Einen Tag lang Frust – aber dann gehts weiter…

20. April 2015

Nur das Wetter stimmt. Der Rest ist eher deprimierend grau. Zumindest in den Köpfen der enttäuschten Fans, und sicher auch bei einem Großteil der Spieler – nur nicht bei den Verantwortlichen. Sagt Bruno Labbadia. Der letzte Hoffnungsschimmer ist er, quasi der Feuerwehrmann – obwohl er genau das nie werden wollte. „Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie kürzer als zehn Spieltage vor Schluss einen Verein zu übernehmen“, so Labbadia heute nach den TV-Interviews, „aber es war klar, dass ich nur für einen Verein eine Ausnahme machen würde.“ Warum nur für den HSV? Labbadia überlegt, lächelt, zögert kurz und sagt: „Warum auch immer…“ Womit wir beim Thema sind. Denn wissen, wie der Abstieg noch zu verhindern ist, kann auch keiner. Im Gegenteil, es spricht ja auch nicht mehr viel dafür.

Selbst Labbadia vermittelt dem Zuhörer, dass er hier nichts Außergewöhnliches leisten kann. „Ich kann nur machen, was zu machen ist. Ich muss die Mannschaft aufbauen. Und das schnell.“ Wie er das machen will? Mit Gesprächen, Einzeltraining und Vertrauensbeweisen wie zuletzt für Adler, van der Vaart und Lasogga? „Auch. Alles in allem. Ich will der Mannschaft zeigen, wie einfach Fußball eigentlich ist und dass er Spaß macht.“ Zumindest dann, wenn man gewinnt. Das wissen wir ja nicht erst seit Labbadias letzter Pressekonferenz.

Wobei gerade dafür Tore nötig sind. Und beim HSV strahlte in den letzten Wochen außer Maxi Beister in den Test- und Regionalligaspielen so wirklich niemand Torgefahr aus. Warum ausgerechnet er dann gar nicht dabei ist? „Weil er nach seiner Verletzung noch nicht so weit ist“, antwortet Labbadia, der sich am vergangenen Sonnabend länger mit Beister unterhalten hat, wie er sagt. „Auch Maxi hat mir gesagt, dass er in den letzten Wochen schlichtweg zu wenig Spielpraxis hatte, um wieder voll da zu sein, um eine Verstärkung zu sein. Ihm fehlt Sicherheit, sagt er. Deshalb haben wir gemeinsam beschlossen, dass er sich über die U23 fit macht und dann zu uns stößt. Wann das passiert, ist Stand heute komplett offen. Das kann in zwei, drei Wochen sein – das kann aber auch schon am Wochenende sein. Wir entscheiden das kurzfristig.“

Labbadias Erklärung für Beisters Nichtnominierung ist nicht weniger als der vollkommen berechtigte Vorwurf in Richtung seiner Vorgänger. Zum einen gen Zinnbauer, vor allem aber auch gen Peter Knäbel, der als einzig sportlich Verantwortlicher weiterhin die sportlichen Geschicke mitgestaltet, alles mitbekommt und zudem als Direktor Profifußball bestimmt. Und im Falle Beister hat der HSV es schlichtweg verpennt, den Spieler rechtzeitig zu lenken, ihn gezielt aufzubauen und zumindest für den Saisonendspurt zu aktivieren. „Das hat Maxi selbst bemängelt“, sagt Labbadia, der jetzt die Folgen ausbaden muss und Beister nach eigener Aussage gern wieder dabei hätte. „Und das ist die Crux, wir müssen ihn jetzt vernünftig dahinbringen. Das Gute daran: Auch er sieht es so.“ Und obgleich das Verhältnis von Labbadia zu Beister offenbar nicht gelitten hat, ist es ein Beispiel für die vielen, einfachen Fehler. Dass ein Verein mit gerade einmal 16 Toren jede Verstärkung für die Offensive braucht, die er bekommen kann – das weiß mein sechsjähriger Sohn schon. Es ist einfach nur logisch.

Und dennoch wurde es verpasst.

Ebenso bitter ist die Tatsache, dass Labbadia am Sonnabend im fünftletzten Finale gegen Augsburg im zentral-defensiven Mittelfeld beide Sechser ersetzen muss. Valon Behrami ist nach seiner Roten Karte ebenso für das Augsburg-Spiel gesperrt wie Lewis Holtby nach seiner fünften Gelben. Ob Marcelo Diaz fit wird (Labbadia: „Ich muss abwarten, wie weit er am Mittwoch ist“) ist offen, aber eher unwahrscheinlich. Bleiben nominell noch Petr Jiracek und Gojko Kacar. Und die beiden hatten es nach Kacars Einwechslung gegen Dortmund zusammen sehr gut gemacht. Oder plant Labbadia, auf einen Sechser umzustellen? Der HSV-Trainer lacht kurz und sagt: „Dafür musst du einen richtigen Sechser haben.“ So einen wie Behrami. Und den hat der HSV nur in einfacher Ausführung – quantitativ meine ich. Soll heißen, es wird weiter die Doppelsechs geben – diesmal höchstwahrscheinlich mit Gojko Kacar.

Und das freut mich erst einmal. Denn der Mann, der außerhalb des Trainings und der Spiele oft außergewöhnlich ruhig auftritt, hat Herz. Das hat er bewiesen, als er sich ohne zu meckern immer wieder in den Dienst der Mannschaft stellte. Und das beweist er auch heute noch im Training. Trotz seiner Nichtverlängerung des Vertrages ist der Serbe unvermindert gewillt („Wir dürfen nicht absteigen“), sich in Hamburg gut zu verabschieden. Zum einen, um sich für einen neuen Arbeitgeber zu empfehlen, klar! Zum anderen (und vielmehr) aber auch, weil er so tickt. Nichts sei schlimmer gewesen, als hier in Hamburg zum geldgierigen Nichtsnutz abgestempelt zu werden, so Kacar, dem einst nachgesagt wurde, aus monetären Gründen einen Wechsel zu Hannover 96 abgesagt zu haben. Dass es ihn kurze Zeit später nach Japan zog – es war auch eine Art Flucht.

Und zunächst sogar eine mit Happyend. Dachte man lange. In Japan wurde Kacar gefeiert und er galt unter Mirko Slomka zu Saisonbeginn sogar gesetzt. Ein spielstarker Innenverteidiger – das hatte der HSV bis dahin nicht, aber das brauchte man. Damals dachten alle noch, diese Mannschaft könne auch mit spielerischen Mitteln zum Erfolg kommen. Welch Trugschluss! Aber auch nur einer von vielen, wie schon das Beispiel Kacar deutlich macht. Der Serbe jedenfalls war nach seiner Verletzung plötzlich gar keine Option mehr. Unter dem neuen Trainer Joe Zinnbauer erhielt er bis zur Winterpause gerade zwei Minuten Einsatzzeit – und das auf zwei Spiele verteilt… Erst eine mehr oder zufällige Einwechslung ins defensive Mittelfeld gegen Paderborn (es gab nach Behramis Knie-OP schlichtweg keine Alternative mehr) brachte ihm anschließend die Chance, von Beginn an aufzulaufen. Gegen Gladbach und Frankfurt – beide Male spielte Kacar gut. Ebenso der HSV. Gegen Dortmund musste er dennoch wieder dem gesetzten und zuvor verletzten Behrami weichen, ehe er in Hoffenheim sogar als Innenverteidiger eingesetzt wurde.

Das Leistungsprinzip wurde bei Kacar nicht angelegt. Leider. Und nicht nur Kacar bekam das mit. Dennoch ist klar: Kacar wird auch jetzt brennen und für den HSV alles geben als wäre nie was gewesen. Weil er so eingestellt ist, weil er das Herz am rechten Fleck hat. Und genau das macht das Ganze so tragisch. Denn nach Beister hat der HSV auch hier versäumt, alles aus dem Spieler herauszukitzeln.

Natürlich ist es jetzt leicht, bei einem Tabellenachtzehnten laut zu kritisieren. Dass sich aber hier lange Zeit mit einem möglichen Neuanfang in der kommenden Saison mehr beschäftigt wurde als mit dem Moment, es wird einfach zu deutlich. Und es ist mir bis heute unbegreiflich, dass ein Thomas Tuchel auch nur eine Minute mehr wert war, als sich mit Kacar, Beister, meinetwegen auch noch Lasogga, Behrami und Müller zu beschäftigen. Denn bislang funktionieren sie alle noch nicht. Und das nicht, weil sie aktuell verletzt sind, sondern aus dem Fehlverhalten heraus, dass zukünftige Dinge wichtiger waren. Dabei bräuchte man sie mehr denn je…

Ich habe vor ein paar Wochen mal bei Matz ab live gesagt, dass letztlich die Personalie Thomas Tuchel paradoxerweise für den Abstieg mitverantwortlich sein könnte, was natürlich Quatsch ist. Denn verantwortlich sind letztlich die, die diese Personalie so wichtig genommen haben, dass sie ihr Tagesgeschäft beim HSV darüber hinaus vernachlässigen haben.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. So hat der Klub heute die Lizenz für die erste Liga ohne Auflagen bekommen. Dafür muss der im Laufe dieser Saison neu aufgestellte Stab der Verantwortlichen zweifellos noch immer seine Tauglichkeit nachweisen. Denn trotz der (von mir in besonders hohem Maße) verteilten Vorschusslorbeeren steht der HSV schlimmer da denn je. Nicht finanziell – aber tabellarisch. Und ein Abstieg würde bei kalkulierten 40 Prozent weniger Einnahmen auch die Finanzlage noch mal nachhaltig gefährden. Dass es letztlich die Spieler sind, die auf dem Platz die Punkte nicht holen – Check! Aber wer hat diese Spieler geholt? Über 30 Millionen Euro für Neue wurden investiert, der Kader-Etat wurde trotz dringender Sparzwänge sogar noch mal gesteigert – allein gebracht hat es nichts. Dieser Kader ist schlichtweg unausgewogen.

Individuelle Qualität ist zweifellos da. Sogar in höherem Maße als bei einigen Konkurrenten. Aber es ist nie eine homogene Mannschaft geworden. 31 eingesetzte Spieler, mehr hat kein Bundesligateam eingesetzt. Die vom Vorstand so oft benutze Formulierung, man wolle vor allem Konstanz auf allen Ebenen, ist bei vier Trainern und 31 Spielern in einer Saison schon peinlich eindrucksvoll verpasst worden. Ebenso (nein: deshalb) wurde die Mobilisierung aller im Kader vorhandenen Kräfte verpasst. Kräfte – und damit bin ich wieder bei dem neuen Trainer – die heute gebraucht werden.

Labbadia indes ringt mir alle Hochachtung ab. Weil er wusste, worauf er sich hier einlässt und den Job dennoch angenommen hat. Er sucht nicht nach Schuldigen sondern nach Helfern. Er versucht, die Vergangenheit schlichtweg auszublenden. Bei den Spielern – aber auch um die Mannschaft herum. „Ich versuche das, was für die Mannschaft am besten ist und für die Spieler passt. Ich setze im Moment ja nicht meine Vorstellungen um, sondern das, was jetzt am einfachsten und schnellsten passt.“

Und dabei braucht er Unterstützung. Er hat sie allein für sein Kommen auch mehr als verdient. Aus der Mannschaft heraus – aber ganz sicher auch von uns. Deshalb, gestattet mir diesen einen, heutigen Tag Frust – aber ab morgen werde ich mir alle Mühe geben, Labbadias (Zweck)Optimismus ebenso zu unterstützen wie ihn in seiner Hoffnung: „Wir müssen echt alles und in Kürze zusammenwerfen, was wir hier haben.“ Warum? Weil es stimmt! Denn eine Sache ist noch viel, viel schlimmer als all das, was wir hier (zurecht) kritisieren: der Abstieg. Den will keiner. Ich auf jeden Fall am allerwenigsten. Egal wie verdient er nach diesem von allen Beteiligten unsagbar verkorksten Fußballjahr auch sein mag.

In diesem Sinne, bis morgen.
Scholle

P.S.: Bei Cléber musste das Knie heute geröntgt werden. Dabei wurde ein Kapselriss festgestellt. Drei Wochen Pause. Gute Besserung!

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