Tagesarchiv für den 8. Dezember 2012

Rudnevs groß im Kommen – Skjelbred auch

8. Dezember 2012

„Das Unberechenbare an Rudi ist, dass er selbst nicht weiß, wohin er schießt.“ Hat Rene Adler über den HSV-Torjäger Artjoms Rudnevs gesagt. Über den Doppeltorschützen, der im Alleingang für den Dreier über harmlose Hoffenheimer gesorgt hat. Ihr habt es schon lange gewusst, dass der Lette einer ist, ich weiß es spätestens seit diesem Freitag. Mir haben heute zwei „Matz-abber“ per Telefon Beileid gewünscht, weil ich ja die Gefährlichkeit des neuen HSV-Bombers vor Wochen nicht – im Gegensatz zu euch – erkannt hatte, aber Beileid muss mir nun wirklich keiner spenden. Ihr seid eben die besseren Experten, eindeutig. Deswegen habt ihr ja auch immer emsig geschrieben, das der „Rudi“ nach der Eingewöhnungsphase noch ganz gewaltig kommen wird. Und wenn ich ihn, den Goalgetter, am Freitag im Hamburger Abendblatt ein wenig mit dem großen Horst Hrubesch verglichen habe (aber nur von der Statur her!), so denke ich jetzt auch ganz ernsthaft, dass Rudnevs jene 13 Treffer, die Hrubesch in seinen ersten 34 Bundesliga-Spielen für den HSV erzielen konnte, durchaus noch toppen könnte. Und wenn dem dann tatsächlich so wäre, dann würde, davon bin ich überzeugt, der HSV im Jahre 2013 auch noch nach einem internationalen Startplatz greifen können. Schön wäre es ja. Deshalb drücke ich dem „Rudi“ und dem HSV natürlich fest die Daumen.

Ansonsten war das schon eines der seltsamsten Bundesliga-Spiele, die ich jemals mitgemacht habe (als Berichterstatter). Die Spieler verschwanden in Windeseile in der Kabine, der Trainer hechelte schnell von Mikrofon zu Mikrofon, sprach auf der Pressekonferenz ein, zwei Sätze – und los. Das allein war schon total ungewöhnlich, dass aber die Abfahrt und der Abflug aus Fuhlsbüttel live bei und von Sky übertragen wurde, das war schon höchst seltsam. Aber Ehre wem Ehre gebührt. Der HSV nimmt mit dem Brasilien-Trip einige Strapazen auf sich, ich kann nur hoffen, dass sich die Spieler bis zum Anstoß am Sonnabend (15.30 Uhr) in Leverkusen wieder gefangen haben. Ich sprach gestern in der Arena mit einem Rundfunk-Reporter der ARD, und der berichtete mir: „Das ist für mich nicht eben mal hin, umziehen, spielen, und wieder zurück. Ich war dreimal in Brasilien, und jedes Mal wenn ich wieder in Deutschland war, hatte ich eine wunderschöne Erkältung.“ Nun gut, die HSV-Profis werden professionell betreut, vor Erkältungen wird die medizinische Abteilung wohl sicher ein „P“ setzen können. Davon gehe ich auf jeden Fall ganz verstärkt aus.

Inzwischen ist die HSV-Mannschaft auch in Porto Alegre wohlbehalten angekommen, der Flug, so sagte mir eine HSV-Mitarbeiterin, sei ohne Zwischenfälle ganz entspannt verlaufen. Dann hoffen wir mal, dass das heutige Spiel, das um Mitternacht angepfiffen werden soll, auch ohne Zwischenfälle personeller Art ablaufen wird – ich meine Verletzungen. Da ich Medien-Direktor Jörn Wolf nicht in Brasilien erreicht habe, auch den Kollegen Alexander Laux noch nicht, hoffe ich mal, dass es heute Nacht keine Probleme geben wird – denn ich möchte nach Spielschluss schon mit dem Resultat aufwarten. Damit ihr dann – nach der Weihnachtfeier (?) ganz entspannt zu Bett gehen könnt.

Nicht mit nach Brasilien flog übrigens Milan Badelj, der sich gegen Hoffenheim verletzte. So wie es im ersten Moment hieß, ist sogar fraglich, ob der Kroate am Sonnabend in Leverkusen wird mit von der Partie sein können. Das wäre natürlich eine gewaltige Schwächung, aber der HSV in den letzten Wochen bewiesen, dass er in der Lage ist, auch die größten Ausfälle (Rafael van der Vaart) kompensieren zu können. Da hat die Mannschaft schon eine gewaltige Wandlung hinter sich. Wobei ich kürzlich schrieb, dass das wohl auch ein Verdienst des Sportchefs Frank Arnesen sei – wofür ich doch einige mitleidsvolle Lächler von “großen” HSVer erntete. Worauf ich mir dann, das gebe ich zu, keinen rechten Reim machen konnte. Sollte das etwa ein Zeichen dafür gewesen sein, dass Arnesen da (doch) keinen Verdienst dran hat? Sondern nur – oder verstärkt – der Ersatz-Sportchef/Sponsor/Gönner/Mäzen Klaus-Michael Kühne?

Wie dem auch sei. Arnesen hat, wie ihr, auf jeden Fall immer an Artjoms Rudnevs geglaubt. Weil er ihn ja auch geholt hat. Eigentlich schon ein Jahr früher hätte holen wollen. Da hat der Däne schon einen guten Blick bewiesen. Und nicht nur da. Plötzlich ist auch Per Ciljan Skjelbred da. Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist die: Wo war Skjelbred all die Monate zuvor? Was hat dafür gesorgt, dass er nicht diesen Fußball spielte und zeigte, den er nun zelebriert? War das eventuell nur eine überlange Eingewöhnungsphase? Wovon ich nicht ausgehe. Aber jetzt gibt Skjelbred Gas, jetzt zeigt er, wozu er in der Lage ist – und warum ihn Arnesen einst nach Hamburg geholt hat. Der norwegische (Ex-)Nationalspieler (16 Länderspiele) stellt sich in diesen Tagen dribbelstark, flink, ideenreich, technisch versiert und lauffreudig vor. Da wischt man sich die Augen. Wie kann das angehen?

Und dieser Per Ciljan Skjelbred hat ja nicht nur die gute „Tante JU“ als freundschaftlichen Helfer an seiner Seite, er hat auch einen ganz „dicken“ Fan: Horst Schnoor. Ich traf den ehemaligen HSV-Torwart (Meister 1960) nach dem 2:0-Sieg über Hoffenheim, und der Keeper sagte mir: „Skjelbred war für mich der beste Mann auf dem Platz. Ich freue mich für den Jungen, bei ihm ist jetzt ganz offensichtlich der Knoten geplatzt. Er spielt selbstbewusst und frech auf, der kann alles am Ball – er ist eine Bereicherung für dieses HSV-Spiel. Und ich kann die Verantwortlichen nur darum bitten, den Norweger nicht zu verkaufen. An diesem Spieler werden wir noch viel Freude haben, ich freue mich schon jetzt für ihn, dass er uns allen doch noch zeigen kann, wie gut er ist.“

Ja, Skjelbred ist ganz sicher eine Überraschung, ihn hatte vor Wochen noch keiner beim HSV (oder ihr?) auf dem Zettel. Aber davon gibt es ja auch gleich mehrere Spieler. Michael Mancienne zum Beispiel. Erinnert ihr euch? In Frankfurt, am 16. September bei der 2:3-Niederlage (mit nur zehn Mann – unberechtigtes Rot für Petr Jiracek), wurde der Engländer ausgewechselt, weil er sich von den Hessen hatte Knoten in die Beine spielen lassen. Eigentlich wäre er damit aus der Mannschaft gewesen, Jeffrey Bruma sollte zum nächsten Spiel kommen – und fiel dann überraschend aus. So kam Mancienne zurück und ist seit dieser Zeit ein großartiger, absolut zuverlässiger Innenverteidiger. Das war so nicht zu erwarten. Und in diese Kategorie gehört dann auch Dennis Diekmeier, der auf dem besten Wege ist, ein richtig guter Rechtsverteidiger zu werden. Und noch ein weiterer Spieler überrascht: Dennis Aogo. Der Nationalspieler scheint sich im Mittelfeld – trotz aller gegenteiliger Meinungen – sehr wohl zu fühlen. Aogo tritt nicht besonders in den Vordergrund, sein Spiel ist auch nicht brillant, aber er läuft und läuft und läuft, er ist bienenfleißig und ein vorbildlicher Teamplayer. Ich bin mal gespannt, wie sich Trainer Thorsten Fink entscheiden wird, wenn zu Beginn der Rückrunde wieder alle Mann an Deck sein sollten.

Apropos, alle an Deck. Stuttgart hat jetzt nicht mehr alle dabei. Im Spiel gegen Schalke. Weil der Japaner Sakai nach einem Foul an Holtby mit Rot vom Platz gestellt wurde (67.). Von Schiedsrichter Felix Zwayer aus Berlin. Völlig berechtigt nebenbei, so denke ich. Obwohl VfB-Trainer Bruno Labbadia den vierten Offiziellen am Rande aufgebracht anherrschte: „Das kann doch nicht euer Ernst sein!“ Aber der Coach wird sich spätestens dann beruhigen, wenn er diese Szene im Fernsehen sieht. Das war glatt Rot – weil einfach nur brutal. Vielleicht unabsichtlich, aber der Platzverweis war klar.

Im Gegenteil zum Spiel in Dortmund. Da pfiff Wolfgang Stark BVB gegen Wolfsburg. Und stellte den Dortmunder Schmelzer vom Platz – Handspiel auf der Torlinie. War es aber nicht. Es war Knie. Bitter, dass es da Elfmeter und die Rote Karte gab. Stark hat nicht seine beste Saison zufassen, denn die Rote Karte für Petr Jiracek, die ich eben erwähnte, war auch von ihm gegeben worden. Was danach zu einer vorübergehenden Nichtberücksichtigung für Erstliga-Spiele nach sich zog. Wobei ich mal für die heutige Karte für Schmelzer eine Lanze für Stark brechen möchte. Er hat keine Zeitlupe, alle Wolfsburger haben leidenschaftlich „Hand“ reklamiert, und da Stark ganz offensichtlich nicht allzu viel gesehen hatte, verließ er sich wohl auch ein wenig auf seinen Assistenten Pickel – per Headset. Schiedsrichter müssen eben innerhalb von Sekunden solche schwierigen Entscheidungen treffen, da gibt es keine Zeitlupe. Und dann es eben auch mal zu solchen (Fehl-)Entscheidungen kommen. Bitter für Dortmund, bitter aber auch für Stark. Dieses Rot wird ihm nicht gut tun.

Abgesehen davon – es war ein sehr lebhafter Spieltag an diesem kalten Sonnabend. Zum Glück hatte der HSV ja seine Schäfchen gestern schon ins Trockene gebracht – den Dreier gegen Hoffenheim. Sehr beruhigend, die Situation. Und wenn dazu noch ein Auswärtssieg nur ein paar Stunden später käme (nämlich in Brasilien), dann wäre das schon irgendwie etwas ganz Besonders. Dann bis heute Nacht – wer Lust darauf hat.

PS: Wer es noch nicht mitbekommen hat: Ernst-Otto Rieckhoff, der ehemalige Aufsichtsrats-Chef des HSV, wollte sich eigentlich zur Wiederwahl in den Aufsichtsrat stellen (im Januar), hat nun aber doch – völlig überraschend – darauf verzichtet. Und gibt keinen Kommentar dazu ab. Von anderen Räten war aber war zu hören, dass Rieckhoff wohl über die neuen vier Räte, die dazu kommen werden, nicht sonderlich begeistert war. Weil dieser Aufsichtsrat wohl im kommenden Jahr überwiegend aus HSV-Fans bestehen wird . . . Ich hatte so etwas schon vor Wochen kommen sehen – und geschrieben: “Jeder Verein bekommt den Aufsichtsrat, den er verdient hat.” Dafür habe ich von einigen Seiten (ganz) etwas auf den Deckel bekommen, aber ich habe es überstanden. Und wiederhole diese Feststellung noch einmal in ganzer Länge. Viel Spaß, HSV!

PSPS: Wer im Ausland sitzt und die Bundesliga-Ergebnisse wissen möchte, hier sind sie:

Dortmund – Wolfsburg 2:3, Augsburg – Bayern 0:2, Nürnberg – Düsseldorf 2:0, Stuttgart – Schalke 3:1, Freiburg – Fürth 1:0.

17.34 Uhr