Golz’ Worte machen nachdenklich
19. Juni 2013
Es gibt schlechte Interviews und welche, die gut sind. Es gibt Interviews, die Neuigkeiten hervorberingen und welche, die sich wiederholen und dann noch welche, die langweilen. Und es gibt Interviews wie das mit Richard Golz. Das hat mich in einigen Erkenntnissen der letzten Jahre bestätigt – aber leider nicht im positiven Sinne. Es zeigt nur sehr deutlich auf, wo es beim HSV seit Jahren und noch immer kapital hapert. Wenn der oberste sportliche Verantwortliche sich nicht um seine Angestellten und deren Verträge (Golz, Heinemann, Teuber, Diekmeier etc.) kümmert, sein Attaché die Jugendarbeit zwar offiziell auf die Fahne geschrieben bekommt, diese aber nicht nur vernachlässigt sondern sie größtenteils verweigert – dann kann sich nichts entwickeln. Es sei denn, die verweigerte Arbeit wird mit teurem Geld für fertige Spieler ausgeglichen. So, wie es der HSV lange Zeit machen konnte, weil die Umsätze und die sportlichen Erfolge stimmten. Aber so, wie es der HSV heute sicher nicht kann.
Aber jetzt?
Jetzt muss sich beim HSV einiges ändern. Das ist platt formuliert, bekannt und schon tausendmal gesagt – ich weiß. Aber es ist nach wie vor richtig. Wenn ich allein die Congerton-Aussage von Golz überdenke – wieso gibt es da keine Kontrolle? Oder wenn es denn intern bekannt war – wovon auszugehen ist – wieso gab es da keine Konsequenzen? So macht sich der HSV nur zu genau dem, was er nach eigener Aussage nicht sein will: Zum Selbstbedienungsladen mit extremem Arbeitnehmer-Wohlfühlfaktor und somit zu einem Verein mit einem Effizienzleck. Teure Leute (Congerton verdient 600000 Euro per annum, sein Chef Frank Arnesen hat dem Vernehmen nach 1,8 Millionen Euro im Jahr) holen, um nachhaltig und tiefgreifende Veränderungen herbeizuführen, diese Leute aber unkontrolliert machen lassen, was sie wollen – das ist Dilettantismus in Reinkultur. Und in diesem Fall beißt es den HSV heftig in den Allerwertesten. Extrem teuer ist es zudem.
Die Konsequenzen hat der Aufsichtsrat, der nicht nur den Vorstand bestellt sondern selbigen auch kontrollieren soll, inzwischen gezogen, indem er Arnesen entlassen hat. Denn Congerton ist letztlich im Paket Arnesen enthalten. Dass sich auch der Vorstand hinterfragen muss – ganz klar. Die verbliebenen drei Herren (Oliver Kreuzer nehme ich da selbstverständlich raus) hätten eine Zielvereinbarung treffen müssen (was sie wahrscheinlich auch gemacht) und in ihren anschließenden, gemeinsamen Vorstandstreffen mit Arnesen zumindest Zwischenstände abfragen müssen. Wobei Arnesen nur zwei Jahre da war und eine Zeit erwischt hat, in der der Profibereich kriselte und einen außergewöhnlichen hohen Aufwand erforderte. Deshalb ist kaum einem aufgefallen, dass Congerton selten in Ochsenzoll war. Ob er wirklich nur ein einziges Mal da war – ich kann es nicht beantworten und auch ein Richard Golz wird das nicht sicher sagen können.
Viel schlimmer jedoch finde ich, und das ist meine persönliche Meinung, dass Congerton niemals das Aufgabenfeld Jugendarbeit hätte angetragen werden dürfen. Das ist nicht sein Gebiet, da kennt er sich auch nicht aus. Congerton ist jedoch jemand, der fleißig ist, sich im Profibereich extrem gut auskennt und sich ständig über verschiedenste Spieler (ab Herrenalter) informiert hat. Congerton verfügt zusammen mit Steve Houston über eine Datenbank, die inzwischen so groß und umfangreich ist, dass sie ihresgleichen sucht. Das ist auch das Aufgabengebiet, das Congerton mir gegenüber immer beschrieben hatte, wenn wir uns unterhalten hatten. Ich weiß noch aus einem Gespräch im Trainingslager in Marbella, wie Congerton sich und seine Position beschrieben hat. „Ich bin das Auge und das Ohr von Frank. Wir sammeln jeden Fetzen an Informationen, stecken ihn in die Datenhülle, die Houston entwickelt hat und haben so immer die Möglichkeit, bei Bedarf nach bestimmten Attributen suchen zu können. Ich bin sozusagen die personifizierte Suchmaschine für Frank.“ Und wäre es bei diesem Job geblieben – niemand hätte Congerton einen Vorwurf gemacht. Obwohl, angesichts der ganzen Chelsea-Spieler vielleicht schon.
Auf jeden Fall aber habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als ich gelesen habe, was Golz über Arnesen und Congerton gesagt hat. Denn das ist genau das, was aus Teilen des Aufsichtsrates als Begründung für Arnesens Entlassung kam.
Und jetzt soll Kreuzer die Versäumnisse der letzten Monate und Jahre mit einem Schlag aufarbeiten – na dann Prost. Nichts gegen den neuen Sportchef, wirklich nicht. Aber der dürfte angesichts der To-Do-Liste das kalte Kotzen kriegen. Er soll jetzt nicht nur die Spieler verkaufen, die im Winter nicht abgegeben werden konnten. Er soll zudem ohne viel Geld Verstärkungen nach Hamburg locken, den internationalen Wettbewerb erreichen und mal eben den Jugendbereich neu aufbauen. Bitter.
Einer, der genau solche Missstände schon als Spieler angesprochen und sich damit vereinsintern eine Menge Feinde gemacht hatte, wurde heute als neuer HSV-Sportchef vorgestellt. Allerdings beim Handball. Frank Rost leitet ab heute als Geschäftsführer die Geschicke des Champions-League-Siegers und nannte als eine seiner wichtigsten Aufgaben den eigenen Jugendbereich. Wobei man sagen muss, dass sich der HSV Handball in Sachen Nachwuchs einen guten Namen gemacht hat. „Trotzdem muss der Blick genau dorthin gerichtet sein“, so Rost, der in die Mentalitätskerbe von Golz schlägt: „Wenn wir unsere Spieler im eigenen Verein ausbilden, lernen sie die Vereinskultur und identifizieren sich mit dem Klub – für alle Außenstehenden ist das dann sichtbar. Und das wiederum macht den Verein für seine Fans greifbar, sympathisch. Es entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das zum Faustpfand des Klubs werden kann. Zumindest aber ist das eine mehr als lohnenswerte Vereins-Philosophie, die wir hier beim HSV verfolgen sollten.“
Und mir schien es fast so, als hätte Rost aus den Fehlern des großen Bruders von nebenan gelernt zu haben. Bislang sind zwar auch das nur Antrittsworte, ganz klar. Aber Frank Rost wird seinen Forderungen und Ankündigungen Taten folgen lassen. Koste es, was es wolle. Wetten dass….?!?
In diesem Sinne, ich verabschiede mich für ein paar Sommerpausentage und melde mich spätestens aus dem Trainingslager in Österreich im Zillertal wieder. Dass es dort einen hohen Grad an Unzufriedenheit gibt, weil der HSV nur fünf Tage dort weilt und anschließend noch einen Testspieltrip nach Klagenfurt (Kärnten) absolviert, ist mir bekannt. Noch jedoch ist keine Klage gegen den HSV eingereicht worden, wie hier einige vermuten. Bislang laufen Gespräche – Ergebnis offen. Aber sobald es dort einen neuen Vorgang gibt, berichten wir Euch davon.
Bis die Tage!
Euer Scholle
P.S.: In Sachen Transfers gab es heute nichts Neues.