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Tuchel als A-Lösung – oder kommt Breitenreiter?

30. März 2015

Was bleibt ist die Hoffnung. Sagt man so. Gerade beim HSV keine anderen, greifbaren Anhaltspunkte für Hoffnung hat. Und ich schließe mich dem für die nächsten acht Spiele an. Zum einen Weil mir auch nichts anderes übrigbleibt und dauerhaftes Schwarzmalen an sich schon nervt. Ich muss mit dem umgehen, was aktuell hier passiert und was an Qualität vorhanden ist. Mit Hoffnung. Schon allein, weil ich wieder das Gefühl habe, dass hier beim HSV mit Weitblick geplant wird. Stichwort: Thomas Tuchel.

 

DER Hoffnungsträger? Thomas Tuchel soll ab Sommer den HSV führen - und mithelfen, ihn umzubauen...

DER Hoffnungsträger? Thomas Tuchel soll ab Sommer den HSV führen – und mithelfen, ihn umzubauen…

Am Mittwoch hatte ich ein langes, sehr interessantes Telefonat, nach dem klar zu sein schien, dass Tuchel zur neuen Saison nach Hamburg wechselt. 180 Zeilen waren allein mit diesem Thema verfasst, fertig zur Freischaltung. Der HSV und Tuchel hätten demnach bereits eine Vorvereinbarung verabschiedet und nur noch den Fall eines Abstieges abschließend zu besprechen. Allerdings wäre selbst dafür ein Weg vorhanden, hieß es. Allein, so weit war und so weit ist der HSV noch nicht. Dafür aber, das stellte der Aufsichtsratsvorsitzende Karl Gernandt in dem aufschlussreichen NDR-Interview klar, sei man schon sehr weit. Bis jetzt allerdings so, dass Tuchel alle Trümpfe in der Hand hielte. Soll heißen: Der HSV wartet – und dem Noch-Mainzer liegt der HSV zu Füßen.

 

Und das schon lange. Daher auch die zögerlichen Trainerentscheidungen seit Sommer 2014. Es wurden stets B-Lösungen akzeptiert, solange sie den großen Wechsel nicht gefährdeten. Erst wurde Slomka trotz großer interner Bedenken bestätigt, dann nach drei Spieltagen entlassen. Für ihn übernahm wieder nicht die Wunschlösung, sondern eine interne, nämlich die Beförderung von U23-Trainer Joe Zinnbauer. Der wusste sich wie zuvor mit einer Siegesserie bei der U23 schnell mit seiner Akribie und seiner Hingabe in die Herzen der Verantwortlichen zu arbeiten. Daher auch die späte Reißleine – mit einer erneuten Übergangslösung als Folge. Denn jetzt ist es der Direktor Profifußball, der das Zepter schwingt – bis Saisonende. Eben bis Tuchel sich entschieden hat.

 

Und so sehr ich an die Langfristigkeit mit Tuchel als Trainer glauben möchte, bis zur Entscheidung des in Mainz inzwischen kritisch betrachteten Trainers geht der HSV hohes Risiko. Sollte es am Ende in die zweite Liga führen – ohne Zusage Tuchels – es wäre der Super-GAU für Beiersdorfer, Knäbel und Peters. Ehrlich gesagt – es wäre noch mehr. Aber darüber machen wir uns dann Gedanken, wenn es tatsächlich so weit kommen sollte.

 

Allerdings besteht eine große Gefahr darin, sich einem Wunschkandidaten so auszuliefern. In vielerlei Hinsicht. Oder macht der HSV das gar nicht? Wie ich erfahren habe, beschäftigt sich die HSV-Führung zwar vorrangig mit Tuchel, hat aber parallel einen weitern Kandidaten auf seiner noch überschaubaren Kandidatenliste: Den Ex-HSV-Profi Andre Breitenreiter.

Genießt bei den HSV-Bossen großes Ansehen für seine Arbeit als Trainer in Paderborn: Ex-HSV-Prof André Breitenreiter

“Ich bin auch noch da!” – Ex-HSV-Profi Andre Breitenreiter genießt bei den HSV-Bossen großes Ansehen für seine Arbeit als Trainer in Paderborn

Der ehemalige HSV-Stürmer steht beim Abstiegskonkurrenten SC Paderborn aktuell noch bis 2016 unter Vertrag, soll aber im Falle eines Abstieges gehen dürfen. Der HSV soll seinerseits über Mittelsmänner sein Interesse mitgeteilt, bislang aber persönlich noch keinen Kontakt zu dem hoch gelobten Jungtrainer aufgenommen haben. Offiziell nachgefragt gibt es auf die Frage nach Breitenreiter kein Dementi – aber eben auch keinen Kommentar. Was auch sonst?

 

Für Tuchel spricht, dass er als Trainer bewiesen hat, gute Spieler noch besser zu machen. Er genießt in der Bundesliga einen herausragend, vielleicht sogar den besten Ruf als Trainer – bei den Spielern ist das schon etwas differenzierter. Aus Mainz war zu hören, dass sich der Mann im Sabbatjahr in seinen letzten sechs Monaten als Mainz-Chef verändert haben soll. Den nach außen so jungen Freund der Spieler habe es dagegen nie so wirklich gegeben. Tuchel soll vielmehr ein Mann mit ganz klaren Visionen sein. Umwege kenne er nicht – und das hat zum Zerwürfnis mit Mainzer Spielern wie Führungskräften gesorgt. Und was ich angesichts der hier noch immer zu verhätschelten HSV-Profis sehr gut finde, könnte intern durchaus Probleme geben. Denn weder Knäbel noch Peters gelten als Führungskräfte, die von ihren Wegen abweichen.

 

Dennoch klingt die Variante mit Tuchel nach Aufbruch. Ich will hier gar nicht mehr den hierzulande inflationär benutzten Begriff „Umbruch“ nennen, nachdem im Sommer neun Neue kamen und die alten Probleme offenbar blieben. Dennoch ist nach den Ansage vom Wochenende klar, dass Beiersdorfer und Co. weiter versucht sind, das personelle Gesicht der Mannschaft zu verändern. Van der Vaart wusste das schon seit dem Winter, Ivo Ilicevic dürfte mit nichts anderem gerechnet haben, Jansen es zumindest geahnt haben und Kacar dürfte davon zumindest nicht überrascht sein. Obgleich der Serbe von den vier zum Sommer wechselnden Spielern noch derjenige ist, der zuletzt positiv auf sich aufmerksam machen durfte. „Wir kommen aus einer langen Phase der Depression“, hatte Beiersdorfer gesagt und korrigiert: „Wir sind sogar noch drin. Daher werden wir weiter versuchen, das Gesicht zu verändern und zu verbessern.“ Ob das mit oder ohne Rajkovic passiert, ist weiter offen.

 

Der HSV will auf unvorbelastete Spieler setzen. Auf Neue eben. Und dafür soll viel Geld in die Hand genommen werden. Tuchel an sich wird als Trainer schon teuer. Und da der Wunschkandidat darauf bestehen soll, seine Vertrauensleute mitbringen zu dürfen, wird das noch mal etwas teurer. Ganz zu schweigen von den notwendigen Verstärkungen, die beide Parteien im Vorwege abklopfen. Tuchel soll sich schon seit längerem grundsätzlich für den HSV entschieden haben. Verhandlungspunkte sind dabei vielmehr noch die notwendigen Umbaumaßnahmen auf sportlicher Ebene. Und damit nicht noch einmal so etwas passiert wie zuletzt Beiersdorfer, wird es haarklein diskutiert. Oder wie Gernandt es nannte, bis ins kleinste Detail durchdekliniert. Tuchel lässt sich, so sagt man es ihm in Mainz nach, alles schriftlich geben, was er vereinbart.

Planen mit Tuchel den näcghsten großen Schnitte: HSV-Boss Dietmar Beiersdorfer und der AR-Vorsitzende und Kühne-Vertraute Karl Gernandt

Planen sie mit Tuchel den nächsten großen Schnitt? HSV-Boss Dietmar Beiersdorfer (l.) und der AR-Vorsitzende und Kühne-Vertraute Karl Gernandt

Nur auf das Wort seines Gesprächspartners verlässt er sich nie. Demnach kann ihm so etwas wie Beiersdorfer, der mit Kühne vor seinem Amtsantritt für das Sommertransferfenster deutlich mehr vereinbart hatte als er letztlich umsetzen konnte, nicht passieren.

 

Und das macht mir Hoffnung.

 

Allerdings erst für die neue Saison. Und bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Mit Knäbels neuem Assistenten Peter Hermann ist eine wertvolle Kraft dazugeholt worden. Und jetzt gilt es für Knäbel, seine Spieler zu greifen und sie wieder in die Spur zu bringen. Vor allem muss er diejenigen motivieren, die wissen, dass sie nicht über den Sommer hinaus bleiben sollen. Bei van der Vaart und Kacar ist das eingebaut. Bei Ilicevic ist es eher eine Frage der Muskulatur denn der des Willens. Und Jansen hat den festen Vorsatz, sich in Hamburg nach nunmehr sieben Jahren ordentlich zu verabschieden.

 

„Es zählt nichts als der Klassenerhalt“, so Jansen, der zwar gern geblieben wäre, der die Entscheidung des Vereins aber akzeptiert. Jansen ist, da kann man sagen, was man will, loyal bis zum letzten Moment. Er ist sicherlich nicht der leichteste Spieler für Trainer, weil er auch dann mal eigene Ansichten vertritt, wenn sie vielleicht gerade mal nicht geäußert werden müssen. Aber er ist positiv all dem gegenüber, für das er eintritt. Und der HSV ist genau das. Insofern haben Knäbel und Hermann bei den vier bereits Aussortierten eher nichts zu befürchten.

 

Bei Rajkovic und Westermann ist es ähnlich wie bei van der Vaart und Kacar gelagert. Die beiden gelten als vorbildlich in Sachen Einstellung. Und beide haben einen großen Motivationsfaktor, da sie den Verein noch immer von ihrem Verbleib überzeigen können. Beide für weniger Geld als bisher – aber bei beiden ist das Interesse, in Hamburg eine Vertragsverlängerung angeboten zu bekommen, groß.

 

Insofern glaube ich nicht daran, dass der Zeitpunkt für diese Gespräche ungünstig gewählt ist. Im Gegenteil: Ich glaube, dass sie ein Zeichen dafür sind, dass dieser Vorstand einen Plan hat. Und dieses Zeichen dürften auch die Problemfälle mit laufenden Verträgen verstanden haben. Wer bleiben will, muss Gas geben. Und nur so kann es (jetzt noch) funktionieren.

 

Hoffentlich.

 

Bis morgen! Da wird um acht Uhr gelaufen und um 10.30 sowie 16.30 Uhr trainiert. Im Anschluss daran melde ich mich wieder bei Euch.

 

Scholle

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