Tagesarchiv für den 27. Dezember 2012

Auf ein besseres 2013 – oder warum der Fehlstart Arnesens Glück war…

27. Dezember 2012

Heute im Büro zu sitzen, ist irgendwie komisch. Die Straßen sind beachtlich leer und auch die Besetzung des Abendblattes erfüllt kaum mehr als die Mindestnorm zum Erstellen einer qualitativ hochwertigen Tageszeitung. Zu verführerisch war die Aussicht, mit zwei Urlaubstagen gleich sieben am Stück frei zu haben. „Wir müssen das Elend verwalten“, scherzte heute ein hier namentlich nicht genannt werden wollender Ressortleiter auf dem Weg im Fahrstuhl gen Redaktion – und er beschreibt ein wenig das, was Frank Arnesen und seine drei Vorstandskollegen sowie das Trainerteam im Sommer vorfanden: Eine Mannschaft, die mehr schlecht denn recht aufgestellt die Bundesligazugehörigkeit erspielen sollte.

„Wir haben ganz schlecht begonnen und viele Spiele verloren. Zu Hause gegen Nürnberg und davor sogar in Karlsruhe. Das war hart“, erinnert sich Frank Arnesen zurück und erklärt, weshalb er vom miesen Start profitierte. Immerhin musste der HSV so personell nachrüsten, weil auch dem Letzten klar wurde, dass das damalige Team in der Konstellation höchstwahrscheinlich um einen zweistelligen Tabellenplatz mit einer Quersumme größer/gleich sieben spielen würde. Und das wollte Arnesen: finanziell ins Risiko gehen. Zwar hatte man mit Rene Adler einen herausragenden Torwart verpflichtet, auch Milan Badelj war im Anflug schon reichlich Vorschusslorbeeren versehen worden – allerdings hakte es ansonsten überall auf dem Platz. Die Abwehr war kopf- und führungslos dem harmlosen FCN-Angriff unterlegen, das defensive Mittelfeld fand nicht statt, und offensiv gab es keinen Spieler, der auch nur annähernd für Gefahr sorgen konnte. Das alles verwundert nicht, schaut man sich mal die Aufstellung an:

Adler – Diekmeier, Mancienne, Bruma, Aogo – Skjelbred, Westermann – Sala, Son, Jansen – Berg.

„Wir haben früh gesehen, dass noch Handlungsbedarf bestand“, sagt Carl Jarchow. Der Klubboss hatte zunächst die Zahlen im Auge behalten (müssen) und daher von großen Investitionen Abstand genommen, was zu teilweise heftigen Diskussionen zwischen ihm und Arnesen führte. Letztlich aber war es dann auch Jarchow, der zusammen mit Vorstands-Vize Joachim Hilke sowie Mediendirektor Jörn Wolf, der einen sehr freundschaftlichen Draht zum Spieler pflegt, und natürlich Darlehensgeber Klaus Michael Kühne den entscheidenden Transfer eintütete: Rafael van der Vaart. Womit ich nicht sagen will, dass van der Vaart spielerisch wichtiger war als Adler oder auch Badelj, die für mich entscheiden sind. Nein, aber van der Vaart war der einzige Spieler, der dem stark ins Wanken geratenen Bundesligadino mit einem Schlag Hoffnung verliehen konnte.

Allein seine Anwesenheit stimmte Fans optimistisch. Aber noch wichtiger war, dass sich die Mannschaft, die kaum noch selbst an sich glaubte, wieder Hoffnung hatte. „Wir hatten ja keine Erklärungen mehr, die nicht schon genannt worden waren“, sagte Mannschaftskapitän Heiko Westermann. Da sei es nur logisch gewesen, dass auch die Mannschaft an sich zweifelte. Zumindest bis van der Vaart. Der Niederländer kam am 31. August als Last-Minute-Transfer, sah (in Bremen zu) und verlor (in Frankfurt) zwar zunächst – siegte dann aber gegen Frankfurt und den BVB mit starken Auftritten als Passgeber, Mittelfeldlenker und Kämpfer in einem. Das 3:2 gegen Dortmund war dann sicherlich der Befreiungsschlag, nachdem Trainer Thorsten Fink den Fehler im System erkannt hatte und ausmerzte. Es war der Brustlöser, immerhin folgten weitere sieben Punkte aus drei Spielen, ehe in Stuttgart verloren wurde.

Dennoch, der Transferaufwand von insgesamt 27 Millionen Euro hätte bei jedem anderen Klub in der Bundesliga den Anspruch höher steigen lassen als nur davon zu sprechen, besser als letztes Jahr, wo man fast abgestiegen wäre, werden zu wollen. Immerhin gab es in der HSV-Historie nur 2009/2010 mehr Aufwand. Damals wurden auch in letzter Sekunde noch mal 16 Millionen Euro ausgegeben – für die Ladenhüter David Rozehnal und Marcus Berg. Heraussprang mit einer Gesamtinvestition von mehr als 30 Millionen Euro damals ein siebter Tabellenplatz und das Verfehlen der internationalen Wettbewerbe. Das gepaart mit dem Ärger um Dietmar Beiersdorfers Demission, die zu noch größerer Skepsis gegenüber dem gefühlten „Alleinherrscher“ (so nannten ihn viele Mitarbeiter und sogar Aufsichtsräte) Bernd Hoffmann führten schien der HSV nach Jahren des Aufstieges den rechten Weg verlassen zu haben.

Und das bis heute. Denn was folgte, wurde nicht besser. Der HSV verfehlte nicht nur wiederholt den internationalen Wettbewerb, sondern er verschlechterte sich tabellarisch und der Klub brach auch finanziell langsam ein. Die Einnahmen sanken, der Spieleretat blieb konstant hoch – eine Mischung, die heute aufwändig korrigiert werden muss. Allein in der vergangenen Saison musste der HSV noch 20 Millionen Euro für Transfers zahlen – dabei wurden gerade mal für zehn Millionen Euro neue Spieler geholt. „Es ist durchaus branchenüblich, Ratenzahlungen zu vereinbaren“, gab sich Jarchow zunächst diplomatisch, als ich ihn darauf ansprach. Der Klubboss weiß, dass jedes schlechte Wort über seine Vorgänger gegen ihn verwendet wird. Allerdings kann er auch nicht an den Fakten vorbei.

Und die bedeuten, dass der HSV insbesondere durch den Rekord-Transferaufwand 2009/2010 in der vergangenen Saison Einsparungen tätigen musste, die einen Umbruch innerhalb des Vereins und seiner Kaderstruktur unumgänglich machten. Dass der nicht zur Zufriedenheit umgesetzt wurde, ist deutlich an der Abschlusstabelle mit Platz 15 abzulesen. „Auch wir hatten uns mehr erhofft, als nur gegen den Abstieg zu spielen“, nimmt sich Jarchow in die Kritik mit ein. Auch er als Triebfeder des Sparkurses weiß, dass der HSV sich fast kaputtgespart hätte. Dass er draus gelernt hat, beweisen seine Zustimmungen für Jiracek (vier Millionen Euro) und van der Vaart (13 Millionen Euro).

Zwei Verpflichtungen, die teuer waren – und jetzt wieder zu Teilen eingespart werden müssen. 6,4 Millionen Euro soll Frank Arnesen über Verkäufe einsparen und einnehmen. Tom Mickel wandert ablösefrei gen Greuther Fürth ab. Ersparnis: maximal 100000 Euro. Bleiben also noch rund 6,3 Millionen, die nicht über Jaroslav Drobny – der Tscheche will seinen mit gut 1,8 Millionen Euro Jahreseinkommen sehr gut dotierten Vertrag bis Saisonende beim HSV erfüllen/aussitzen – generiert werden. Wobei, ich verstehe Drobny sogar. Immerhin ist sein Ruf als Torwart gut – der seiner Knie indes nicht mehr. Und mit 33 Jahren ist der Tscheche auch nicht mehr der Mann mit der größten Perspektive für andere Klubs.

Ziemlich weit ist der Transfer von Gojko Kacar zu Hannover 96. Bei dem Serben, der in Hamburg einen mit rund 2,2 Millionen Euro und bis 2015 dotierten Vertrag besitzt, liegen die Vereine bereits auf Wellenlänge – allein Kacar selbst konnte sich mit Hannover bislang noch nicht einigen. Marcus Berg (2,5 Millionen Euro Jahressalär/Vertrag bis 2014) soll ein noch unbestätigtes Angebot aus Spanien vorliegen (Jarchow: „Davon habe ich nichts gehört“) und Vitesse Arnheim soll an Jeffrey Bruma (etwas mehr als eine Million im Jahr/ausgeliehen bis Juni 2013) interessiert sein. Sollte Arnesen alle drei (Bruma, Berg, Kacar) und zudem noch Slobodan Rajkovic (2 Millionen per annum bis 2015) abgeben können – ich würde ihn dafür feiern. Genau so wie der Aufsichtsrat, dem der Däne dann die geforderten Einsparungen vorlegen könnte. Und: Für den zweifellos sympathischen aber sportlich bisher durchweg enttäuschenden Berg noch Ablöse zu kassieren – das wäre fast zu schön, um wahr zu sein. Allein bei Bruma hätte ich nicht nur Freude, da ich ihn für den talentiertesten Jungprofi aus der Chelsea-Reihe halte. Allerdings hat sich der Niederländer bislang nicht durchsetzen können – trotz nicht allzu großer Konkurrenz.

Allerdings wären diese Aufräumarbeiten auch der erste Schritt, aus der Mängelverwaltung seit Juni 2011 endlich ein Team zu formen, das Perspektive hat, wieder international zu spielen. Dafür sind allerdings weitere Feinjustierungen nötig, über die ich mich hoffentlich heute oder morgen noch mit HSV-Sportchef Frank Arnesen unterhalten kann. „Wir wollen Fußball spielen“, betont Fink immerhin seit Monaten seine Vision vom HSV, die er so noch nicht erreicht hat. Der HSV der Zukunft soll demnach weniger mit Kampf denn mit technischen Finessen brillieren. Und dafür fehlt es in der Abwehr ebenso wie im Angriff noch zu sehr am Fußballerischen. Ebenso wie in der Breite des Kaders, die mit entscheidend für mich ist, zwischen der vorherrschenden Mängelverwaltung und einem hoffentlich bald wieder soliden Kadergerüst.

Klar, die HSV-Verantwortlichen der Gegenwart haben sicherlich keinen leichten Job. Aber sie haben nach den letzten Enttäuschungen allemal genug Möglichkeiten sich mit wenigen Schritten deutlich zu verbessern. Deshalb: Hoffen wir mal, dass Arnesen und seine Kollegen im Winter gut verkaufen – wobei das für mich zunächst nur wirtschaftlich der nächste Schritt wäre. Allerdings basiert darauf bekanntermaßen auch die sportliche Entwicklung. Und die muss besser werden. Und daran müssen sich die Herren Jarchow, Arnesen und Fink nach dem diesjährigen Transferaufkommen allein messen lassen. Altlasten hin oder her…

In diesem Sinne, bevor ich virtuell auf ein besseres 2013 mit Euch allen anstoße – zunächst einmal bis morgen!
Scholle

P.S.: Vielen Dank noch mal für die netten Geschenke und die vielen lieben Grüße zu Weihnachten! Ich kann nur hoffen, dass Ihr genau so schöne ruhige Tage wie ich hattet! und Euch an meinen sportlichen Wünschen für den HSV 2013 – wenigstens im Stillen – beteiligt habt. Dann sollte doch auch das klappen…