Tagesarchiv für den 16. Januar 2013

HSV schlägt Hertha 2:1 – aber nur die Reservisten überzeugen

16. Januar 2013

Schon wieder gewonnen. Diesmal in einem lange Zeit (auf Wunsch des HSV) geheim gehaltenen Testspiel gegen Hertha BSC mit 2:1 – dank der zweiten Garnitur. Die Reservisten waren es nämlich, die im Spiel gegen den Zweitligisten den Unterschied machten. Schon zur Halbzeit führte der HSV dank zweier sehr schöner Kopfballtore von Marcus Berg (19., 25. Minute) mit 2:0. Das Erfreulichste daran: Beide Treffer wurden durch schöne Flanken vorbereitet. Zunächst zum 1:0 von Zhi Gin Lam über links, dann zum 2:0 durch einen schönen Flankenlauf von Dennis Diekmeier (kam für den nach 17 Minuten früh verletzten Jacopo Sala). „Man hat gesehen, dass alle ins Team drängen“, lobte Fink den Auftritt der B-Elf, in der auch Maximilian Beister im Angriff wirbelte, dabei allerdings gleich nach zwei Minuten am Pfosten scheiterte. Fink weiter: „Die erste Halbzeit waren wir aggressiv. Die erste Hälfte hat mir sehr gut gefallen.“

Ganz im Gegensatz zur zweiten Hälfte, in der Fink bis auf Keeper Sven Neuhaus und den eingewechselten Diekmeier alle Spieler austauschte. „Das war nicht gut“, so Fink, nachdem die vermeintliche A-Elf den nun deutlich aggressiveren und spielbestimmenden (allerdings nicht guten!) Berlinern den Anschlusstreffer (54., Hany Mukhtar) erzielen ließen und anschließend mehr Glück als Verstand hatten, das Spiel nicht sogar noch zu verlieren. Denn während der Angriff in der Luft hing und nur eine echte Chance durch Heung Min Son in der 83. Minute (nach Ablage Artjoms Rudnevs) hatte, wirkte das Mittelfeld den schnellen, aggressiven Berlinern plötzlich überraschend unterlegen. Milan Badelj ackerte zwar, versuchte zu organisieren und die Bälle zu verteilen – allerdings ohne echte Anspielpunkte. Der zuletzt starke Per Skjelbred ersetzte den noch nicht ausreichend genesenen Rafael van der Vaart und lief wie immer viel. Der Norweger versuchte auch viel – allerdings schaffte er nur wenig. Wobei, nicht ganz so wenig wie der heute indisponierte Tolgay Arslan.

Den negativen Höhepunkt lieferte jedoch Michael Mancienne. In der 71. Minute passte der Engländer den Ball aus halbrechter Position in der eigenen Hälfte einfach mal quer – obwohl dort nur Berlins Sandro Vagner stand. Dieser nahm den Ball gemütlich auf, spazierte allein auf Neuhaus zu und musste sich dem Reflex des HSV-Senioren (ältester Spieler im Kader) geschlagen geben. Dass es am Ende den dritten Sieg im vierten Test 2013 gab, lag einzig und allein an der sehr mangelhaften Chancenauswertung der Hauptstädter. „Wir haben hier einen sehr vernünftigen Auftritt hingelegt“, befand Herthas Trainer Jos Luhukay, zeigte sich aber auch kritisch: „In der zweiten Halbzeit war deutlich mehr für uns drin. Daran müssen wir arbeiten.“

Der HSV auch. Auf die Frage, ob dieser Auftritt Finks prinzipiell festgelegte Startelf noch mal ins Wackeln bringen könnte, antworte der HSV-Coach etwas zögerlich: „Nein, so weit muss es nicht kommen. Aber wir müssen uns deutlich steigern, wenn wir am Sonntag in Nürnberg etwas holen wollen.“ Dabei helfen soll dann auch wieder Rafael van der Vaart, der heute noch geschont wurde, der allerdings bis Sonntag fit sein soll. Dass sich dessen Frau Sylvie heute in der Gala zu Wort meldete, lasse ich nicht unerwähnt – aber unkommentiert.

Stattdessen gibt es auch personell Neuigkeiten beim HSV. Denn wie gestern im Blog bereits angedeutet, wechselt der beim HSV aussortierte Robert Tesche per sofort den Verein. „HSV-Mittelfeldspieler Robert Tesche wird bis zum Saisonende an den Bundesliga-15. Fortuna Düsseldorf ausgeliehen. Der 25-Jährige hatte sich in der Mannschaft von Trainer Thorsten Fink zuletzt nicht durchsetzen können und soll nun beim Aufsteiger aus dem Rheinland Spielpraxis sammeln“ teilte der HSV in seiner Presseerklärung mit. Kostenpunkt, oder besser, Ersparnis: rund 400000 Euro Gehalt bis zum 30. Juni. Womit Sportchef Frank Arnesen nach Adam Riese jetzt „nur noch“ 5,9 Millionen Euro in diesem Winter einsparen soll.

Beste Werbung machte heute Marcus Berg für sich. Der Schwede wirkte vergleichsweise ballsicher und zeigte einmal mehr, dass er ein starker Vollstrecker ist. Vor allem der erste Kopfball aus rund elf Metern, den Berg im Rückwärtsfallen gegen die Laufrichtung des Hertha-Keepers verwandelte, war technisch hochwertig und extrem sehenswert. Gojko Kacar, dessen in meinen Augen grundsätzlich geknickte Körperhaltung von den Kiebitzen seiner Situation beim HSV zugeordnet wurde, wirkte hingegen verunsichert und noch weit von seiner Bestform entfernt, während der dritte Streichkandidat auf dem Platz, Jeffrey Bruma, hinten zusammen mit Slobodan Rajkovic wenig gefordert wurde und immer Herr der Lage war. „Trainingsspiele lassen keine Rückschlüsse auf die Liga zu“, wusste auch Zuschauer und Klubboss Carl Jarchow. Dennoch hoffe ich nach der Hinrunde, dass wir eine ebenso gute Rückrunde spielen.“

Das hoffen wir alle.

Nicht helfen wird dabei Petr Jiracek, der heute im Test ebenso wenig mitspielen konnte wie er es am Sonntag in Nürnberg können wird. Der Tscheche, der kurioserweise von seinem Nationaltrainer Michal Bilek (ebenso wie Drobny) für das Test-Länderspiel am 6. Februar in der Türkei nominiert worden ist, trainierte heute vormittags mit und pausierte am Nachmittag. „Ich habe leichte Schmerzen“, so Jiracek, „aber nicht mehr als normal nach so einer Pause. Mein Ziel ist weiterhin, dass ich das zweite Spiel mitmachen kann.“ Das wäre die Partie am 27. Januar gegen Werder Bremen. Heute ebenfalls pausieren musste Paul Scharner, der sich gestern bei einem Kopfball ein leichtes Schleudertrauma zugezogen hatte und deswegen gestern mit starken Kopfschmerzen aussetzte. Noch heißt es zwar, dass Scharner erst am Montag wieder ins Training einsteigen kann. Ich bin mir allerdings relativ sicher, dass der knallharte Verteidiger noch diese Woche ins Training zurückkehrt.

Mit Freude vernommen habe ich, dass der HSV trotz seiner finanziell schwierigen Situation fleißig weiter an seiner Zukunft arbeitet. Nach dem türkischen Mittelfeldtalent Hakan Calhanoglu, der ab Sommer zum HSV stoßen wird, kommt bekanntermaßen auch U-20-Nationalspieler Kerem Demirbay (19) von Borussia Dortmund. „Er ist beim BVB eines der absolut größten Talente“, erzählte mir heute ein guter Freund, der nicht genannt werden möchte. „Ich kann dem HSV nur gratulieren.“ Warum Demirbay dann nicht beim deutschlandweit zweitbesten Klub bleibt, zumal deren Trainer Jürgen Klopp bekanntlich junge Talente fördert? „Demirbay hat beim HSV die deutlich bessere Perspektiven gesehen, in der ersten Liga Fuß zu fassen. Dafür gibt es beim BVB zu viele ähnliche Spieler.“ Wer ihm am ähnlichsten sei? „Demirbay ist eine Mischung aus Gündogan und Götze.“ Klingt doch nicht ganz so schlecht…

Nicht annähernd so erfreulich die Nachrichten des DFB-Sportgerichtes. Das verurteilte den HSV zu einer Geldstrafe von 40000 Euro für das unerlaubte Abbrennen von Pyrotechnik. Hintergrund: Vor dem Beginn des Hinrunden-Spiels bei Borussia Mönchengladbach im September wurden im Hamburger Zuschauerblock Bengalische Feuer abgebrannt. Zudem entzündeten HSV-Anhänger vor der Begegnung bei Fortuna Düsseldorf im November erneut Pyrotechnik, wodurch sogar eine HSV-Fahne in Brand geriet, die von der Feuerwehr gelöscht werden musste. Dadurch verzögerte sich der Spielbeginn um etwa fünf Minuten. Außerdem flogen in der 55. Minute zwei Kunststoffbecher und eine kleine Schnapsflasche auf das Spielfeld, als ein Tor des HSV aberkannt wurde. Der Verein hat dem Urteil zugestimmt – es ist somit rechtskräftig.

Dann wurde heute noch eine interessante Frage von „alnipe“ gestellt:

„DIETER/SCHOLLE

vielleicht könntet ihr mir folgende Frage beantworten: Im Vorfeld der AR Kanditaten fiel immer wieder bei Eingeweihten der Name HOLGER
HIERONYMUS (auch Stefan Schnoor wurde da wohl gehandelt) als kompetenter
Sportaufseher. Sein Netzwerk alleine als DFL-Vorstand hätte uns sicherlich
helfen können. War diese NICHTKANDITATUR alleine seiner langen Krankengeschichte geschuldet oder hatte dieses andere Gründe?“

Antwort von mir (Scholle): Holger Hieronymus hätte tatsächlich fast alle Voraussetzungen, um als Aufsichtsrat des HSV den sportlichen Part im Kontrollgremium zu übernehmen. Er wäre ob seiner Erfahrungen und seines Netzwerkes sicherlich sogar eine absolute A-Lösung. Allerdings: Wie genau es um seine Gesundheit bestellt ist, kann ich nicht sagen. Dafür weiß ich, dass der Ex-Sportchef bei vielen HSV-Verantwortlich nicht unumstritten ist. Bei seinem Abgang 2003 gab es in Sachen Transfers im Nachhinein einige Ungereimtheiten, die noch immer als ungeklärt gelten.

In diesem Sinne, bis morgen. Dann trainiert der HSV um zehn Uhr an der Imtech-Arena.

Scholle

HSV: Neuhaus – Sala (17. Diekmeier), Bruma (46. Mancienne), Rajkovic (46. Westermann), Lam (46. Jansen) – Kacar (46. Arslan), Rincon (46. Badelj), Nafiu (46. Skjelbred) Ilicevic (46. Aogo) – Berg (46. Rudnevs), Beister (46. Son).