Tagesarchiv für den 8. Januar 2013

B-Elf siegt 3:2 – sehr zur Freude von Verkäufer Arnesen

8. Januar 2013

Die oder den Moralischen zu mimen ist ebenso beliebt wie oft auch durchsichtig. Insbesondere dann, wenn es um Geld geht. Den Satz „der muss doch mehr leisten bei dem Gehalt“ kennen wir alle vom Stammtisch oder dem Sitznachbarn im Stadion. Er wird immer wieder – vor allem in Frustsituationen – hervorgeholt und findet bei vielen ein anerkennendes Nicken. Manchmal ist das auch gerechtfertigt. Allerdings wird dieser Satz in meinen Augen überstrapaziert und auch für viele Spieler benutzt, die einfach mal so richtig alles versemmelt haben und einen schlechten Tag hatten. So, wie es bei Kacar durchaus vorkam.

Aber was bitte hat das alles mit den Gehältern zu tun? Die Spieler zwingen doch niemanden, ihnen diese Gehälter zu zahlen. Im Gegenteil: Sie bekommen sie, weil der Fußball ein durch sie für die Vereine sehr erträgliches Geschäft ist. Die Klubs erwirtschaften dank der Spieler diese Millionengehälter und gehen in der Regel trotz der Gehälter nicht pleite.

Nein, was ich von einem Fußballer erwarte, hängt nicht von dessen Gehaltsabrechnung ab, sondern von dem, was dieser jemand in der Lage ist zu leisten. Ich erwarte von jedem Fußballprofi, dass er alles aus seinen Fähigkeiten gibt. Ist das nicht der Fall, kritisiere ich den Spieler, während ich für das Gehalt nur den jeweiligen Vorstand verantwortlich machen kann. Der kauft Spieler ein. Und das durchaus auch mal zu teuer, ohne jetzt hier Beispiele nennen zu wollen. Vielmehr gibt es nur den einen Grund, einen Spieler wegen des Geldes zu kritisieren, und das ist im Falle von Verhandlungen, wenn ein Spieler für einen Vertrag oder dessen Verlängerung in ein zu hohes Regal greifen will.

Aber okay, so viel dazu. Wobei das „zu teuer eingekauft“ eine gute Überleitung ist. Immerhin war es der noch immer teuerste Spieler der Vereinsgeschichte, der mir und vielen von Euch seit seiner Verpflichtung im Sommer 2010 fast durchgehend Rätsel aufgab – und der heute zum Matchwinner wurde. „Marcus hat mir unabhängig von seinen beiden Toren sehr gut gefallen“, sagte Trainer Thorsten Fink nach dem zweiten Sieg im zweiten Test 2013 über den schwedischen Doppeltorschützen Marcus Berg. Fink: „Er hätte sogar vier Tore machen können.“

Allein, am Ende traf zudem noch Ivo Ilicevic vor doppelt so vielen Zuschauern wie am Vorabend – diesmal waren es 28 (!) – in Abu Dhabi gegen den saudischen Champions-League-Teilnehmer Al Shabab , der zwischenzeitlich auf 2:2 herangekommen war zum verdienten 3:2-Sieg. Ärgerlich: Kurz vor Schluss flog Paul Scharner nach einem keineswegs überharten Foul mit Rot vom Platz.
Die beiden unbestrittenen Hauptpersonen der vergangenen 24 Stunden waren allerdings gar nicht auf dem Platz, sondern lediglich auf der Bank zu finden: Rafael van der Vaart und Tolgay Arslan. Beide Akteure hatten sich am Vorabend beim 3:1 gegen hart spielende Usbeken von Lokomotiv Taschkent verletzt. Allerdings hatte Mannschaftsarzt Philip Catala-Lehnen heute Morgen schon wieder sehr gute Nachrichten parat und gab Entwarnung. „Das Ziel heißt Nürnberg“, so Catala-Lehnen über van der Vaart, der den ganzen Tag über im Hotel von Physiotherapeut Krisof Meyer mit Massagen und Stromtherapien versorgt wurde und spätestens Mitte nächster Woche wieder voll mittrainieren soll. „Ich bin da ganz optimistisch“, so Fink.

Noch besser sieht es bei van der Vaarts potenziellem Vertreter Tolgay Arslan aus. Der 22-Jährige lief heute schon wieder seine Runden, die Knieprellung scheint ihn nur kurzzeitig vom Training abhalten zu können. „Unser Ziel ist es, dass Tolgay noch vor unserer Abreise nach Hamburg wieder mit der Mannschaft trainieren kann“, sagte Catala-Lehnen, der im heutigen Spiel zum Glück keine neuen Patienten zu verbuchen hatte und das auch für die morgige Partie in Dubai gegen Mönchengladbach (16 Uhr MEZ/live auf Sport1) hofft.

Hoffnung machte der Auftritt vor allen Dingen den HSV-Verantwortlichen, die weiter darauf setzen, im Winter durch Verkäufe rund 6,4 Millionen Euro einzusparen. Bei allen drei Treffern waren mögliche Streichkandidaten maßgeblich beteiligt. Beim ersten Jeffrey Bruma und eben der Doppeltorschütze Berg, dessen Marktwert zwar noch immer bei rund vier Millionen Euro liegen soll, den der HSV aber schon für weniger abgeben würde. Allein an Angeboten mangelte es bis dato. Selbst die vom HSV selbst avisierten Offerten aus Spanien blieben bis heute aus.

Aber zurück zum Spiel. Da konnte Berg schon nach zwei Minuten Werbung für sich machen. Der Angreifer wurde mit einem weiten Pass von Bruma vom eigenen Sechzehner in der gegnerischen Hälfte angespielt. Berg ließ den Ball einmal aufkommen, um ihn dann aus gut 25 Metern über den vor dem Tor stehenden Keeper in den linken Giebel zu jagen. Ein richtig schöner Treffer. Ebenfalls sehenswert das 2:0 nach einer leicht abgefälschten Flanke des besten Mannes in der insgesamt schwachen HSV-Abwehr, Slobodan Rajkovic. Der begnadigte Serbe fand über einen kleinen Umweg die Stirn von Berg, der keine Mühe hatte, den Ball über die Linie zu drücken – Bergs dritter Treffer im zweiten Spiel 2013. Und es hätten im weiteren Spielverlauf noch mehr Bergtreffer werden können, wenn der gegnerische Keeper nicht in höchster Not gerettet hätte.

Allerdings, und darüber täuschte der Sieg ein wenig hinweg, die zweite Reihe des HSV – das A-Team hatte gestern gespielt – wusste nicht zu überzeugen. Insbesondere im Mittelfeld war der Klassenunterschied zur ersten Besetzung deutlich zu erkennen. Nafiu, Steinmann und Norgaard spielten passabel – aber keiner konnte dem Spiel seinen Stempel aufdrücken, was nicht wirklich überrascht. Allerdings konnte auch Routinier Tomas Rincon, der sogar noch hinter die Youngster abfiel, dem Aufbauspiel des HSV keine Sicherheit verleihen.

Selbige fehlte auch der Viererkette, in der Rajkovic noch am meisten zu gefallen wusste. Die Innenverteidiger Bruma (verursachte in der 13. Minute zudem einen Elfer den Drobny hielt) und Scharner hingegen fielen durch etliche Stellungs- und Abspielfehler sowie verlorene Zweikämpfe auf. Ebenso wie der zum rechten Verteidiger umfunktionierte Jacopo Sala, dem lockere Anfragen aus Italien vorliegen sollen, den Fink aber ungern abgeben würde.

Das Positivste an dem schwachen Spiel war, dass es Sportchef Frank Arnesen in die Karten gespielt haben dürfte. Nach dem geplatzten Transfer von Gojko Kacar konnten sich zumindest die beiden Gutverdiener Berg und Rajkovic (beide liegen bei knapp zwei Millionen Euro per annum) empfehlen. Gut möglich, dass in den nächsten tagen, so wurde angedeutet, noch etwas passiert. Nicht ausgeschlossen ist, dass es sich dabei auch um Ivo Ilicevic drehen könnte, der bereits vor dem Trainingslager ein langes Gespräch mit Fink geführt hatte und der heute zu überzeugen wusste. Zwar gelang dem Kroaten längst nicht alles, allerdings ergriff er immer wieder über Außen die Initiative und sorgte für Gefahr, die letztlich mit dem Siegtreffer belohnt wurde.

Vor allem aber muss sich der HSV in Zukunft deutlich mehr Gedanken darüber machen, wie man sich am besten von teuren Spielern trennt bzw. wie man sich diesbezüglich im Vorfeld verhält. Aussortieren und auf die Tribüne setzen sind sicherlich oftmals notwendige aber eben nicht die besten Werbungen für Spieler, die weg sollen. Zudem ist es wahrlich nicht ein Verhandlungsvorteil, wenn alle Welt aus dem Munde der HSV-Verantwortlichen (Vorstand und Aufsichtsrat) erfährt, wie klamm der HSV ist. Die vom Aufsichtsrat zudem öffentlich gemachte Einsparungsvorgabe von 6,4 Millionen Euro an Arnesen (sie kam nicht wie im Blog von einigen behauptet von Jarchow) dürfte Arnesen die Arbeit zusätzlich erschwert haben. Kein Wunder, dass es bislang nur für Kacar eine offizielle Anfrage gab. Und umso bitterer, dass dieser Wechsel geplatzt ist.

Deshalb: Daumen drücken, dass sich durch die aktuellen Testspiele der eine oder andere Streichkandidat für einen neuen Klub empfehlen kann und konnte. Anders als Paul Scharner, der es im dritten Spiel (Freiburg, VfL 93 und Al Shabab) auf seine bereits zweite Rote Karte brachte. Diesmal zwar mit einer höchst umstrittenen Roten – aber eben wieder mit einem Platzverweis. „Immerhin war ich schon dreimal so lange auf dem Platz als gegen Freiburg“, witzelte der Österreicher, der somit im Trainingslager abschließenden Test gegen Mönchengladbach am Mittwoch nicht mitspielen dürfte (wobei niemand genau sagen konnte, ob, für welche Partien und für wie lange Scharner durch diese Rote gesperrt ist). Zum Glück für Arnesen zählt Scharner nicht zu den Spielern, die abgegeben werden sollen…

Bis morgen!

Scholle

Statistik: HSV: Drobny – Sala (80. Diekmeier), Bruma, Scharner, Rajkovic – Norgaard (65. Skjelbred), Rincon, Steinmann (74. Aogo) – Nafiu (65. Son), Ilicevic – Berg (74. Rudnevs).
Tore: 1:0 Berg (2.), 2:0 Berg (20.), 2:1 Tibalabue (53.), 2:2 Tibalabue (60.), 3:2 Ilicevic (77.). Rot: Scharner (89.). Bes. Vorkommnisse: Drobny hält einen Strafstoß.

P.S.: Beim Spiel und im Hotel zuvor besuchte der Ex-HSV-Profi Andrej Panadic seinen ehemaligen Arbeitgeber. Der ehemalige Innenverteidiger (“Hamburg war die sicherlich schönste Zeit meiner gesamten Karriere”) ist inzwischen als Cotrainer des in Abu Dhabi spielenden Clubs Al Wahda angestellt.