von Heesen: „Es ist genügend sportliche Kompetenz vorhanden!“

2. März 2015

Am vergangenen Donnerstag ist Thomas von Heesen aus dem Aufsichtsrat der HSV Fußball AG zurückgetreten. Einer musste raus, das war klar, denn mit Jens Meier als neuem Präsidenten des HSV e.V. stand ein Nachrücker fest. Warum nun aber ausgerechnet von Heesen? Der erfolgreiche Ex-Profi stand wie kein anderer für sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat, und dessen Vorsitzender Karl Gernandt hatte einst angekündigt, dass im Austauschfall garantiert keiner der ehemaligen Kicker (von Heesen oder Peter Nogly) ausscheiden würde.

Nun ist es anders gekommen – und immer wieder wird auch hier im Blog diskutiert: Warum wirklich von Heesen? Aus diesem Grund habe ich heute noch einmal mit ihm gesprochen, und von Heesen hat dabei einen völlig aufgeräumten und unaufgeregten Eindruck gemacht. „Der Schritt war intern lange geplant und besprochen“, sagte von Heesen. „Es ist genügend sportliche Kompetenz vorhanden. Das habe ich schon vor Monaten gesagt, und deswegen auch angeboten, dass ich gehe, wenn der e.V.-Präsident nachrückt. Der Vorstand ist mit Dietmar Beiersdorfer, Peter Knäbel und Bernhard Peters sehr gut aufgestellt.“ Anders als bei seiner Amtsübernahme im Juli vergangenen Jahres – sagt von Heesen nicht, aber so war es damals ja.

Auch der Einwand, dass nun mit Nogly lediglich noch ein Mann mit Fußball-Verstand im Aufsichtsrat sitzt, stört von Heesen nicht. „Peter ist ein ausgezeichneter Fußball-Fachmann. Insgesamt ist der HSV gut aufgestellt.“ Im Übrigen bleibe er – Aufsichtsrats-Mandat hin oder her – in stetem und vertrauensvollen Austausch mit Beiersdorfer und Co. Als stillen Abschied vom HSV will er seinen Austritt aus dem Aufsichtsrat also beileibe nicht verstanden wissen. Im Gegenteil: „Wir sind auch über andere Themen im Gespräch“, bestätigt von Heesen. Dabei geht es um eine Verbesserung der HSV-Nachwuchsarbeit, um die Suche nach Sponsoren und Investoren für diesen Bereich. von Heesen will seine ganzen Verbindungen und sein ganzes Know-how einbringen. Und wenn es hier tatsächlich zu einer geschäftlichen Zusammenarbeit kommen sollte, wäre dies mit seiner Mitarbeit im Aufsichtsrat sowieso nicht vereinbar.

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Genügend sportliche Kompetenz vorhanden – ich kann mir denken, dass bei diesem Satz manchem Leser der Atem stockt. Gerade die aktuelle sportliche Entwicklung lässt nicht gerade auf garantierten Fortschritt schließen. Im Vergleich zum Vorjahr weist die Saison 2014/15 erstaunliche Parallelen auf. Sportliche Inkonstanz, Verletzungs-Probleme, fehlende Planungssicherheit. Der HSV – erneut – im Teufelskreis. Wie im Vorjahr werden diejenigen Spieler zu Hoffnungsträgern, die gerade nicht spielen, aber dann doch bitte für die Zukunft Besserung und, ja, Rettung versprechen. Valon Behrami, Cleber, Ivica Olic – das wäre etwas, wenn dieses Trio recht schnell schon wieder mitmischen würde. Am besten bereits am kommenden Sonnabend daheim gegen Borussia Dortmund. Auch Marcell Jansen steht offenbar auf dem Sprung. Stimmt schon, das wäre gut, aber wie hoch können die Erwartungen eigentlich sein? Natürlich haben die drei bereits nachgewiesen, dass sie kicken und sogar führen können. Aber ein Spieler, der aus einer Verletzung kommt, kann nicht gleich führen. Der muss zusehen, dass er seine Aufgaben erfüllt, nicht wegbricht, und dann nach einer gewissen Zeit der Konsolidierung wieder in Führungsaufgaben hineinwächst.

Abgesehen davon, dass die alte Verletzung (oder eine neue) wegen Überbelastung und falsch verstandenem Ehrgeiz nicht wieder aufbricht. Damit hatte der HSV vor Jahresfrist so viel zu tun, dass die halbe Mannschaft angeschlagen übers Feld schlurfte, nicht richtig austrainiert war und in der Endphase der Liga allenfalls auf dem Zahnfleisch ins Ziel kriechen konnte. Auf dem Zahnfleisch – soweit ist es aktuell vielleicht noch nicht. Aber: Olic hat zwei Wochen nicht richtig trainiert. Cleber im Trainingslager in Dubai nicht und nach einer kurzen Pause war er wieder weg. Behrami seit dem Winter nicht. Lasogga immer mal wieder nicht. Überhaupt scheint es immer noch nicht absehbar, wann der 8,5 Millionen-Euro-Einkauf fit zurückkehrt. Die Erfahrungen der vergangenen Monate haben gezeigt: Selbst wenn Lasogga wieder am Mannschaftstraining teilnimmt oder dann auch irgendwann in der Bundesliga aufläuft – die Form der Vorsaison hat er damit noch lange nicht.

Womit wir auch bei der medizinischen Abteilung wären. Es ist im Einzelfall von außen nicht nachzuvollziehen, warum ein Spieler mit was für einer Verletzung wie lange ausfällt. Es gilt nur zu konstatieren, dass der HSV seit Jahren Verletzungsprobleme hat, die andere Vereine nicht haben. In der Wintervorbereitung waren mit Holtby, Cleber, Diekmeier, Ostrzolek, Behrami, Lasogga und Müller viele Stammspieler betroffen. Anschließend haben wir von Rajkovic, Olic, Jiracek, Diaz und Jansen Verletzungsmeldungen gehört. Unfälle waren dabei, logisch, aber immer wieder auffällig viele Muskelverletzungen, die – und auch das ist auffällig – entweder wiederkehren oder oft auch lange dauern. Der HSV ist seit einiger Zeit in einer medizinischen Partnerschaft mit dem UKE. Das mag sich wirtschaftlich rechnen – auch auf anderen Gebieten hat sich der HSV in der Vergangenheit immer wieder von wirtschaftlichen Zwängen treiben lassen. Aber dass es verletzungstechnisch mit dem HSV spürbar aufwärts gegangen wäre – diese Behauptung kann nun wirklich niemand aufstellen. Spieler fahren immer noch zur Behandlung zu Ärzten ihres Vertrauens durchs ganze Bundesgebiet. Das hat’s immer gegeben, natürlich, aber wozu benötige ich dann eine Partnerschaft mit dem UKE?

Der Deal mit dem UKE umfasst einen finanziellen Vorteil durch Minder-Ausgaben für den HSV. Sollte der Verein mit der Zusammenarbeit zufrieden sein, dann muss er den Deal verlängern. Ich denke aber, in diesem Bereich darf man nicht auf Teufel-komm-raus sparen. Die Profis arbeiten doch auf Messers Schneide, so schnell wie möglich so fit wie möglich aus Verletzungen zurückzukommen. DAS ist es am Ende, was sich wirtschaftlich rechnet. Wenn der Verein wegen der Verletzungen von Olic, Jansen und Behrami seine Spiele verliert, dann ist jeder durch die UKE-Zusammenarbeit gesparte Cent für die Katz.

Ich kann die Arbeit des neuen Arztes nicht beurteilen und will sie nicht diskreditieren. Ich weiß auch, dass die Aussage, Olic habe vor dem Gladbach-Spiel von den Ärzten „grünes Licht“ erhalten, um dann nach 20 Minuten erneut verletzt runterzuhumpeln, nicht eins zu eins auf die Mediziner herunterzubrechen ist. Hier ist auch der Spieler gefragt, der seinen Körper einschätzen kann und muss. Auch gehört dazu die Trainingsdosierung. Wir haben ja aus Dubai darüber berichtet, dass Joe Zinnbauer die Einheiten am Ende reduzieren bzw. ganz ausfallen lassen musste, um nicht noch mehr Verletzungen zu riskieren.

Jedenfalls sind dies alles Zutaten für ein strauchelndes Team. Weitere Beispiele: Petr Jiracek war gegen Gladbach sehr stark, in Frankfurt unterläuft ihm vor dem 1:2 ein Anfängerfehler. Johan Djourou war zuletzt konstant in der Deckung, in Frankfurt verursacht er zwei Elfmeter (über die Berechtigung des ersten will ich nicht streiten, doch ging der Aktion ein Stellungsfehler voraus). Artjoms Rudnevs wird immer wieder von den Fans gefordert und gefeiert, wenn er aufläuft. Ertrag aus den letzten Wochen: gleich Null. Matthias Ostrzolek comebackte vor acht Tagen daheim sehr ordentlich, eine Woche später verwachst er total. All dies ist logisch nach Verletzungen oder anderen Zwangspausen – aber es sorgt für Niederlagen, wenn es zu viele Spieler einer Mannschaft betrifft. Besserung in den kommenden Wochen? Ist nicht in Sicht.

Ob die Personalie Rafael van der Vaart in den kommenden Wochen für spürbare Unruhe sorgen wird, ist schwer vorherzusagen. Ich denke, es wird nicht so kommen. Den Kollegen von „Sport 1“ gab van der Vaart heute ein Interview. Hier die entsprechende dpa-Meldung dazu:

Rafael van der Vaart hofft auf seine Rückkehr in die Stammelf des Hamburger SV im Heimspiel am Samstag gegen Borussia Dortmund. «Das wird ein geiles Spiel. Dortmund ist eine Topmannschaft. Wenn man zu Hause gegen Dortmund spielt, muss man alles geben. Im Fußball ist alles möglich. Wir gehen mit Selbstvertrauen rein», sagte der Kapitän des norddeutschen Fußball-Bundesligisten im Interview mit «Sport1». Durch hartes Training wolle er wieder mehr Einsatzzeit bekommen. Im Abstiegskampf glaube er an die mentale Stärke des Tabellen-15. Auf jeden Fall wolle er über die Saison hinaus spielen: «Im Fußball geht alles so schnell. Einen Tag wird man gefeiert, am anderen ist man wieder schlecht. Ich bin noch topfit. Ich möchte noch gern alles geben für den Verein. Alles andere, was die Leute sagen, ist egal. Ich muss nur gute Leistung bringen und dafür werde ich alles geben.»

Dass der Star aus den Niederlanden in der kommenden Saison noch das HSV-Trikot tragen wird, ist mehr als unwahrscheinlich. Doch egal, ob er dem Drängen von Kansas City oder irgendeinem anderen Team aus Mexiko, Katar oder Italien erliegt – an seiner Person muss sich kein Streit entzünden.

Anders verhält es sich schon in der Trainerfrage. Unabhängig davon, ob Joe Zinnbauer der Mann für die nächsten zehn Jahre ist oder nicht, MUSS sich die Vereinsführung mit aller Macht hinter ihn stellen – so wie es im Moment durch entsprechende Aussagen von Peter Knäbel geschieht. Eine Trainerdebatte, die auch nur den Hauch einer Grundlage durch entsprechende Überlegungen im Verein hat, wäre ein Dolchstoß für ein wackelndes Team.

Durch die fehlende sportliche Entwicklung nach oben schliddert der HSV darüber hinaus in eine unruhige Sommerpause hinein. Das lässt sich jetzt schon sagen, und ich beziehe mich jetzt nur auf den Fall, dass der Abstieg vermieden wird. Andernfalls werden sowieso alle Karten neu gemischt. Doch wie schon im Vorjahr erlebt, fehlt dem Verein Planungssicherheit – vermutlich bis in den Mai hinein. Bis dahin werden sich Debatten nach folgendem Muster wiederholen: Diejenigen, deren Verträge auslaufen, kannst du nicht mehr gebrauchen, denn sie sind mit dem Herzen schon woanders; Ja, aber sollen Erfahrene draußen bleiben, die zumindest mal Klasse hatten?; Was nützt Klasse, wenn sie Jahre her ist?; Schon – aber mit U-23-Spielern bestehst du nicht im Abstiegskampf….

Ich befürchte, dass sich der HSV also im Sommer teuer bei anderen Vereinen bedienen muss, wenn er sich verstärken will. Zu teuer womöglich, das hat Dietmar Beiersdorfer in den beiden Transferphasen, die er bislang zu verantworten hatte, nicht ändern können. In diesem Zusammenhang, und zur richtigen Einordnung, hier die Quintessenz eines Gesprächs, dass ich mit einem hohen Bundesliga-Funktionär in den vergangenen Tagen hatte. Tenor: der HSV ist aktuell kein attraktiver Club mehr für einen Profi, viele andere Vereine haben an sportlichem Konzept, Vertrauensbildung, Perspektive mehr zu bieten – Hamburg punktet vor allem durch die Stadt und durch Geld. Devise: Was du in den vergangenen Jahren an Vertrauen zerstört hast, baust du nicht über Nacht wieder auf. Trotz Kühne, Otto, Didi und Volksparkstadion.

Neben dem negativen Grundtenor dieses Blogs möchte ich aber doch zumindest drei positive Eindrücke aus Frankfurt schildern. Zum Einen hat mir der Auftritt von Mohamed Gouaida im Vergleich zu den Vorwochen wieder besser gefallen, und vor allem beobachte ich sehr intensiv die Entwicklung von Gojko Kacar. Er war jahrelang in der zweiten Reihe, hat aber in dieser Zeit sowohl im Training als auch von der Ersatzbank aus immer wieder angefeuert und motiviert, er ist Ansprechpartner für die HSV-Profis aus seinem Sprachraum und hat darüber hinaus, wie ich finde, jetzt auch wieder fußballerisch gezeigt, dass auf ihn zu zählen ist. Und er verfügt über die richtige Selbsteinschätzung. „Wir waren zu vorsichtig und nicht entschlossen genug“, sagte Kacar unmittelbar nach dem 1:2 von Frankfurt. Selbstkritische Stimmen gingen mir in dem Gemecker über den Schiedsrichter und dem Lamento über vergebene Großchancen dort ansonsten zu stark verloren. Ich finde, Gojko Kacar ist einer derjenigen, deren Vertrag ausläuft, aber über dessen Verlängerung es sich zu angepassten Konditionen auf jeden Fall nachzudenken lohnt.

Dritter positiver Fall ist Zoltan Stieber, der seine steigende Form nicht nur durch sein drittes Rückrunden-Tor untermauern konnte. Gerade bei Stieber und Kacar sieht man, was eine gute und verletzungsfreie Vorbereitungsphase bewirken kann. Aber sie sind leider nur die Ausnahme.

Es bleibt also dabei: Um den Abstiegskampf dieser Saison zu bestehen, wird Joe Zinnbauer weiter brennen müssen und sein Feuer ins Team einpflanzen. Viel mehr Hoffnungen bleiben nicht. Der Spielplan, daheim gegen Dortmund, dann auswärts in Hoffenheim, hört sich nicht gut an.

Nach dem heutigen trainingsfreien Tag geht es morgen um 10 Uhr und um 15 Uhr weiter, wobei das Team erst am Nachmittag auf den Platz gehen wird. Davon und von noch viel mehr wird Euch Dieter berichten.

Lars
18.28 Uhr

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