Beiersdorfer forciert Druck auf Mirko Slomka – Tah nach Düsseldorf ***Aktualisiert: Badelj nach Florenz, Holtby zum HSV****

31. August 2014

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HSV bestätigt: HSV-Mittelfeldspieler Milan Badelj befindet sich auf dem Weg nach Florenz zum Medizincheck. Geht alles glatt, dann wechselt der Kroate für vier Millionen Euro nach Italien.
Dietmar Beiersdorfer im NDR-Sportclub: „Lewis Holtby kommt Montag zum Medizincheck nach Hamburg!”
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Alles zurück auf Start. Nichts scheint besser zu sein als in der Vorsaison. Zumindest was DIESE HSV-Mannschaft angeht. Das ist die Erkenntnis, die sicher viele Fans und auch die Verantwortlichen des HSV aus der desolaten 0:3-Pleite gegen den SC Paderborn gezogen haben. Genau ein Spiel lang hielt die Illusion, dass die erfolglose Mannschaft von 2013/2014 nun 2014/2015 vielleicht doch, ausgestattet mit besserer Physis und mit Rückhalt aus dem Verein, zu besseren Leistungen imstande ist. Die Partie gegen einen natürlich auch unbeschwerten Aufsteiger aus Paderborn zeigte das Gegenteil.

Dietmar Beiersdorfer, der Vereins-Vorsitzende, hat heute in – für seine Verhältnisse – deutlichen Worten gesagt, was aus seiner Sicht Sache ist: „Wir haben ja schon analysiert vor der Saison. Es war und ist klar, dass wir Akzente und Inputs setzen müssen. Wir hatten natürlich wenige neue Spieler auf dem Rasen. Aber man hat gesehen, dass die Konstellation der Mannschaft in Teilen verändert werden muss. Das wird unsere Aufgabe sein.“ Unsere Aufgabe, sagt Beiersdorfer, und meint vor allem die Aufgabe von Trainer Mirko Slomka.

Wie schon in Köln, als es funktioniert hat, baute der Coach auch gegen Paderborn – bis auf Valon Behrami – auf Spieler, die den Absturz der vergangenen Spielzeit mitgestaltet haben. Gestern klappte das Kartenhaus zusammen. „Natürlich sind wir überaus unerfolgreich“, so Dietmar Beiersdorfer. „Wir haben lange Zeit kein Spiel gewonnen. Wir haben uns gut vorbereitet und sind fit und körperlich deutlich besser in Form als vergangene Saison. Trotzdem müssen wir die Überlegungen der Sommerpause umsetzen -da ist auch der Trainer gefordert. Aber dennoch werden wir in Ruhe und mit dem richtigen Fokus versuchen, den Finger in die Wunde zu legen. Weil es einfach sein muss. So wie gestern dürfen wir uns nicht präsentieren.“

Klarer Auftrag also an Mirko Slomka: Neue Spieler in die Mannschaft.

Dass es ansonsten, und sowieso bei weiter fehlendem Erfolg, auch an den Stuhl des Trainers geht, liegt auf der Hand. Saison übergreifend saß Mirko Slomka 15 Spiele auf dem HSV-Trainerstuhl. Seine Bilanz: drei Siege, drei Unentschieden, neun Niederlagen. Beiersdorfer: „Wir sind gestern durch den Boden gegangen. Das haben wir uns so nicht vorgestellt. Als Verantwortlicher ist man da geschockt. Aber den Schwung, den ich auch gespürt habe, müssen wir trotzdem aufnehmen. Wir haben Akzente gesetzt – das muss einfließen in den Club. Man braucht aber auch Zeit, um einen Output zu sehen.“ Was lange schlecht war, ist nach Beiersdorfers Überzeugung nicht von einen Tag auf den anderen Tag ins Lot zu bringen: „Wir stecken nicht den Kopf in den Sand und auch nicht den Sand in den Kopf. Wir waren nicht davon ausgegangen, Paderborn aus dem Stadion zu fegen. Aber dennoch darf man nie und nimmer hier 0:3 gegen Paderborn verlieren. Das, was ich gesagt habe, dass wir wieder Stolz erarbeiten wollen und aufrecht gehen, ist somit unterminiert. Wir müssen Reaktionen zeigen, das weiß der Trainer, und er wird Reaktionen folgen lassen.“

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Was den Zeitfaktor angeht, glaubt Beiersdorfer, dass der lange Weg des HSV nach unten auch einen langen Weg zurück nach oben nach sich zieht. Die Frage ist bei diesen Worten natürlich, ob dieser lange Weg nach oben dauerhaft mit oder ohne Mirko Slomka gegangen wird. Slomka hatte gestern nach dem Abpfiff eingeräumt, zu „Null komma null“ mit einer solch schwachen Leistung gerechnet zu haben. „Wir wollten uns gut präsentieren und haben die Fans brutal enttäuscht.“

Was nun die angesprochenen Veränderungen in der Startelf schon beim nächsten Spiel in Hannover am 14. September angeht, darüber kann ab jetzt kräftig spekuliert werden. Ostrzolek auf links, Müller im Mittelfeld, Cleber in der Deckung – diese drei Alternativen bieten sich heute schon an. Weiteres hängt davon ab, ob bis Montagmittag die gewünschten Verpflichtungen unter Dach und Fach sind. Während der Vater von Julian Green auf ESPN bereits das Leihgeschäft zwischen Bayern München und dem HSV bestätigte (ohne Kaufoption), gibt es in Sachen Lewis Holtby aktuell noch keinen Vollzug zu melden.

Gestern hatte ich zwischenzeitlich die Information erhalten, die Sache sei fix, der HSV könnte Holtby sogar kaufen. Das wird sich allerdings nicht realisieren lassen. Es geht weiter um ein Leihgeschäft. Aus HSV-Sicht am liebsten mit einer Kaufoption. Heute saß Lewis Holtby jedenfalls noch beim Heimspiel von Tottenham Hotspur gegen den FC Liverpool auf der Bank der Londoner und sah von dort aus eine 0:3-Heimniederlage.

Neue rein, „alte“ raus. Im Mittelfeld müssen sich wohl Milan Badelj und Tolgay Arslan Sorgen um ihre Position in der Startelf machen. Das war gestern gar nichts und ist für mich nahezu unverständlich, weil beide in Köln noch gut drauf waren. Wo ist innerhalb einer Woche die Spritzigkeit geblieben? Ist sie in den Treppenläufen am Mittwoch hängen geblieben? Schwer vorstellbar. Auch Marcell Jansen kam nicht richtig ins Tempo. Und was Rafael van der Vaart angeht: Bei seiner Verletzung handelt es sich um eine Waden-Zerrung, die sicher eine mehrwöchige Pause nach sich ziehen wird. Und Pierre Michel Lasogga ist immer noch nicht in Wettkampfverfassung. Kurzum: Zu viele Baustellen, um sich gegen Paderborn besser aus der Affäre zu ziehen.

Dietmar Beiersdorfer sieht in der Leistung gestern immer wieder eine Parallele zur Vorsaison. „Man hat den Eindruck, dass die Mannschaft bei Misserfolgserlebnissen zu alten Verhaltensmustern zurückkehrt. Das war schon im Test gegen Lazio Rom erkennbar. Und auch gestern wieder.“ Auch diese Beobachtung rechtfertigt den Wunsch nach „neuen Akzenten“ – auch um die Spieler der Vorsaison zu entlasten und ihnen den Druck zu nehmen. „Vielleicht war es ja dieser Druck, den das Team auch gestern gespürt hat“, mutmaßt Beiersdorfer.

Mehr, vielleicht schon neue Transfer-Entwicklungen, gibt es von Dietmar Beiersdorfer heute Abend ab 22.45 Uhr als Studiogast im NDR-Sportclub.

Zurück zu Holtby: Seine Verpflichtung, wenn sie denn über die Bühne geht, würde genau in die Transfer-Strategie passen, die Dietmar Beiersdorfer seit Anfang Juli in Hamburg verfolgt. Im „Bild“-Interview gestern hat er noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, wie ungewöhnlich die Situation im Sommer 2015 sein wird, wenn insgesamt elf Spielerverträge auslaufen. Zu diesem Zeitpunkt ist es vielleicht möglich, aber keineswegs sinnvoll, alle elf Positionen auf einmal auszutauschen. Also baut Beiersdorfer vor.

Cleber wurde schon jetzt verpflichtet, um ihm ein Jahr Eingewöhnungszeit zu bieten, damit der HSV auf der Innenverteidiger-Position nicht unter Druck gerät, wenn die Verträge von Heiko Westermann und Slobodan Rajkovic auslaufen. Zu derart fürstlichen Beträgen wie aktuell (jeweils über zwei Millionen Euro Jahresgehalt) werden diese Verträge ganz sicher nicht verlängert. Ebenso ist die Verpflichtung von Matthias Ostrzolek zu betrachten. Vielleicht spielt er im Moment noch nicht so viel (hat auch im Training nicht immer den besten Eindruck hinterlassen, dafür ist er nach seiner Einwechslung gestern ordentlich marschiert), aber der Kauf vom FC Augsburg ist jetzt schon ein Signal an Marcell Jansen, dass mit dessen Vertragsende 2015 ein Nachfolger parat steht.

Nun also Holtby, der in ähnlicher Weise auf Rafael van der Vaart wirken soll. Ob alle neuen Leute die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen werden, ist natürlich noch nicht abzusehen. Aber zumindest baut der HSV vor. Freilich ändert das nichts daran, dass die wirtschaftliche Situation des Vereins – bzw. der AG – als höchst problematisch beschrieben werden muss. Der Gehaltsetat liegt schlappe zehn Millionen Euro über den Ursprungsplanungen. Im Grunde ist der Weg Beiersdorfers bislang nur durch Klaus-Michael Kühne möglich.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen häufig geäußerten Vorwurf gegen Kühne eingehen. Oft wird behauptet, Kühne habe eben nicht nur das Wohl des HSV, sondern vornehmlich sein eigenes im Auge. Vermeintlicher Beleg: Der hohe Zinssatz von vier Prozent, mit dem er sich sein jüngstes 17-Millionen-Euro-Darlehen absichern ließ. Die Zinsen, das lesen wir jeden Tag überall, seien schließlich günstiger im Moment.

Das gilt allerdings vielleicht für einen kleinen Privat-Kredit, der durch einen solventen Kunden gut abgesichert ist. Ein marodes Unternehmen, dass jahrelang in den Roten Zahlen gelandet ist, und dass zum Überleben auf eine Finanzspritze von außen angewiesen ist, das erhält eben nicht mal so eben 17 Millionen Euro mit 1,5 Prozent verzinst. Im Gegenteil: Der Zinssatz, dem Kühne dem HSV abnimmt, ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen in Ordnung.

Und er gibt dem HSV Handlungsspielraum, den er ansonsten kurzfristig nicht gehabt hätte. Mit dem Darlehen von Kühne hat der HSV die Chance, sich kurzfristig sportlich zu konsolidieren und damit langfristig auch die wirtschaftliche Seite in den Griff zu bekommen. Wie dringend nötig das ist, zeigt auch der Sechs-Millionen-Vorschuss von adidas zur Lizenz-Sicherung. Neben der inhaltlichen Notwendigkeit, die die HSV-Verantwortlichen veranlasst haben, das Konzept des „Campus“ zu überdenken, kommt als Mitnahmeeffekt der verzögerte Baubeginn samt hinausgezögerter Investition hinzu. Auch hier werden Kosten aufs kommende Geschäftsjahr verschoben. Auch dann wird nicht alles Gold sein beim HSV, aber doch wird die Zeit bis zum Ende der hohen Ratenzahlungen für den Stadionkredit geringer. Ab 2017 kann der Club hier mit deutlich weniger Ausgaben planen. Bis dahin könnten sich dann auch die ersten Maßnahmen im Nachwuchsbereich rechnen, die nun formuliert wurden.

Bei allen Prognosen gibt es viele Unbekannte, aber nach allem, was wir von anderen Vereinen in Deutschland oder im europäischen Ausland wissen, ist der HSV tatsächlich auf dem richtigen Weg. Der HSV hat den Vorteil eines wirtschaftlich potenten Umfelds, extrem treuer Anhängerschaft und großer Bedeutung in der Stadt. Hin und wieder wird ja darauf hingewiesen, dass der Zug nach oben abgefahren sei. Bayern, Dortmund, Leverkusen, Wolfsburg, evtl. Leipzig – da ginge von Haus aus mehr. Das ist aktuell ganz sicher so, aber die Pfunde, mit denen der HSV wuchern kann, sind auch nicht schlecht. Es braucht einiger richtiger strategischer Entscheidungen und ein wenig Glück.

Diese Eigenschaften sind der alten Führung abzusprechen. Zwar liegen noch keine Zahlen für das Geschäftsjahr 2013/14 vor. Und, wie ich höre, wird es auch keine abschließenden Zahlen geben, die einen einfachen Vergleich mit den Geschäftsergebnissen der Vorjahre zulassen. Der Grund ist ganz einfach der, dass die Ausgliederung des Fußball-Profi-Bereichs in eine AG rückwirkend zum 1. Januar dieses Jahres gelten wird. Insofern fließen in den Abrechnungen von e.V. und AG Zahlen zusammen, die andere Berechnungsgrundlagen haben werden als in der Vergangenheit. Klar ist allerdings, dass es nach alter Rechnung ein erneutes erhebliches Minus-Budget gegeben hätte. Interne HSV-Berechnungen sprechen von Zahlen um fünf Millionen Euro – Verlust, versteht sich.

Kurz vor dem Ende der Transferfrist hat sich Jonthan Tah übrigens noch auf die Socken nach Düsseldorf gemacht. Dort hat er am Sonntag allerdings noch keinen Medizin-Check absolviert. Dennoch: Verlaufen die Gespräche erfolgreich, so wird Tah für ein Jahr an die Fortuna verliehen.

Nach dem 0:3 gegen den SC Paderborn hat ein Besuch der HSV-U-23-Mannschaft heute jedem Fan gutgetan. Die Mannschaft von Trainer Joe Zinnbauer gewann gleich mit 3:1 gegen den Lüneburger SK. Trainer bei den Lüneburgern übrigens der ehemalige HSV-Profi Elard Ostermann, der auch in der Hamburger Amateur-Szene wohlbekannt ist. Der HSV schaffte jedenfalls den sechsten Sieg im sechsten Spiel – eine unfassliche Geschichte nach der zittrigen Vorsaison. Das Resultat täuschte ein wenig über das Chancen-Verhältnis hinweg, denn die Gäste hatten gute Möglichkeiten, scheiterten aber immer wieder am starken HSV-Keeper Alexander Brunst. Auffälligster Feldspieler war Tolcay Cigerci, der sich mit einem Tor und vielen guten Offensiv-Aktionen empfahl. Das wird auch dem neuen Sportdirektor Bernhard Peters nicht verborgen geblieben sein. Der neue sportliche Leiter des Nachwuchszentrums, Patrick Rahmen, war heute übrigens beim Spiel der HSV-B-Jugend in Cottbus.

So spielte der HSV II: Brunst – Götz, Jung, Kim, Marcos – Arslan (90. Derflinger), Masek, Mende (68. Jordan), Gouaida – Cigerci (86. Adomah), Brüning
Tore: 1:0 Cigerci (27.), 2:0 Arslan (40.), 3:0 Brüning (45.), 3:1 Alawie (72.)

Die Profis haben morgen trainingsfrei. Einige sind zu Länderspielen unterwegs – der Rest der Truppe bestreitet in dieser Woche Freundschaftsspiele in Neumünster (Donnerstag) und Danzig (Freitag).

Und dann, nach dem länderspielfreien Wochenende, geht’s in die Hannover-Woche. Allein schon deshalb wird Fußball-Deutschland auf Mirko Slomka blicken. Gelinde gesagt, wird es ein ganz wichtiges Spiel dort für den Trainer des HSV.

Lars
18.41 Uhr

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