Tagesarchiv für den 5. Januar 2013

Im Angebot: Wüste oder Achterbahn

5. Januar 2013

„Na, Herr Matz . . .“ So begrüßte mich der Kollege Kai Schiller am Handy, als ich ihn heute in Abu Dhabi anrief. Die Medien-Kollegen saßen gerade im Bus und wurden zum zweiten Training gefahren. Als der eine oder andere Journalist mitbekommen hatte, mit wem Kai Schiller da telefoniert, wurde im Bus sofort gesungen. Wieso, weshalb, warum? Und vor allem was? Das erzähle ich in dieser kleinen und nun folgenden Geschichte, die wohl so schnell nicht in Vergessenheit geraten wird. Es war im Januar 2007, HSV-Trainer war (in seinen letzten Wochen) Thomas Doll. Wir Journalisten saßen in einem kleinen Bus, der uns beim Trainingslager in Dubai zum Training kutschierte. Es hatte sich mit den Tagen so ergeben, dass jeder im Bus stets auf seinem Platz saß. Ich zum Beispiel nahm immer hinten links, ganz in der Ecke meinen Sitz ein. Bei jeder Tour. Nur einmal nicht. Da setzte ich mich vorne neben den Fahrer. Weil ich am Tag zuvor von „Hamburg 1“ gebeten worden war, ein paar Takte zum Trainingslager im Frühstücksfernsehen zu erzählen. Ich wartete also während der Fahrt auf den Anruf aus Hamburg, und in dieser Zeit begann der Kollege Lars Pegelow damit, sich laut darüber Gedanken zu machen, „warum der Matz auf einmal ganz vorne sitzen“ würde? Er grübelte und grübelte, bis ich den Anruf von „HH1“ erhielt. Da fiel es dem Kollegen Pegelow wie Schuppen aus den Haaren: „Dieter Matz ist live auf Sendung, bei welchem Sender auch immer.“ Und das war dann das Zeichen. Es wurde von einer Sekunde zur anderen lautstark gesungen. Alle im Bus grölten munter drauf los, nur der Fahrer und ich nicht: „Dieter Matz ist homosexuell, homosexuell, homosexuell. Dieter Matz ist homosexuell . . .“ Immer und immer wieder. Und so laut wie es nur ging. Der Moderator in Hamburg bemerkte zwischendurch: „Mensch, Herr Matz, bei ihnen im Bus herrscht ja eine Super-Stimmung.“ Ich zu ihm: „Ja, das ist immer so, das ist hier wie ein Schulausflug der fünften Klasse . . .“ Ja, ja, die lieben Kollegen. Nein, im Ernst, sie sind schon in Ordnung. Und man muss ja auch mal über sich selbst lachen können.

Als Kai Schiller aber heute im Bus meinen Namen nannte, da wurde – natürlich – sofort wieder gesungen: „Dieter Matz ist homosexuell . . .“
Ja, das ist man nun ganz weit weg von der Front, und doch allgegenwärtig, so kann es gehen. Die damalige Busfahrt vom Januar 2007, ich schrieb es bereits, wird wohl so schnell nicht in Vergessenheit geraten.

So, zum Fußball von heute. Wobei ich mich bei allen, die kein Verständnis für die nun eingangs geschilderte Geschichte haben, schnell und in aller Form entschuldigen möchte. Es wird in Abu Dhabi, so hatte es Thorsten Fink ja vorher angekündigt, fast alle mit dem Ball gemacht (Standards allerdings wurden bislang noch nicht geübt!). Spielerisch und taktisch wird viel gemacht – und am Nachmittag gab es auch ein langes Spiel, das 40 Minuten dauerte. Und das für alle Zuschauer, inzwischen sind auch zehn VIP-Fans des HSV in Abu Dhabi eingetroffen, sehr schön anzusehen war. Es ging heftig zur Sache, da wurde sich nichts geschenkt. Es war allerdings nicht erkennbar, wer nun im A- und wer im B-Team spielte, es war bunt durcheinander gewürfelt.

Am Ende stand ein 2:0 für das „Team Orange“ fest. Artjoms Rudnevs hatte einen Elfmeter (!) verwandelt, und als Heiko Westermann Zweikampfsieger gegen Rafael van der Vaart geblieben war, zog der Kapitän mit dem Ball auf und davon und schoss ihn aus rund 18 Metern flach ins Netz – eine sehr schöne Aktion, ein sehr schöner Schuss.
Bei der Gewinner-Mannschaft gefiel meinem Kollegen Schiller besonders Ivo Ilicevic, über den sehr viel lief, der die Fäden fest und gut in der Hand hatte. Dazu konnte auch Neuzugang Valmir Nafiu (oder auch Nafju – wie ihn zwei Kollegen schreiben würden!) gefallen, der viele gute und sehr gute Szenen hatte. Der Junge (er wurde während des Spiels kurz an den Rand zu Thorsten Fink und zu einem Vier-Augen-Gespräch gebeten) mischt in Abu Dhabi frech, frisch und unbekümmert mit – er macht Spaß.

Wobei ich in diesem Moment an den 30. Dezember denke, als wir in der Mix-Zone in der Arena auf Thorsten Fink warteten. Da trainierte nämlich Nikola Vidovic mit Nafiu allein, beide spielten Fußballtennis. Und als Fink kam, war der Stand der Dinge jener: es hieß 12:1. Für den Co-Trainer. Der ansonsten ja draußen mit Artjoms Rudnevs oft schon Fußballtennis gespielt hat – um die technischen Fähigkeiten des Letten zu verbessern. Mir ist nun aber bislang nicht aufgefallen, dass Nafiu auch ähnliche Probleme in Sachen Technik hat,
sodass die behoben werden müssten. Ich werde es aber weiter beobachten.

Nicht an diesem Trainingsspielchen beteiligt war Maximilian Beister, der wegen (leichter?) Oberschenkelproblemen nur zuschauen konnte. Darüber hinaus fehlte auch Marcell Jansen, der nach seiner Schulter-OP (ausgekugelte Schulter) immer noch ein wenig geschont wird, der noch nicht alle Übungen mitmachen kann – oder auch soll. Ebenfalls nicht mitgespielt hat Petr Jiracek, der aber auch noch nicht mit der Mannschaft trainieren konnte. Der Tscheche läuft nach wie vor oft mit Reha-Coach Markus Günther, und ab und an schnappt er sich auch einen Ball und jongliert damit. Das war es dann aber auch schon. Jiracek sagt zu seiner Situation: „Mein Ziel ist es, nach der Rückkehr in Hamburg wieder mit der Mannschaft zu trainieren, und dann hoffe ich, dass ich gegen Nürnberg spielen werde.“

Das allerdings dürfte Utopie sein, denn er verpasst so die gesamte Vorbereitung in Abu Dhabi, und ob er dann innerhalb einer Woche alles aufholen kann? Zumal Thorsten Fink am 12. Januar, wenn es in der Bundesliga-Generalprobe im Volkspark gegen Austria Wien geht, wohl die für den Club angedachte Formation spielen lassen wird . . . Schade, schade, ich hatte mir das ganz anders erhofft, und wohl auch die HSV-Verantwortlichen, denn eigentlich hieß es doch bei der „Bestandsaufnahme“ am 30. Dezember, dass wieder alle Spieler fit sind – also auch Jiracek.

Übrigens: Gojko Kacar, dessen Wechsel zu Hannover 96 geplatzt ist (obwohl ich schlimmer Finger ja geunkt hatte, dass das mit 80:20 Prozent wohl klar gehen würde! Sorry!), wird nicht nach Abu Dhabi nachreisen, sondern in Hamburg mit der Regionalliga-Mannschaft von Rodolfo Cardoso trainieren. Eines steht fest: Kacar wird es in Zukunft schwer haben, zu Einsätzen in der Bundesliga zu kommen. Weil es ja beim HSV ein Über-Angebot an Mittelfeldspielern gibt, und weil hinter der vorgehaltenen Hand erzählt wird, dass weder der HSV noch Hannover 96 die Schuld an diesem geplatzten Wechsel haben. Kacar und sein Onkel Milan sollen sich verpokert haben. Sportchef Frank Arnesen sagt in diesen Tagen immer wieder: „Die beiden Vereine waren sich einig . . .“ Obwohl mir da ein Zitat von 96-Manager Jörg Schmadtke (gelesen in der Mopo) in den Sinn kommt, der ehemalige Bundesliga-Torwart sagte da nämlich (vor dem Scheitern der Verhandlungen), dass er den großen Optimismus, der beim HSV bezüglich des Wechsels von Kacar an die Leine herrsche, so nicht ganz teilen kann. Und so kam es dann ja auch.

Grundsätzlich denke ich ja über solche (angedachten) Wechsel, dass das so lange wie es nur irgendwie geht, geheim gehalten werden sollte. Im „Fall Kacar“ aber war von Beginn an eigentlich jeder Schritt – hüben wie drüben – öffentlich. Und das kann, auch wenn ich damit natürlich (es ist mir bewusst) gegen die Medien argumentiere, die ja stets und ständig alles wissen müssen und wollen, nicht gut im Interesse des Spielers und der Klubs sein. Aber gut, das ist meine unmaßgebliche Meinung, es gibt ja offensichtlich Herren, die es anders wollen und dann auch in die Tat umsetzen. Mit wäre es grundsätzlich lieber, wenn der HSV morgen zum Beispiel verkünden würde: „Kacar hat heute für drei Jahre beim FC Augsburg unterschrieben.“ Zum Beispiel. Kurz und schmerzlos, und dann könnte immer noch sehr viel an Reaktionen auf und über diesen Transfer in den Zeitungen stehen.

Für Frank Arnesen dürfte dieser verhinderte Wechsel arge Probleme bedeuten, denn er sollte ja eigentlich durch Spieler-Verkäufe 6,4 Millionen Euro bis zum Beginn der Rückrunde eingespart haben. Ob das noch etwas wird? Es darf zumindest stark bezweifelt werden. Und wieder stellt es sich mir so dar, dass beim HSV eben gut bis sehr gut bezahlt wird, da nimmt ein Fußball-Profi dann auch schon mal in Kauf, einige Monate mal auf der Bank oder auf der Tribüne zu sitzen. Mann gönnt sich ja sonst nichts. Und das Geld fließt und fließt und fließt, und fließt. Besser so sein Geld verdienen, als mit einem Erstliga-Klub eventuell abzusteigen, oder bei einem Zweitliga-Klub auf die Knochen zu bekommen – und dazu noch weniger Geld zu verdienen.

So, am Sonntag wird es nur eine Einheit geben – am Vormittag. Nachmittags gibt es dann für die Spieler zwei unterschiedliche Freizeitangebote. Es kann an einer Wüsten-Rallye teilgenommen werden, oder es geht in die „Ferrari-World“, wo es die schnellste Achterbahn der Welt gibt. Letzteres wäre ja nichts für mich, aber nicht wegen der Schnelligkeit. Oder weil es zu gefährlich wäre. Mal ehrlich, Achterbahn wäre doch langweilig. Weil: Achterbahn fährt der HSV doch schon seit einigen Jahren. Zwar nicht ganz so schnell, aber stetig. Und weil das so ist, gibt es auch noch ein drittes Freizeit-Angebot: Im Hotel bleiben und einfach mal Beine und Seele baumeln lassen.
Würde ich machen.

17.03 Uhr