Tagesarchiv für den 15. Dezember 2012

0:3 – der HSV stieß an seine Grenzen!

15. Dezember 2012

Das ist eben der Unterschied, zwischen einem Tabellenzweiten und einem Team aus dem Mittelfeld und aus dem Mittelmaß: Bayer Leverkusen zeigte dem HSV im letzten Bundesliga-Spiel des Jahres 2012 die Grenzen auf – schonungslos. Die Mannschaft von Trainer Thorsten Fink war während der 90 Minuten klar unterlegen und blieb quasi chancenlos. Es gelang dem HSV-Team nie wirklich, die quicklebendigen Bayer-Spieler einzufangen oder an die Kette zu legen. Und vorne schaffte es der HSV nicht, eine ständige Gefahr für die Bayer-Defensive zu sein. Es war viel auf Zufall aufgebaut, es waren viele halbherzige Aktionen zu sehen, und symptomatisch war die 88. Minute, als Artjoms Rudnevs den Ball aus acht Metern weit über das Tor der Gastgeber schoss. Der HSV hätte an diesem Nachmittag noch Stunden spielen können, es wäre ihm wahrscheinlich kein Tor gelungen. Fröhliche Weihnachten!

Es muss der Brasilien-Trip gewesen sein. Oder? Vielleicht war auch etwas im Pausen-Tee, der eventuell schon vor dem Anpfiff getrunken wurde? Dieses Getränk muss einschlafende Wirkung haben, denn der HSV war nicht wirklich wach. Und das war die höchst ungute Konstellation: Hier der Tempo-Fußball von Bayer Leverkusen, dort die müden Hamburger – das konnte nicht gut gehen. Ich lege mich fest: Brasilien war es. Irgendetwas muss ja schuld daran sein.

Es begann schon nach ein paar Sekunden. Dennis Aogo war sich zu schade, die Kugel einfach und geschmacklos nach vorne zu dreschen. Einen kurzen Kringel (Trochowski lässt grüßen!) auf der linken Seite, ein Querpass kurz vor dem Strafraum auf Milan Badelj, der Ball ist schludrig gespielt, Badelj verlängert nur – und Schürrle steht mutterseelenallein vor Rene Adler. Welch ein Auftakt! Glück für den HSV, dass Schürrle mit links an den Pfosten schlenzt – das war eine Hundertprozentige! Aber wachgerüttelt war der HSV damit nicht. Es ging meistens in eine Richtung – Richtung Adler. Der hatte alle Hände voll zu tun, auch mit dem Mund. So oft hat der HSV-Schlussmann noch nie gemeckert wie heute. Er brüllte, er rüttelte auf, er meckerte, er war total sauer, aber es half alles nichts. Seine Vorderleute waren unkonzentriert und irgendwie auch immer ein wenig hilflos.

Selbst als nach 12:12 Minuten endlich Stimmung in der BayArena herrschte, ließ sich der HSV nicht aufwecken. Lediglich der Schuss von Heung Min Son, der aus 22 Metern mit links abgezogen hatte, ließ ein kleines Lebenszeichen der Hamburger erkennen. Bayer-Keeper Leno hätte keine Abwehrchance gehabt. Aber hätte, wenn und aber – es kam anders.

Per Ciljan Skjelbred stand nur Spalier, als Schürrle zur Mitte flankte. Dort bemühte sich Leverkusen Castro um die Kugel, fälschte sie aber für den HSV so unglücklich ab, dass Heiko Westermann keine Chance hatte, an den Ball zu kommen. Hinter dem HSV-Kapitän stand Kießling, und der sagte artig danke – 1:0 für Bayer. Adler war ohne jede Abwehrmöglichkeit. Ein ganz bitteres Tor – eher ein Zufallsprodukt. Aber es zählte. So sehr sich Adler auch über seine Vorderleute aufregte (28.).

Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn quasi im Gegenzug das 1:1 gefallen wäre? Flanke von Dennis Diekmeier, Kopfball von Artjoms Rudnevs – Pfosten. Den Nachschuss setzte Dennis Aogo in meinen Augen zu überhastet in die Wolken. Da wäre mehr drin gewesen . . . In der 30. Minute verhinderte Adler zunächst noch im Eins-gegen-eins-Duell mit Bender das zweite Bayer Tor, aber dieser Treffer fiel dann sechs Minuten später. Diekmeier ließ sich überlaufen, der Ball kam zu Kießling, der zu viel Platz von Westermann erhalten hatte – die Kugel kam zu Schürrle, und der umkurvte (mühelos und mit einem Lied auf den Lippen) Michael Mancienne – Schuss, Innenpfosten, Tor, 2:0.

Mit 0:2 lag der HSV zuletzt auch in Leverkusen zurück, schaffte noch ein Unentschieden. Dafür wäre diesmal wohl ein schnelles Anschlusstor nötig gewesen. Badelj hatte es Sekunden vor dem Halbzeitpfiff auf dem Schlappen, schoss aber aus 17 Metern über das Bayer-Tor – Halbzeit.

Nach dem Seitenwechsel kam der HSV, da sah es zeitweise so aus, als sei doch noch etwas möglich – ein Strohfeuer. Son schoss aus 20 Metern mit links, der Ball wurde abgefälscht – aber er flog nicht ins Netz, nur Eckstoß für den HSV (59.). Das nächste Tor fiel leider auf der Gegenseite. Einen Abschlag von Torwart Leno wollte Westermann wieder in die Bayer-Hälfte befördern, wurde aber von Kießling gestört. Der Torjäger hatte danach freie Bahn und überlupfte Rene Adler – 3:0. Da halfen auch die Proteste des HSV-Kapitäns nichts mehr. Westermann wollte sich gefoult sehen, aber ich behaupte, dass er diesen Ball bei etwas besserer körperlicher Präsenz an jedem anderen Tag leicht und mühelos bekommen hätte. Foul von Kießling hin, Foul von Kießling her. Das Spiel war entschieden. Leverkusen, wie der HSV stark ersatzgeschwächt ins Spiel gegangen, konnte es sich danach sogar leisten, den überragenden Schürrle auszuwechseln. Die Mannschaft steht eben nicht umsonst auf Platz zwei – als Bayern-Jäger Nummer eins.

Der HSV kann jetzt seine Wunden lecken, kann darauf hoffen, dass im Januar wieder alle mit von der Partie sind – und dann darf die Bundesliga aufgerollt werden Nicht von hinten, nein, immerhin schon mal aus der Mitte heraus. Aber auch machen! Ansätze waren ja da.

Die Einzelkritik:

Rene Adler hielt was er halten konnte, er war der einzige Hamburger in Normalform. Alles anderen befanden sich schon – mehr oder weniger – in der Weihnachtspause.

Dennis Diekmeier hatte arge Probleme, seine Seite dicht zu bekommen – es gelang ihm nie. Das war weit weg von seinen bisherigen guten Leistungen.

Michael Mancienne sah oftmals nur die Hacken der schnellen Leute aus Leverkusen, aber das haben andere schon vor ihm erleben müssen. Dennoch verlor er ungewohnt eine große Zahl von Zweikämpfen – und sein Aufbauspiel war schlampig.

Heiko Westermann trat nicht wie sonst in Erscheinung, er war von Beginn an nicht so dominierend wie in den letzten Monaten – und ging dann mit unter. Mit einem Westermann in 1-A-Form hätten sich vielleicht auch die Neben- und Vorderleute gesteigert, aber so gingen sie alle im Dezember baden.

Zhi Gin Lam traute sich auch diesmal recht wenig, zu wenig zu. Harten Zweikämpfen ging er ebenfalls eher aus dem Weg – er kann nur eine Übergangslösung gewesen sein.

Milan Badelj hatte einen fahrigen Beginn, brachte im Gegensatz zu sonst nur jeden dritten oder vierten Ball an den eigenen Mann. Er könnte es, er hat es allen bewiesen, dass er es besser kann – heute aber blieb er (fast) alles schuldig. Wie fast alle Hamburger. Brasilien lässt grüßen!

Per Ciljan Skjelbred war diesmal nicht in jener Verfassung, die zuletzt alle aufhorchen ließ. Schade. Ich hätte es ihm gegönnt, damit er es dem HSV noch etwas schwerer machen würde – bezüglich eines möglichen Verkaufs. Heute aber war Skjelbred wieder der Norweger, der es bislang nicht in die Stammformation geschafft hatte.

Dennis Aogo blieb weit hinter den Erwartungen. Es begann schon mit dem Fehler nach Sekunden (Schürrle an den Pfosten), offenbar konnte er sich von diesem Lapsus nicht mehr erholen – obwohl er viel lief und auch wieder kämpfte – fußballerisch jedoch klappte fast nichts, auch einfache Pässe landeten beim Gegner oder im Aus.

Tolgay Arslan war wenig zu sehen, dieses Spiel war vielleicht eines zu viel für ihn – oder es war auch zu schnell. Das kann er auf jeden Fall besser als heute.

Heung Min Son mit Licht und Schatten. Wenn es gefährlich für Leverkusen wurde, dann war er daran beteiligt, aber der Südkoreaner hatte auch wieder einige spielerische Defizite und offenbarte zudem großen Schwächen im Zweikampf. Da muss er noch viel, viel lernen – aber auch das kann und wird er auch schaffen. Er hat ja schon so viel gelernt.

Artjoms Rudnevs köpfte einmal an den Pfosten, ansonsten war nicht viel von ihm zu sehen. Hatte seine besten Szenen vielleicht im eigenen Strafraum, wenn er half, die Gefahr zu bereinigen.

Ivo Ilicevic (kam in der 65. Minute für Skjelbred) hatte einen undankbaren Auftrag, nämlich ein fast schon verlorenes Spiel noch zu Gunsten des HSV zu beleben. Er mühte sich redlich, er war auch besser als sein Vorgänger, aber er schaffte es nicht mehr. Immerhin, er hat es versucht – das war gut.

Maximilian Beister (kam in der 65. Minute für Son) hatte auch den Auftrag, für Wirbel zu sorgen, das gelang ihm aber nur zu selten.

Tomas Rincon (kam in der 83. Minute für Badelj) sollte ein Desaster verhindern, das heißt, weitere Gegentore – Auftrag erfüllt.

So, und nun sind wir gleich mit „Matz ab live (zu Gast der HSV-Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow) auf Sendung. Wäre toll, wenn ihr dabei sein könntet.

17.23 Uhr