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Labbadia: „Die Hoffnung ist wieder da”

26. April 2015

„Wir werden jetzt keine Purzelbäume schlagen.“
 
Das war ein Kommentar von HSV-Trainer Bruno Labbadia nach dem 3:2-Erfolg über den FC Augsburg.
 
Richtig so. Jetzt gilt es für alle, den Ball schön flach zu halten. Immer schön flach halten. Noch ist nämlich überhaupt nichts erreicht. Dieser Sieg war einfach Pflicht, denn sonst wäre der HSV nicht nur optisch am Ende geblieben. Er war Pflicht – und trotz allem schön. Keiner konnte doch erwarten, dass dieser offensivflaue HSV plötzlich dazu in der Lage ist, gleich drei Treffer zu markieren. Viele hatten es zwar erhofft, denn irgendwann musste der Knoten ja einmal platzen – aber ausgerechnet gegen Angstgegner Augsburg? Der FCA hatte noch kein Bundesliga-Spiel im Volkspark verloren. Die Freude sei jedem gegönnt, auch dass schön gefeiert wurde – am Sonnabend. Nun aber muss damit schon wieder Schluss sein. Am Sonntag steht die schwere Auswärtspartie in Mainz auf dem Programm, und da heißt es natürlich für den HSV: nachlegen! Und das kann mit Sicherheit nur dann funktionieren, wenn jetzt niemand ausrastet oder ausflippt. Immer schön die Ruhe bewahren – und hart arbeiten. Und wie gesagt: Ball flach halten. Und auf keinen Fall Purzelbäume schlagen.

 

 

Die Freude darüber, dass der HSV mit diesem Dreier plötzlich doch wieder lebt, soll natürlich niemandem genommen werden, aber jetzt schon wieder davon zu träumen, dass der HSV nun noch in den letzten vier Spielen das Feld von hinten aufrollen wird, das kann jetzt tatsächlich niemand im Ernst meinen. Es ist „unten“ richtig schön eng, und für den HSV ist es mit Sicherheit auch gut, dass nun mit Hannover 96 ein weiterer heißer Kandidat um den Startplatz in der Zweiten Liga begrüßt werden darf. Ab Tabellenplatz 14 darf wohl kräftig gezittert werden, also beginnt mit dem SC Freiburg (30 Punkte) die aktuelle Abstiegszone. Hannover auf Platz 15 hat 29 Zähler, der HSV auf dem Relegationsplatz 16 liegt mit 28 Punkten hauchdünn dahinter, und dann rangieren der punktgleiche SC Paderborn (heute 2:2 gegen Werder) und Schlusslicht VfB Stuttgart (27 Punkte) auf den roten Rängen – mit denen es dann etwas später direkt runter geht. Es ist also unheimlich eng dort in der kritischen Zone, im Gegensatz zum Vorjahr, als Braunschweig, Nürnberg und der HSV einträchtig nebeneinander verloren. . . War das schön. In diesem Jahr muss der HSV dagegen schon tüchtig ackern, um dem Tod noch von der Schippe zu springen.

„Die Hoffnung ist jetzt wieder da, dieser Sieg war ein kleiner, aber sehr wichtiger Schritt für uns“, sagt Bruno Labbadia und fügte hinzu: „Diesen Sieg haben wir ganz einfach gebraucht. Die Mannschaft hat sich damit die Hoffnung und den Glauben zurückgeholt. Und zwar für sich selbst und für den ganzen Verein und die Stadt. Wir haben uns mit dem 3:2 weitere vier Endspiele gesichert.“ Der Coach fügte an diesem Tag auch noch etwas an, was vielleicht viele Trainer nach einem solchen Erfolg sagen würden, für Labbadia war es bestimmt auch ganz normal, so etwas zu sagen – für Hamburg war es das aber nicht: „Geschlossenheit war unser Faustpfand.“ Was? Geschlossenheit? Geschlossenheit beim HSV? Gibt es doch gar nicht! Gibt es doch seit vielen Monden nicht mehr. Hier doch nicht! Aber Labbadia befand tatsächlich: „Wir haben in den vergangenen Tagen versucht, geschlossen aufzutreten – und das hat die Mannschaft hervorragend umgesetzt. Die Mannschaft ist der Matchwinner.“ Damit lag der Trainer abermals richtig.
 

In der Tat war eine Geschlossenheit zu erkennen. Und die gab es wohl auch erstmalig nach langer, langer Zeit. Viele Experten haben es schon seit Jahren schon erkannt und beim Namen genannt: „Der HSV hat keine Mannschaft, keine Einheit, zeigt bei den Spielen null Geschlossenheit.“ Sogar die Club-Führung wusste von diesem riesigen Manko. Und mit Sicherheit wurde auch einiges unternommen, um Besserung auf diesem Sektor zu erzielen, nur gefruchtet hat eigentlich nichts. Bis Labbadia kam. Das muss man dem Trainer bescheinigen. Er setzte früh auf Einzelgespräche, führte eines nach dem anderen, um die Spieler besser packen zu können, und um ihnen auch Selbstvertrauen zurückzugeben. Und er setzte auf den Punkt Geschlossenheit. Wurde vor dem Spiel in Bremen (wieder einmal) davon gesprochen, dass nun endlich einer für den anderen rennen und kämpfen würde, so war das gegen Augsburg auf jeden Fall deutlich zu erkennen. Da hat der neue Coach schon sehr viel bewegt – Kompliment. Auch wenn für mich natürlich das gilt, was ich eingangs schrieb: Ball flach halten. Denn noch war diese Geschlossenheit erst in diesem einen Spiel so richtig zu erkennen. Während der 90 Minuten, und während der Minuten nach dem Abpfiff. Da konnte man schon erkennen, dass aus einer Truppe doch eventuell noch eine Mannschaft werden könnte. Der Anfang jedenfalls ist gemacht – und das ist für Bruno Labbadia und für die anderen HSV-Verantwortlichen sicherlich eine ganz wichtige Erkenntnis. Das ist nun eine ganz kleine und noch sehr zerbrechliche Pflanze, die gehegt und gepflegt werden muss. Verbunden mit der großen Hoffnung, dass es nun auch der letzte Spieler kapiert hat, dass es nur so gehen kann. Und wird.
 

Die ganz großen Optimisten der HSV-Fangemeinde hatten ja schon vor dem Spiel eine kühne Rechnung aufgestellt: „Gegen Augsburg 1:0 gewinnen, in Mainz 0:0, gegen Freiburg 1:0 gewinnen, in Stuttgart 0:0 – und dann noch einmal 1:0 gegen Schalke 1:0 gewinnen. Das muss und dürfte reichen.“ Tut es wohl auch. Und gelegentlich dürfte der HSV ja auch mal drei Tore erzielen – wie jetzt getan. Wichtig ist dabei, viele werden es erkennt haben: Nach dieser Hochrechnung kassierte der HSV kein Gegentor mehr. Das aber fand schon gegen Augsburg ein schnelles Ende. Denn eines ist sicher: Nur durch die gepredigte und geforderte Geschlossenheit sind die vielen Fehler, die sich in dieser Saison wieder in das HSV-Spiel eingeschlichen haben, nicht sofort abgestellt. Im Gegenteil. Auch am vergangenen Sonnabend wurden die beiden Gegentore wieder viel zu leichtfertig her geschenkt. Beim 1:2 schlief die gesamte Abwehr – einschließlich Torwart Rene Adler. Ich sprach nach dem Spiel mit zwei ehemaligen HSV-Torhütern, unabhängig voneinander (einer ist ein bekennender Adler-Fan!), und beide sagten unisono: „Da muss Adler raus und sich den Ball greifen. Selbst wenn er dabei Freund und Feind erwischt und umhaut. Das ist sein Ding.“

 
Beim 2:2 machte sich dann wieder eine gewisse Nachlässigkeit bemerkbar, die sich beim HSV auch immer wieder sehr schnell einschleicht, nur wenn einige Aktionen mal ganz gut gelungen sind. So diesmal bei Zoltan Stieber, der den Ball lässig zu Gojko Kacar passen wollten – und den Teamkollegen dabei leicht verfehlte. Konter, Tor. Danke.Allein schon deshalb gebietet es sich jetzt, nur den Ball völlig flach zu halten. Zumal ja in der Vergangenheit bekannt war, dass sich der HSV damit schwertut, zwei Spiele in Folge zu gewinnen. Obwohl er es in dieser Saison tatsächlich schon geschafft hat: In Paderborn und dann gegen Hannover. Zur Nachahmung empfohlen.
 

Und vielleicht hilft dabei ja dann doch sehr tatkräftig Pierre-Michel Lasogga wieder mit. Seine zwei Treffer gegen Augsburg waren hoffentlich erst der Anfang (s)eines unbändigen Schlussspurtes. „Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als wenn die Leute deinen Namen rufen“, sagte der Doppelpacker nach dem Sieg – und seiner „Wiederauferstehung“. Es könnte ja wie in der vergangenen Saison werden, als Lasogga den HSV rettete. In diesem Jahr schien die Trumpfkarte Lasogga schon ausgespielt zu haben, aber plötzlich ist er wieder da und der Held. „Ihm werden die Tore für die nächsten Spiele weiterhelfen“, sagte Labbadia. Der Trainer hat maßgeblichen Anteil daran, dass der Torjäger wieder funktioniert, denn Ex-Torjäger Labbadia setzte von beginn an auf den HSV-Torjäger a. D. Der Coach päppelte Labbadia wieder mit vielen Gesprächen auf. Er gab ihm das Selbstvertrauen zurück, er gab ihm vor allem das Vertrauen, dass ein „hochsensibler Bär“ wie Lasogga dringend für sein Spiel benötigt.

 

Indem Labbadia voll auf Lasogga, der eigentlich schon im Hamburger Niemandsland verschwunden war, setzte, ging er hohes Risiko, aber es zahlte sich aus. Auf die Frage, ob sich der Trainer dadurch bestätigt fühle, antwortete Labbadia selbstbewusst: „Ich brauche keine Bestätigung. Ich bin kein Zauberer. Ich wusste, dass ich ihn hinkriegen muss. Und bei nur noch sechs Spielen musst du als Trainer einfach Entscheidungen treffen, und zwar mit voller Überzeugung.“ Und weiter führte der Coach aus: „Pierre-Michel hat einen Torriecher, und den verliert man nicht. Er hat sich mit seinen beiden Toren in erster Linie selbst geholfen. Und dazu auch unsere Ärzte und Physios, die viel für ihn getan haben. Und außerdem hat diesmal die Mannschaft viel für ihn getan, er ist ein Stürmer, der mit Vorlagen gefüttert werden muss – und das ist diesmal passiert.“ Der an diesem Wochenende so viel gelobte HSV-Stürmer selbst befand zu seinem Auftritt: „Mit Toren kann ich dem Trainer das Vertrauen, das er mir gibt, zurückzahlen. Wir müssen nun jede Woche den Kampf annehmen, und wenn uns das gelingt, dann, so bin ich mir sicher, werden wir auch die nötigen Punkte zum Klassenerhalt noch sammeln. Der Sieg gegen Augsburg war für uns erst ein Schritt, wir müssen aber noch vier weitere machen.“

 

Wie sehr im Fußball Glück und Pech nebeneinander liegen, das erfuhr Lasogga – ganz nebenbei – an diesem Sonnabend auch. Er drosch den Ball in der 32. Minute voller Wucht hoch und weit über den Ballfangzaun vor der Südtribüne, die Zuschauer ganz oben auf den Rängen mussten in Deckung gehen. Und dennoch riskierte der HSV-Stürmer in der 71. Minute noch einen ähnlichen Schuss. Viele hätten noch überlegt, ob sie überhaupt aus diesem Winkel schießen sollten, Lasogga aber fackelte nicht lange und zog volley ab. Und hatte das Glück auf seiner Seite – wurde so zu einem der Matchwinner an diesem Tag.

 

Etwas kleinere Gewinner gab es aber auch. Gojko Kacar zum Beispiel war einer von ihnen, weil er nach langer Zeit mal wieder ins kalte Wasser geworfen wurde – und auf Anhieb super funktionierte. Der „Aussortierte“ spielte sicher nicht spektakulär, aber er machte seine Sache umsichtig und solide, hatte nicht einen „Aussetzer“ dabei. Ein weiterer Gewinner war Marcell Jansen, der ebenfalls zu den „Aussortierten“ gehört. Obwohl er weiß, dass er am Saisonende gehen muss, gab Jansen nach seiner Einwechslung (in der 67. Minute) sofort Gas. Und traf sogar noch den Pfosten des Augsburger Tores. Sicherlich ist Jansen noch nicht wieder bei 100 Prozent, aber diese Minuten werden ihm dabei helfen, sich seiner besten Fitness weiter zu nähern – und das hilft dann auch dem HSV.

 

Ein anderer Gewinner hat an diesem Sonnabend gar nicht gespielt: Jaroslav Drobny. Der Ersatzkeeper hat in den vergangenen Wochen allein schon dadurch gewonnen, dass er wieder klaglos auf der Ersatzbank Platz nahm. Nach dem Schlusspfiff des Augsburg-Spiels war der Tscheche dann der erste Ersatzmann, der den Rasen enterte, um die Kollegen, die bis dahin so wacker gekämpft hatten, zu feiern. Johan Djourou sprang Drobny um den Hals, danach eilte der Torwart zu Landsmann Petr Jiracek, um ihn zu „knuddeln“. Später sprang Drobny dann noch zu den Fans im Norden, um mit ihnen gemeinsam zu jubeln zu singen und zu feiern. Schließlich gab er beim Verlassen der Tribüne noch sein Torwart-Trikot als Souvenir. Das war einmal mehr ein vorbildlicher Auftritt des HSV-Keepers – einfach nur lobenswert.

 

Und selbst auf die Gefahr hin, dass ich hier wieder von einigen „geschlachtet“ werde, schreibe ich noch von einem anderen Gewinner: HW4. In Halbzeit eins noch mit einigen kleineren Fehlpässen, spielte er dann einen ganz starken zweiten Durchgang, in dem ihm nur eine Flanke hinter das Tor rutschen ließ. Ansonsten: überragend! Schon vor dem Seitenwechsel erhielt Heiko Westermann, so wie es sich anhörte, besonders aus dem Osten und Süden, viel Szenenapplaus, nach dem Wiederanstoß zur zweiten Halbzeit klappten dann alle seine Aktionen, sodass er schon fast von allen HSV-Anhängern gefeiert wurde. Weiter so! Und zwar beide Seiten. Es hilft nämlich der Mannschaft und dem HSV.
Und wo ich gerade bei der Viererkette bin, da darf ich auch Johan Djourou nicht vergessen. Ebenfalls ein Klein-Gewinner. Was der Schweizer dort hinten herausköpfte, was er erahnte und abfing, wo er grätschte und den Kollegen neben und vor sich half, das war schon erste Sahne. Djourou gewann, das sei noch erwähnt, stolze 92 Prozent seiner Zweikämpfe und war damit der beste Mann auf dem Platz – in dieser Disziplin.

 

Aber wie bereits mehrfach geschrieben: Ball flach halten! Bitte, bitte. Sagt auch Heiko Westermann: „Wir dürfen jetzt nicht durchdrehen, sondern müssen weiter fokussiert bleiben.“ Eben. Und Marcell Jansen mahnt: „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“ Genau.

 

PS: Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal den beiden Gästen von “Matz ab live”, Stefan Böger (ehemaliger HSV-Profi) und Moderator Uli Pingel (HH1 und Sport1), für die es sehr viel Lob gab – auch heute noch den ganzen Tag. Das schreit geradezu nach einer Fortsetzung – mit diesem Sieg im Rücken! Glücksbringer!

 

PSPS: An diesem Montag wird im Volkspark nicht trainiert, am Dienstag geht es um 15.30 Uhr weiter.

 
Einen schönen Rest-Sonntag noch für Euch und Eure Lieben,
Dieter

 

18.38 Uhr

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