe einer Hoffnung als Tatsache, die die Spieler am Ende eingeholt hat. Ein Ergebnis sollte man erst nach vollbrachter Arbeit verkünden – nicht schon vorher. Besser haben es die Stuttgarter Fans gemacht, die ihre Mannschaft mit einem großen „Niemals-aufgeben“-Plakat begrüßt haben. DAS war das eigentliche Motto. Und der VfB hat es deutlich besser umgesetzt als der HSV.

Es war beängstigend mit anzusehen, wie der HSV nach 25 Minuten aufgehört hat, an dieser Partie teilzunehmen. Mit dem Stuttgarter Ausgleich, dessen Zustandekommen vielleicht glücklich war, erlahmte alles bei den Hamburgern. Rajkovic und Djourou fanden keine Anspielstationen mehr, weil sich alle Mittelfeldspieler verkrümelten. Wo war van der Vaart? Wo war Kacar? Was war mit den Flügeln Jansen und Ilicevic, die nicht zu sehen waren? Es war so viel Angst im Spiel, dass alle nur noch weggerannt sind.

Einige Spieler verdienen besondere Beachtung. Rafael van der Vaart zum Beispiel hat 90 Minuten nach einer Gelbe Karte gebettelt. Fouls, Geschimpfe, Nicklichkeiten. Immer wieder sprach Schiedsrichter Manuel Gräfe beschwichtigend mit ihm – aber in der Nachspielzeit konnte er nicht mehr anders. Nach einer weiteren Meckerei gab’s endlich die 10. Gelbe Karte und damit die Sperre gegen Schalke. Van der Vaart hat sich dazu gestern nicht mehr geäußert, aber das hatte schon schwer den Anschein, als ob er diese Verwarnung provoziert hätte. Ein schlimmes Verhalten.

Pierre Michel Lasogga durfte nach dem frühen Zusammenprall mit seinem Kollegen Ivica Olic bis zur 59. Minute weiterwurschteln. Der Bursche gehörte aber sofort ausgewechselt, er torkelte nur über den Rasen. Es war keine Kopfverletzung, sondern eine Schulterprellung, wie heute diagnostiziert wurde. Trotzdem: Bei Lasogga ging gar nichts, der HSV auch aus diesem Grund quasi eine Stunde lang nur zu zehnt. Bruno Labbadia versicherte heute nochmals, dass er seinen Angreifer immer wieder gefragt habe, ob es weitergehe. Lasogga sagte ja – eine Fehleinschätzung.

Am Ende fehlte der gesamten Mannschaft Spannkraft. Nichts war zu spüren von dem Willen, sich gegen den Abstieg zu stemmen. Die meisten Zweikämpfe gingen flöten, es war eine Selbstaufgabe. Das, was Bruno Labbadia mühsam an Streichhölzchen aufgebaut hatte in den vergangenen Wochen zu einem ansehnlichen Türmchen, fiel durch einen Windhauch zusammen. Es war nicht mehr als ein Windhauch, denn natürlich war auch Stuttgart zunächst total unsicher. Zwar stürmten sie in den ersten fünf Minuten, aber nach dem 0:1 durch Kacar schossen die Schwaben die einfachen Pässe ins Seitenaus oder die steilen Schläge ins Nirvana. Bis sie merkten, dass sie vom HSV nichts zu befürchten hatten. 10:1 Schüsse aufs Tor – so sah es am Ende aus. Die Partie hätte 5:1 ausgehen müssen, wenn Rene Adler nicht so viel gehalten hätte.

„Als wir gekommen sind, waren wir Tabellenletzter“, so Bruno Labbadia heute. „Da hätte niemand mehr einen Pfifferling auf uns gesetzt. Natürlich hatten wir nicht gedacht, dass wir diesen Rückschlag erleiden würden. Aber trotzdem haben wir noch eine Möglichkeit. Wir müssen nicht jammern, sondern an uns glauben. Wir müssen Schalke schlagen, und dann werden wir sehen, was passiert.“

Dietmar Beiersdorfer wurde heute mehrfach gefragt nach seinen Fehlern in dieser Saison. Die Ernennung von Peter Knäbel zum Cheftrainer zum Beispiel. Beiersdorfer wehrte all diese Fragen ab und verwies auf die nächste Woche, wenn die Saison vorbei ist. „Es ist unsere Aufgabe, im Management intern über alle Szenarien zu sprechen. Das tun wir schon länger. Aber unsere Aufgabe und unser Ziel ist es vorher, das Spiel gegen Schalke zu gewinnen und die Möglichkeiten zu haben, drin zu bleiben.“ Dies kann ich im Moment nachvollziehen. Beiersdorfer bringt es heute nichts, Selbstzerfleischung zu betreiben oder auch nur den nachvollziehbaren Wunsch der Öffentlichkeit nach Benennung der Schuldigen zu befriedigen. In den kommenden sechs Tagen geht es nur um das Schalke-Spiel.

Vielleicht geht es danach noch um die Relegationsspiele – das weiß der Fußballgott. Auf den wird es übrigens auch wieder ankommen. Dessen ist sich Zoltan Stieber sicher, der beim Blick auf die Konstellation keine anderen Ratschläge mehr hat: „Wir müssen alles geben gegen Schalke und gewinnen. Hoffen wir, dass der liebe Gott auch mit uns ist.“ Ähnlich formulierte es Rene Adler: „Wir haben jetzt noch ein Spiel und können die Tabelle auch lesen. Die Situation ist beschissen. Aber wir können es noch schaffen. Ich glaube, dass wir Schalke schlagen, und mit ein bisschen Hoffen und Bangen – vielleicht gibt es noch ein Wunder.“ Oder hat der HSV im vergangenen Jahr alles Glück der Welt aufgebraucht?

Und wie soll diese Truppe, die in Stuttgart offenkundig unter dem Druck zusammen gebrochen ist, den noch viel größeren Druck des kommenden Spiels meistern? Diese Frage ist nicht zu beantworten. Hoffnung gibt es nur, weil es in dieser Saison ab und an geklappt hat. Dietmar Beiersdorfer: „Wir haben schon mal ähnlichen Druck gehabt gegen Augsburg. Das war auch ‚letzte Ausfahrt Klassenerhalt‘. Das hat die Mannschaft hervorragend gemacht. Man muss das Positive sehen. Wenn man nicht dran glaubt, wird es auch nichts. Wir werden bis zum Schlusspfiff kämpfen. Das ist unsere Pflicht und unsere Leidenschaft.“ Na ja….

Als besondere Maßnahme prüft der Verein nun ein erneutes Trainingslager. Die Entscheidung, ob das kurzfristig zu realisieren ist, steht zur Stunde noch aus. Jedenfalls würde Labbadia nach dem trainingsfreien Montag ab Dienstag gern mit seinen Profis eine Luftveränderung vornehmen. Klar ist, dass es nicht erneut nach Rotenburg gehen wird, wo er den HSV bereits nach seinem Amtsantritt zusammengesammelt hatte.

Hoffnung hat übrigens auch Peter Knäbel – das sagte er gestern im ZDF-Sportstudio: „Die Relegation zu gewinnen, wäre für uns wahrscheinlich auch schon ein Erfolg. Wir haben es fast in eigener Hand. Bei den ganzen Entwicklungen dieses Spieltages sehen wir, dass es auch schnell mal in die andere Richtung gehen kann.“ Knäbel war heute übrigens zur Spielbeobachtung in Braunschweig, wo der mögliche Hamburger Relegationsgegner Karlsruher SC mit 2:0 gewann.

Und nun noch ein Wort mehr oder weniger in eigener Sache. Am vergangenen Mittwoch habe ich ein paar Absätze zu Carl Jarchow geschrieben, der aus dem HSV-Vorstand ausgeschieden ist. Die Pawlowsche Reaktion bei einigen Kommentaren hätte ich mir denken können. „Gefälligkeitsjournalismus“ hier – „die Presse ist Teil des Problems“ da.

Habe ich geschrieben, dass Jarchows Vertragsverlängerung 2012 ein Fehler war? Ja, das habe ich geschrieben. Habe ich geschrieben, dass Jarchow viele sportliche und wirtschaftliche Fehler begangen hat? Ja, das habe ich geschrieben. Habe ich geschrieben, dass der Verein nach seiner Amtszeit schlechter dastand als vorher? Komisch, das habe ich ja auch geschrieben.

Ich lasse mir ungern das Wort im Mund herum drehen und insofern waren einige der Kommentare aus meiner Sicht reichlich daneben. Ich habe hier schon vor einigen Wochen ausführlich zur Campus-Peinlichkeit Stellung bezogen. Dieses Projekt wurde damals von Jarchow/Hilke angeschoben, und dass es primär eine Geld-Beschaffungsmaßnahme war – dieser Eindruck ist wohl kaum zu leugnen. Gut verpackt mit einem neuen Nachwuchsprojekt, zugegeben, aber die Umplanungsmaßnahmen, die durch Bernhard Peters und Co. vorgenommen wurden, zeigen, dass das ursprüngliche Konzept auch inhaltlich nicht durchgetaktet war. Inhaltlich – das war nicht die Priorität. Aber: Jarchow und alle anderen im HSV waren und sind dafür rechtlich nicht zu belangen gewesen. Das ist Stand heute Tatsache.

Diese Zusammenhänge, und dass Alexander Otto den Granden den Allerwertesten gerettet hat mit seiner 10-Millionen-Euro-Zuwendung, das wurde auch hier von Scholle, Dieter und mir thematisiert. Als ich geschrieben habe, dass Jarchow gut aus seiner HSV-Vorstands-Zeit herausgekommen ist, wurde das hier ebenfalls als Medien-Problem dargestellt. Nach der Devise: Ihr habt ihn aber auch schön in Frieden gelassen.

Wer bitteschön hat Carl Jarchow, der jahrelange Minus-Zahlen als Vorstands-Vorsitzender zu verantworten hatte, denn vor allem in Frieden gelassen? Das waren die HSV-Mitglieder selbst, von denen einige mich nun hier kritisiert haben. Jarchow hat nicht eine einzige kritische Nachfrage erhalten auf der Mitgliederversammlung im Januar. Da war nicht die Rede davon, dass der Verein reihenweise Rote Zahlen geschrieben hat und die Campus-Millionen versickert sind. Von der Frage, ob die einzelnen Vorstände denn überhaupt entlastet werden – auch Joachim Hilke hätte diese Frage treffen können – war ebenfalls nichts zu hören. Gar nichts.

Was mir wichtig ist und war bei der Betrachtung Jarchows und vieler anderen, deren Wirken für den HSV am Ende in einem negativen Licht stand: Sie alle wurden auch von bestimmten Leuten, namentlich vom Aufsichtsrat, eingesetzt. Wenn Jarchow gescheitert ist, dann ist auch der alte Aufsichtsrat gescheitert. Führungskräfte in Unternehmen haben EIN wesentliches Instrument zur Steuerung der ganzen Firma, und das ist die Personalauswahl. Ist also Jarchow gescheitert, dann spricht das gegen diejenigen, die ihn ins Amt gehoben haben. Analog heute: Zeigt sich, dass Dietmar Beiersdorfer, wie von Scholle am Montag geschrieben, eigentlich kein Vorstands-Vorsitzender ist, dann geht diese Kritik in erster Linie an das Gremium, das Beiersdorfer bestellt hat. Und schon wären wir bei Karl Gernandt und seinem Team.

Zurück zu Jarchow. Zu guter letzt wurde nämlich angezweifelt, dass Jarchow für die Ausgliederung war. War er aber. Nicht als jemand, der sie initiiert hätte oder angeschoben. Das waren andere – das war die Gruppe HSV-Plus um Otto Rieckhoff. Aber dass Jarchow dessen ungeachtet dafür war, ist einfach Fakt. Das haben mir alle möglichen Menschen aus dem Verein bestätigt. Vermutlich wird mir nun auch noch weiter vorgehalten, ich habe HSV-Plus nicht gewollt. Ich verweise höflich auf eine „Matz-ab-live“-Sendung vom September 2013. Hier habe ich deutlich gesagt, die Ausgliederung muss kommen. Zu diesem Zeitpunkt war HSV-Plus gerade ein paar Tage auf dem Markt. Dass ich diese Haltung anschließend nicht marktschreierisch vor mir hergetragen habe wie andere, liegt wohl daran, dass ich Journalist bin. Aber egal, ob jemand aus meiner Sicht schlechte Arbeit geleistet hat – Kritik unter der Gürtellinie wird es von mir nicht geben.

Im übrigen: Welche Gefälligkeit sollte ich wohl von Carl Jarchow erwarten, wenn er Vize-Präsident des Hamburger Fußball Verbandes ist? VIP-Karte fürs Oddset-Pokal-Endspiel?

Noch sechs Tage bis zum Schalke-Spiel.

Lars
18.00 Uhr

Die “Affen” tanzen, der HSV liegt am Boden!

16. Mai 2015

Stuttgart bezwingt den HSV im Abstiegs-Endspiel 2:1 – die „Affen“ tanzen, der HSV liegt am Boden. Nun muss es sich am letzten Spieltag zeigen, ob der HSV tatsächlich immer wieder aufstehen kann. Am Sonnabend geht es im Volkspark gegen Schalke 04 um alles – jetzt ist der HSV erst einmal auf den vorletzten Tabellenplatz zurückgefallen. Es scheint, als müsste auch in diesem Jahr wieder ein Wunder helfen, um den Dino vor der Zweiten Liga zu bewahren. Der HSV bot auch im Ländle eine erschütternde Leistung, der Tabellenletzte war klar und deutlich das bessere Team und gewann verdient. Die Hamburger hatten deutlich mehr Unzulänglichkeiten zu bieten, als der VfB, HSV-Trainer Bruno Labbadia schlug sich mehrfach entsetzt die Hände vor das Gesicht. So wird das kaum noch etwas. Und für das Schalke-Spiel fällt nun auch tatsächlich noch Kapitän Rafael van der Vaart aus, der sich in der Nachspielzeit die zehnte Gelbe Karte der Saison erbettelte – Schiedsrichter Manuel Gräfe erhörte den Niederländer! Jetzt hat es der HSV schon nicht al mehr in eigener Hand, den Abstieg noch zu vermeiden. So sieht die Realität im Mai 2015 aus. Gute Nacht!

 

Mit der Aufstellung überraschte Trainer Bruno Labbadia auch diesmal wieder. Es scheint ein Hobby von allen Fußball-Lehrern zu sein, die den HSV coachen. Diesmal kam Marcell Jansen wie Kai aus der Kiste, und Ivo Ilicevic musste wohl deswegen ins Team, weil er ein Rechtsfuß ist. Obwohl der frühere Lauterer mal gesagt hatte, dass er rechts eigentlich nicht spielen möchte. Nun gut, in der allergrößten Abstiegs-Not frisst der Teufel wohl doch Fliegen . . .

 

Die „Affen“, wie VfB-Trainer Huub Stevens seine Spieler in der Woche tituliert hatte, traten mit der stimmgewaltigen Unterstützung von 54 000 Zuschauern an – aber der HSV hielt tapfer dagegen. Und ging sogar mit 1:0 in Führung. Freistoß von halbrechts, den gab Rafael van der Vaart mustergültig (diesmal mustergültig!) vor das Stuttgarter Tor, und dort stieg am Elfmeterpunkt Gojko Kacar in die Luft und köpfte ein. Der Wahnsinn! Kacars drittes Tor in Folge! Das ist unfassbar! Und die Teamkollegen erdrückten den Serben fast vor Freude. Der HSV auf dem Weg zum rettenden Ufer?

 

Leider nein. Und ausgerechnet Kacar bereitete den Ausgleich der Schwaben vor. Der HSV-Torschütze hätte einen Ball weit und hoch aus dem Strafraum herausschlagen können, nein müssen, aber er traf den Ball nicht gut. Stuttgarts Serey Die fing den Ball leichtfüßig ab, und postwendend flog die Kugel wieder zurück in den HSV-Strafraum, weil Marcell Jansen die Flanke nicht verhindern konnte, im Gegenteil, er fälschte die Kugel noch leicht ab. Am Fünfmeterraum-Eck kam Gentner an den Ball, und der schoss, bedrängt von Slobodan Rajkovic, aus der Drehung den Ball durch die Beine von Rene Adler ins Tor (27.). Wie bitter. Plötzlich war Stuttgart hellwach.

 

Und legte nach. In der 35. Minute hieß es 2:1 für den Tabellenletzten. Eckstoß von links, am kurzen Pfosten verlängerte Gentner (setzte sich gegen Ivica Olic durch) den Ball auf das lange Eck, und dort schien die gesamte HSV-Defensive irgendwie eingenickt. Marcell Jansen ließ den aus Hamburg stammenden Martin Harnik (Vier- und Marschlande) gewähren, der auf der Torlinie (am Pfosten) stehende Ilicevic zog schnell mal den Kopf zwischen die Schultern – Tor. Wie bitter war das denn bitte? So kann man im Abstiegskampf, jedenfalls den in der Ersten Bundesliga, nicht agieren. Das ist ein ganz schlimmes Abwehrverhalten, spricht aber Bände für diesen HSV. Und wenn es ganz schlecht gekommen wäre, dann hätte Harnik kurz vor der Pause noch das 3:1 erzielt, nachdem er sich gegen Rajkovic und Johan Djourou durchgesetzt hatte, aber der Österreicher schoss dann doch zwei, drei Meter am HSV-Tor vorbei.

 

Halbzeit. Und Stuttgart jubelte. Weil der VfB dann ganz klar Chef im Ring war. Die „Affen“, die nach dem 2:1 auch wie die Affen getanzt hatten, waren deutlich besser. Der HSV leistete sich viele und in der Entstehung ganz amateurhafte Fehlpässe, Stuttgart war schneller, wirkte frischer, zeigte viele Ideen – und waren schlicht williger, auch viel hungriger auf den Erfolg. Die HSV-Spieler zeigten dazu einige ungewöhnliche technische Fehler. So „paddelte“ Ivica Olic gleich zweimal bei VfB-Eckstößen am Ball vorbei, als er an erster Stelle stand. So etwas darf ganz einfach nicht passieren – aber beim HSV ist das leider an der Tagesordnung.

 

Die Überlegenheit des Schlusslichtes, das längst am HSV vorbeigezogen war, wurde im zweiten Durchgang noch eklatanter. Der VfB stürmte mit Mann und Maus, und der HSV hatte kaum bis nichts dagegen zu setzen. In der 62. Minute schien das 3:1 fällig, überfällig sogar, als Harnik an Rajkovic vorbeigezogen war und quer legte, aber Djourou rettete in allerhöchster Not vor Ginczek – nur Eckball für den VfB. Und als kurz darauf Adler unter einer Flanke durchlief, hätte Didavi eigentlich nur köpfen müssen, dann hätte es 3:1 gestanden – aber der Stuttgarter zögerte zu lange, Chance vorbei. Glück für den HSV. Aber was hilft es?

 

Adler wehrte noch bravourös gegen den frei vor ihm auftauchenden Kostic ab, der Ball prallte danach gegen die Latte (83.). Und noch einmal Adler in der 88. Minute, als er super gegen den durchlaufenden Werner hält. Zum Schluss war das 1:2 für den HSV noch glücklich, weil es nur so knapp war.

 

Niemals Zweite Liga.
???? Das wird noch enger als 2014!

 

Der HSV spielte mit: Adler; Westermann,
Rajkovic, Djourou, Ostrzolek; Kacar, van der Vaart; Ilicevic, Jansen (64. Min. Jansen); Olic; Lasogga (58. Min. Rudnevs).

 

Die Einzelkritik

 

Rene Adler leistete sich eine Schwäche, ansonsten bewahrte er den HSV vor einer höheren Niederlage. Das war eine Weltklasse-Leistung, Note eins mit Sternchen. Aber was hilft es, wenn eine solche Benotung nur auf den Torwart zutrifft?

 

Heiko Westermann hatte gegen den pfeilschnellen Kostic einen ganz schweren Stand, zweimal wurde er regelrecht „nass“ gemacht, ansonsten war das halbwegs in Ordnung.

 

Slobodan Rajkovic wirkte hölzern und langsam, im Moment scheint er mehr und mehr an Form zu verlieren.

 

Johan Djourou war der einzige Lichtblick in der Viererkette, der Schweizer warf sich immer wieder in die Angriffe der Schwaben – das war okay.

 

Matthias Ostrzolek schwamm mit, und zwar tüchtig, da war von Souveränität und Erstliga-Niveau nicht allzu viel zu erkennen.

 

Gojko Kacar markierte „sein“ Tor, da sah alles noch rosig aus, aber dann ging es bergab mit dem HSV – leider auch für den Serben.

 

Rafael van der Vaart ging leider nach dem 1:1 stetig mit unter.

 

Ivo Ilicevic war nie zu sehen. Warum er das so lange zeigen durfte? Ich weiß es nicht! Null Zweikampfverhalten, das mal nur so nebenbei.

 

Marcell Jansen blieb fast alles schuldig, leider, leider.

 

Ivica Olic das war überhaupt nichts. Und zwar 90 Minuten lang.

 

Pierre-Michel Lasogga tauchte von der ersten Minuten an ab und spielte viel zu lange.

 

Artjoms Rudnevs (ab 58. Min. für Lasogga) wollte bestimmt, konnte aber nichts mehr bewegen. Weil sein Umfeld es auch nicht mehr konnte.

 

Zoltan Stieber (ab 64. Min. für Jansen) ist nicht der Typ, der reinkommt und alles durcheinanderwirbelt. Das bewies er auch in Stuttgart.

 

Das war es zunächst vom Spiel gegen Stuttgart. Wir sind dann gleich wieder mit „Matz ab live“ zur Stelle, um über die Partie gegen die Schwaben zu sprechen. Unsere Gäste sind heute der ehemalige HSV-Abwehrspieler Detlef Spincke sowie Hamburgs erfolgreichster Amateurtrainer, Bert Ehm, zurzeit Manager des TSV Sasel. Wir vom Abendblatt-TV würden uns sehr freuen, wenn Ihr wieder zahlreich „einschalten“ würdet.

 

PS: Die Zweite hat heute ihr Regionalliga-Spiel in Lübeck gegen den VfB mit 2:0 gewonnen. Ahmet Arslan, der ehemalige Lübecker, erzielte das 1:0, Matti Steinmann den 2:0-Endstand – schon vor dem Seitenwechsel. Glückwunsch!

 

PSPS: Wer immer noch mehr HSV und Fußball will, der sollte morgen den „Sportclub live“ im Dritten Programm (NDR) einschalten. Da sind der frühere HSV-Trainer Frank Pagelsdorf und der ehemalige Volleyball-Bundestrainer, heutige Mental-Coach und immer noch HSV-Ehrenmitglied Olaf Kortmann (auch bei uns schon mehrfach zu sehen) zu Gast. Viel Spaß.

 

17.27 Uhr

Heese: “Es ist jetzt ein anderer Geist drin!”

15. Mai 2015

Zursicher

Mal sehen, was die Affen morgen so machen. Mit Affen sind die Spieler des VfB Stuttgart bezeichnet worden – von ihrem Trainer, ging ja auch Land auf, Land ab in den Zeitungen rauf und runter. So ist Huub Stevens eben. Was er auf der Zunge hat, muss raus. Und er hat es diesmal bestimmt auch deshalb rausgelassen, weil er mit dieser Beleidigung auch noch seinem letzten Spieler sagen will, dass hier allerhöchste Konzentration angesagt ist. Niemand darf auch nur einen Millimeter nach lassen, das wollte Stevens erreichen. Und er hatte auch deshalb die ganz Aufmerksamkeit, weil beim VfB Stuttgart, der ansonsten oft abgeschottet (also ohne Fans) trainiert, am Vatertag jeder Fan willkommen war. Stevens wollte mit seiner Härte auch demonstrieren, dass der Fokus nur auf diesem Abstiegs-Endspiel zu liegen hat. Ganz Stuttgart redet seit Tagen nur noch von dem Spiel gegen den HSV, das Stadion ist mit 60 000 Zuschauer seit Wochen ausverkauft – und 6000 Hamburger werden versuchen, sich in diesem Hexenkessel Gehör zu verschaffen. Und obwohl die Schwaben ja noch immer Tabellenschlusslicht sind, herrscht am Neckar große Zuversicht, dass der VfB an diesem Sonnabend gegen 17.20 Uhr den HSV um einen Punkt hinter sich gelassen hat. Es ist für das Ländle das Spiel der Spiele, und der Optimismus ist deswegen so groß, weil der VfB zuletzt stets gute oder sogar beste Leistungen gezeigt hat.

 
Was die meisten VfB-Fans aber in dieser Situation oft verschweigen: Der Tabellenletzte hat seit September 2013 (!) kein zweites Spiel in Folge mehr gewonnen. Seit September 2013! Und zuletzt siegte der VfB bekanntlich 2:0 gegen Mainz 05. Hält diese Negativserie an? Oder schafft es der HSV, so wie er es leider schon so oft geschafft hat, diese Serie zu durchbrechen – und das Schlusslicht so wieder aufzubauen? Was für Stuttgart außerdem ein Horror-Szenario ist, das ist die Tatsache, dass ausgerechnet Bruno Labbadia dem VfB den Gnadenstoß versetzen könnte. Jener Labbadia, der einst sehr wohl Erfolge mit dem VfB vorweisen konnte, der dann aber trotz allem, da gibt es sicher Parallelen zum HSV, vor die Tür gesetzt worden war, weil sich die Verantwortlichen und die Fans mehr erhofft hatten. Heute gibt es in Stuttgart nicht wenige, die meinen, dass die Labbadia-Gegner von damals heute sehr wohl Abbitte leisten müssten, denn nach dem damaligen Abgang des Trainers ist beim VfB nichts besser geworden. Im Gegenteil.

 

Im Ländle regnete es heute, am Sonnabend aber soll die Sonne scheinen. In Hamburg ist es genau umgekehrt. Mal sehen, wie sehr die Punkteverteilung dafür sorgt, dass in einem Fan-Lager so oder so die Sonne scheinen wird. Wir hoffen natürlich, dass es hier trotz des Regens reichlich Sonnenschein geben wird . . .
Beim VfB Stuttgart sind, um mal die sportliche Seite zu beleuchten, alle Mann an Bord. Diejenigen Spieler, die leicht angeschlagen in die Woche gegangen waren, wurden oftmals geschont, mussten nicht immer alle Einheiten mitmachen. Morgen aber wird jeder von ihnen bei 100 Prozent sein. Und besonders auf die Offensive hoffen die Schwaben. Die behaupten, dass es noch nie einen Tabellenletzten in der Bundesliga gegeben hat, der auf eine solche Super-Offensive setzen und bauen und hoffen kann. Vorne sind drei blitzgefährliche Angreifer unterwegs: In der Mitte der ehemalige Millerntor-Bomber Ginczek, links der Sprinter Kostic, rechts der unberechenbare Harnik, und dahinter der schnelle und technisch versierte Didavi, der nach einer längeren Verletzungspause jetzt wieder zur alten Form zurückkehren will – und schon auf dem besten Wege ist. Er wird der HSV-Defensive extrem viele Kopfschmerzen bereiten – neben den Stürmern.

 

Beim HSV herrschte heute nicht nur wegen des guten Wetters beste Stimmung. Bis auf Valon Behrami und Nicolai Müller konnten alle Spieler trainieren. Eine Stunde gab es Programm. Nach dem Aufwärmen folgte ein Spiel fünf gegen fünf gegen fünf. Und danach gab es reichlich Standards. Eckstöße, Freistöße, von links und von rechts zur Mitte gebracht. Meistens von Rafael van der Vaart geschlagen, aber auch Lewis Holtby und Ivo Ilicevic versuchten sich. Mit den Standards wurde ein wirklich lange Zeit verbracht. Zum Schluss folgte Spaß-Training. Die Spieler durften, so sah es aus, das machen, wozu sie Lust hatten. Lange Pässe, kurze Pässe, Torabschlüsse – Flanken. Wobei auch Bruno Labbadia tüchtig mitmischte. Der Coach schlug die Bälle aus dem Anstoßkreis heraus auf die linke Seite, wo Matthias Ostrzolek die Kugel meistens mit der Brust stoppte – um dann aus dem Lauf heraus zu flanken. In der Mitte hatte dann die Angreifer ein Spielchen mit Torwart Jaroslav Drobny zu laufen. Vorher wurde angesagt, wie viele Tore sie aus acht Flanken machen – und der oder die Verlierer mussten danach Liegestütze absolvieren. Da es ein nicht-öffentliches Training war, sah ich nicht alles, gefühlt würde ich sagen, dass die Angreifer mehr Liegestütze machen mussten. Und um ehrlich zu sein, ich habe Drobny nicht am Boden gesehen. Wer Rene Adler dabei vermisst: Der Stammkeeper war nach einer Stunde in die Kabine gegangen, nur mal so, es sah nicht danach aus, als drücke Adler auch nur ein kleiner Schmerz.
Übrigens sah Club-Chef Dietmar Beiersdorfer heute dem Training zu, nach dem Ende der Einheit ging er dann mit einer asiatischen Delegation (sah nach einem jungen Spieler aus) in das Umkleidehaus im Volkspark.

 

Aus dem Kader, der heute trainiert hat, blieben der Brasilianer Cleber, Julian Green und auch Maximilian Beister zu Hause.
Schiedsrichter der Partie in Stuttgart wird der Berliner Manuel Gräfe sein, in meinen Augen eine sehr gute Ansetzung, er ist mit dem Münchner Dr. Felix Brych der zurzeit beste deutsche Unparteiische. Aber – man soll den Tag nie vor dem Abend loben. Habe ich zuletzt wahrscheinlich das eine oder andere Mal zu viel gemacht. Deswegen halte ich jetzt mal den Ball flach. Obwohl ich, wenn ich bei Schiedsrichter bin, gleich an Rafael van der Vaart denke, denn der hat bislang neun Gelbe Karten „eingefahren“. Sieht er in Stuttgart noch einmal Gelb, dann fand am Neckar das Abschiedsspiel des „kleinen Engels“ statt. Das wäre doch auch dramatisch. Nicht für jeden HSV-Fan, aber auf jeden Fall für van der Vaart selbst.

 

Aber der Niederländer könnte sich ja auch in Sachen Härte oder auch mit verbalen Entgleisungen zurückhalten, dann passiert eben nichts. Hoffentlich. Ich sprach heute noch mit einem ehemaligen HSV-Spieler, der sich in Sachen Zurückhaltung nie besonders zurückhielt. Sein damaliger Trainer Klaus Ochs hat über ihn einst gesagt: „Auf dem Platz ist er ein Ekel.“ Es geht, einige haben es schon erraten, um Horst Heese. Der heute 71-Jährige lebt schon seit Jahrzehnten in Belgien, verfolgt den HSV, für den er einst „nur“ 41 Spiele bestritt, aber immer noch ganz genau – über das Bezahlfernsehen. Heese wurde damals im Winter 1972 verpflichtet und absolvierte sein erstes Spiel für den HSV am 16. Dezember 1972, bei seinem Debüt gab es eine 0:1-Niederlage – und der HSV stand damals auf dem letzten Tabellenplatz. Trotzdem gab es ein Happy end, dank Heese, der in der HSV-Geschichte den Platz eins als HSV-Retter einnimmt. Er riss die gesamte Mannschaft damals mit, und das waren immerhin Spieler wie Rudi Kargus, Peter Hidien, Manfred Kaltz, Peter Nogly, Klaus Zaczyk, Georg Volkert, Ole Björnmose, Willi Schulz, „Bubi“ Hönig, Caspar Memering, und, und, und.

 

Horst Heese hat in der jüngeren Vergangenheit schon oft um und mit dem HSV gezittert. Diesmal aber schien er mir optimistischer zu sein, denn er sagte: „Das sieht doch jetzt schon wieder viel besser aus, als noch vor ein paar Wochen. Das ist ja jetzt eine ganz andere HSV-Truppe, die kämpfen und hängen sich voll rein – das sieht gut aus, in meinen Augen.“ Den Umschwung hat Bruno Labbadia gebracht, das sieht auch Heese so, denn er befindet: „Sicher hat Bruno viel bewirkt, aber wenn man auf einen schwachen Trainer folgt, dann muss man kein Super-Trainer sein. Da hätte kommen können, wer will, es waren vorher zu viele schwache Trainer da. Wenn die Jungs merken, da vorne steht einer, der versteht sein Handwerk, der hat selbst gespeilt, der weiß wie es geht, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Aber wenn du da vorne ein paar Flaschen vor der Mannschaft stehen hast, in kurzen Sprinterhosen, dazu mit fünf Handys durch die Luft wirbeln, dann wissen die Spieler doch gleich Bescheid. Der kann denen doch gar nichts erzählen, und wie soll das denn funktionieren?“ Heese: „Wenn wir damals gemerkt haben, dass wir eine Flasche vor uns haben, dann haben wir den sofort auf die Rolle genommen. Wenn der in kurzen Hosen vor uns stand, haben wir schon gegrinst, wenn der dann noch seine Stutzen irgendwie schief angezogen hatten, dann war die Sache für uns gleich klar, was wir da für einen vor uns hatten . . . Wenn du aber einen Trainer hast, der selbst an der Front war, dem nimmst du doch eher ab, was er da erzählt. Und von den schwachen Trainern hatte der HSV zuletzt leider einfach zu viele.“

 

Horst Heese sagt über die heutige HSV-Truppe, und das ist aus seinem Munde gewiss ein riesiges Kompliment: „Jetzt ist wieder ein anderer Geist drin. Und wenn du den Bruno Labbadia siehst, das ist echt, das ist authentisch, er lebt das vor, was da jetzt passieren muss. Die anderen Trainer haben, wenn die Kameras auf sie zukamen, ein verzweifeltes Gesicht gemacht, haben ein wissenschaftliches Gesicht gemacht, oder sie haben ihre Notizblöcke vollgeschrieben. Da waren viele Schauspieler am Werk. Aber Gott sei Dank, sie tanzten nur einen Sommer. In Hamburg jedenfalls.“

 

Horst Heese appelliert – auch für die Zukunft des HSV – an die Ehemaligen des HSV: „Da sind doch so viele Pragmatiker, die müssten mal den Mund aufmachen. Damit die Knalltüten ausgespielt haben, damit der HSV endlich mal einen vernünftigen Trainer bekommt. Diejenigen, die noch den engen Draht zum HSV haben, sollten schon mal häufiger den Mund aufmachen.“ Aber, das vermute ich, es haben in der Vergangenheit vielleicht schon oft den Mund aufgemacht, doch es passierte nichts, ihre Tipps verhallten mehr oder weniger ungehört im Volkspark.

 

Und wie ist Horst Heese mit dem Punkt „Härte“ zurzeit mit den HSV-Spielern zufrieden? Heese: „Das könnte ruhig noch etwas mehr sein, ganz klar. Wobei man Härte nicht mit Unfairness verwechseln darfst. Aber es geht doch jetzt um alles. Man darf nicht von hinten zutreten, du kannst ja auch einen Gegner von vorne stören. Aber du musst fit sein, immer eisern und hart am Mann sein. Heute sieht man auch keine Schnitte, wenn man nicht hundertprozentig fit ist. Dann bist du im heutigen Tempo-Fußball total daneben. Und man muss auch immer schön aufpassen, dass man nicht zu viele Freistöße vor dem eigenen Strafraum verursacht, das kann sich dann auch schnell rächen, wenn der Gegner da Spezialisten hat, die solche Standards zu nutzen verstehen. Also, mehr Härte ja, aber keine Fouls.“
Mal sehen, wie das denn morgen in Stuttgart so laufen wird – in der HSV-Defensive.

 

Ich habe übrigens in die Programm-Zeitschrift „Hör zu“ geblickt, wie der Prominente (jede Woche ein anderer) den Spieltag, besonders den HSV getippt hat. Diesmal ist das Joscha Kiefer (Soko 5113) gewesen, und der tipp Stuttgart – HSV auf 4:0. Oha, ein dickes Ding! Und eine Woche weiter tippt Lukas Hundt (Akte Ex) den HSV gegen Schalke 04 auf 1:0. Mal abwarten, wie sich das alles (schon an diesem Spieltag) da unten entwickelt.

 

So, zwei Personalien habe ich noch:

Lotto King Karl eröffnet an diesem Sonnabend im Stadtpark die Open-Air-Saison – und ich wünsche dem Kult-Sänger und seiner Band alles Gute, viel Glück – und gutes Wetter. Und Euch, die Ihr dabei seid, viel Spaß.

Dann hat sich heute Joe Zinnbauer bei NDR2 zu Wort gemeldet. Der Trainer, der im Moment nicht groß arbeitet, kann sich durchaus vorstellen, dass er in der nächsten Spielzeit wieder die U23 (spielt am Sonnabend um 14 Uhr in Lübeck um Punkte) trainieren wird. Mich würde das sehr freuen, gebe ich zu, denn der „Joe“ hatte diese Truppe doch märchenhaft ins Laufen gebracht. Vielleicht schafft er das denn ja noch einmal, ich glaube, dass die meisten Spieler nichts dagegen hätten. Ich drücke ihm die Daumen, dass es noch einmal weitergehen wird mit ihm – beim HSV.

 

Und wie es dann in der Bundesliga weitergehen wird, das kann man dann wahrscheinlich schon morgen von 17.20 Uhr an etwas klarer sehen, auch wenn bestimmt noch nicht alles restlos geklärt sein wird. Davon gehen ich mal verstärkt aus Drückt dem HSV tüchtig die Daumen, dass auch diesmal das Abstiegsgespenst in andere Städte abzischt. Hat doch 2014 bestens geklappt – oder?

 

In diesem Sinne, kommt gut rein in den 33. Spieltag – und bleibt positiv!

Dieter.

 

18.46 Uhr

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