Archiv für das Tag '20 Millionen'

Kommt doch kein neuer Innenverteidiger?

29. Dezember 2010

20 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Eine große Zahl. Eine größere als in den letzten Jahren, denn da hatte der Klub im Gegensatz zu den kommenden zwei Jahren jeweils noch offene Raten zu erwarten. Und diese Zahl gibt Anlass zur Sorge. Nicht allen. Muss sie auch nicht. Aber eben doch einigen. Auch mir sowie einigen von Euch. Die Zahl bereitet sogar so honorigen intimen Vereinskennern wie Uwe Seeler, Dr. Peter Krohn und Dr. Wolfgang Klein Sorgen. Und ich weiß, auch das muss noch nicht bedeuten, dass die geäußerten Befürchtungen der Weisheit letzter Schluss sind. Aber es verdeutlicht doch, dass sich viele Menschen, die seit Jahrzehnten um das Wohl dieses Vereins bemüht sind, derzeit Sorgen machen. Zudem, und das nur, um hier mal den Vorwurf des Politisierens gegegn Vorstandsboss Bernd Hoffmann etwas zu entkräften, Dr. Klein ist übrigens einer der engeren Vertrauten Bernd Hoffmanns. Ihm ist es genauso fremd wie mir, den Vorstandsboss zu diskreditieren. Ihm geht es absolut nicht um Politik. Ihm geht es um die Sache – genau wie mir.

Dass ich dabei auch mal falsch liegen kann, wusste ich. Das hat mir nicht zuletzt auch das Beispiel Armin Veh bewiesen. Da hatte ich mich festgelegt, dass der Trainer noch bis Ende dieser Woche hinschmeißt – und jetzt bleibt er Trainer. Ihr könnt Euch aber sicher sein, dass ich hier nichts einfach mal hineinschreibe, ohne einen glaubhaften, klaren Ansatz dafür zu haben. Ich verwette keinen Table-Dance, wenn ich nicht sicher bin, die Wette zu gewinnen. Und trotzdem kommt es manchmal anders. Das ist wie mit den Pferden vor der Apotheke…

In diesem Fall gestehe ich gern ein, dass meine Vermutung, die ich wie immer auf mir gegenüber getätigte Äußerungen der direkt beteiligten Entscheidungsträger begründet hatte, falsch war. Sie wird nicht eintreffen. Veh wird Trainer bleiben und ich mich letztlich geirrt haben. Allerdings ist das alles kein Grund, sich zu entschuldigen. Wofür auch? Das würde ich machen, wenn ich Euch bewusst oder zumindest fahrlässig getäuscht hätte. Dem war nicht so. Es ist lediglich so, dass ich mich geirrt habe und Veh doch Trainer bleibt. Und damit kann ich gut leben. Mit beidem.

Ich würde auch gut damit leben können, wenn meine Vermutung falsch wäre, dass der HSV in diesem Winter nichts mehr macht. Personell wohlgemerkt. Das habe ich so gehört. Das soll der Status Quo sein. Es gilt demnach aktuell als ausgeschlossen, dass Elia verkauft wird. Es gilt aber mangels Angebot auch als mehr als wahrscheinlich, dass sich der HSV auf das vorhandene Spielermaterial verlässt, trotz anderslautender Ankündigungen im Winter keinen Nezuzgang mehr präsentiert. Der sportliche und finanzielle Aspekt seien nicht vereinbar. Zumal die Wunschspieler allesamt bei ihren Vereinen unter Vertrag stehen und nicht frei zu bekommen sind.

Allerdings ist klar, dass sich alles ganz schnell ganz anders darstellen könnte, wenn beispielsweise der VfL Wolfsburg seinen Top-Angreifer Edin Dzeko für die kolportierte Ablösesumme von 35 Millionen Euro (oder sogar noch mehr?) zu Manchester City ziehen ließe. Dann wären die weiterhin (und nie angezweifelt) an Elia interessierten VW-Städter sicher bereit, ihre bisher locker angedeutete Ablösesumme für den Linksaußen aufzustocken. Plötzlich könnten sie sie der vom HSV nahe der 20 Millionen Euro angesiedelten Schmerzgrenze gefährlich nahekommen.

Allerdings, und da vertraue ich meinen Informationen, ist der HSV derzeit nicht gewillt, seinen Kader in irgendeiner Weise auszudünnen. Und die Verantwortlichen haben sich mit der medizinischen Abteilung besprochen und anschließend etwas Fahrt aus der als so dringend notwendig eingestuften Suche nach einem weiteren Innenverteidiger genommen, nachdem klar wurde, dass Joris Mathijsen nach seinem doppelten Bänderriss nun doch schon zu Rückrundenbeginn fit sein könnte.

Zudem, und das ist für mich ein absolut nachvollziehbarer Gedanke, haben sich die HSV-verantwortlichen ob der finanziellen Situation gegen eine überhastete Entscheidung ausgesprochen. Schon die interne Diskussion, ob es nun eher ein perspektivischer Transfer eines jungen Spielers oder die Verpflichtung (je nach Preis als Kauf- oder Leihgeschäft) eines eher gestandenen, erfahrenen Mannes werden solle. In beiden Kategorien ist der HSV gerade mal zweieinhalb Wochen vor Rückrundenbeginn noch nicht fündig geworden.

Dabei hatte Veh nicht nur den Wunsch geäußert, einen neuen Verteidiger zu holen sondern diesen auch schon mit ins Trainingslager am 2. Januar nach Dubai nehmen zu können. Er wollte damit, das hatte er betont, nicht den Druck auf handelnde Personen erhöhen, sondern alte Fehler vermeiden. Denn wie es laufen kann, wenn ein Spieler erst spät verpflichtet und sofort ins kalte Wasser geworfen wird, das hat schon Nigel de Jong im Januar 2006 bewiesen, als er in Nürnberg nach nur einer Einheit mit der Mannschaft in der Startelf auftauchte und der HSV nach schwachem Spiel verlor.

Ich teile grundsätzlich Vehs Einschätzung, dass für die Innenverteidigung noch Handlungsbedarf besteht. Heiko Westermann hat langsam ins Team gefunden, wirkt inzwischen sicherer. Daneben stehen Muhamed Besic und Guy Demel als Alternativen bereit. Allerdings kann und darf man Besic aus Altersgründen noch nicht als Ultimo einplanen. Gleiches gilt für Demel – bei dem Ivorer allerdings aus der Erfahrung seiner zuletzt gezeigten, viel zu schwankenden Leistungen. Der HSV braucht unabhängig von etwaigen Verletzungen noch mindestens einen echten Innenverteidiger. Allerdings, und da stimme ich dem Vorstand zu, darf dies kein Einkauf der Marke Gravgaard sein. Der Däne war ein netter Kerl, passte menschlich in die Mannschaft und hatte sich trotz einer sehr kurzen Eingewöhnungszeit im Winter schnell einspielen können. Allerdings konnte der Däne nicht die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen. Und mit derart Spielern blockiert der HSV lediglich immer seltener werdende finanzielle Mittel.

Die größte Hoffnung heißt demnach Mathijsen. Besser gesagt, es ist die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr von Joris Mathijsen. Auch daran glaube ich, darauf setze ich sogar. Aber was, wenn Mathijsen einen Rückschlag erleidet, das sehr ehrgeizig früh gesetzte Comeback platzt? Dafür bräuchte der HSV meines Erachtens nach eine Soforthilfe, denn wir alle wissen, dass der Start in die Rückrunde am 15. Januar ausschlaggebend sein kann. Denn sollte der HSV bei den wieder erstarkten Schalkern gewinnen, könnte – zusammen mit dem Erfolgserlebnis aus dem letzten Hinrundenspiel in Mönchengladbach – ein kleiner, allerdings auch dringend notwendiger Positivlauf entstehen.
Dass dieser noch immer eine mögliche Wende herbeiführen kann, ist unumstritten. Und so wenig Anlass uns die Hinrunde geben kann, daran zu glauben, so sehr hoffen wir darauf. Auch ich. Allerdings, und darin habe ich immer meine Priorität erachtet, ich werde weiterhin nur das schreiben, was ich sehe, was ich höre, und was ich glaube. Ich werde dabei keine Rücksicht auf Berufsoptimisten nehmen, weil ich weiß, dass der Großteil von uns mit der Realität konfrontiert werden möchte, um möglichst realitätsnah zu diskutieren und zu posten. Ich werde weiter den Finger in die Wunden legen, um Missstände anzuprangern. Ich werde weiter alles loben, was gut läuft. Kurzum: ich werde mich immer nach bestem Wissen und Gewissen an der Wahrheit orientieren. Auch wenn sie mal unangenehm ist. Wie gestern.

Euch und uns allen einen schönen Abend. Auch wenn der Artikel heute mal nicht so viel Anlass für hitzige Diskussionen bietet. Bis morgen.

17 Uhr