Tagesarchiv für den 30. Dezember 2012

Fink: “Wir haben schwierige Aufgaben vor uns”

30. Dezember 2012

Was müssen das schon wieder für Entzugserscheinungen gewesen sein? Der HSV im Weihnachtsurlaub, die HSV-Profis in der ganzen Welt unterwegs – und in Hamburg machen die Anhänger der Rothosen Nase. So geht es doch auch nicht . . . Jetzt aber ist fast alles wieder im Lot. Jedenfalls für heute und morgen, denn der HSV ist wieder da. Nur der frühe Vogel fängt den Wurm. Am 2. Januar geht es dann allerdings schon ins Trainingslager nach Abu Dhabi, dann muss der geneigte Fan, der es gewohnt ist, seine Lieblinge im Volkspark trainieren zu sehen, wieder darben. Für etwas mehr als eine Woche – nur. Doch vielleicht waren deshalb heute schon so viele Fans wieder erwartungsfroh an die Arena gepilgert. Mindestens 150 (handgezählt) wurden gesehen – aber nicht alle Spieler. Weil einige heute ihren Laktattest absolviert haben, einige erst am Montag. Nicht dabei war auf jeden Fall Per Ciljan Skjelbred, der morgen(Montag) noch einmal heiraten will – nachdem er es kürzlich schon im Standesamt tat. Nun ist die Kirche (in Norwegen) an der Reihe. Und Tomas Rincon kehrte etwas verspätet aus der Heimat zurück – was allerdings nicht seine Schuld war. Ansonsten ist und war alles bestens. Es waren ja ohnehin nur 14 Tage, da kann ja nicht viel passiert sein – und auch zugenommen hat kein Profi in dieser kurzen Zeit. „Die Spieler wissen doch alle, wie man sich als Profi ernährt, da passiert nichts“, sagt Trainer Thorsten Fink.

Übrigens, weil es darum ja einigen Wirbel gegeben hatte: Fest vereinbart sind für das Trainingslager bisher (nur) zwei Testspiele. Am 7. Januar in Abu Dhabi gegen den usbekischen Club FK Lokomotiv Taschkent, und am 9. Januar in Dubai gegen Borussia Mönchengladbach. Ein dritter Gegner ist noch in der Pipeline, da soll es dann gegen eine einheimische Mannschaft (aus Abu Dhabi) gehen. Und die Generalprobe für die zweite Saisonhälfte erfolgt dann am 12. Januar bereits wieder in Hamburg: Gast ist der 23-malige österreichische Meister Austria Wien.

Bestens erholt stellte sich heute Thorsten Fink in Hamburg vor – braungebrannt. Das war die Sonne in Brasilien, beim Skilaufen in den Bergen und der Strand von Dubai. „Ich finde, dass man immer besser eher anfängt, als zu spät, deshalb der frühe Trainingsbeginn. Wir haben noch viel vor, wir haben schwierigen Aufgaben vor uns – und wir wollen vor allen Dingen gut aus den Startlöchern kommen. Das ist enorm wichtig. Wir haben mit dieser Mannschaft, die vom vierten Spieltag an beisammen war, in 14 Spielen 24 Punkte geholt, das ist, denke ich, sehr gut, jetzt müssen wir sehen, dass wir besser in die Saison starten als im Sommer – das ist nun unser Ziel. Wir wollen in den ersten Spielen schon mal eine ordentliche Zahl an Punkten holen“, sagt der HSV-Coach.

In Abu Dhabi soll, so Fink, nicht unbedingt Kondition gebolzt werden, sondern vor allen Dingen an den Automatismen gearbeitet werden: „Wir haben ja während der Saison eine kleine Änderung vorgenommen, dass das noch besser wird, dass das noch besser harmoniert.“ Stichwort Raute. Und dazu zwei Spitzen. Thorsten Fink lässt sich zwar noch nicht in die Karten schauen („Ich möchte mich da noch nicht festlegen. Man muss alles spielen können, verschiedene Systeme – man wird von Spiel zu Spiel sehen und überlegen, wie wir dem Gegner am besten weh tun können“), aber ich habe das Gefühl, dass es zunächst mit zwei HSV-Stürmern weitergehen wird. Und dazu soll von Mittwoch an den Offensiv-Standards geübt werden. Fink: „Da können wir noch mehr machen, da lässt sich mit Sicherheit noch der eine oder andere Punkt mehr rausholen, da waren wir nicht so gut. Und deswegen werden wir das dort auch ein wenig mehr als sonst trainieren.“

In Sachen Verkäufen ist bislang noch nicht allzu viel passiert. Tom Mickel ist bei Greuther Fürth gelandet – mehr ist noch nicht geschehen. Und es steht ja die Summe von 6,4 Millionen Euro im Raum, die der HSV von Januar an einsparen will – und soll. Eine große Aufgabe für Sportchef Frank Arnesen. Thorsten Fink wartet die Entwicklung ab – mehr bleibt ihm auch nicht: „Die Spieler wissen Bescheid, wie ihre Chancen hier stehen. Ob sie spielen oder auch nicht, das sollte auch jedem bewusst sein. Sie müssen genau überlegen, wie ihre Chancen hier sind, und wenn sie sich alles bestens überlegt haben und hier bleiben, dann heißt es für sie, ruhig bleiben und weiter Gas geben. Aber es ist immer schlecht, wenn man bei einem Klub ein, zwei Jahre auf der Bank sitzt, dadurch lässt sich kein Marktwert steigern. Und jeder sollte auch wissen, ob er so, wie sich die Situation auch immer für ihn stellt, zufrieden damit ist.“

Erfreulich ist für den HSV (und seine Fans), dass Rafael van der Vaart und auch Petr Jiracek wieder fit sind – und mit nach Abu Dhabi fliegen. Im Moment sind alle so okay, dass sie die Vorbereitung aufnehmen können. Ich freue mich besonders auf Jiracek, denn den haben wir alle bislang ja nicht so ganz ausführlich genießen können. Und von dem Tschechen erwarte und erhoffe ich mir noch sehr viel, er wird dem HSV sicherlich noch sehr gut tun – so er denn verletzungsfrei bleiben wird. Gerade aber eine Schambein-Entzündung ist oft sehr langwierig, das haben in der Vergangenheit schon einige Bundesliga-Stars erfahren müssen (Mario Götze). Hoffen wir für Jiracek und den HSV, dass sich nun, mit Beginn von 2013, alle Leiden erledigt haben: Durchstarten, Gas geben, und allen zeigen, was wirklich Sache ist! Fink: „Thorsten Wir werden aber trotz allem sehr vorsichtig sein mit ihm, denn wir wollen nicht, dass da etwas chronisch wird.“

Auch Gojko Kacar ist wieder fit. Und im Moment ist noch geplant, dass er auch mit nach Abu Dhabi fliegen wird. Es sei denn, Hannover 96 greift eher zu – und Kacar wechselt an die Leine. Frank Arnesen ist in diesem Punkt ganz zuversichtlich: „Die Vereine haben sich angenähert, das sieht ganz gut aus, es sind eigentlich nur noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen.“ Das klingt doch gut. Der Däne ist optimistisch, dass eine Entscheidung innerhalb der nächsten zehn Tage fallen wird – im besten Fall sogar noch bis zum Abflug des HSV am Mittwoch. Wenn ihr mich fragt, wie ich diese Sache beurteile: Ich glaube, dass Kacar von Januar 2013 an für die Niedersachsen spielen wird. Die Chancen beziffere ich auf 80:20.

Mickel, Kacar – und wer geht noch? Gut möglich, dass auch Marcus Berg noch in diesem Winter in die Wärme wechseln wird. Es soll sich da etwas aus Spanien (mehrere Vereine) anbahnen. Was ja hervorragend wäre. Für Berg – und für den HSV. „Es wird wohl in den nächsten Tagen ein Angebot für Marcus Berg kommen, aber mehr kann ich zu diesem Thema noch nicht sagen. Bevor ich da weiter rede, muss es erst einmal richtig konkret werden, und das ist es im Moment noch nicht“, sagt Arnesen. Er wird aber auch noch erst einmal ein Gespräch mit dem Schweden führen müssen, ob der überhaupt einem Wechsel zustimmen würde. Und noch eine Personalie gibt es: Jeffrey Bruma soll oder könnte ein Angebot aus den Niederlanden bekommen. Arnesen: „Wir werden das Trainingslager abwarten, danach setzen wir uns zusammen und werden beraten, was besser für ihn ist.“ Im Sommer 2013 läuft sein Leihvertrag mit Chelsea aus, das spielt auch eine Rolle. Ginge Bruma, dann dürfte wohl Slobodan Rajkovic doch bleiben – Überraschung, Überraschung.

Und auch in eine andere Sache ist über Weihnachten ja Bewegung gekommen. Durch den Wechsel von Tom Mickel könnte es sein, dass Jaroslav Drobny doch beim HSV bleiben wird (soll). Thorsten Fink hat mit dem tschechischen Nationaltorwart schon gesprochen, Drobny weiß, dass ihn der HSV gerne halten würde – aber nicht um jeden Preis, logisch. Es wird ja auf allen Ebenen gespart, und auch die Profis werden von dieser Sparwelle nicht verschont. Fink: „Jaro ist ein sehr guter Torwart, das wissen wir, er ist loyal, er versteht sich bestens mit Rene Adler, Jaro ist super in Sachen Teamgeist – deshalb ist es eine Überlegung, dass er hier bleiben könnte. Aber im Moment ist das auch ganz sicher nicht die vordringlichste Personalie . . .“ Jetzt wird es darauf ankommen, was der HSV seinem Ersatztorwart finanziell wird bieten können.

So wird, wenn auch erst einmal nur ganz hinten, aber schon jetzt an der Zukunft (über das Saisonende 2013 hinaus) des HSV gebastelt. Die Perspektiven sind in meinen Augen nicht schlecht, sie sind sogar eher ganz gut, denn es steckt Qualität in diesem Kader. Das weiß auch Thorsten Fink, der nun bemüht ist, aus dem vorhandenen Kader den HSV der Neuzeit zu erstellen: „Das ist jetzt meine Basis, darauf wollen wir aufbauen, und vielleicht brauchen wir im nächsten Jahr nur noch zwei neue Spieler, mit denen wir uns dann nur noch auf zwei Positionen verstärken wollen.“ Auf ein neues Ziel wollte sich der Trainer aber – wieder einmal – nicht festlegen, und das ist auch gut so. Was soll dieses Gefasel von der Europa League? Man wird doch sehen, wohin der Weg führt. Von Spiel zu Spiel denken, und dann abwarten. Beruhigend ist doch für alle zu wissen, dass es nicht mehr gegen den Abstieg geht.

So sieht es auch der Sportchef. „Ich will nicht über Ziele reden. Wir kommen von sehr weit unten. Das war vor einem Jahr, jetzt sehen wir ganz ordentlich aus, wir haben in den letzten drei Monaten ganz ordentlich Fußball gespielt – und jetzt ist der Start wichtig. Erst in Nürnberg, dann zweimal zu Hause, das ist richtungsweisend, dann wissen wir, wohin es für uns geht. Eines ist klar: Wir müssen jeden Tag besser werden. Und dann den Aufwärtstrend fortsetzen. Wir haben viel Qualität, alle sind gesund, darauf müssen wir aufbauen. Wir haben alle Ambitionen, wir wollen alle so weit wie möglich nach oben kommen – und dafür müssen wir gut spielen und gewinnen“, sagt Frank Arnesen.

Gut spielen und gewinnen, dabei soll ab sofort auch wieder Rafael van der Vaart helfen. Er hat sich über die Festtage fit gehalten, im Studio, ist gelaufen und hat Tennis gespielt. Jetzt will er wieder angreifen: „Ich bin heiß, und jetzt hoffe ich dass wir ein gutes Trainingslager haben werden – und das wir gut in die Rückrunde starten.“ Die „ewige 23“ hat eine längere Pause hinter sich, wundert sich aber auch nicht, dass es nun schon so früh wieder losgeht: „Bei Thomas Doll haben wir einst bereits am 28. Dezember wieder begonnen, das ist schon okay.“ Wobei „Raffa“ ja auch in England gespielt hat, und da wird bekanntlich durchgespielt. Er sagt: „Ich habe zwei Jahre keinen Urlaub gehabt, aber mir hat das gefallen, das war nicht schlecht.“

Was erwartet van der Vaart von der Rückrunde? Jetzt, wo der HSV wieder komplett ist? „Schwer zu sagen. Wir müssen auf dem Teppich bleiben, es bringt nichts, über Europa oder sogar Champions League zu reden. Sicher haben wir einige gute Spiele dabei gehabt, aber man darf auch nicht vergessen, dass wir auch zwischendurch immer mal ein wenig Glück gehabt haben. Wir müssen hart kämpfen für unsere Punkte. Ich habe durchaus ein gutes Gefühl, aber dann muss jeder von uns 100 Prozent abrufen“, sagt van der Vaart. Ist er mit Platz zehn zufrieden? Oder denkt er schon, dass da noch mehr kommen muss – von seinem HSV? „Wir kommen von weit unten, das weiß jeder, aber wir haben das Potenzial, um noch weit zu kommen. Es fehlt uns allerdings noch die Konstanz, um mal vier, fünf Spiele hintereinander zu gewinnen. Deswegen bringt es uns nichts, von Europa oder Champions League zu reden, wir müssen ganz einfach hart weiter arbeiten, dass wir gut in die Rückrunde kommen – um dann etwas erreichen können“, sagt vdV.

PS: Ich sehe gerade Everton gegen Chelsea (1:2 Endstand), und da fallen mir zwei positive Dinge auf. Erstens wird im englischen Fußball fast immer massenweise nachgespielt. Hier sind es vier Minuten, Weihnachten und danach gab es Spiele, da waren es fünf Minuten. Finde ich gut. Und sehr gut finde ich, dass es bei einer Abseitsentscheidung keine zehn Zeitlupen gibt. Hierzulande wird von links, von rechts, von oben und unten, aus der Maulwurf-Perspektive und aus der Sicht einer vorbei fliegenden Schwalbe gezeigt, ob es eine Abseitsstellung war, in England nicht eine. Kann natürlich sein, dass der Regisseur kurzfristig eingenickt war, aber wenn das Methode ist, dass da nichts gezeigt wird – toll. Nachahmenswert. Weil gepfiffen (oder auch nicht gepfiffen) ist ja ohnehin geschehen. Und in England können sie, die Fans, dann noch stundenlang diskutieren, ob es so oder so war. Die Schiedsrichter, in dem Falle die Assistenten, die hätten es auf jeden Fall schon mal leichter.

PSPS: Jetzt lief gerade bei mir Queens Park Rangers gegen Liverpool (0:3), damit höre ich für heute auf.

19.12 Uhr