Tagesarchiv für den 6. Januar 2013

Van der Vaart: “Mir geht es gut.”

6. Januar 2013

Erst einmal muss ich Entschuldigung sagen. Heute gibt es “Matz ab” aus kollegialen Gründen mal etwas später, weil sich die Kollegen aller Hamburger Zeitungen, die sich zurzeit in Abu Dhabi aufhalten, darauf geeinigt haben, die Sätze von Rafael van der Vaart nicht vor 19.30 Uhr zu veröffentlichen. Ich halte mich daran, ich hoffe, dass sich auch alle anderen – wie abgesprochen – daran halten werden.

So, nun beginnt es um 19.30 Uhr:

„Wir haben nicht vor, über glühende Kohlen zu laufen oder auf einem Nagelbett zu schlafen. Wir wollen gut miteinander umgehen. Es hilft total, sich nicht wie ein Arsch zu verhalten. Das sagte der wie immer wortgewaltige Borussen-Trainer Jürgen Klopp auf die Frage, ob im Trainingslager der Dortmunder teambildende Maßnahmen geplant sind.

Keine Angst, auch der HSV wird nicht auf den Spuren von Christoph Daum wandeln. Auch wenn es heute vielleicht hier und dort den Anschein hatte. Von wegen Achterbahn fahren oder mit dem Auto durch die wüste Wüste gurken – wie es zum Beispiel Dennis Diekmeier, Heiko Westermann und auch Sven Neuhaus taten. Wobei es die meisten HSV-Spieler, so hörte ich, dann doch vorzogen, im Hotel zu bleiben und zu relaxen. Oder an den Strand zu gehen. Es wurde Beach-Volleyball gespielt, und mit von der Partie waren da – alle sollen ihren Spaß gehabt haben, auch Trainer Thorsten Fink und Vereins-Boss Carl-Edgar Jarchow. Eine etwas andere Tour genehmigte sich Rafael van der Vaart. Er düste ins 180 Kilometer entfernt Dubai, um dort einen Freund zu treffen. Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste was es gibt auf der Welt, ein Freund, ein guter Freund . . . Kennen wir (alten Hasen) ja aus dem Film „Die Drei von der Tankstelle“.

Stichwort van der Vaart. Zu seiner heutigen Tour sagte er unserem Chefreporter Kai Schiller: „Ich will das Leben genießen, weil es am Ende doch nur darum geht.“ Über seine derzeitige Verfassung bekennt er – leicht ironisch: „Mir geht es gut. Sehr gut.“

Vielleicht auch deshalb das „sehr gut“, weil er eines durchzieht: „Ich lese momentan ganz einfach keine Zeitungen.“ Immerhin gibt er aber auch zu: Natürlich bekomme das alles aber trotzdem mit.“ Das alles. Die Trennung von seiner Frau Sylvie. Und dass es ja jetzt so sein soll, dass diese niederländische Ehe ja schon vor der Rückkehr nach Hamburg vor dem Aus gestanden habe. Wenn das so sein sollte, dann Hut ab – was der gesamten Öffentlichkeit bis zum Jahreswechsel noch vorgespielt wurde. An heiler Welt. Aber egal, das soll nicht mein und unser Thema sein. Ich freue mich darauf, dass der „kleine Engel“ (!) in diesem neuen Jahr wieder richtig Gas geben wird – für den HSV.

Und dazu sagt er: „Ich merke, dass das Team für mich da ist, und das freut mich“. Dass er nun n ein tiefes (Leistungs-)Loch fallen könnte, was so viele HSV-Fans in diesen Tagen vermuten, das ist für ihn kein Thema:„Ich bin Druck gewohnt. Als Topspieler muss man damit umgehen.“ Und er stellt klar: „In Hamburg habe ich mehr Druck als bei Real Madrid. Bei Real war ich einer von vielen Stars, in Hamburg gucken alle auf mich.“ Das wird auch an diesem Montag so sein, wenn auch nur bildlich gesagt – denn es wird vom Testspiel HSV gegen Lokomotiv Tashkent keine Übertragung geben. Erstmals nach seiner Oberschenkelverletzung wird „Raffa“ wieder in einem Spiel für den HSV auf dem Rasen stehen, um dann spätestens beim Rückrundenauftakt in zwei Wochen beim Sonntagsspiel in Nürnberg wieder bei 100 Prozent sein.

Was ist für den HSV in dieser Saison noch drin? Rafael van der Vaart sagt: „Am Anfang der Saison wurde noch jeder Sieg wie eine Meisterschaft gefeiert. Jetzt hat das Team eine ganz andere Ausstrahlung. Das Schöne am Fußball ist, dass sich alles schnell ändern kann.“ Auch alles wieder gut wird. Erst jetzt mal für den HSV – und für ihn. Dass er diese Leistung abrufen kann, die er zuletzt gebracht hat (oder noch besser). Er sagt über sein Bestreben: „Ich mache einfach das, was ich gut kann: Auf dem Fußballfeld alles zu geben.“

Klingt gut. Beim Training gibt ihn jeder Einheit ein jeder alles – so sieht es derzeit aus. Und einer strahlt dabei stets besonderen Ehrgeiz aus: der Kapitän. Heiko Westermann will jedes noch so kleine Trainings-Partie gewinnen, egal wie klein der Platz für dieses Spielchen auch gemacht worden ist. Und nach oben ist ohnehin keinem einem Platz eine Grenze gesetzt – und das nutzt der Spielführer immer dann aus, wenn er schimpft, wenn ihm nach meckern ist, wenn er sauer ist. Dann packt er sich den Ball und drischt ihn vor Wut hoch und weit weg. Es ist allerdings nur ein Gerücht, dass man so manche Kugel noch immer suchen muss . . .

Eine kleine Hiobsbotschaft der personellen Art gibt es dann auch noch zu vermelden: Maximilian Beister wird kaum noch an den Testspielen teilnehmen können, seine alte Oberschenkel-Verletzung ist wieder aufgebrochen. Der Angreifer wird wohl erst in Hamburg wieder normal mit der Mannschaft trainieren können – was im Hinblick auf das Nürnberg-Spiel nichts Gutes für ihn verheißt. Denn eine Woche vorher, am 12. Januar wird Thorsten Fink in der Generalprobe sein für die „Clubberer“ angedachtes Team auf den Rasen schicken. Und da kann Beister dann logischerweise nicht dabei sein.

Beim Montag-Spiel gegen Tashkent wird wohl auch die zurzeit denkbar beste HSV-Mannschaft zum Einsatz kommen. Das heißt dann Adler; Diekmeier, Mancienne, Westermann, Lam; Badelj; Arslan, Aogo; van der Vaart: Son, Rudnevs.

Wie ein solches Spiel unter den sonnigen Bedingungen in Abu Dhabi abläuft, davon konnte sich das Trainer-Team heute schon einmal überzeugen. Fink und Co sahen Eintracht Frankfurt gegen Al Jazeera. Es stand gerade 3:2 (nach 40 Minuten, und alle drei Treffer für die Hessen hat wer erzielt?
Muss ich das verraten?
Ihr wisst es bestimmt schon selbst. Oder ahnt es bereits. Natürlich. Alex Meier. Unser ehemaliger Hamburger. Ein Phänomen. Ich sprach mit Carl-Edgar Jarchow, der im Stadion neben einem weiteren ehemaligen Hamburger saß, nämlich Frankfurts Boss Heribert Bruchhagen. „Heute würde Meier bestimmt für den HSV spielen, aber ob er bis heute so viele Chancen beim HSV bekommen hätte, wie er sie in Frankfurt erhalten hat, das weiß ich natürlich nicht. Ist aber auch Schnee von gestern“, sagte mir Jarchow.

Der HSV-Chef fühlt sich wohl, ist zufrieden mit dem Trainingslager: „Die Atmosphäre ist gut, die Bedingungen sind top – alles bestens.“ Und wie denkt er über den Nicht-Verkauf von Gojko Kacar? Jarchow: Ein bisschen enttäuscht war ich schon, das gebe ich zu. Weil es ja alles relativ rund aussah, wir waren uns ja mit Hannover 96 einig. Ich halte es auch nach wie vor nicht für schlau, dass der Spieler nicht gewechselt ist, und ich kann das bislang auch nicht so recht verstehen. Kacar hätte bei einem sehr guten Klub gespielt, der sogar noch in der Europa Legaue beschäftigt ist, und er hätte noch ein Jahr länger Vertrag gehabt als mit uns. Nein, ich begreife diesen geplatzten Wechsel wirklich nicht . . .“

Enttäuschend ist ja auch für den HSV, dass nun in Sachen Verkäufen noch etwas getan werden muss. Carl-Edgar Jarchow ist aber optimistisch: „Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass sich in dieser Hinsicht bei uns bis zum 31. Januar noch etwas passieren wird.“

Dann hoffen wir alle mal mit dem Boss mit. Und drücken Frank Arnesen die Daumen.

So, zum Abschluss noch einmal eine ganz andere Sache – von einem anderen Verein:

Wolfsburgs Manager Klaus Allofs hat gelassen auf die Kritik von Bernd Schuster reagiert, der ihm bei den gescheiterten Verhandlungen um den Trainerjob beim VfL Wolfsburg schlechten Stil vorgeworfen hatte. „Ich kann verstehen, dass er enttäuscht ist, denn für ihn wäre Wolfsburg eine große Chance gewesen. Aber für mich ist die Sache klar, es wird auch kein klärendes Gespräch geben“, sagte Allofs im Wolfsburger Trainingslager in Belek.

Schuster, der vor der Verpflichtung von Dieter Hecking lange Zeit als aussichtsreichster Trainerkandidat beim Ex-Meister galt, hatte zuvor mächtig Dampf abgelassen. „Im Nachhinein muss ich sagen, dass dort nicht mit offenen Karten gespielt wurde. Wenn man so nah dran war und einem dann die Tür zugeschlagen wird, ist das schon extrem bitter.“

Konkrete Gründe für die Schuster-Absage nannte Allofs öffentlich nicht, die unerwartet starken Fanproteste gegen eine Schuster-Verpflichtung hätten jedoch keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt, betonte er. Schuster ließ dennoch kein gutes Haar an seinem früheren Nationalmannschaftskollegen Allofs: „Ich habe Allofs geglaubt, dass ich die einzige Option bin.“ Aber auch diese Aussage konterte der Wölfe-Manager. Es sei „blauäugig von ihm anzunehmen, dass er der einzige Kandidat war“.

In Deutschland hat Schuster bislang nie Fuß fassen können. Seine Engagements bei Fortuna Köln und dem 1. FC Köln standen unter keinem guten Stern.

Und genau das dürfte auch der Punkt für Allofs gewesen sein. Ich kann den VfL-Manager nur zu seiner Wahl beglückwünschen, er hat die richtige Entscheidung getroffen. Und wenn ich eines noch sagen darf: Ich würde, wenn ich für einen Bundesliga-Klub zuständig wäre, lieber Lothar Matthäus holen, als Schuster. Letzteren habe ich als Trainer in Köln (sowohl als auch) kennengelernt, das reichte mir. Vielleicht hat Wolfsburg ja aber auch nur abgeschreckt, dass der Klub eventuell auch noch die vier Bodyguards hätte bezahlen sollen, die den für Fans so “zugänglichen” Coach (und Welt-Star) hätten abschirmen müssen. Vielleicht. Ich denke voller Schrecken immer noch an die Begegnung mit Bernd Schuster zurück, die es beim Emirates-Cup 2008 in London gab. Da ließ Schuster die versammelte Welt-Presse (und bitte glaubt es mir, es war tatsächlich so, denn es trat ja der Wetl-Klub Real Madrid dort auf!) mindestens eineinhalb Stunden warten. Und als er dann kam, da gab es nicht die kleinste Entschuldigung für diese Verspätung, Schuster lümmelte sich auf dem Podium herum, als ginge ihn das alles überhaupt nichts an. ließ den Kopf total bocklos nach unten hängen. Er sah dabei dann auch nicht mal jene Leute an, die ihm Fragen stellten, und er wollte erst recht nicht auf jede Frage antworten. Das war für mich so etwas von enttäuschend, dass sich ein deutscher Trainer so im Ausland verhält – immer noch unglaublich und unfassbar für mich. Arsene Wenger dann von Arsenal, der sprach sogar auf Deutsch, wenn er auf Deutsch gefragt wurde . . . So viel zum Thema gutes Benehmen.
Mir klingen dazu auch noch immer die Sätze eines großen deutschen Managers in den Ohren, der mir einst, als Schuster bei Real tätig war, sagte: “Schuster und Real, das passt doch nicht, das kann nicht passen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das lange gut gehen wird. Irgendwann werden es auch die Spanier merken, was hinter diesem Mann steckt . . .” Haben die Spanier dann ja auch. Trotz der Meisterschaft.

Ich wünsche allen Matz-abbern und ihren Lieben einen guten Start in die zweite Januar-Woche 2013.

19.31 Uhr