“Da muss noch viel kommen von mir” – Kacars Traum vom Happy-End

25. Februar 2015

Tja, so läuft das eben an trainingsfreien Tagen: Ehemalige werden nach ihren Statements zur Lage der Nation befragt. Und wenn ich ehrlich bin, haben meine Kollegen von Bild und Mopo auch sehr interessante Gesprächspartner „ausgegraben“. Sergej Barbarez auf der einen Seite, Frank Arnesen auf der anderen. Und beide haben etwas zu sagen. „Klartext-Sergej“ haut ordentlich drauf, während Frank Arnesen etwas moderater argumentiert, dabei immer im Sinn, sich und seine Einkaufspolitik zu rehabilitieren.

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Und nur um es vorweg zu nehmen: Vieles, was die beiden sagen, sehe ich sehr ähnlich. Zum Beispiel die Thematik Rudnevs. Frank Arnesen holte den Letten zu nachträglich heiß diskutierten Umständen nach Hamburg und alle waren schockiert. Mich eingeschlossen. Als ich in den ersten Trainingseinheiten sowie den ersten Testspielen sah, was der bullige Angreifer alles nicht konnte – das war schon bitter. Fußballerisch war das alles außergewöhnlich dürftig – und dennoch traf er plötzlich – weil Trainer Thorsten Fink ihn aufstellte. Zwölf Treffer reichten am Saisonende dennoch nicht, um beim Trainer und dem Vorstand zu überzeugen. Schöngeist Fink wollte lieber einen spielerischen Angreifer haben, einen, der mit dem Ball zaubert und trotzdem trifft. Das Ergebnis dieser Suche kennen wir…

 

Nein, eigentlich hatten wir schon zu Fink-Zeiten gedacht, dass die finanzielle Ausweglosigkeit gewisse Tugenden erzwingt, die am Ende vielleicht sogar helfen, den besten Weg zu finden. Vertrauen in den bestehenden Kader zum Beispiel. Und ich bin mir sicher, dass Rudnevs weiter getroffen hätte, wenn man ihm weiter vertraut hätte. Die Frage ist immer nur: Passt dieser Spielertyp ins System? Und darauf kann ich aktuell nur sagen: Absolut. Denn jetzt heißt es, hinten dicht zu machen und schnell umzuschalten. Und schneller als Rudnevs ist in dieser Mannschaft kaum einer.

 

Was Vertrauen bewirken kann, wissen wir alle. Dem einen wird es entzogen – der andere blüht darin auf. Auch am Wochenende war das zu erkennen. Rafael van der Vaart hatte seit Zinnbauers Dienstantritt dessen Vertrauen. Uneingeschränkt. Immer wieder betonte der Trainer, dass van der Vaart „mein Kapitän“ sei und ließ ihn spielen. Auch in den sich häufenden Phasen, in denen der Niederländer schwächelte. „Es war mutig vom Trainer, gegen Gladbach so viel umzustellen“, sagt Gojko Kacar, der von van der Vaarts Degradierung profitierte. Dennoch sagt er: „Rafa ist unser Kapitän und alle profitieren von ihm. Wir wissen alle, dass er, wenn er in Form ist, immer für ein oder mehr Tore gut ist. Wir brauchen ihn.“ Fussball

 

Allerdings aktuell nicht unbedingt auf dem Platz.

 

Zumindest kann man das Gladbach-Spiel so deuten. Durch den Ausfall der neu verpflichteten Sechser Behrami und Diaz sowie van der Vaarts Formschwäche kamen zwei zum Zug, die schon ausgemustert waren: Der eben genannte Kacar und Petr Jiracek. Beide konnten sich in den letzten Monaten und Jahren nicht damit rühmen, bei den bisherigen HSV-Trainern besonders hoch im Kurs zu stehen. Von Vertrauen war wenig bis nichts da. „Petr hatte einige Einsätze und hat eigentlich auch fast immer ordentlich gespielt“, sagt Kacar über seinen Kompagnon im neuen Zentrum, „aber die Ergebnisse stimmten nicht und er war fast immer der Erste, der wieder raus musste.“ Das habe nicht so gar nicht funktionieren können.

 


 

Bei ihm selbst war das kaum anders – außer, dass er sogar noch weniger spielte. Bis zum Beginn dieser Saison, als Slomka ihn als Innenverteidiger einem bis dahin gesetzten Westermann vorzog. Kacars erster Hoffnungsschimmer nach knapp zwei Jahren spielerischer Abstinenz. Fast tragisch, dass ausgerechnet er sich unmittelbar vor Saisonbeginn verletzte. „Das war bitter“, erinnert sich Kacar, „aber ich war ja schon einiges gewöhnt. Deshalb aufgeben war nicht drin. Nicht nach der langen Zeit.“

 

Stattdessen gab Kacar weiter alles. Am vergangenen Freitag deutete Zinnbauer dann nach Diaz’ Verletzung an, der Serbe solle sich bereithalten. „Er sagte mir, dass es sein könnte, dass ich meine Chance bekomme und dass er sich einen aggressiven Gojko wünscht. Und ich glaube, das hat funktioniert.“

 

Hat es. Und soll es auch weiterhin. Zusammen mit Jiracek im Zentrum hat Zinnbauer die richtige Mischung aus Aggressivität und spielerischer Finesse. Behrami trainierte heute nach ein paar speziellen Kraftausdauerübungen wieder voll mit und scheint tatsächlich schon für Frankfurt wieder eine Alternative sein zu können. Was aus dem Schweizer wird, wenn er wieder da ist? Kacar darf es nicht interessieren, sagt er selbst. „Ich habe jetzt gerade einmal ein gutes Spiel gemacht – mehr nicht. Ich juble nicht sondern bereite mich auf Frankfurt vor.“

 

Und das gewissenhaft. Vor jedem Training gibt es Behandlung und Stabi-Training. Kacar ist hundertprozentig. Und vorsichtig. „Ich weiß, wie schnell alles geht. Was morgen passiert, weiß heute keiner. Und es kann immer alles anders sein. Ich verlasse mich auf nichts – außer auf mich.“ Gezweifelt habe er nie. Das sagt er heute und hat es tatsächlich auch zwischendurch immer gesagt. „Es hat sich nichts verändert: Ich stand dem HSV immer zur Verfügung und tue das auch heute noch.“

 

Eine logische Frage wäre normalerweise, wie es jetzt weitergeht. Sein Vertrag läuft im Juni aus. Und als Journalist muss ich diese Frage stellen, falls entweder a) der Spieler, oder b) der Verein sich schon geäußert hat. Im besten Fall haben beide bereits miteinander gesprochen. Aber in diesem Fall, nach einem guten Spiel in zwei Jahren wollte ich ihm diese Frage nicht zumuten. Dennoch erzählte er mir, dass er sehr gern in Hamburg bleiben würde.

Niedergeschlagenheit? Vorbei! Hofft Gojko Kacar, der in Hamburg noch Pläne hat, zumindest.

Niedergeschlagenheit? Vorbei! Hofft Gojko Kacar, der in Hamburg noch Pläne hat, zumindest.

„Ich liebe es hier. Die Stadt, den Verein, die Fans – es ist hier besonders. Das weiß ich. Und das gibt niemand gern her. Ich auch nicht. Aber ich warte ab, was der verein möchte. Mein Vertrag läuft aus, ich würde gern bleiben – aber wenn der Verein etwas anderes plant, ist das sein gutes Recht. Ich kann mich nur weiter anbieten. Auf dem Platz und da mit Leistung. Und das werde ich. Aber ich weiß auch, dass es hier noch ein weiter Weg ist für uns, mit wichtigen Zielen. Das ist wichtiger als meine Situation.“

 

Der Serbe, der in der Mannschaft hohes Ansehen genießt, ist fokussiert. Trainingsspiele nimmt er so ernst wie Punktspiele. Nicht selten flucht und pöbelt er, wenn Spiele leichtfertig verloren – oder einfach nur verloren werden. Daher habe er sich auch nur sehr bedingt über seinen guten Einstand gegen Gladbach gefreut. Mehr gefreut haben ihn indes die lobenden Worte seines ehemaligen Managers Dieter Hoeneß, der sich über Kacars Comeback gefreut hatte und ihn gegenüber „Sky“ ausdrücklich gelobt hatte. „Herr Hoeneß hat mich nach Deutschland geholt. Er ist so etwas wie mein Vater in Deutschland. Er hat immer an mich geglaubt und mir das auch so gesagt. Das zu hören macht mich stolz.“

 

Stolzer noch würde ihn eine Vertragsverlängerung machen. Er will beim HSV bleiben. Das Geld sei nicht das entscheidende Kriterium. Dafür aber – und hier schließt sich der Kreis – das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird. Aber sprechen wird er darüber nicht. „Ich mache lieber – und rede nicht so viel.“ Ein Motto, das man im Profifußball nur viel zu selten gelebt sieht. Aber es tut gut.

 

Im Training heute war Kacar wieder mit Jiracek im A-Team- Während der taktischen Übungen deckte er das defensive Zentrum ab – Jiracek durfte etwas offensiver agieren. „So hatten wir uns abgesprochen vor Gladbach. Ich hatte ihm gesagt, dass ich vor der Abwehr bleibe und er die Freiheiten nutzen soll.“ Hat funktioniert. Heute wie Sonntag. Hoffen wir mal, dass das auch am Sonnabend in Frankfurt so bleibt. Zu gönnen wäre es dem sympathischen Serben – ebenso wie dem HSV und seinen Fans.

 

Bis morgen! Da wird um 15 Uhr an der Arena trainiert.

 

Bis dahin,

Scholle

 

 

 

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