Monatsarchiv für Januar 2013

“Die Nummer eins im Norden sind wir!”

24. Januar 2013

„Artjoms Rudnevs hat keine Angst. Er springt positiv brutal in den Ball.“
Diese Aussage von HSV-Trainer Thorsten Fink, der über die Vorzüge seines lettischen Stürmers sprach, wurde von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zum Spruch des Tages gewählt.

Hoffentlich springt der gute „Rudi“ auch am Sonntag wieder „positiv brutal“ und zugleich erfolgreich in den Ball – und macht mindestens ein Tor. Vielleicht sogar das Siegtor!? Wäre nicht ganz unwichtig, denn es geht ja im Nordderby gegen den ewigen Rivalen von der Weser. Und darum, wer die Nummer eins im Norden wird und ist. Noch ist es, wenn man mal ganz relaxt auf die Tabelle blickt, der HSV. „Die Nummer eins im Norden sind wir!“ Auch wenn es noch natürlich sehr eng ist, aber das kann sich an diesem Wochenende ja schon ändern. In Hannover spielen sie gegen Wolfsburg unentschieden, und der HSV gewinnt – das wäre doch schon mal eine Hausnummer.

Die Voraussetzungen sind gut – für den HSV. Werder dürfte noch damit zu tun haben, die 0:5-Klatsche gegen Dortmund zu verdauen, und der HSV hat mit einer erstklassigen (oder auch nur guten) Leistung in der zweiten Halbzeit in Nürnberg bewiesen, dass er weiß, worum es geht. Und auch wie es geht. Da zudem bis auf Michael Mancienne personell aus dem Vollen geschöpft werden kann, stünde einem ersten Sieg des HSV über die Bremer kaum etwas im Wege. Und Thorsten Fink, der als Hamburger bislang drei Anläufe nahm, gegen Werder zu gewinnen, aber jedes Mal verlor, sehnt sich – ebenso wie Sportchef Frank Arnesen – nach einem HSV-Dreier gegen Werder.

„Ich will dieses Spiel am Sonntag auf jeden Fall gewinnen, weil ich endlich auch mal dieses Derby gewinnen möchte. Es geht ja auch darum, dass wir uns nach oben weiter festsetzen können, dass wir Bremen auf Distanz halten – und wir die ganze Region ist es auch wichtig, dass man dieses Heimspiel gewinnt. Und wir sind in letzter zeit ja sehr heimstark . . .“ Fink sagte weiter: „Wir haben zudem keine personellen Probleme, den Ausfall von Mancienne werden wir verkraften können, denn wir haben gute Leute dahinter.“ So wie Jeffrey Bruma, der in Nürnberg für Mancienne gekommen ist und seine Sache auch gut machte. Bruma gibt mir, vielleicht ja nicht nur mir, Rätsel in der Art auf, dass er eigentlich alle und auch allerbeste Voraussetzungen hätte, Stammspieler als Innenverteidiger des HSV zu sein. Bislang hat er das nicht geschafft, weil da in meinen Augen immer ein „kleiner Tick“ fehlte.

Und zwar in Sachen Engagement. Bruma versucht es immer auf die coole Art, zu cool für mich. Wenn er mehr Herz zeigen würde, wenn er deutlich mehr für die Mannschaft (und die Gemeinschaft) geben würde, dann wäre er aus der Mannschaft nicht zu verdrängen. Weil er eigentlich alles kann. Wenn ihm das (alles) einmal jemand unter vier Augen erzählen würde, damit er sich dann zu seinem Vorteil verändern würde, dann wäre der HSV (und auch Jeffrey Bruma) sicherlich einen großen Schritt weiter. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Bruma auf den Spuren von Gökhan Töre weilt. Auch in diesem deutsch-türkischen Fall droht ein großes Talent seine rosige Zukunft leichtfertig zu verschleudern. Aber vielleicht wacht Bruma ja auch genau jetzt, wo er eine erneute Chance der Bewährung erhält, endlich einmal auf – und zeigt alles, was er kann. Und lässt eben genau jene kleine Unkonzentriertheit weg, die er fast immer mal in einem Spiel gezeigt hat.

Thorsten Fink sagt, dass er in Richtung Sonntag keine große Veranlassung hat, die Mannschaft groß umzukrempeln. Das ist sicherlich auch richtig so. Eine Frage aber wird der Trainer noch zu beantworten haben: Tolgay Arslan oder Per Ciljan Skjelbred? Arslan wurde in Nürnberg, weil er gelb-rot-gefährdet war, in der 38 Minute vom Rasen genommen. Eine Vorsichtsmaßnahme. Skjelbred kam und machte seine Sache auf Anhieb nicht nur gut, sondern auch ein wenig besser als Arslan. Noch aber hat der Deutsch-Türke einen kleinen Bonus, einen (hauchdünnen?) Vorsprung gegenüber dem Norweger. Den hat sich Arslan durch gute und sehr gute Leistungen in der Hinrunde erarbeitet. Und es ehrt Fink, wenn er deshalb an dem Mittelfeld-Talent festhält. Noch. Ich glaube ja, dass Arslan gegen Werder von Beginn an spielen wird – doch der Druck wird nicht klein sein für ihn. Skjelbred wird auf der Bank sitzen und auch seinen Einsatz warten – ja, er wird brennen. Thorsten Fink zur Problematik Arslan/Skjelbred: „Per ist drauf und dran, in die Mannschaft zu kommen, aber ich überlege noch, ob ich das schon am Wochenende machen werde – weil Tolgay sich in der Hinrunde sicherlich einiges Gutes erspielt hat. Und wir brauchen ihn, gerade auch dann, wenn Rafael van der Vaart einmal ausfallen sollte. Ich schaue mal, will mich aber noch nicht festlegen“

Wobei Arslan natürlich auch ein wenig in der Zwickmühle steckt. Die beständig guten Leistungen, auf die der Coach jetzt verweist, die hat er – zur Überraschung vieler Experten (auch für mich!) – auf der „Sechs“ gezeigt. Da aber spielt längst Milan Badelj, sodass Arslan nun „rechtsdraußen“ sein Glück versuchen muss. Unglückliche Geschichte, denn ich denke mal, dass das nicht unbedingt sein Spiel ist. Auf der Sechs, obwohl ich ihm das in dieser Form nicht zugetraut hatte, hat er das Spiel des Gegners teilweise mit Auge, teilweise auch recht aggressiv zerstört. Arsan sah dabei das Spiel auf sich zukommen, eroberte den Ball und wusste zugleich bestens, wie er den Spielaufbau in die richtigen Bahnen lenken konnte. Genau das hat ihn zentral (auf der „Sechs“) ausgezeichnet. Rechtsdraußen aber ist ein anderes Spiel. Das konnte er zwar einst ganz gut, aber die „Sechs“ konnte er in dieser Saison am besten. Da hatte er seine beste Phase beim HSV. Nun bleibt aber abzuwarten, wie sich das alles für ihn weiter entwickeln wird. Skjelbred sitzt ihm im Nacken, Arslan könnten den Atem des Norwegers spüren – ob das bei dieser ohnehin nicht so ganz glücklichen Konstellation förderlich für ein gutes und selbstbewusstes Spiel ist? Ich habe da meine Zweifel.

Viel wird natürlich auch davon abhängen, ob der HSV es diesmal schaffen wird, von Beginn an Leben zu zeigen. „Wir haben in der zweiten Halbzeit zwar ordentlich gespielt, trotzdem müssen wir lernen, von Anfang an das zu machen, was wir in Nürnberg im zweiten Durchgang gemacht haben. Wenn wir das begreifen, mit Spaß und Freude, trotzdem aber auch aggressiv zu spielen, dann wird die Mannschaft noch das eine oder andere Spiel gewinnen – und am Sonntag erst einmal das wichtigste Spiel für uns“, sagte Thorsten Fink. Trotz der 0:5-Pleite gegen Dortmund wird dieses Spiel nicht leicht für den HSV. Fink: „Das weiß doch jeder. Das wird nicht einfacher durch dieses 0:5. Wir müssen dem Gegner zeigen, dass wir gut drauf sind. Sind wir am Anfang aber zaghaft, dann wird Werder Selbstvertrauen aufbauen können – und dann wird es schwer. Werder hat mit Thomas Schaaf einen sehr erfahrenen Trainer, er wird seine Mannschaft sicherlich heiß machen – wir müssen es schaffen, heißer als Werder zu sein.“

Noch nicht mit von der Partie am Sonntag wird wohl Petr Jiracek sein. Der Tscheche trainiert erst seit einer Woche mit der Mannschaft und wird sich auch weiterhin in Geduld üben müssen. Fink: „Er ist weiter an die Mannschaft herangerückt, aber er braucht auch noch Spielpraxis. Er war ja lange verletzt. Aber er wird in Zukunft sicherlich noch ein wertvoller Spieler für uns, nur hat er ja auch große Konkurrenz bei uns im Mittelfeld. Und wenn er jetzt schon dabei wäre, wäre das gegenüber den anderen Spielern auch ein bisschen ungerecht, denn die haben alle gut trainiert und befinden sich auch in einer bessere Verfassung. Jira muss noch einige Trainingseinheiten absolvieren, um wieder in den Kader zu rutschen.“

Schade eigentlich.

Nach dem Heimspiel gegen Werder wartet bekanntlich eine Woche später Eintracht Frankfurt (am 2. Februar) im Volkspark als Gegner. Und danach geht es für viele Spieler auf Länderspiel-Reisen. Bislang sind sieben HSV-Spieler in dieser Zeit zu ihren Nationalmannschaften gerufen worden: Heung-Min Son soll mit Südkorea am 6. Februar gegen Kroatien spielen, Jeffrey Bruma trifft mit der niederländischen U-21-Mannschaft auf Kroatien, Tomas Rincon absolviert mit Venezuela vom 3. bis zum 7. Februar einen Lehrgang in Spanien, Jaroslav Drobny und Petr Jiracek sind vom tschechischen Nationaltrainer zum Spiel gegen die Türkei (6. Februar) eingeladen worden, Christian Nörgaard spielt mit Dänemarks U 19 am 5. Februar gegen England, und der derzeit verletzte Jacopo Sala ist für Italiens U 21 gegen Deutschland (6. Februar) vorgesehen.

Und am 6. Februar wird die deutsche Nationalmannschaft zudem ein Freundschaftsländerspiel in Paris gegen Frankreich bestreiten, und da könnte dann Torhüter René Adler dabei sein. Apropos Adler. Ich traf heute am Gänsemarkt Andreas Köpke. Der deutsche Torwart-Bundestrainer besucht derzeit den Norden, besuchte in Hamburg Freunde (wird also kein Torwart-Trainer beim HSV – nein, ein Scherz!) und ist morgen bei seinen Eltern in Kiel zu Gast – und sieht sich am Sonntag HSV gegen Werder an. Auch sicherlich deshalb, um die Form von Adler zu überprüfen. Ich habe dem „Andy“ Köpke von Adler vorgeschwärmt („Bester Einkauf seit Jahrzehnten“) – hoffentlich zweigt es der HSV-Keeper dann auch am Sonntag. Aber da bin ich mir eigentlich absolut sicher, dass er das tun wird.

Auf dem Gang in die Redaktion habe ich noch kurz über Andreas Köpke nachgedacht. Wir kennen uns schon lange, lange. Als er noch das Tor von Holstein Kiel hütete. Da war es einst gute Sitte, dass die Holsteiner in Quickborn ihr Trainingslager aufschlugen – und denn gegen den Namensvetter Holstein ein Testspiel austrugen. Ich saß in der Hoffnung, dass sich mal ein Quickborner vor das Köpke-Tor verirrte, immer neben dem Kieler Tor – und hatte viel, viel Zeit, mit dem Keeper zu plaudern . . . Bei der Nationalmannschaft trafen wir uns dann später wieder. Erst als Torwart Nummer eins, dann als Trainer. Köpke ist klasse. Das nur mal am Rande. Und ich frage mich seit heute, was eigentlich aus Holstein Quickborn geworden ist. Man, mit dieser Super-Sportanlage, mit diesen engagierten Funktionären? Wie geht so etwas? Aber damit nun auch genug.

Noch einmal kurz zurück zum HSV. Auch Rafael van der Vaart hat in Hamburg noch nie gegen Werder (wie unangenehm!) gewinnen können. Er will das natürlich ändern, denn er sagt: „Wir sind im Moment besser, ich habe deshalb gute Hoffnungen, dass wir gewinnen werden.“

Das ist doch mal ein gutes Schlusswort!

PS: Morgen wird im Volkspark um 10 Uhr geübt.

19.12 Uhr

Tah bleibt – und Diekmeier setzt auf Derbysieg

23. Januar 2013

Leute, heute ist kein guter Tag. Zumindest nicht für mich. Mich hat nämlich eine Mandelentzündung aus der Bahn geworfen. Ich hatte noch alles versucht, gegenanzugehen – allerdings erfolglos. Jetzt lieg ich im Bett, Laptop auf dem Bauch und quäle mir ein paar Zeilen aus den Fingern. Denn, das muss man sagen, beim HSV gibt es durchaus Positives zu berichten. Dank meiner Kollegen (insbesondere Kai Schiller, vielen Dank!) kann ich so zumindest ein paar Zeilen sinnvoll füllen.

Immerhin hat es Frank Arnesen heute geschafft, mit Nachwuchsspieler Jonathan Tah, 16, vorzeitig zu verlängern. Deutschlands U17-Kapitän hat seinen im Sommer auslaufenden Vertrag bis 2016 beim HSV verlängert. „Jonathan ist in seiner Altersklasse das größte Abwehrtalent Deutschlands. Ich bin sehr froh, dass wir mit ihm verlängern konnten“, sagte Sportchef Frank Arnesen. Der 1,92 Meter große Abwehrmann mit ivorischen Wurzeln soll ab Sommer bei den Profis mittrainieren. „Obwohl alle großen Vereine aus England an ihm dran waren, konnten wir ihm die beste Perspektive bieten. Wir machen individuelles Training mit ihm, wollen ihn auch mit in die Sommertrainingslager nehmen“, war Arnesen mächtig stolz auf seine Leistung. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt indes nicht, denn auch mit dem nicht weniger umworbenen Seeler-Enkel Levin Öztunali will der HSV verlängern. „Wir würden Levin gerne mit der gleichen Perspektive überzeugen. Wenn er verlängert, soll auch er im Sommer bei den Profis mittrainieren“, sagte Arnesen.

Gegen die Profis spielen durften heute die U23 am Nachmittag. Zumindest gegen eine B-Elf, bei der Petr Jiracek eine ordentliche, weil offensiv ausgerichtete Partie als Linksverteidiger absolvierte. Ansonsten machten es mir beide Mannschaften sehr leicht, da das Spiel bis auf die Nennung der Torschützen nichts hergab. Im Gegenteil, die Treffer von Beister (2), Kacar (2) und Scharner dokumentierten nur ansatzweise die Unterlegenheit der U23, für die Testspieler Nuno Santos traf.

Nicht dabei war heute Nachmittag Dennis Diekmeier, über den Ihr morgen im Abendblatt eine sehr lesenswerte Reportage lesen könnt. Der Rechtsverteidiger absolvierte wie alle Stammspieler ein Lauftraining, um anschließend individuell zu trainieren. Und das nahm Diekmeier ernst. Nachdem er in der Hinrunde eine der Konstanten im Team war patzte er beim Rückrundenauftakt gegen Nürnberg. „Das ist wirklich dumm gelaufen. Es war eine Fehlerkette, an der ich auch beteiligt war. Vielleicht hätte ich grätschen müssen.“ Vielleicht. Aber dann hätte er einen Elfer riskiert. Besser noch wäre gewesen, er hätte Gebhart gestellt und ihn bis ins Aus laufen lassen.

Ein Fehler, der Diekmeier nicht allzu lange beschäftigen, noch weniger zurückwerfen sollte. Im Gegenteil, am Sonntag geht es gegen seinen Ex-Klub, für den er ab der C-Jugend bis zum Wechsel zu Nürnberg bei Werder gespielt hat. „Damals hat Werder ein bisschen verplant, mich zu verlängern. Nürnberg hat sich sehr um mich bemüht, insbesondere Bader und Michael Oenning.“

Allerdings wird es nicht leicht, seinen Exclub von diesem Fehler zu überzeigen. Immerhin hat es Diekmeier mit der Wundertüte Eljero Elia zu tun. „Er hat bei Werder noch gar nicht sein ganzes Potenzial gezeigt.“ Beim HSV leider auch nur am Anfang… Zeit für eine Rache der besonderen Art? Diekmeier ist kampfeslustig: „Ich kann es gar nicht ab, wenn Werder bei uns im Stadion feiert.“

Ich auch nicht. Allerdings glaube ich nicht daran, dass Werder am Sonntag feiert. Immerhin hat der HSV noch eine schwache erste Hälfte aus Nürnberg gutzumachen. Zudem befindet sich Bremen noch stärker in der Findungsphase. Zuletzt hatte der Abgang von Klaus Allofs für viel Wirbel gesorgt. Vorteil HSV? Diekmeier, dessen Vertrag 2014 ausläuft („Ich lass alles auf mich zukommen. Noch hat mich keiner angesprochen“) sagt ja: „Bremen hat dieses Jahr einen Umbruch vollzogen, den wir schon vor einem Jahr gemacht haben.“

So, das war es leider für heute. Ich werde mich jetzt hinlegen und versuchen, so schnell es geht wieder gesund zu werden.

Scholle

Ertel: “Es ist Zeit für einen Neuanfang”

22. Januar 2013

Heute war frei. Zumindest für Trainer und Mannschaft. Allein der Vorstand sowie die elf neuen Aufsichtsräte treffen sich heute Abend in der Imtech-Arena. Dabei sollen die Vorstände den Kontrolleuren aufzeigen, wie der Stand der Dinge ist und wird. Wirtschaftlich wie sportlich eine Prognose abgebe, wobei sich finanziell durch ausbleibende Verkäufe entsprechend auch noch nicht viel verbessert hat. Zudem geht es darum, dass der Aufsichtsrat samt seiner vier neuen Mitglieder Katrin Sattelmair, Ali Eghbal, Jens Meier und Christian Strauß den Vorstand kennenlernt – und andersrum. Vorab hatte ich die Möglichkeit, mit dem neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrates, dem 62-jährigen Spiegel-Journalist Manfred Ertel, zu sprechen. Aber lest selbst. Das erste Interview mit dem neuen Aufsichtsratsboss:

Herr Ertel, der Aufsichtsrat hat noch bis 22.15 Uhr getagt. Wie war die Nacht für Sie? Konnten Sie ganz normal einschlafen oder hat Sie die Wahl noch lange beschäftigt?
Manfred Ertel: „Ich habe tatsächlich nicht so gut geschlafen. Aber das kann ich jetzt nicht mit der Wahl in Verbindung bringen. Im Gegenteil, ich habe am Abend noch lange mit meiner Frau telefoniert, die sich sehr für mich gefreut hat.“

Allerdings kommt eine schwierige Aufgabe auf Sie zu. Der Verein steckt sportlich im Umbruch und finanziell im Minus. Der Druck des Vorstandes lastet auch auf dem Aufsichtsrat, der den Großteil der Transfers in den letzten Jahren abgesegnet hat. Warum wollten Sie das Amt trotzdem?
Ertel: „Natürlich spüre ich den neuen Druck. Aber andererseits bin ich auch kein Newcomer in derartigen herausgehobenen Positionen. Zudem freue ich mich sehr über das sehr große Vertrauen der Kollegen und die Zusammensetzung der Führung mit Jens Meier und Eckart Westphalen und Christian Strauß als Finanzausschussvorsitzenden. Wir sind ein sehr gutes Team als Gesamt-AR aber auch in den neuen „Führungspositionen“, verstehen uns auch menschlich sehr gut. Allein das nimmt schon einmal einen Teil des Drucks von mir. Sollten wir so gut weiterarbeiten wie zuletzt mit Alexander Otto und Eckart Westphalen, sind wir richtig gut. Bauen wir das noch aus, wären wir sogar sehr gut.“

Gemessen werden aber auch Sie in und nach Ihrer einjährigen Amtszeit an den Zahlen und Ergebnissen.
Ertel: „Die finanzielle Konsolidierung des Vereins ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit, die wir mit vorantreiben wollen. Dabei müssen wir auch, so hart das klingt, den Vorstand überwachen. Das verlangt die Satzung, das müssen wir im Interesse des Vereins und unserer Mitglieder ernst nehmen. Allerdings verstehen wir diese Kontrolle so, dass wir den Vorstand unterstützen und ihm helfen, den Weg freizuräumen. Das Vertrauen in unseren Vorstand ist sehr groß, was schon die zuletzt getätigten Vertragsverlängerungen unserer Vorstände Carl Jarchow und Joachim Hilke dokumentieren. Der Aufsichtsrat will nicht mit steuern, sondern helfen und seiner satzungsgemäßen Aufgabe als Kontrollgremium nachkommen.“

Der Aufsichtsrat war zuletzt sehr auffällig – ist aber eher als Verhinderer der Entwicklungen wahrgenommen.
Ertel: „Wir haben aus den letzten Monaten, in denen der Aufsichtsrat in Teilen der Öffentlichkeit deutlich schlechter dargestellt wurde als er tatsächlich gearbeitet hat, eine wichtige Lehre ziehen können: Wir wollen vereinspolitische Debatten und Streitereien aus dem Aufsichtsrat heraushalten. Unser Ziel ist es, uns streng auf unsere satzungsgemäßen Aufgaben zu konzentrieren. Ich werde auch definitiv nicht alle vier Wochen öffentlich etwas kommentieren. Im Gegenteil. Denn wenn wir still, leise und effektiv arbeiten und möglichst weit im Hintergrund bleiben, haben wir ein wichtiges Ziel erreicht.“

Allerdings wurden auch die 6,4 Millionen Euro, die Sportchef Frank Arnesen im Winter durch Verkäufe einnehmen und einsparen muss, öffentlich. Von einem Aufsichtsrat…
Ertel: „Die Sparauflage kommt ja nicht aus der Mitte des Aufsichtsrates, sondern vom Vorstand selbst. Wir unterstützen dieses Vorhaben, von dem der Vorstand sehr überzeugt ist, ausdrücklich. Und wir warten ab, bis die Transferperiode beendet ist und ein Ergebnis vorliegt.“

Was passiert den, wenn Frank Arnesen das interne Ziel von 6,4 Millionen Euro nicht erreicht?
Ertel: „Ich halte nichts von einer „Wenn-Dann-Pädagogik“. Wir warten ab und hören uns die Schlussfolgerungen des Vorstandes ganz in Ruhe an: Wir sehen den aktuellen Stand nicht als ein halbleeres, sondern als ein halbvolles Glas.“

Die Ziele der Mannschaft sind mit den Top-Ten relativ konservativ formuliert. Marcell Jansen hingegen hat zuletzt kritisch angemerkt, dass der HSV bei seinen Investitionen höhere Ziele haben muss. Er sagte, dass es nicht angehen könne, dass Mannschaften mit deutlich geringeren Etats vor dem HSV stehen.
Ertel: „Man sollte nicht allein auf die Zahlen schauen. Ich finde es gut, dass Marcell als Führungsspieler einen Anspruch an sich selbst und seine Mitspieler formuliert. Das spricht für ihn. Ich glaube auch, dass die Mannschaft gezeigt hat, was sie kann. Mannschaft, Trainer und Vorstand sind auf einem guten Weg.“

Den hatte zuletzt auch der Aufsichtsrat unter der Führung Alexander Ottos eingeschlagen, der trotz etlicher Überredungsversuche nicht von seinem Rücktritt abzubringen war. Wie viel Otto steckt in Ihnen, was haben Sie sich bei Alexander Otto abschauen können?
Ertel: „Von Herrn Otto kann man sich einiges abgucken. Er besitzt beispielsweise eine Autorität, Gelassenheit und ein Geschick für vermittelnde Moderation bei Kontroversen, an der man sich – auch ich – orientieren kann. Sein Motto ‚Vermitteln statt Spalten’ gilt auf jeden Fall auch weiterhin, auch für mich.“

Sie werden öffentlich noch oft als Fan im Aufsichtsrat wahrgenommen. Insbesondere im Blog „Matz ab“ wurde Ihre Wahl sehr kritisch beurteilt. Wie begegnen Sie den Kritiken an Ihrer Person?
Ertel: „Es ist Zeit, jetzt mal einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Via Internet können mit großer Leichtigkeit Behauptungen aufgestellt werden. Und gegen derartige üble Nachrede im Internet und den Blogs kann ich mich schlecht bis gar nicht wehren. Aber ich kann von mir behaupten, dass ich noch immer im Einverständnis mit Leuten auseinandergegangen bin, die mir sehr kritisch begegnet sind und das Gespräch mit mir gesucht haben. Daher kann ich auch nur hoffen, dass mich meine Kritiker nicht anonym via Internet kritisieren, sondern persönlich ansprechen.“

Wie lösen Sie das Kommunikationsproblem?
Ertel: Wir werden allen anbieten, mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir überlegen gerade, wie man das am besten umsetzen kann. Da werden wir uns in den nächsten Wochen was einfallen lassen.“

Trotz aller Widerstände haben Sie sich für das höchste Amt im HSV beworben. War Ihnen schon länger klar, irgendwann den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bekleiden zu wollen? Oder haben Sie gezögert?
Ertel: „Ich bin in letzter Zeit von sehr vielen Leuten aus dem Verein gebeten worden, mich um das Amt zu bewerben. Ich selbst habe aber lange gezögert und mich erst am Sonntag dazu entschlossen, zu kandidieren. Meine zwei engsten Freunde und meine Frau hatten mir sogar davon abgeraten – und sich am Ende sehr mit mir gefreut. Für mich zählt jetzt, dass mir meine Kollegen im Aufsichtsrat einen riesigen Vertrauensvorschuss entgegengebracht haben.“

Das war das erste Interview mit dem neuen Aufsichtsratsboss des HSV. Und ich finde, dass Manfred Ertel entgegen der hier vorherrschenden Meinung sehr wohl einige positive Ansätze liefert. Natürlich sind es bislang auch nur Ansätze, die erst noch mit Taten belegt werden müssen. Klar! Aber so ist es am Anfang doch bei jedem. Von daher halte ich es wie immer und gebe Manfred Ertel zusammen mit seinen Stellvertretern Jens Meier, Eckart Westphalen sowie allen anderen Kontrolleuren die faire Chance, die sie verdient haben. Wer weiß, wie sich die neue Zusammensetzung des Rates auf dessen Arbeit auswirkt?

In diesem Sinne, ich hoffe, dass der Aufsichtsrat den Otto’schen Handlungsstil beibehält und ausbaut. Ich melde mich morgen wieder. Dann wieder mit Fußball, denn da wird um 10 und um 15 Uhr an der Imtech-Arena trainiert.

Euch allen einen schönen Rest-Dienstag,
Scholle

P.S.: Eljero Elia ist heute im Training in Bremen übel umgegrätscht und anschließend mit Schmerzen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Dort allerdings gab es schnell Entwarnung: nur eine Fußprellung. Der ehemalige HSV-Profi kann somit am Sonntag bei Bremens 1:3-Niederlage gegen den HSV dabei sein. Gut so!

***Ertel neuer Aufsichtsratsboss*** Mancienne fällt sechs Wochen aus – und Arnesen setzt gegen Bremen auf Sieg

21. Januar 2013

****UPDATE: Manfred Ertel ist neuer Aufsichtsratschef des HSV****
In der gerade einmal knapp 90 Minuten dauernden ersten, konstituierenden Aufsichtsratssitzung nach der Mitgliederversammlung am 13. Januar haben die elf Kontrolleure Manfred Ertel zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt. “Ich freue mich über das Vertrauen”, so Ertel, der nach eigener Aussage “mit großer Geschlossenheit” ins neue Amt gewählt wurde. Seine Stellvertreter sind Jens Meier und Eckart Westphalen. Den Vorsitz des Finanzausschusses übernimmt Christian Strauß. Morgen um 18 Uhr folgt die erste ordentliche Aufsichtsratssitzung, in der auch der Vorstand dazugerufen wird, um über die aktuelle Situation (insbesondere über die finanzielle) zu informieren.

Um eines klarzustellen: Ich fand Ditschi Ripps Idee, Marcell Jansen in die Innenverteidigung zu stellen, zwar hochinteressant – aber ich kann mir ein solches Szenario nicht vorstellen. Auch wenn Michael Mancienne nach seinem Unfall in Nürnberg mit einem doppelten Bänderriss zwar nicht operiert werden muss, dafür aber vier bis sechs Wochen ausfällt. Bitter für den Engländer. Bitter für den HSV.

Dennoch, ich halte Jansen nicht für eine Alternative in der Innenverteidigung. Im Gegenteil, ich halte einen Paul Scharner für zwingend geeigneter, den Posten Manciennes einzunehmen. Ebenso wie Jeffrey Bruma, der bei Trainer Thorsten Fink die erste Wahl ist. Und das, obwohl längere Zeit auch ein Wechsel des Niederländers, an dem PSV Eindhoven interessiert sein soll, im Raum stand. Der wiederum ist spätestens jetzt vom Tisch. „Wir hatten im Dezember bereits ein Gespräch mit Jeff, in dem der Trainer und ich ihm klar gesagt haben, dass wir ihn unbedingt halten wollen und dass er Geduld haben muss. In Abu Dhabi haben wir uns noch mal hingesetzt und der Trainer hat ihm deutlich gemacht, dass er der erste Kandidat ist, wenn ein Innenverteidiger ausfällt. Es ist schade, dass Jeff auf diese Art seine Chance bekommt – aber es ist sein Glück.“

Davon kann Slobodan Rajkovic nicht sprechen. Der Ex-Aussortierte steht weiter zum Verkauf. „Michael kommt ja irgendwann zurück“, sagt Arnesen, „und dann hätten wir fünf Innenverteidiger. Das ist einer zu viel.“
Angebote für den Serben gibt es zwar noch nicht – allerdings scheint Arnesen erneut mit einem Angebot aus Russland (haben eine längere Transferperiode bis Ende Februar, so Arnesen) zu rechnen. Zumindest betonte der Däne heute, dass er trotz des stockenden Verkaufsstandes ruhig sei. „Da wird am Ende noch was passieren“, so Arnesen, der davon ausgeht, dass alle Klubs den Rückrundenstart abwarten und kurz vor Transferschluss am 31. Januar noch etwaige personelle Lücken schließen. Vielleicht ja auch mit HSV-Profis. Ob er sich unter Druck sieht? Arnesen: „Nein, das ist alles gar kein Problem. Wir gehen da durch. Die Vereine schauen jetzt alle noch, ob sie noch was machen müssen.“ Es würde schon noch was passieren…

Nun denn. Das auf jeden Fall neben Bruma auch nicht mehr mit Per Skjelbred. Nachdem ihm der Verein gleich zweimal mitgeteilt hatte, er könne sich einen neuen Verein suchen, hat sich der Norweger mit starken Leistungen ins Rampenlicht gespielt. Jetzt rüttelt er sogar an dem Stammplatz von Tolgay Arslan, wie Fink nach dem Spiel in Nürnberg andeutete. Zumindest wusste Skjelbred mehr zu überzeugen als der früh gelbrotgefährdete Tolgay Arslan, für den er nach einer guten halben Stunde kam. Arnesen sieht in dem sympathischen Mittelfeldmann ein gutes Beispiel für Bruma. „Per war lange Zeit nicht im Kader und hat uns gefragt, was wir machen wollen. Er hat immer gesagt, dass er spielen will und immer Vollgas gegeben. Er hat eine fantastische Einstellung, geht super mit seinen Kollegen um und arbeitet unglaublich viel. Für ihn freue ich mich noch eine Portion extra, weil er in Nürnberg für mich einer der Besten war.“

Stimmt. Ich auch. Obwohl es mir auf der anderen Seite um Tolgay Arslan leid täte, der nicht minder mannschaftsdienlich ist und bislang eine hervorragende Saison spielt. Die zwei vermeidbaren frühen Fouls waren dumm – aber deswegen aus der Startelf zu fliegen wäre hart. Ebenso hart wie ein erneutes Reservistendasein für Skjelbred. Beide haben ihren Platz im Team verdient. Deshalb suche ich den kleinsten gemeinsamen Nenner und freue mich über den qualitativ hochwertigen Konkurrenzkampf vor einem so wichtigen Spiel wie dem bevorstehenden Nordderby gegen die Unaussprechlichen. Ein Spiel mit besonderer Brisanz – vor allem auch für Arnesen: „Seit ich hier bin habe ich noch nicht gegen die gewinnen können“, sagt der Däne, der auf die Formkurve des HSV setzt. „Wir sind nicht schlecht gestartet, nimmt man die zweite Halbzeit als Maßstab. Bis auf die fünf Minuten, in denen wir auch das 1:1 bekommen haben.“

Stimmt. Nimmt man diese fünf und die ersten 45 raus, war es ein gutes Spiel des HSV. Insbesondere die letzten zehn Minuten, in denen der HSV das FCN-Tor belagerte, als ginge es ums Weiterkommen im Europacup. Mehrfach hatte Heung Min Son die Führung auf dem Fuß, oder besser: auf dem Kopf. Doch Nürnbergs starker Keeper Schäfer und der Pfosten verhinderten den verdienten Auftaktsieg des HSV. Im Gegensatz dazu war Bremen beim 0:5-Heimdebakel gegen Dortmund chancenlos. Ein Nachteil für den nächsten HSV-Gegner? Arnesen verneint. „Das kann beides bedeuten, immerhin müssen sie jetzt kommen.“ Dennoch, und das ist das neue HSV-Selbstvertrauen, das ich schon in der ersten Minute in Nürnberg erwartet hätte: „Wir wissen, was wir können und sind zu Hause besser als letztes Jahr“, sagt Arnesen und verrät, weshalb der HSV in Nürnberg die zweiten 45 Minuten dominierte: „Thorsten Fink hat in der Halbzeit die richtigen Worte gefunden“, so der Sportchef über die gerade mal zwei Minuten dauernde Ansprache des Trainers im FCN-Kabinentrakt. „Er hat der Mannschaft nur gesagt, dass das noch lange nicht das war, was sie kann. Dass sie es besser können und zeigen sollen. Und es hat funktioniert.“

Na dann soll Fink das doch gleich von Beginn an sagen. Gegen Werder zu gewinnen würde auch mir eine ganze Menge geben nach den gefühlt 20 Pleiten in den letzten zehn Jahren…

Alles andere als ne Pleite ist der Auftritt von Artjoms Rudnevs und Heung Min Son gewesen. Während Rafael van der Vaart in meinen Augen noch zu körperlos agierte und in der zweiten Hälfte nur einen gescheiten Pass (auf Son, Schäfer rettete stark) vorzuweisen hatte, waren die beiden Angreifer an allen gefährlichen Situationen beteiligt. Wobei Rudnevs, dem ich anfangs nahezu jegliche fußballerische Qualität absprach, immer besser einbringt. Sogar spielerisch nimmt er teil. „Bei Rudi erkennt man einen Riesenunterschied zum Saisonbeginn, weil er unfassbar fleißig ist. Er ist körperlich eine Maschine und entsprechend kann man ihm eine Menge Training zumuten. Er ist unglaublich ehrgeizig – und er trainiert mehr als alle anderen. Er übt jeden Tag, spielt Fußballtennis mit Vidovic oder anderen Kollegen, um seine Technik zu schulen.“

Und das wirkt. Sein Treffer in Nürnberg bedeutete den ersten Punkt 2013. Nach vier Spielen zu Saisonbeginn hatte der HSV drei Punkte – aus dem vierten Spiel gegen Dortmund. „Und in Dortmund zu gewinnen würde ich nicht unbedingt einkalkulieren“, sagt Arnesen, „deshalb warten wir die nächsten drei Spiele ab.“ Immerhin sollen es am Ende mindestens die 24 Punkte aus der Hinrunde werden. Arnesens Ziel? „Bayern München ist vorne weg. Aber ansonsten gibt es in der Liga sehr viel Streit dahinter.“ Drei Punkte sind es für den HSV bis Platz fünf. Fünf Punkte bis Platz vier, der die Qualifikation zur Champions League bedeuten würde – und der HSV hat zwei Heimspiele vor der Brust. Beide sind schwierig – aber nicht unmachbar. Es ist (mal wieder) die Phase, in der der HSV die Chance hat, einen entscheidenden Schritt nach oben zu machen. In Nürnberg ist dies nur teilweise gelungen.

Jetzt kommt Bremen. Und die Bremer haben ihre eigenen Probleme. “Bremen hat eine junge Mannschaft, musste sich zuletzt von einigen erfahrenen Spielern trennen. Auch ihnen fehlt die Konstanz”, so Arnesen, der hinzufügt: “Werder hat die letzten zehn Jahre immer international gespielt und steht deshalb etwas unter Druck. Klaus Allofs, der lange mit Schaaf geführt hat, ist weg. Alles das zusammen führt zu einer gewissen Verunsicherung.” Hoffen wir mal, dass Arnesen Recht behält und dass gegen Bremen nachgelegt wird…

Nachlegen werde auch ich. Nach der Aufsichtsratssitzung heute Abend im Elysee, in der der neue Chefkontrolleur gewählt wird. Sobald das geschehen ist, werde ich hier ein Update einfügen.

Bis später!
Scholle

1:1 in Nürnberg – Sieg verschenkt!

20. Januar 2013

Die Revanche ist nicht ganz gelungen. Nach dem 0:1 im Hinspiel schaffte der HSV zum Auftakt der Rückrunde nur ein 1:1 beim 1. FC Nürnberg. Dabei war bei den Franken auch ein Hamburger Sieg drin, denn der HSV wachte nach verschlafener erster Hälfte auf und war im zweiten Durchgang die klar spielbestimmende Mannschaft, traf zweimal den Pfosten und verschenkte leider, leider eine 1:0-Führung. Trainer Thorsten Fink hatte einen Dreier von seiner Truppe verlangt, die Mannschaft stand auch dicht vor diesem Erfolg, aber eine gute Szene langte den Nürnbergern schließlich, um doch noch einen Punkt zu behalten. Immerhin aber hat der HSV nicht verloren, auch wenn das nach dieser guten zweiten Halbzeit kein Trost sein kann. Jetzt ist der HSV am kommenden Sonntag gefordert, gegen den alten Nordrivalen Werder Bremen von Beginn an Leben zu zeigen, um dann dort den ersten Sieg des neuen Jahres einzufahren.

Der Club übernahm in diesem Spiel zunächst die Initiative, der HSV war in der eigenen Hälfte wie festgenagelt. Nach vorne ging für die jungen „Finken“ so gut wie nichts. Nürnbergs Torwart Schäfer hatte den ersten Ballkontakt in der 7. Minute, als er einen langen Pass von Rafael van der Vaart dankbar aufnahm. Es blieb für lange, lange Zeit der einzige Kontakt des Keepers mit dem Ball, denn der HSV brachte nach vorne nichts zustande. Das war kümmerlich. In der 24. Minute sah es zum ersten Mal nach Angriff aus, als Marcell Jansen den in den Strafraum laufenden Dennis Aogo bediente – aber dessen Eingabe wurde noch abgeblockt, wieder nichts. Erst in der 41. Minute versuchte der erste Hamburger auf das Tor der Franken zu schießen: Dennis Diekmeier zog aus 18 Metern ab,. Die Position war eigentlich super und dankbar, aber der Verteidiger drosch die Kugel in den Himmel. Verzweifelt hob van der Vaart seine Arme in die Luft, denn der Niederländer stand zentral an der Strafraumgrenze und hätte sicherlich besser abschließen können. Hätte.

Aber nicht nur nach vorne lief vieles falsch beim HSV, auch personell ging einiges schief. Michael Mancienne verletzte sich in einem Kopfballduell wohl schwerer, als er bei der Landung mit dem linken Fuß ganz böse umknickte. Der Engländer wurde sofort ins Krankenhaus gefahren, denn es wurde ein Knöchelbruch vermutet. Hoffentlich nicht. Auf jeden Fall von hier aus (und den Matz-abbern) gute Besserung, es sah nicht gut aus. Mancienne ging in der 12. Minute raus, nachdem er lange behandelt worden war – Jeffrey Bruma kam aber erst in der 14. Minute auf den Rasen, weil er sich erst das Trikot überziehen musste. Ich verstehe das nicht, aber es ist auch kein Einzelfall. Wenn ich früher auf der Bank saß, hatte ich immer mein Trikot schon an, aber früher war eben alles wie früher. Und ein Profi war ich ja auch nie, deswegen muss ich das auch nicht verstehen . . .

Den zweiten personellen Rückschlag leitete Tolgay Arslan in der 28. Minute ein. Der Deutsch-Türke leistete sich einen übel aussehenden Ellenbogenschlag gegen den Nürnberger Pinola. Gelb! Völlig berechtigt. Und keine 120 Sekunden foulte Arslan erneut, ein taktisches Foul an der Mittellinie. Da protestierte „ganz Nürnberg“ auf Doppel-Gelb. Wie fair! Früher hieß es, dass der Schiedsrichter dafür auch Gelb ziehen darf, aber das ist – wie gesagt – früher so gewesen. Wenn ich so an den ehemaligen Hannoveraner Balitsch denke, der bis zum Schluss Doppel-Gelb forderte, dann hätte ich an Stelle von Schiedsrichter Welz ihm auf jeden Fall Gelb gegeben. Aber es gab nichts. Nur eine Ermahnung für Arslan – und die war auch völlig berechtigt. Für Arslan kam dann zehn Minuten später Per Ciljan Skjelbred, eine völlig berechtigte Maßnahme des Trainers, denn bei dem oftmals überschäumenden Temperament Arslans hätte es wahrscheinlich doch noch Doppel-Gelb gegeben.

Der HSV schoss nur einmal in Richtung Club-Tor, die Nürnberger versuchten es auch nur einige Mal mehr – hatten aber eine fast „Hundertprozentige“. Jansen ließ Mak aus den Augen, doch zum Glück für den HSV zielte der „Clubberer“ aus 14 Metern – frei vor Rene Adler – am langen Eck vorbei (43.). Tief durchatmen, HSV!

Beim HSV gab es im Spielaufbau viel zu viele Fehlpässe, es wurde auch zu ängstlich nach vorne gespielt, ohne Risiko. Und als die Mannschaft merkte, dass mit diesem Spielaufbau kein Blumentopf zu gewinnen ist, da wurden etliche lange Bälle nach vorne „geklopft“ – ohne den eigenen Mann zu treffen. Das sah schon hilflos aus. Und in der ersten Halbzeit war Rafael van der Vaart auch kaum zu sehen. Was nicht nur an ihm lag, denn der Niederländer wurde von seinen Kollegen kaum einmal gesucht – schon gar nicht gefunden. Am „kleinen Engel“ lief im ersten Durchgang fast alles vorbei. Was natürlich auch an der mangelnden Spielpraxis liegen kann – aber im Abschlusstraining (beim abschließenden Spielchen) trat „Raffa“ auch kaum in Erscheinung. Was heißt kaum? Gar nicht. Dabei hatte van der Vaart ja eine gute – und auch etwas kuriose – Nürnberg-Statistik vorzuweisen: 3:0, 2:0, 1:0 und 0:0 lauteten seine Resultate gegen die Franken in der Bundesliga – und diesmal?

Im zweiten Durchgang war der HSV zunächst um eine offensivere Spielweise bemüht. Thorsten Fink stand am Rand und trieb seine Mannen immer wieder nach vorne – oder besser: hinten raus. Und auch van der Vaart fand besser ins Spiel, hatte in den ersten 15 Minuten schon mehr Szenen als in der ersten Halbzeit gesamt. Schon zu diesem Zeitpunkt stand fest, dass sich auch die Nürnberger im Offensivspiel sehr schwer taten, das sah über weite Strecken auch recht, recht harmlos und kümmerlich aus. Wie im Hinspiel. Das war damals auch erschütternd, nur gewann der Club damals 1:0.

Diesmal hatte der HSV im zweiten Durchgang die besseren Möglichkeiten. Skjelbred, der super ins Spiel gefunden hatte und eine Belebung war, flankte zur Mitte, doch Artjoms Rudnevs kam nicht über den Ball, köpfte die Kugel überweg (57.). In der 65. Minute schoss Jansen aus 18 Metern, eine gute und vor allem freie Position (früher hätte er den zumindest auf das Tor bekommen), aber der Ball flog nur ans Außennetz – da war mehr drin. 60 Sekunden später flankte Aogo von links, und Nürnbergs Argentinier Pinola köpfte diesen Ball an den Pfosten des eigenen Tores. Glück für den Club. Aber der HSV war auf den Geschmack gekommen. Vor allen Dingen Aogo. Er wurde wieder einmal von Jansen (Super-Einsatz in dieser Szene!) bedient, flankte von halblinks und am langen Pfosten setzte sich Rudnevs (ein wenig rustikal) gegen Pinola durch – 1:0 in der 70. Minute. Die Vorentscheidung?

Denkste! Diekmeier ließ Gebhart in der 74. Minute von der Torauslinie flanken, Aogo, der in der Mitte stand, ließ Pekhart ziehen – 1:1. Das ging zu schnell, das ging vor allem zu mühelos.

Jetzt war Tempo, Spannung und auch Leidenschaft in der Partie, jetzt sah das nach Erstliga-Fußball aus. Und er HSV schlug zurück: Flanke Jansen, Kopfball von Heung Min Son aus vier Metern – Schäfer hält. Zwar mit Mühe, aber er hält. Das hätte das 2:1 für den HSV sein müssen. Und wer sich erinnert: Bei meinem gestrigen Beitrag war die Eröffnung die, dass Heiko Westermann mit Son schimpfte: „Noch einmal quer, noch einmal quer – warum schießt du nicht?“ Son stand in der 79. Minuten noch einmal vor dem erneuten Führungstor, zögerte aber zu lange und brachte letztlich nur einen harmlosen Roller aus sieben Metern zustande.

Und dann noch viel Pech in der Nachspielzeit: Flanke Diekmeier, Son köpft an den Pfosten. Unglaublich. Vor Wut (und Enttäuschung) drosch Westermann beim Schlusspfiff die Kugel in den Abendhimmel – hier war deutlich mehr drin. 70 Prozent Ballbesitz in der zweiten Halbzeit, 9:3 Torschüsse – ein verschenkter Sieg nach verschlafener erster Halbzeit.

Die Stimmen zum Spiel gab es bei “Sky”.

Michael Wiesinger (Trainer 1. FC Nürnberg) über die Partie: “Das war ein Wechselbad. In der ersten Halbzeit waren wir sehr couragiert, hätten durch Mak in Führung gehen müssen. Dann waren wir nicht mehr so diszipliniert, das Tor für Hamburg lag in der Luft. Am Schluss war es ein glücklicher Punkt. Aber wir müssen uns für den Punkt auch nicht entschuldigen.“

Thorsten Fink befand: „Wir haben eine schlechte erste Halbzeit gespielt, sind überhaupt nicht ins Spiel gekommen. Das haben wir in der zweiten Halbzeit geändert, nur die Chancen, die wir haben, müssen wir nutzen. Und so einfach darf man das Tor auch nicht hergeben nach einem Einwurf. Ansonsten haben wir eine fantastische zweite Halbzeit gespielt, viel besser kann man nicht spielen.“

Rafael van der Vaart gab ehrlich zu: „Die erste Halbzeit war ganz schlecht, so gewinnt man keine Bundesligaspiele. Ich war froh, dass wir die zweite Halbzeit sehr gut gespielt haben, am Ende war das Unentschieden okay.“

Und Marcell Jansen resümierte bei “Sky”: „Die erste Halbzeit haben wir total verpennt, jeder zweite Ball war beim Gegner. In der zweiten Halbzeit haben wir das Spiel an uns genommen, aber zu wenig daraus gemacht. Das Gegentor darf uns nicht passieren, wir gucken nur, wo der Ball ist.“

Die Einzelkritik:

Rene Adler blieb fast ohne Beschäftigung, am 1:1 war er völlig macht- und schuldlos.

Dennis Diekmeier zeigte an seiner alten Wirkungsstätte lange eine recht ansprechende Partie, aber beim 1:1 hätte er besser stehen und dann auch eingreifen müssen. Das war amateurhaft.

Michael Mancienne hatte Pech, dass er früh raus musste – hoffentlich ist es kein Knöchelbruch.

Jeffrey Bruma (ab 14. Minute für Mancienne) fand sich schnell gut ein, lag im Abspiel aber nicht immer richtig. Dennoch ganz okay, diese Leistung – von Null auf 100 in vier Minuten.

Heiko Westermann hatte einige schlimme Fehlpässe auf Lager, von jener Art, die er längst hinter sich gelassen hatte – aber in Sachen Zweikampf war er top. Und das war wichtig.

Marcell Jansen begann erst nach 20 Minuten damit, sich voll in dieses Spiel “reinzuhängen“. Vorher sah das alles ein wenig zu lässig aus. Dann kam er aber besser ins Spiel, zudem wurde das Zusammenspiel mit Aogo immer auffälliger und gut – insgesamt Note drei für Jansen.

Milan Badelj zeigte zu Beginn einige ungewohnte Schwächen und Abspielfehler, aber es war dann auch wie immer – er fing sich und spielte effektiv mit.

Tolgay Arslan riskierte viel, zu viel. Das kann auch mal ins Auge gehen, denn deswegen musste viel zu früh zum zweiten Mal gewechselt werden. Das muss nicht sein, da muss er sein Temperament zügeln – im Interesse des Teams.

Per Ciljan Skjelbred (ab 38. Für Arslan) gefiel mir sehr gut und knüpfte an seine guten Leistungen an, die er zum Schluss der Hinrunde bot. Das konnte sich sehenlassen.

Dennis Aogo nahm sich einige Zeit, um zu seinem Spiel zu finden, dann aber hatte er es. Note drei.

Rafael van der Vaart war erste Halbzeit kaum zu sehen, dafür aber in der zweiten Halbzeit der beste Mann (auf dem Platz). Bewundernswert, dass er so tapfer 90 Minuten durchhielt.

Heung Min Son war auch im ersten Durchgang nicht zu sehen, aber dann taute er auf und sorgte für Wirbel und Leben. Auch Note drei.

Artjoms Rudnevs war in Halbzeit eins gar nicht zu sehen, aber er köpfte sein siebtes Saisontor – der Mann hat es einfach drauf. Das ist ein Torjäger der alten Schule – er ist lange nicht dabei, aber wenn es darauf ankommt, dann ist er plötzlich da.

17.42

Fink: “0:0 ist besser als ein 6:6 . . .”

19. Januar 2013

„Immer noch mal quer, und immer noch mal quer – Mensch, schieß doch mal. Das kann doch nicht wahr sein!“ Heiko Westermann war obergenervt, denn wieder einmal hatte Heung Min Son einen Ball in vielversprechender Lage – vor dem Tor von Rene Adler – am Fuß, doch statt den Abschluss zu suchen, wurde die Kugel noch einmal und noch einmal quer gelegt – bis es für einen Schuss zu eng und damit zu spät war. Was Kapitän Westermann nicht wusste: Als ihm nach dieser Situation der Kragen geplatzt war, beendete Trainer Thorsten Fink das Abschlussspielchen am Volkspark. 0:0 hieß es zwischen der gedachten Anfangsformation für das Nürnberg-Spiel und den Reservisten. Wobei die B-Elf noch in Person von Marcus Berg und Gojko Kacar die besseren Möglichkeiten auf dem Fuß hatte – aber entweder schossen die Spieler daneben, oder der glänzend aufgelegte Sven Neuhaus parierte. Neuhaus wird ja den am Rücken verletzten Jaroslav Drobny als Ersatzkeeper ersetzen, aber selbst wenn der 34-jährige Routinier an der Noris zwischen die Pfosten müsste, wäre mir nicht bange – er ist in sehr guter Verfassung. Und was mir an Neuhaus besonders gefällt: Er ist laut, er dirigiert seine Vorderleute voller Engagement, er stellt sie super und er motiviert sie ganz hervorragend. So wie es sein muss. Rene Adler macht es ja auch, aber der ist auch die Nummer eins des HSV, ist voller Selbstvertrauen und steht voll im Saft. Neuhaus aber war bislang nur die Nummer vier, ist nach dem Verkauf von Tom Mickel jetzt die Nummer drei – macht aber trotz allem, und so ist es genau richtig, den Mund auf. Vorbildlich. Übrigens: Mickel steht beim Spiel seines neuen Klubs Greuther Fürth in München gegen die Bayern nicht im Tor, dafür lässt der ehemalige HSV-Schlussmann Wolfgang Hesl gerade eine Lusche zum 1:0 für den Rekordmeister reinrutschen . . .

Zurück zum Abschlusstraining des HSV. Bitter kalt war es – durch den Ostwind, richtig unangenehm, gefühlte minus zehn Grad. Deswegen war in dieser Einheit stets Tempo drin, damit ja niemand steht und sich erkältet. Laufen, laufen mit Ballschule, Torschüsse auf zwei Tore und die Nullnummer gab es zu sehen. Und Thorsten Fink wirkte nicht unzufrieden, denn er sagte: „Besser ein 0:0 als ein 6:6. Bei so vielen Toren würde man ja graue Haare bekommen – nein, auf ein 0:0 lässt sich aufbauen.“ Und besser ohne Tore als ein 4:5 (wie aus Sicht von Hannover 96). Mensch, was waren das für Fehler auf Schalke! Jeder Schuss ein Treffer. Da stellte sich die Abwehr des HSV heute doch wesentlich besser an – auch wenn nicht alles glückte. Erfreulich war, wie gut Petr Jiracek schon wieder mitmischte – so könnte es bis zum Werder-Spiel am Sonntag in einer Woche durchaus etwas werden. Fragt sich nur, für wen der Tscheche dann in die Mannschaft käme. Es darf gerätselt werden, auch wenn es noch hin ist. Zentral hinten spielt Milan Badelj, zentral vorne Rafael van der Vaart, rechts Tolgay Arslan, links Dennis Aogo. Wer müsste dann raus? Und Jiracek auf einen Flügel? Das sah, als er dort spielte, nicht unbedingt so gut aus . . .

Okay, es ist noch Zeit, aber der HSV wird dieses Luxus-Problem eines Tages bekommen. Wobei es natürlich auch wieder eine System-Änderung geben könnte – mit zwei Sechsern: Badelj und Jiracek. Es bleibt spannend. Auch wie sich Arslan und Dennis Aogo weiter entwickeln und in ihren Rollen zeigen. Aogo war heute nicht unbedingt und vordringlich auf der linken Seite zu finden, sondern „turnte“ wieder überall herum – als kleines „Laufwunder“. Bitter ist die Situation ja nun für Per Ciljan Skjelbred sein, der zuletzt ja fast immer eine gute Benotung für seine Spiele (als Van-der-Vaart-Vertreter?) erhalten hatten – und nun plötzlich wieder nur Ersatz sein wird. Das ist Schicksal. Mir tut der Norweger ein wenig Leid, denn er hat sich zuletzt enorm reingehängt und seine Sache wirklich gut gemacht – aber wie heißt es so schön: Konkurrenz belebt das Geschäft. Jetzt muss sich im Mittelfeld jeder zeigen (und Leistung bringen), sonst kommt Skjelbred. Und wer weiß, wie lange van der Vaart morgen in Nürnberg durchhalten wird. Wobei ich ihm selbstverständlich die Daumen drücke, dass es über volle 90 Minuten und die eine oder andere Sekunde auch länger gehen wird. Im Training heute hielt sich der vollbärtige Niederländer ein wenig im Hintergrund auf. Was bestimmt nicht dazu führte, dass der Regisseur und sein Trainer gemeinsam vom Trainingsplatz und bis kurz vor die Kabine gingen – sich über dies und jenes unterhaltend.

Eine kleine Schrecksekunde hatte heute Tomas Rincon zu überstehen, denn er wurde von Heung Min Son ziemlich unsanft in den Rasen befördert. Ohne dass der Trainer pfiff! Rincon blieb einige Sekunden am Boden liegen, humpelte danach auch einige Minuten über das Geläuf – nicht gerade freundlich auf Son blickend. Ich habe mir bei dieser Szene gedacht: „Sieh an, sieh an, der Sonny. Im Spiel springt er lieber mal drei Meter hoch, um nicht getroffen zu werden, aber im Training legt er kurzerhand mal den Popeye flach. Der Junge lernt von Tag zu Tag dazu – jetzt muss er es nur auch mal im Spiel mal zeigen, dass er austeilen und einstecken kann.“
Und noch einmal hatte es bei diesem Spielchen „geknallt“ – als Artjoms „Rudi“ Rudnevs gegen Slobodan Rajkovic zutrat. Da trat ein Bär den anderen – Rajkovic schien der Verlierer dieses Duells zu sein, denn „Rudi“ stand als erster Spieler wieder aus, während sich Rajkovic auf dem Rasen sitzend das Schienbein rieb. Und wo ich gerade bei Slobodan Rajkovic bin: Er blieb in Hamburg, dazu auch Gojko Kacar und (noch einmal) Petr Jiracek. Nicht mitgeflogen ist auch Zhi Ging Lam, der eine Sehnenscheiden-Entzündung im Knie erlitten hat. Paul Scharners Schleudertraum ist bereits bekannt.

Nach dem heutigen Training gab es – trotz der sibirischen Kälte – noch einige Sonderschichten. Lobenswert! Ronny Teuber nahm sich ganz allein Rene Adler vor, Nikola Vidovic trainierte mit Jiracek „an der Wand“. Zehn Mal musste „Jira“ den Ball an die Wand befördern, danach über zehn Meter sprinten – und dann um den kleinen Trainingsplatz laufen. Und dann begann es wieder von vorn. Das dauerte so seine 20 Minuten. Unterdessen sprinteten Gojko Kacar und Slobodan Rajkovic um die Wette. In Etappen: Erste fünf Meter, dann zehn Meter, dann 15 Meter. Und wieder von vorn. Für mich blieb es aber ungeklärt, ob diese beiden Spieler eine freiwillige Zusatzschicht eingelegt hatten, oder ob es auf „Befehl von oben“ geschah. Ich habe allerdings keinen „Befehl“ und auch keinen „Befehlshaber“ gesehen, der diese Schicht auch noch beaufsichtigte. Rajkovic und Kacar liefen für sich allein. Und das nenne ich ebenfalls lobenswert. Weil das bei der Kälte ganz gewiss nicht selbstverständlich ist.

Nun bin ich – wie ihr – sehr gespannt auf den Auftritt des HSV in Nürnberg. Trainer Thorsten Fink hatte ja vor einer Woche bereits gesagt, dass er von seiner Mannschaft einen Sieg erwartet. Nun hat der Coach auch noch gesagt, dass der HSV ja etwas „gutzumachen“ habe – weil dieses 0:1 im Hinspiel ganz besonders grausam war. Allerdings zucke ich bei dem Wort „Wiedergutmachung“ immer innerlich zusammen – denn das hat, so sagt es mir mein Gefühl, beim HSV noch nie so richtig geklappt. Im Gegenteil, meistens ging der Schuss dann sogar nach hinten los.

Und obwohl Nürnberg dem HSV (in der Vergangenheit) sehr oft lag, es gibt dort ja noch einen Trainerwechsel, der nun sein erstes Bundesliga-Spiel erlebt. Und wie gut sich das Gespann Wiesinger/Reutershahn dann machen wird, zeigt sich am Sonntag von 15.30 Uhr an. Apropos Reutershahn: Er war ja einst jahrelang beim HSV der Assistent des Chef-Trainers. 1997 holte ihn Frank Pagelsdorf von Bayer Uerdingen nach Hamburg, dann blieb Armin Reutershahn auch noch bei Kurt Jara und auch bei Klaus Toppmöller noch die rechte Hand. Erst mit dem Wechsel von Toppmöller auf Doll (im Oktober 2004) war für Reutershahn das Kapitel HSV beendet. Ich gebe zu, ich hätte damals nicht gedacht, dass ich ihn eines Tages als Chef-Trainer eines Bundesliga-Vereins begrüßen werde, denn Reutershahn, der unbestritten viel Ahnung vom Fußball (!) hat, war mir stets einen Tick zu leise und zu introvertiert. Und er war mir auch – im Zusammenspiel mit den ausgebufften Profis – immer ein wenig zu lieb; er ist ein ganz, ganz „menschlicher“ (um nicht das Wort „nett“ zu benutzen) Mensch. Jetzt aber wird es sich zeigen, ob ich mit meiner damaligen Einschätzung verkehrt lag, denn als Erstliga-Trainer muss man ganz sicher auch ab und an ein harter Hund sein. Und ich wünsche ihm sicherlich auch alles Gute auf seinem neuen Weg, es muss ja nicht gleich mit einem Sieg (gegen den HSV) beginnen . . .

PS: Bitte nicht vergessen, wir gehen morgen nach dem HSV-Spiel in Nürnberg wieder mit “Matz ab live” auf Sendung, diesmal aus dem Hotel “Elysee”. Gäste von “Scholle” und mir werden dann der frühere Nationalspieler Klaus Zaczyk und Europapokal-Sieger Hans-Jürgen “Ditschi” Ripp sein.
Wir würden uns sehr über euer Einschalten freuen . . .

18.07 Uhr

Es geht endlich wieder los!

18. Januar 2013

Ganz ehrlich: es langt. Und diesmal meine ich nicht die Berichterstattung über die van der Vaarts, sondern die Winterpause. Ich habe keine Lust mehr, über die Wintervorbereitung zu sprechen. Es darf jetzt endlich wieder losgehen. Und ich bin mir ganz sicher, dass auch die Spieler samt Trainerstab diese Meinung teilen. Zumindest machte Fink in den letzten Gesprächen einen gelangweilten Eindruck. Und das, obwohl der HSV-Coach stets bemüht ist, auch auf die dümmsten Fragen nett zu antworten. Ich nehme mich da mal nicht aus…
Aber im Ernst, ich muss heute nicht mehr über Aufsichtsräte berichten und auch nicht mehr schreiben, dass es eine tolle Vorbereitung mit Top-Bedingungen war. Und so spektakulär auch die Verpflichtung eines Josep „Pep“ Guardiola sein mag – im Moment interessiert mich auch das nur am Rande. Immerhin steht der HSV vor seinem ersten Rückrundenspiel. Und das mit großen Zielen. Immerhin sollen es in der Rückrunde mindestens noch mal 24 Punkte werden – was einen internationalen Rang bedeuten könnte. „Jetzt schon wieder irgendwelche großen Ziele auszurufen – ich halte es für falsch“, sagt HSV-Kapitän Westermann und hat grundsätzlich Recht. Allerdings sollte der HSV durchaus Ansprüche stellen – vor allem an sich selbst. Wie zum Beispiel einen Sieg im nächsten Spiel. Und das findet in Nürnberg statt. Gegen Franken, die dem HSV im Hinspiel eine bittere Niederlage in einem der schlechtesten Bundesligaspiele dieser Saison beigefügt haben. „Das wir etwas gutzumachen haben wissen alle“, sagt Fink, der beim FCN auf seinen ehemaligen Bayern-Kumpel Michael Wiesinger trifft – aber auch das interessiert nicht mehr wirklich, oder?

Egal wie, interessanter dürfte sein, wie lange Rafael van der Vaart zum Rückrundenauftakt durchhält. Denn klar ist, dass der Niederländer fit ist und beginnt. „Alles super“, so van der Vaart heute nach dem Training. Wie lange er durchhalten kann? Van der Vaart lacht. „Bis zum Ende, wenn es nötig ist. Abwarten.“ Und während einer meiner Kollegen – wie ich ihn kenne war das sicherlich nicht seine Idee – nach der Besonderheit von van der Vaarts Bart fragte, fragte eine anderer Kollege nach der Besonderheit Nürnberg. Denn die Franken waren es, die Rafael van der Vaart am 6. August 2005 als ersten Bundesligagegner kennenlernte. Gutes Omen für Sonntag: Damals gewann der HSV durch die Treffer von Emile Mpenza und Sergej Barbarez (2) deutlich mit 3:0 und van der Vaart wurde in der 71. Minute ausgewechselt. „Das war ein gutes Spiel von uns“, erinnert sich van der Vaart, „Sergej war super.“

Wer am Sonntag den Sergej macht steht ebenfalls fest. Zumindest, wer ihn machen könnte. Und obwohl ich mit der Fink’schen Wahl Rudnevs/Son zufrieden bin, muss ich ganz ehrlich sagen, dass im Moment ausgerechnet der Angreifer punktet, der bei Fink so gar keine Rolle spielt: Marcus Berg. Der Schwede, der gegen Hertha am Mittwoch doppelt traf, traf auch heute im Training wieder. Und obwohl ich das schon einmal gesagt habe: Berg ist der Stürmer im Team, der mit Sicherheit vor dem gegnerischen Keeper am coolsten ist. Allein, er muss erst einmal in diese Situation kommen…

Und das wird er am Sonntag höchstens als Einwechselspieler. Denn Fink lässt wie erwartet beginnen. Auch wieder mit Marcell Jansen, der zuletzt wegen eines Trainingsunfalls pausierte. Jansen war es auch, der in der Winterpause davon sprach, dass der HSV ob seiner Ausgaben einen höheren Anspruch als Platz zehn haben müsste. „Ich meinte damit, dass ich es Mannschaften gibt die vor uns stehen, obwohl sie einen deutlich geringeren Etat haben“, so Jansen, der sich gern einmal über das reine Spielen hinaus mit dem HSV beschäftigt. So zuletzt bei der Mitgliederversammlung, in der Jansen Dr. Hartmann unterstützte und ein Bild mit ihm postete. Apropos Posten: Zuletzt teilte Jansen via facebook (oder war es Twitter?) mit, seine Freundin habe ihn zum Schauen des Dschungelcamps verdonnert. Umso glücklicher dürfte Jansen jetzt sein. Immerhin kann er mit seinem Zimmernachbarn Sven Neuhaus (ist für den angeschlagenen Drobny im Kader) das Fernsehprogramm frei wählen und muss sich nicht den Z-Promi-Mist auf RTL ansehen.

Ansehen könnt Ihr Euch indes am Sonntag eine neue Ausgabe von „Matz Ab! Live“. Diesmal senden wir nicht aus dem beliebten Champs in Bönningstedt sondern aus dem Elysee. Hintergrund ist, dass die Sendung in der Rückrunde von unserem neuen Partner „Block House“, zu dessen Unternehmensgruppe auch das Grand Elysee gehört, präsentiert wird. Beginn der Sendung ist wie immer gegen 17.30 Uhr.

Aber zurück zum Spiel. Das soll der erste Schritt in eine bessere Zukunft sein. Während Frank Arnesen weiter bemüht ist, Spieler zu verkaufen (laut griechischen Medienberichten soll Marcus Berg bei Panathinaikos Athen auf dem Zettel stehen) und die Jugend mit Jonathan Tah, Levin Öztunali sowie Heung Min Son langfristig an den HSV zu binden, setzt Fink auf neuen Feinschliff. Beim heutigen Training wurden noch einmal insbesondere Laufwege einstudiert, Fink unterbrach immer wieder das Training und stellte seine Mannschaft. Besonders auffällig: die Einsatzfreude aller – wirklich aller! – Spieler auf dem Trainingsplatz. Und auch Petr Jiracek, der gegen Nürnberg laut Fink noch nicht zum Kader gehören wird, wusste zu gefallen. Technisch stark und ballsicher präsentierte sich der Linksfuß beim Spiel auf verkürztem Feld zusammen mit am auffälligsten im B-Team. „Es ist toll, wieder gesund zu sein“, so Jiracek, der sich sportlich für eine schnelle Rückkehr in den Kader empfehlen konnte und dem einzig das ärztliche Veto noch im Wege steht. „Aber bis Bremen kann das schon ganz anders aussehen“, scherzte Jiracek.

Die Voraussetzungen sind gut. Der HSV hat eine gute Vorbereitung hinter sich, einige Erfolgserlebnisse im Rücken und kann auf fast alle Stammkräfte zurückgreifen. „Wir können jetzt zeigen, das wir aus unseren Fehlern gelernt und uns weiterentwickelt haben“, sagt Jansen, der vom Start in Nürnberg abhängig macht, wohin die Reise in dieser Saison geht. Ob er an den internationalen Wettbewerb glaubt? „Das hängt von unserem Start ab. Ich habe schon viele Vorbereitungen mitgemacht, in denen wir alle Gegner weggerammt haben und dann ging es in der Liga schief. Deshalb warte ich ab, wie wir beginnen.“ Nach den ersten drei Spielen könne man sich erneut hinsetzen und über realistische Ziele sprechen. Bis dahin sei insbesondere die schwache zweite Halbzeit ggen Hertha BSC am Mittwoch wichtig, „weil wir da gesehen haben, was wir nicht machen dürfen“, so Jansen, „das war der Dämpfer im richtigen Moment“.

Hoffen wir es. Denn mit einem Sieg in Nürnberg und den Heimspielen gegen nicht zu unterschätzende aber absolut schlagbare Bremer und Frankfurter zu Hause ist für den HSV einiges drin. Und ganz ehrlich: was würden wir uns freuen, den HSV nach langer Zeit mal wieder gut in die Serie starten zu sehen…

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Dieter ist allerdings für Euch dabei und versorgt Euch anschließend mit den wichtigsten Infos. Ich melde mich erst am Sonntag wieder. Nach dem 3:1-Auftaktsieg (Tore: van der Vart, Rudnevs, Son) in Nürnberg in der ersten Sendung „Matz Ab! Live“. Bis dahin wünsche ich Euch ein schönes Wochenende und sage: Zum Glück geht es endlich wieder los. Und: Ich wette, 2013 wird ein deutlich erfolgreicheres HSV-Jahr als 2012. Wettet jemand dagegen?

Scholle

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