Allgemein

Beiersdorfer lobt Zinnbauers Arbeit: “Es ist eine Entwicklung zu erkennen”

29. September 2014

„Joe hat dafür gesorgt, dass wir wieder eine Mannschaft auf dem Platz haben, die sich auch als solche präsentieren. Es ist endlich wieder Stimmung im Team, Emotionen in der Kabine. Unser Trainer macht da einen sehr guten Job.“ Worte des Vorsitzenden des Tabellenletzten in der Bundesliga nach einer enttäuschenden Niederlage gegen Eintracht Frankfurt. Stärkende Worte für den Trainer, der einen Punkt aus drei Spielen holen konnte.

Und genau so muss es sein!

Ruhe bewahren und auf das Wesentliche konzentrieren. Und Dietmar Beiersdorfer ist zweifellos bekannt für seine Ehrlichkeit, für Geradlinigkeit, Nachdenklichkeit und seine Ruhe in Entscheidungen – eher nicht für Überschwänglichkeit. Trotz der enttäuschenden Serie von nur einem Punkt und gerade erst einem Tor aus drei Partien beschränkt sich Beiersdorfer auch diesmal auf das Augenscheinliche – auf die Entwicklung der letzten tage und Wochen. „Ich glaube, wir haben gesehen, dass wir diese Woche sehr intensiv an Möglichkeiten gearbeitet haben, auch Tore zu erzielen. Wir hatten noch keinen Modus, ein Tor zu erzielen. Das war besser“, sieht Beiersdorfer Fortschritte unter Zinnbauer und führt weiter aus: „Das war im Ansatz besser und auch das Tor war sehr schön herausgespielt. Das sind Sachen, die Früchte tragen.“

Für Abendblatt-Blogs


Stimmt. Dass dennoch die Punkte- und Tabellensituation nicht außer Acht gelassen werden kann, weiß der HSV-Vorstandsboss. Auch deshalb wird er sich weiter intensiv mit der Mannschaft befassen und noch diese Woche vor der Mannschaft sprechen. Und das nicht mit einer Brandrede. Die sei auch gar nicht nötig, angesichts der Art und Weise, wie die Mannschaft aktuell auftritt. „Das ist spontan. Unsere Punktesituation ist natürlich sehr enttäuschend. Aber es geht mir jetzt darum, Orientierung zu geben. Und das muss ich. Wir müssen uns austauschen, das ist wichtig. Der Trainer macht einen sehr, sehr guten Job und hat der Mannschaft beigebracht, leidenschaftlich zu kämpfen. Das sieht man. Aber wir machen eben noch zu viele Fehler. Die müssen wir abstellen.“

Dietmar Beiersdorfer findet die Mitte aus Lob für und Tadel. „Es gibt nichts zu beschönigen. Wir haben zwei Punkte aus sechs Spielen und sind Letzter. Wir wissen, dass es schwierig wird. Aber der Mannschaft jetzt mitzuteilen, dass es für uns diese Saison nur ums Überleben geht, halte ich nicht für richtig. Wir glauben an die Rahmenbedingungen, die wir geschaffen haben – und an die, die wir noch schaffen werden. Wir müssen hier jetzt eine Siegermentalität entwickeln. Die ist zwar schon besser geworden, aber sie hat noch nicht gereicht, um zu gewinnen. Objektiv beurteilt hätten wir das Spiel gewinnen müssen, haben es aber nicht. Auch wenn man so ein Tor alle zwei, drei Jahre mal kriegt, darf man nicht alles auf Pech schieben. Wir habe uns das selbst zuzuschreiben. Wir hätten das Spiel vorher entschieden müssen und/oder nicht in Rückstand geraten dürfen.“

Der Interviewteil mit den elektronischen Medien (anschließend sprachen wir als Printmedium noch) mit Beiersdorfer:

Und dafür sei unbeirrt weiterhin harte Arbeit notwendig. „Wir haben natürlich noch nicht die Abläufe, die Laufwege, die Passwege, die wir auch brauchen, um inhaltlich ein Spiel zu gewinnen. Es geht natürlich immer auch um Einsatz und Mannschaftsgefüge. Er gibt der Mannschaft Power, er ist leidenschaftlich, engagiert. Das hat Hand und Fuß, was er den Spielern erzählt. Aber es geht eben auch um Lösungen“, so Beiersdorfer – und die habe die Mannschaft noch nicht gefunden. Auffällig hierbei: Die Gegentore fielen jeweils unmittelbar vor dem Ende der jeweiligen Spielhälfte: in der 44. und dann in der 90. Minute. „An den Lösungen haben wir stark gearbeitet, was auch deutlich zu erkennen war. Wir haben es nur nicht durchgezogen bis zum Ende. Und das ist bitter bestraft worden.“

Helfen soll dem jungen Cheftrainer sowie dem HSV allgemein der neue Direktor Profifußball, Peter Knäbel. „Es ist immer wichtig, dass man einen Direktor Profifußball bei der Mannschaft hat, um auch da zu sehen, wie die Abläufe sind, was man noch verbessern und was man noch feinjustieren kann. Vor allem auch, was man überhaupt erst einmal justiert – und da gibt es noch eine Menge Arbeit“, so Beiersdorfer, der zumindest hierfür in Knäbel die Lösung gefunden haben will. „Es ist wichtig, dass eine Person da ist, die smart ist, die Erfahrung sowie die nötige Kompetenz hat, um zu sehen, welche Abläufe und Prozesse einer Leistungsentwicklung hier entgegenstehen – und welche sie eben fördern. Deshalb wird Peter Mitte der Woche zu uns stoßen.“

Die offene Frage ist und bleibt jedoch: Was hat man an Rahmenbedingungen geschaffen und was davon kann sofort helfen?

Denn Soforthilfe braucht das Team. In Zinnbauer ist ein Motivator gefunden, der die Mannschaft zum Team formt. Mit Patrick Rahmen ein Cotrainer, der schon zu Zeiten bei Thorsten Fink der Taktiker gewesen sein soll. Zudem soll jetzt Peter Knäbel die Mannschaft auf herz und Nieren analysieren. „Aktuell machen kann man, dass man einen Menschen ganz nah an die Mannschaft stellt, der eben auch Einfluss hat, der mit den Spielern spricht und Trainern Feedback gibt und versucht, den Prozess der Entwicklung zu vertiefen und zu beschleunigen. Und ich glaube, das ist unabhängig davon, ob er morgen kommt oder schon zwei Jahre da ist. Wenn er ein Guter ist.“ Und das soll Knäbel sein.

Beim Schweizer Fußballverband gilt der ehemalige St.-Pauli-Profi als DER Entwickler der letzten Jahre. Zusammen mit Ottmar Hitzfeld wird Knäbel der maßgebliche Anteil an den erfolgreichen Nachwuchsteams sowie der Entwicklung der A-Nationalelf zugestanden. Beim HSV soll Knäbel inhaltlich der Mannschaft und dem Trainer helfen, zudem alle sonstigen Aufgaben eines Sportdirektors übernehmen. Also auch Vertragsverlängerungen. Ob sich Beiersdorfer komplett aus dem sportlich operativen Bereich zurückzieht? „Nein“, antwortet Beiersdorfer schnell und bestimmt, „Wir wollen im Sport vielmehr ein starkes Dreigestirn bilden mit Bernhard Peters, Peter Knäbel und mir.“ Soll heißen, Peters kümmert sich um die Entwicklung des Nachwuchses und der Trainer, Knäbel ist bei der Entwicklung der Profimannschaft immer hautnah dran, kümmert sich um alles, was ei Sportdirektor in seinem Arbeitsprofil hat.

Und bei allem, was neu wird und noch werden soll, und das Gefühl hatte ich trotz aller Enttäuschung auch gestern nach Schlusspfiff schon: Diese Mannschaft hat wieder Profil. Endlich wieder. Denn allein das ist schon eine große Steigerung zur Vorsaison. Und jetzt ist auch noch der Stab komplett – sagt Beiersdorfer. Also kann es ja endlich in die Vollen gehen…

Auf jeden Fall aber ist es an der Zeit, in Ruhe und nachhaltig die Baustellen anzugehen, die sportlich noch immer da sind. Dass Knäbel alles umwirft und nach seinem Gusto neu macht, ist ausgeschlossen. „Es ist ja was zu erkennen in den letzten Wochen“, so Beiersdorfer, der auch über sich bzw. ältere Äußerungen von sich („Zinnbauer ist unser Trainer. Bis auf weiteres.“) schmunzeln kann: „Zinnbauers Arbeit trägt Früchte. Von daher wird das nicht thematisiert. Bis auf weiteres…“

Neu war zuletzt auf jeden Fall die Umstellung von Heiko Westermann als Rechtsverteidiger für Dennis Diekmeier. Dass dies mit Muskelproblemen zusammenhänge, wie einige vermuteten, wurde nicht bestätigt. Vielmehr war es eine rein taktische Maßnahme Zinnbauers, um so mit der Hereinnahme von Cléber noch mehr Kopfballstärke auf dem Platz zu haben. Ob das jetzt gut war oder nicht ist hypothetisch. Zumindest aber hat der HSV kein Kopfballgegentor gefangen.

Und während weiter unklar ist, wer letztlich gegen Dortmund die rechte Bahn verteidigt, ist ebenso unklar, was der HSV wert ist. 300 Millionen Euro hatte die „BILD“ heute vermeldet, Beiersdorfer dementiert nicht, mahnt aber auch: „Der Bewertungsprozess ist noch nicht abgeschlossen und es gibt von daher auch keine Zahlen zu verkünden“, so Beiersdorfer über den Wert, der letztlich für Investor Klaus Michael Kühne und dessen mögliche Umwandlung seines 25-Mio-Darlehens wichtig wird.

Wichtig für mich wird sein, wie sich die Verletzten zurückmelden. Marcell Jansen ist weiterstgehend wiederhergestellt und dürfte in Dortmund sicher wieder zum Kader gehören. Bei Rafael van der Vaart ist das noch offen, obgleich der Kapitän am morgigen freien Dienstag individuell und am Mittwoch wieder voll mit der Mannschaft trainieren soll. Und zumindest bei van der Vaart sehe ich das Potenzial, das dem HSV-Spiel zuletzt gefehlt hat: der letzte Pass. Von daher hoffe ich, dass Zinnbauer am Wochenende beim BVB wieder auf seinen Kapitän zurückgreifen kann, den ich mir vor dem für mich auffälligsten Hamburger der Zinnbauer-Zeit, Lewis Holtby, sehr gut in der Startelf vorstellen kann.

Bis dahin. Morgen ist trainingsfrei, am Mittwoch geht es parallel zu der offiziellen Präsentation von Peter Knäbel um 15 Uhr an der Arena weiter.

Scholle

Nächste Einträge »