Tagesarchiv für den 22. Dezember 2012

Arslan – der Aufsteiger im Mittelfeld

22. Dezember 2012

Teil zwei der Hinrunden-Bilanz, diesmal ist das breit gesetzte Mittelfeld dran. Wobei ich mir Heung Min Son bis morgen aufsparen werde, weil ich ihn eher als Stürmer sehe, denn als Mittelfeldmann. Und einen Mann, auf den ich mich schon sehr freue, muss ich leider noch total außen vor lassen, das ist der Karlsruher Hakan Calhanoglu. Der Türke ist für den Sommer 2013 verpflichtet worden, es gab zuletzt schon Stimmen in Hamburg zu hören, die es befürworten würden, wenn das große Talent noch eine weitere Saison beim KSC verbleiben würde, aber da stimme ich nicht mit ein. Diejenigen, die so etwas denken, glauben fest daran, dass er es nicht auf Anhieb schaffen wird, sich in Hamburg zu behaupten – weil die Konkurrenz gerade im Mittelfeld so riesig sein. Allein an Rafael van der Vaart, Petr Jiracek und Milan Badelj vorbei zu ziehen, sei unmöglich. Ich sage: abwarten! Ich traue Calhanoglu alles zu, auch dass er zur großen Überraschung der Saison 2013/14 wird.
So, und los geht es nun mit jenen Mittelfeldmännern, die bereits beim HSV sind. Die Reihenfolge habe ich willkürlich gewählt.

Jacopo Sala schien einst auf einem sehr guten, nein auf einem guten Weg zu sein. Und dann kam der Knick. Bislang ist der Italiener noch nicht wieder aus der Versenkung aufgetaucht, dazu müsste wohl auch ein keines Umdenken bei ihm erfolgen. Er „hing“ zuletzt sehr oft mit Jeffrey Bruma herum, zwei Leidensgenossen, die sich eventuell zu trösten versuchen, die mir aber (ich schrieb es schon bei dem Niederländer) zu oft ein wenig „in die falsche Richtung“ lachen. Soll heißen, dass sie eher schon ein wenig resignieren – sie „blödeln“ gemeinsam, statt Gas zu geben. Deswegen glaube ich nicht mehr, dass Sala noch einmal kommen wird – obwohl ich froh wäre, wenn es dann doch ganz anders käme. Denn Fußball spielen, das kann der Italiener ganz sicher. Aber mit dem Ball umgehen ist eine Sache, die richtige Einstellung auf den Rasen zu bringen, die andere. Letzteres stimmt bei ihm leider nicht (mehr).

Tomas Rincon startete mit einer langwierigen Verletzung in die Saison, war dadurch schon mal schwer gehandicapt. Den Rückstand holte er nicht mehr auf, auch wenn er zuletzt zu einigen Einsatz gekommen ist. Ich hatte mir, nach seiner sehr guten Copa America, viel von „Popeye“ erhofft, aber er konnte es nicht zeigen. Insgesamt denke ich, dass Rincon beim HSV schon mal besser gespielt hat. Dabei traute ich ihm mal zu, in Hamburg eine Art „Mini-Gattuso“ werden zu können – von dieser Hoffnung bin ich aber schon seit längerer Zeit weit entfernt. Das wird vielleicht auch deshalb nichts mehr, weil Rincon sich zu sehr auf das Zerstören festgelegt hat – und ein solcher Spielertyp ist im heutigen, modernen Fußball eigentlich kaum noch zu finden. Schade eigentlich.

Tolgay Arslan war der Aufsteiger der Saison. Es ist schon rauf und runter geschrieben worden, ich kann mich dem nur noch einmal anschließen. Und ich muss zugeben, dass ich ihm die „Sechs“ niemals zugetraut habe. Nie. Weil Arslan für mich ein schön spielender „Daddelbruder“ war, in diese Schublade hatte ich ihn schon immer gesteckt. Dass er, wie er nun zeigt, auch beißen kann, dass er ein defensives Auge hat – alle Achtung und ein riesiges Kompliment, ich hätte es nicht gedacht. Nur muss er jetzt so weiter „beißen“, nicht ausruhen, nicht zurücklehnen und glauben, dass man es schon geschafft hätte. Das wäre genau so tödlich, wie noch sein gelegentlicher Hang zum „Abheben“. Nach zwei, drei gelungenen Szenen packt er die Trickkiste aus: Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Lässig, ganz lässig, nachlässig. So aber geht es nicht, weil man sich das in der Bundesliga einfach nicht erlauben kann. Es ist zu durchschaubar. Und durch solche überheblichen Aktionen reißt Arslan mit dem Hintern wieder alles um, was er sich vorher mit den Füßen erarbeitet hat.

Robert Tesche ist für mich ein Glückspilz. Dass ihm sein Vertrag noch einmal verlängert wurde, das ist für mich – und nicht nur für mich – noch immer unfassbar. Es zeigt aber, dass auch ein Sportchef (und ein Trainer?) nicht unfehlbar sind. Der Spatz in der Hand, und der Tesche auf dem Platz – das muss wohl das Motto damals gewesen sein. Hier irrte der Herr Arnesen. Robert Tesche trainiert zwar in den meisten Fällen gut, oftmals sogar sehr gut, aber auf dem Rasen bei Bundesliga-Spielen konnte er diese Leistungen nie, wirklich nie wiederholen. Leider. Ihm fehlt die Einstellung zum Profi-Fußballer, der richtige Biss – er hat auch, so sehe ich das, nicht das nötige Fußball-Temperament.

Ivo Ilicevic war einst meine ganz große HSV-Hoffnung. Weil er in Kaiserslautern Spitzen-Leistungen gebracht hat, weil ihn einst auch der große FC Bayern auf dem Zettel hatte – aber denkste! Bislang kam nicht vom kleinen Flügelflitzer, ich befürchte, dass er als eines der größten HSV-Missverständnisse in die Bundesliga-Geschichte eingehen wird. Leider, leider, ich hätte ihm in Hamburg die Karriere als „Überflieger“ gegönnt. Heute denke ich aber, dass dieses Thema abgehakt ist. Deswegen täte ihm ein Vereinswechsel bestimmt gut, eine neue Herausforderung könnte ihn noch einmal anstacheln, sein wahres Können zu zeigen. Könnte.

Per Ciljan Skjelbred schien lange auf dem falschen Weg – warum auch immer? Es kam nicht, von ihm hieß es im Volkspark schon sehr, sehr oft: „Fehleinkauf.“ Dabei hatte sich Frank Arnesen einst so viel von dem kleinen Norweger versprochen. Zuletzt, erst zuletzt, hat es der Blonde aus dem hohen Norden wenigstens ansatzweise gezeigt, was in ihm steckt, was in ihm stecken könnte. Zufall? Kann ich nicht glauben, aber im letzten Spiel des Jahres, beim 0:3 gegen Leverkusen, spielte Skjelbred so – ja, so wie immer, so wie vorher. Und so reicht es nicht. Nicht in der Bundesliga, nicht beim HSV. Er sollte sich mit einem Tapetenwechsel anfreunden, ich denke, es ist für ihn der bessere Weg. Vielleicht zurück in die Heimat, wo er wieder regelmäßig zum Einsatz kommen wird.

Christian Nörgaard galt und gilt als großes Talent, bislang konnte er es nicht unter Beweis stellen. War zuletzt auch lange verletzt, obwohl es sicher nichts an seiner Situation geändert hätte – er konnte sich bislang noch nicht in den Vordergrund spielen oder sich aufdrängen. Doch von solchen Talenten hat der HSV schon so viele gehabt, und einige von ihnen haben dann doch noch ihr Glück woanders gefunden. Deswegen habe ich immer noch die Hoffnung, dass es Nörgaard eines Tages doch noch schaffen kann. Abschreiben werde ich ihn noch lange nicht.

Gojko Kacar dagegen steht wohl vor dem Gang zu einem anderen Verein. Hannover 96? Die Bild schrieb ja heute, dass es für ihn nur 500 000 Euro geben würde, aber diese Summe ist lachhaft. Auch deshalb, weil der HSV vor zweieinhalb Jahren noch 5,5 Millionen an Hertha BSC bezahlt hat. Kacar hat hier viel Pech gehabt – und er hat ganz sicher auch nicht so gut gespielt, wie einst in Berlin. Das HSV-Phänomen. Mir gefiel der Serbe in seiner Hamburger Zeit als Innenverteidiger am besten, weil er gut zerstören kann, weil er eng und mutig am Mann arbeitet, weil er kopfballstark ist, und weil er den Ball auch einigermaßen nach vorne spielen kann. Er wirkt gelegentlich langsam, auch gedanklich, aber trotz allem hat er seine Qualitäten. Und deswegen hoffe ich, dass ihn der HSV nicht verschenken wird – auch wenn dadurch ein (nicht zu kleines) Gehalt eingespart werden könnte.

Matti Steinmann ist auch ein Talent wie Christian Nörgaard, doch um das vielleicht größte HSV-Talent derzeit (so hieß es im Herbst immer wieder) ist es ruhig geworden. Nicht nur wegen der Verletzung zuletzt. Steinmann treibt seine schulische Ausbildung voran (auch wichtig!), konnte deswegen nicht oft mit den Profis trainieren – verlor vielleicht auch deshalb seine Form in der Regionalliga-Mannschaft. Sah ich ihn dort, dann habe ich ihn nicht allzu oft in Erscheinung treten sehen – eher war das Gegenteil der Fall. Aber, wie im „Fall Nörgaard“ gebe ich die Hoffnung noch nicht auf, vielleicht entwickelt sich da ja noch was. Vielleicht. Obwohl das schon sehr bald passieren müsste.

Milan Badelj kam, sah und siegte. Er war auf Anhieb eine große Verstärkung, und die Einschätzung, die hier bei „Matz ab“ erst vor einigen Tagen Horst Hrubesch über den Mittelfeldspieler abgab, teile ich absolut und zu 100 Prozent. Stark am Ball, hervorragendes Auge, er antizipiert großartig, und er kann den klugen, den überraschenden und öffnenden Pass spielen. Im HSV haben sie ja Angst davor, dass er schon bald von einem „Großen“ geschluckt werden könnte, doch diese Angst habe ich im Moment noch nicht. Weil Badelj da doch ein wenig Tempo fehlt – für den ganz großen europäischen Spitzen-Fußball.

Petr Jiracek hat sich leider zu einem Pechvogel entwickelt. Erst die unberechtigte Rote Karte am dritten Spieltag in Frankfurt, dann die schwere und langwierige Schambein-Verletzung das ist bitter, ganz bitter. Zumal dann, wenn man ihn immer noch bei der EM 2012 vor Augen hat, wie er durch das Mittelfeld der Tschechen wirbelte. Hoffentlich hat er seine Leidenszeit bald beendet, und bleibt er dann verletzungsfrei, dann wird er auch schon bald (und auf Dauer) eine dominierenden Rolle im HSV-Mittelfeld spielen können. Davon bin ich restlos überzeugt. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch bei mir.

Rafael van der Vaart ist für mich der „Retter“ des HSV. Wieso das? Werden sich jetzt sicher einige (oder viele) fragen, aber das will ich erklären. Wir alle haben uns um diesen (schwachen) HSV große (Abstiegs-)Sorgen gemacht, bevor der „kleine Engel“ wieder zurück an die Elbe gekommen ist. Als er aber wieder im Volkspark aufdribbelte, da rissen sich fortan sämtliche Mitspieler (viel mehr) zusammen, sie trainierten konzentrierter, spielten viel besser (Paradebeispiel Arslan!) – weil sich niemand eine Blöße vor dem großen „Raffa“ geben wollte. Der hätte sonst ja mal in die Runde fragen können: „Was ist das denn für einer? Wer hat den verpflichtet, was will denn der HSV mit dem?“ Van der Vaart hat für einen Ruck in diesem angeschlagenen HSV gesorgt, und das ist ihm hoch anzurechnen. Auch wenn er mich fußballerisch noch nicht voll überzeugen konnte. Er selbst hat mal in der Bild über sich gesagt: „Ich spiele bislang nur Bild-Note vier.“ Stimmt, Volltreffer! Aber das liegt auch am System, auch an den Nebenspielern. Wenn ein Rafael van der Vaart mehr grätschen muss, als sich um den Spielaufbau verdient zu machen, dann weiß man, dass etwas falsch läuft. Der Niederländer verrichtet mehr „Drecksarbeit“ als erwartet – und ihm sicher auch lieb ist. Aber das im Moment eben noch in dieser HSV-Mannschaft erforderlich. Vielleicht ändert sich das noch (oder bald?), woran ich allerdings nicht glaube – aber eigentlich war doch der „Raffa“ von dem Herrn Kühne als Spielgestalter, als Regisseur gedacht und eingekauft worden. Eigentlich. Aber im Fußball, oder auch im Fußball, kommt es gelegentlich mal anders als man denkt – und beim HSV erst recht.

So, morgen ist dann die Hamburger Offensiv-Abteilung dran – und danach wird auch über die Offiziellen (Vorstand, Trainer, AR) – wie versprochen – geschrieben. Zunächst aber wünsche ich euch und euren Lieben einen schönen vierten Advent.

Und, ganz schnell noch, auch heute wieder ein großes und herzliches Dankeschön für die viele Weihnachtspost, die Frau M. und mich erreicht hat. Ihr seid großartig, vielen, vielen Dank!

16.49 Uhr