Holtby schwärmt von Beiersdorfer und dem HSV

2. September 2014

Dietmar Beiersdorfer konnte sich gerade noch halbwegs gesund in den Kurzurlaub rüberretten. 39 Grad Fieber musste der Vorstandsboss des HSV am Sonntag unterdrücken, um die letzten Transfers einzutüten. Und das gelang ja bekanntermaßen. Daher hat Last-Minute-Didi auch allen Grund, mal ganz tief durchzuatmen. So, wie ich es auch gern machen würde nach den langen Tagen und aufregenden Nächten, in denen plötzlich irgendwelche Namen im Zusammenhang mit dem HSV kursierten.

Einmal ganz tief eingeatmet hat offenbar Mirko Slomka. Der HSV-Trainer schoss heute mit dem Interview bei meinen Kollegen von der BILD weit hinaus und stellte kurzerhand einmal alle Spieler infrage. Gut, jetzt kann man sagen, grundsätzlich sollten sich immer alle Spieler neu beweisen, um zu spielen. Aber in der Realität sieht das einfach anders aus. Da gibt es Reservisten, Springer, Stammspieler – und die festen Größen. Zu denen zählt auch ein René Adler. Zum einen naturgemäß, weil er die von Slomka zu Saisonbeginn vor 14 Tagen festgelegte Nummer eins ist. Zum anderen, weil man bei Torhütern eher selten austauscht. Jetzt aber sagte Slomka, er würde erst kurz vor Anpfiff der nächsten Bundesligapartie in Hannover entscheiden, ob Adler oder dessen Ersatzmann Jaroslav Drobny spielen würde. Oha! Hartes Durchgreifen oder schon der letzte Versuch, aus der Mannschaft noch einmal etwas herauszukitzeln?

Auf jeden Fall ist die Idee, auch arrivierte Spieler mal infrage zu stellen, nicht grundsätzlich zu kritisieren. Im Gegenteil. Diesen Anspruch darf beim HSV eigentlich keiner haben nach der letzten Saison und dem bisherigen Auftakt. Und Rene Adler hat zwar in den letzten zwei Partien wieder ziemlich stabil gewirkt, aber überragende Szenen hatte er eigentlich nur im Pokal beim Elfmeterschießen. Ansonsten gab es Adler lange nicht mehr in der Form, die ihn einst zum ersten Anwärter auf die Nummer eins der Nationalelf gemacht hatte.

Auf jeden Fall hat Slomka mit seinem Interview für Aufsehen innerhalb der Mannschaft gesorgt – und außerhalb auch. Das alles wurde lediglich durch das Interesse der Zuschauer für den letzten Zugang Lewis Holtby getoppt. Der Zugang brauchte heute eine gute halbe Stunde für die 15 Meter vom abgesperrten Trainingsplatz bis zum abgesperrten Aufgang. „Aber ich mache das gern“, so Holtby anschließend, „es freut doch jeden, wenn sich die Leute für einen interessieren.“ Und das tun sie.

Ist ja auch logisch, denn mit Holtby verbindet der gemeine Fan Offensivqualität – Holtby selbst übrigens auch. „Ich glaube, dass mein Passspiel nicht so schlecht ist, gerade im letzten Drittel“, so der ehemalige A-Nationalspieler, der sich im zentralen Mittelfeld am ehesten zu Hause fühlt. Wo er beim HSV spielen wird, weiß er noch nicht. Auch nicht, ob er mit Rafael van der Vaart oder für Rafael van der Vaart spielt. „Ich freue mich in erster Linie, jetzt hier zu sein, wieder Bundesliga spielen zu können. Und egal, was hier zuletzt passiert ist, der HSV ist und bleibt ein Wahnsinnsklub in Deutschland und Europa. Mit vielen Anhängern und einem neuen HSV, von dem mich Didi sofort überzeugt hatte.“ Beim Golfen an einem freien Tag sei der erste Anruf Beiersdorfers gekommen – anschließend habe er kaum mehr einen Ball getroffen, so habe er sich gefreut. “Didi war so positiv, hat mich sofort erreicht”, schwärmt Holtby, “das hat meine Entscheidung leicht gemacht.”

Dabei gab es auch andere Angebote aus England, Italien, der Türkei und der Bundesliga. „Es gab sehr viel Optionen, das stimmt“, sagt Holtby, „aber ich muss zu 100 Prozent hinter einer Idee stehen, um mich wohlzufühlen. Und hier hat einfach alles gepasst.“ Entscheiden hatte sich Holtby selbst schon vor einigen Wochen. Für den HSV. Und Beiersdorfer wusste das, arbeitete seither daraufhin, die dafür nötigen finanziellen Mittel bereitzustellen. Finalisiert wurde der Wechsel tatsächlich am Sonntag. „Der erste Kontakt ist schon ‘ne Weile her, und es hat auch eine ganze Weile gedauert. Aber jetzt bin ich hier.“

Und er bleibt. Zumindest das eine Jahr. Ob er sich bei seinem nunmehr siebten Profiklub länger einnisten möchte? „Ich schaue nicht zu weit zurück – aber genauso auch nicht zu weit voraus. Klar ist aber, dass es im Idealfall schön wäre, hier ein paar Jahre lang spielen zu können.“ Ihm sei bewusst, dass er selbst dafür die Grundlage legen kann, dass der HSV die Option über kolportierte (nicht bestätigte!) sechs Millionen Euro zum Kauf des gerade 23-Jährigen zieht. „Genügend Qualität in der Mannschaft, um eine gute Saison zu spielen, haben wir“, sagt Holtby, der für sich eine Führungsposition anstrebt: „Ich bin zwar noch jung, habe aber schon eine Menge Erfahrung sammeln können. Zuletzt hatte ich meinen Traum wahr gemacht, in England zu spielen. Und ich habe dort tolle Freunde gefunden und noch mehr Erfahrungen sammeln können, die für meine Entwicklung positiv sein werden. Und jetzt “

Holtby ist freundlich. Er ist kein Stück schüchtern, redet gern lang und ist selbstbewusst. „Ich bin von meiner Qualität überzeugt und ein Typ, der auf andere zugeht. Ich bin immer offen, halte mich nicht zurück und fühle mich schnell zu Hause.“ Sollte Holtby auf dem Platz auch nur annähernd so überzeugen wie im Gespräch – es wäre kaum auszuhalten. Zusammen mit seiner Freundin will er trotz der ungeklärten Laufzeit seines Engagements nicht im Hotel wohnen bleiben. „Nein, ich bin kein Hoteltyp. Wenn schon, denn schon, ich suche mir hier ein zu Hause. Wer weiß, wie lange ich bleibe…?!“ Zumal die Eingewöhnung nicht allzu lange dauern dürfte. „Ich habe mit vielen Spielern schon zusammengespielt, kenne Rene Adler und Heiko Westermann von der Nationalelf und auch Lasogga, Beister, Arslan, Ostrzolek aus der U19. Das passt schon.“ Ob es letztlich für seinen großen Traum reicht, weiß er nicht. „Ich würde mich natürlich riesig freuen, mal wieder den Adler auf der Brust zu tragen. Aber im Moment zählt für mich nur die Raute auf der Brust.“

Was für ein Schlusswort…

Wobei, zwei, drei Personalien gibt es noch. Zum einen die des ehemaligen Mittelfeldspielers Piotr Trochowski, dessen Vertrag beim FC Sevilla heute Mittag aufgelöst worden war. Hieß es. Dann aber dementierte Troche selbst. Und bislang herrscht Unklarheit. Wichtiger als diese Personalie ist für den HSV, dass Kapitän Rafael van der Vaart Probleme mit der Wade hat und sich lediglich pflegen ließ. Nicolai Müller machte heute zwar das Aufwärm- und Kraftprogramm mit, trainierte dann aber erneut individuell mit Athletik-Trainer Markus Günther. Der Offensivmann soll am Mittwoch wieder mit der Mannschaft trainieren können und auch bei den Testspielen am Donnerstag in Neumünster sowie am Freitag in Danzig dabei sein. Und während Slobodan Rajkovic auf dem Platz mit Rehatrainer Markus Günther eine Kraft-Schnelligkeitsübung absolvierte, legte Gojko Kacar (Innenbandanriss) eine Extra-Schicht ein.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird wieder doppelt (10 und 15 Uhr) an der Imtech-Arena trainiert.

Scholle

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