Tagesarchiv für den 28. Dezember 2012

Fink, Teil 1: “Mir haben alle vom HSV abgeraten – jetzt wissen sie es besser””

28. Dezember 2012

Ein Weihnachtswunsch hat sich bei mir bereits erfüllt: Dass hier im Blog weiterhin so fleißig Theorien entwickelt werden, wie Dieter und ich arbeiten und arbeiten sollten. Nicht, dass es mich erfreut, wenn mir jemand unsauberen Journalismus unterstellt. Allerdings stört es mich auch nicht mehr, weil ich inzwischen einzuschätzen weiß, warum hier einige die – mal diplomatisch formuliert – „überraschendsten“ Verschwörungstheorien auftischen. Normalerweise wollte ich hier ein „Best of“ machen. Denn davon gab es einige sehr kreative Formen. Aber ich beschränke mich mal auf die Top-Theorie, die da heißt: Dieter und ich schützen alle unsere Informanten mit Hofberichterstattung.

Eine These, die sich klar belegen lässt. Immerhin haben wir über Wochen und Monate die Einkaufspolitik kritisiert, was so gut wie alle Führungskräfte beinhaltet. Deshalb haben wir fast jeden Spieler mindestens einmal heftig für seine Leistungen kritisiert, ebenso wie den kompletten Aufsichtsrat. Wir haben den Vorstand für seinen Sparkurs kritisiert und in Mithaftung bei der zu schlechten Kaderzusammenstellung 20112/2012 sowie bis van der Vaart auch in dieser Saison genommen. Erst am Donnerstag habe ich Jarchow unterstellt, er hätte den Verein fast kaputtgespart und erst nach dem Fehlstart den allseits geforderten Verstärkungen zugestimmt. Dass er am Ende in der Transferabwicklung Rafael van der Vaarts neben Joachim Hilke eine wesentliche Rolle einnahm –Hofberichterstattung! Was sonst?

Wobei, das ebenso schöne wie in diesem Fall schwierige an geschriebenen Texten ist, dass der Leser keine Tonlage definitiv bestimmen kann. Er kann nur mutmaßen. Und das führt zu Missverständnissen. Oft wird so Ironie nicht erkannt oder gar mit Beleidigt sein verwechselt. Und wenn ich das dann nachträglich erkläre, heißt es noch, ich entschuldige mich – womit ich im Fall der Fälle nicht einmal ein Problem hätte.

Aber gut, die auch diesmal von mir nett gemeinte Einleitung werden hier einige verreißen wollen. Sollen sie. Aber den anderen 99 Prozent objektiven Bloggern sei gesagt: ich bin nicht mal einen Hauch beleidigt. Überhaupt nicht, sondern ganz im Gegenteil: Ich mag Diskussionen, vor allem über Fußball – so lange sie zielführend sind. Und das sind sie in diesem Blog eigentlich fast immer. Nur eben manchmal nicht – dann treiben sie die wahnwitzigsten Blüten und sind eher komisch. Im witzigen, unterhaltsamen Sinn. Immerhin wurde uns so schon das eine oder andere nette Verhältnis angedichtet, über das ich schmunzeln konnte.

Heute hätte ich demnach ein besonderes Verhältnis zu Thorsten Fink. Morgen auch noch, da ich das aufgezeichnete Gespräch in zwei Teilen hier reinstellen will, um möglichst wenig Worte des Trainers kürzen zu müssen und Euch trotzdem nicht mit sonst rund 1000 Zeilen sprichwörtlich zu erschlagen.

Aber zurück zum Gespräch. Um 19 Uhr Ortszeit habe ich den HSV-Trainer heute in seinem Dubai-Urlaub erreicht. Dort weilt er mit seiner Familie – und mit Nicholas MacGowan, der sich um die Gestaltung des Trainingslagers Anfang Januar kümmert. „Uns fehlen noch ein paar Testspiele, die ich unbedingt haben möchte“, sagt Fink, der diesen Wunsch vor Wochen auch Joachim Hilkes rechter Hand MacGowan mitgeteilt hatte. Am 2. Januar geht es für acht Tage nach Abu Dhabi. Am 9. Januar geht es an noch unbenannter Stelle gegen Gladbach. Zwei weitere Spiele sind noch nicht fix. „Nicholas wird das schon machen“, ist Fink um Ruhe bemüht, obgleich es nur noch eine Woche bis zum Trainingslager ist.

Zumal der HSV ansonsten früh dran ist. Früher als alle anderen Bundesligisten beginnt der HSV bereits am Sonntag um 15 Uhr mit seiner Vorbereitung. Dann geht es an der Imtech-Arena zu den Laktattests. Warum der HSV vergleichsweise früh beginnt? „Weil ich glaube, dass wir diese Zeit brauchen werden“, sagt Fink. „Wir können so die Laktattests absolvieren und schauen, ob noch Nachholbedarf besteht. Sollte das so sein, können wir auch die entsprechenden Läufe vor dem Trainingslager einstreuen und so ab dem 2. Januar an den Ball. Aber ich halte es generell für sehr gut, wenn man zwei tage früher als alle anderen beginnt. Das ist gut für das Gewissen der Spieler, von uns Trainern und es zeigt, was hier auf dem Plan steht: unsere Weiterentwicklung.“

Immerhin hat der HSV noch große Ziele. Mindestens die Punktzahl aus der Hinrunde soll es werden, hatte Sportchef Frank Arnesen gesagt. 48 Punkte wären das demnach mindestens, was im letzten Jahr immerhin für Platz sieben und somit zur Europa-League-Quali gereicht hätte. Wäre ja nicht das Schlechteste, oder?

Aber zurück zur Realität. Und die sieht den HSV auf dem zehnten Tabellenplatz mit zwölf Punkten Vorsprung zur Abstiegszone und nur zwei Punkten Rückstand auf die internationalen Ränge. Eine Ausgangslage, die zu Träumereien verführt, die aber allemal genug Motivation für die HSV-Profis darstellen sollte. „Das auf jeden Fall, sagt Fink, der sich ansonsten nicht zu großen Zielen äußern will. „Das wurde schon mal falsch gemacht. Es bringt ja auch nichts, viel zu reden. Wir müssen arbeiten. Und das immer etwas mehr als die Gegner. Wenn wir das dann gut machen, dann werden wir uns am Ende tabellarisch belohnen.“

Klar. Dennoch wollte ich von Fink zum bald ablaufenden Jahr 2012 auch ein paar klare Aussagen und formulierte Erkenntnisse. Deshalb habe ich ihn Sätze vollenden lassen. Los geht’s:

Mein schönster Moment 2012 war…
…als endgültig feststand, dass wir die Klasse gehalten hatten. Denn ich wollte hier nicht der Erste sein, der als Trainer mit dem HSV absteigt. Und dieses Risiko war ich bei Amtsantritt eingegangen. Damals hatten mich fast alle meine Bekannten und Freunde gewarnt, dass ich mir meine Zukunft verbaue, wenn ich die schwierige Aufgabe HSV übernehmen und scheitern würde. Alle sagten, ich hätte bei Basel doch alles, was ich brauchte. Vor alle Erfolg und einen sicheren Stand. Aber ich wollte noch nie den Weg des geringsten Widerstandes. Im Gegenteil, die Aufgabe hat mich von Anfang an tierisch gereizt. Ich sage immer: Wasser, das steht, das fault und stinkt irgendwann. Und die Mannschaft und wir Verantwortlichen haben mir am Ende Recht gegeben. Wir haben die Klasse gehalten. Und das war Erleichterung, Glückseligkeit und Genugtuung zugleich. Ein irres Gefühl. Privat hatte ich einige schöne Momente. Aber der schönste war, dass diesmal alle meine Lieben von schweren Krankheiten verschont geblieben sind. Denn das ist und bleibt das Wichtigste in meinem Leben. Nicht zuletzt der tragische Zwischenfall in der Familie Marcus Bergs hat mir gezeigt, wie schnell alles gehen kann und wie unwichtig plötzlich alles wird.

… das überraschendste Spiel 2012 war…
…für mich unser Sieg in dieser Saison gegen Dortmund. Nach 32 Spieltagen waren es ausgerechnet wir mit unseren null Punkten, die sie packen konnten. Das hatte ich bei allem damaligen Optimismus so nicht erwartet. Aber unsere Offensivpower hat uns den Erfolg gebracht. Generell geantwortet würde ich einige Spiele vom BVB nennen, die mich positiv überrascht haben. Eigentlich fast alle, die sie in der Champions-League-Gruppenphase gespielt haben. Nicht, dass ich es ihnen nicht zugetraut hätte, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass der BVB eine so hammerharte Gruppe so dominiert. Respekt! Das hat mir imponiert.

…das beste Spiel 2012 war…
…für mich unser Spiel gegen Schalke. Damals haben wir an der einen oder anderen Stelle taktisch nachjustiert und am Ende ein sehr gutes Spiel abgeliefert. Und obwohl wir Schalke sicher zum richtigen Moment hatten – immerhin haben sie anschließend nichts mehr auf die Reihe bekommen –, aber so abgeklärt und mit Spielfreude stelle ich mir unser Spiel immer vor. An dem Tag hat fast alles perfekt gepasst und nicht nur mir gezeigt, wozu wir schon jetzt in der Lage sind.

…den größten Fortschritt 2012…
…hat sicherlich die Verpflichtung von Rafael van der Vaart bewirkt. Allein sein Kommen hat hier einen allseitigen Positivtrend entfacht. Das war bei meiner Ankunft mit acht Spielen oder Niederlage auch schon so ähnlich, aber eben noch mal eine Stufe krasser. Rafael war eine definitiv sehr bedeutende Verpflichtung. Er hat die Wende maßgeblich mit eingeleitet. Vor allem auch, weil er als Mannschaftsspieler funktioniert. Er integrierte in Millisekunden und wusste bei seinen Kollegen menschlich zu gefallen. Er lebt Teamwork vor und nimmt sich einfach nicht zu wichtig. Obwohl er bekanntermaßen überragende Fähigkeiten besitzt, arbeitet er oft härter als die anderen. Er ist eine rundum positive Erscheinung für die Mannschaft, für den HSV – und natürlich für mich als Trainer.

… die größte Überraschung bei den Spielern war…
…sicherlich Tolgay Arslan im positiven Sinne. Wie er bei Rafas Verletzung nach zuvor guten Leistungen in die Bresche gesprungen ist war aller Ehren wert. Das zeigt mir, was wir von ihm sogar noch erwarten können. Er ist der Shootingstar, während ich bei Milan Badelj weniger von seinen gezeigten Leistungen denn von seinem Tempo beeindruckt war. So schnell wir er sich hier eingefunden und seine Bedeutung für die Mannschaft unter Beweis gestellt hat – damit hatte ich nicht gerechnet. Zumal er vorher schwierige Champions-League-Quali-Spiele hatte und die Anpassung an die deutlich bessere Bundesliga für ihn als Kroaten sicher nicht leicht war. Aber inzwischen ist er so etwas wie das Gehirn im Mittelfeld. Er ist auf jeden Fall der Spieler, der unser Spiel von hinten raus leitet, unsere offensiven Mittelfeldspieler mit exakten Pässen versorgt und unserem Aufbauspiel so neue Qualität verleiht. Von Anfang an.

So, das soll es für den Anfang gewesen sein. Morgen folgt Teil 2 des Fink-Gesprächs, in dem der Coach darüber spricht, wann der HSV wieder Meister wird, was und wer ihn 2012 am meisten enttäuscht hat, was Lionel Messi mit dem HSV zu tun hat und, und, und…

In diesem Sinne, bis morgen! Habt ’nen schönen Restfreitag und schaut Euch doch noch Dieters sehr launige Neujahrsansprache an!

Scholle