Tagesarchiv für den 9. Dezember 2012

Gremio Porto Alegre damals und heute

9. Dezember 2012

Nach der Arbeit kommt die Erholung. Die HSV-„Helden“ durften an diesem brasilianischen Sonntag einmal nach Herzenslust faulenzen. Sie hatten es sich verdient. Wie auch Trainer Thorsten Fink befand: „Das waren und sind ja einige Strapazen, deswegen dürfen und sollen sie nun auch die Freizeit genießen.“ Einige Profis schliefen bis kurz vor elf Uhr, erst dann liefen sie beim Frühstück ein. Aus dem geplanten Ausflug an den Strand allerdings wurde nichts, weil festgestellt wurde, dass kein Strand in der Nähe ist. Die Fahrt ans Meer hätte viel zu lange gedauert, deswegen wurde kurzerhand ein Hotel mit einem größeren Pool geentert – da ließ es sich dann auch leben. Und schwimmen. Natürlich. Mann gönnt sich ja sonst nichts. Abends stand dann noch ein Churrasco-Abend auf dem Speiseplan, das klingt nach lecker Fleisch (Steaks) satt.

In der Vorfreude auf dieses Essen erkundeten Vorstandsmitglied Oliver Scheel und die zwei Herren vom Aufsichtsrat, Manfred Ertel und Björn Floberg, am Nachmittag die Peripherie von Porto Alegre. Nicht nur ein bisschen Spaß muss sein, nein, auch ein bisschen Kultur.

Das klingt alles nicht nur nach Entspannung pur, es ist auch Entspannung pur. Nur für ein paar Stunden, denn morgen geht es mittags bereits wieder zurück nach Hamburg. Wo die Mannschaft in den Vormittagsstunden des Dienstags (geplant ist um acht Uhr) landen wird. Von Fuhlsbüttel aus geht es direkt in den Volkspark, wo ein kurzes Auslaufen auf dem Programm steht – am Mittwoch geht es dann ganz normal weiter mit Training – und dem Bundesliga-Alltag. Schließlich sind am Sonnabend (Anstoß 15.30 Uhr) in Leverkusen noch drei Punkte zu ergattern, Thorsten Fink wird also kurz vor dem Weihnachtsfest die Zügel noch einmal anziehen (müssen).

Ein wenig unerfreulich war sicher die Niederlage, erfreulich aber war für den HSV: Das Spiel gegen Gremio Porto Alegre, das mit 1:2 verloren ging, wurde ohne eine weitere Verletzung überstanden. Und trotz der Tatsache, dass die Spieler nach dem Schlusspfiff ungeduscht und total verschwitzt in den Bus steigen mussten (weil die Duschen des neuen Stadions versagten), gab es noch bei keinem Hamburger erste und auch ernste Anzeichen von einer Erkältung. So könnte, nein, so müsste es bleiben. Damit das Fußball-Jahr 2012 wenigstens halbwegs normal abgeschlossen werden kann.

Wobei ich doch ein wenig noch an den Rückflug denken muss. Am Sonnabend traf ich einen früheren Kollegen von mir, nämlich Peter Glauche. Der einst langjährige HSV-Reporter war ein Vor-Vorgänger von mir bei der Bild. Peter, ein Liebling von Ernst Happel (in der Tat!), war damals mit auf großer Tour, als der HSV im Weltpokal-Finale in Tokio auf Gremio Porto Alegre traf. Das war am 11. Dezember 1983, der HSV verlor bekanntlich mit 1:2 nach Verlängerung. Nach diesem Spiel aber herrschte total dicke Luft bei den Hamburgern, denn die beiden Neueinkäufe, Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke, hatten sich durch ihre vollmundigen Auftritte und durch ihre Minus-Leistungen auf dem Rasen den Zorn aller Mitspieler zugezogen. Die Teamkollegen Uli Stein, Ditmar Jakobs und Jürgen Groh, jeder ein absoluter Siegertyp, sprachen im Hotelzimmer von Felix Magath mit dem Kapitän und baten ihn („Du musst jetzt eingreifen, die beiden Herren müssen dringend diszipliniert werden, so kann und darf es nicht weitergehen“), auf dem Rückflug ein Machtwort zu sprechen. So geschah es dann auch. Einhelliger Tenor der HSV-Spieler: „Das muss nun die Mannschaft ganz allein lösen.“

Als der Jumbo hoch über Indien flog, erhob sich Felix Magath von Sitz 27 A (das weiß Peter Glauche noch heute ganz genau) und ging von Mann zu Mann, um zu sagen: „Nehmt euch nach dem Auslaufen in Ochsenzoll nichts vor, wir werden ausführlich miteinander sprechen müssen.“ Nur Schatzschneider und Wuttke hörten etwas anderes: „Ihr könnt euch etwas vornehmen, ihr werdet nicht dabei sein, wenn wir alle miteinander sprechen.“ Harter Tobak – nach dem verlorenen Weltpokal-Finale. Die Luft brannte auch im Jumbo noch.

Weil Wuttke bei jedem Zweikampf so hoch wie beim Stabhochsprung gehüpft war, um ja nicht vom Gegner getroffen zu werden. Der Dribbelkünstler hatte – nicht nur in Tokio – total körperlos gespielt, war jedem Duell aus dem Wege gegangen. Und Schatzschneider, so steht es in dem überragenden Buch von Axel Formeseyn („Unser HSV“, Seite 349), war gegen Gremio gar nicht erst zum Einsatz gekommen. Weil der Stürmer, der von Fortuna Köln gekommen war, Schmerzen im Oberschenkel verspürte. Ernst Happel aber bestand auf einen Einsatz, deshalb wurde der Oberschenkel behandelt und bandagiert – doch „Schatz“ entschied eigenhändig: „Der Verband kommt wieder ab, ich spiele nicht.“ Im AF-Buch steht dann die Aussage des HSV-Stürmers: „Als Happel das fünf Minuten vor dem Anpfiff erfuhr, explodierte er vor der versammelten Truppe und gab mir den Gnadenstoß. Er machte mich so klein, dass ich aufrechten Ganges den japanische Zuschauern locker durch die Beine hätte laufen können . . .“ Und der Unmut der Teamkollegen prasselte erst danach auf ihn (und „Wutti“) ein.

Von dieser „Palastrevolution“ beim HSV hatten natürlich auch die Medien schon im Vorfeld der Landung etwas mitbekommen, dementsprechend war der Empfang in Fuhlsbüttel. Selten zuvor war eine so große Schar von Journalisten auf dem Flughafen, um zu erfahren, was passiert ist, wie es nun mit Wuttke und Schatzschneider weitergehen wird. Uli Stein hatte sich Wolfram Wuttke zwischenzeitlich schon mal unter vier Augen „vorgeknöpft“ und ihm gesagt: „Ich möchte es einmal erleben, dass du dorthin gehst, wo es auch weh tut . . .“ Der Keeper hat es nicht mehr erlebt.

Köpfe rollten aber nach diesem Tokio-Trip nicht niemand wurde „geopfert“. Es war lediglich ein Selbstreinigungs-Prozess, der die beiden oft vorlauten und stets auch großspurigen Profis ein wenig auf den Teppich zurück bringen sollte. Was allerdings nur vorübergehend half. Schatzscheider und Wuttke konnten leistungsmäßig nicht mehr zulegen, und sie bekamen auch keinen Fuß in diese Mannschaft, die ja bekanntlich Horst Hrubesch verloren hatte (weil man ihn in Hamburg nicht mehr so recht wollte). Es muss aber festgehalten werden, dass die einstige HSV-Meistertruppe nach dem Gremio-Spiel zerbröckelt war, fortan war beim HSV nichts mehr so, wie es zu glorreichen Zeiten einmal war. Was sicher auch damit zu tun hatte, dass der „Chef“, nämlich Hrubesch, nicht mehr dabei war.

„Das war eine ganz heiße Phase in der Vereinsgeschichte des HSV“, sagt Peter Glauche heute. Er war 1983 in Athen beim 1:0-Sieg gegen Juventus dabei, hat noch heute zu fast allen HSV-Profis von damals Kontakt, ist mit Manfred Kaltz befreundet – und ist heute (und schon lange) Mitgesellschafter der PR-Agentur MasterMedia. Der ehemalige Bild-Reporter weiß auch, wie sehr sich Ernst Happel über diese Reise geärgert hatte: „Er wollte diesen Cup unbedingt gewinnen, aber leider zogen nicht alle Spieler so mit, wie es der Trainer vorgab. Das hat den Trainer schwer enttäuscht. Heute wird ein solches Weltpokal-Finale ganz sicher ernster genommen, als es damals der Fall war.“

Mag sein, aber von einem solchen Endspiel mag in Hamburg ja ohnehin niemand mehr ernsthaft träumen. Die Zeiten sind vorbei.

Übrigens: Nach dem Spiel in Tokio folgten bis zum Jahresende noch ein Freundschaftsspiel in Malaysia (gegen die Nationalmannschaft des Landes), ein Spiel in Aberdeen und am 28. und 30. Dezember (!) ein internationales Turnier in Athen mit Spielen gegen AEK Athen (3:2 für den HSV) und Olympiakos Piräus (6:5 n. Elferschießen für den HSV). Viel gereist wurde also schon damals, und das waren ganz sicher auch nicht wenige Strapazen. Und am dritten Januar, am fünften und am siebten Januar standen drei Testspiele in Frankreich (gegen Cannes/Nizza, Marseille und Toulon) auf dem Fahrplan.

Was mir nach dem Brasilien-Trip noch bleibt: Dieter Schatzschneider hat zu seiner HSV-Zeit ja schon vor einigen Jahren bekannt, dass ihm damals die rechte Einstellung gefehlt habe. Er gab auch zu, dass er seinen Mund schon zu Beginn seiner Hamburger Zeit viel zu voll genommen hatte. Eine späte Einsicht, zu der ich trotz allem positiv stehe, weil dieses Geständnis lobenswert ist. Obwohl der HSV, das weiß ich schon, davon natürlich nichts mehr hatte (und gehabt hat) – außer den Millionen, die für Schatzschneider und Wuttke aufgebracht werden mussten und die natürlich ein Loch in die Kasse gerissen hatten. Der Anfang vom Ende (der HSV-Glanzzeiten)?

17.43 Uhr

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