Tagesarchiv für den 5. Dezember 2012

Wird Aogo zu seinem Glück gezwungen?

5. Dezember 2012

Ich dachte auch, es wäre korrekt. Obwohl ich mir darüber bislang maximal peripher Gedanken gemacht hatte. Allerdings widersprach Carl Jarchow meinem Kollegen sofort und vehement. „Der Zuschauerschnitt ist höher als in der vergangenen Saison“, so der HSV-Boss zu der Frage, warum – gegen Hoffenheim sind erst 47000 Tickets verkauft – immer weniger Zuschauer kommen. Tatsächlich aber sind es bislang 53245 Zuschauer im Schnitt. Und kalkuliert wurden 52000 auf die gesamte Saison. Wobei man dazu sagen muss, dass in der Rückrunde die großen Gegner Bayern, Dortmund und Schalke wegfallen, einzig das Nordderby gegen Werder birgt noch mal die Garantie, ausverkauft zu sein. Dabei hat der HSV aktuell mehr Zuschauer verdient als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison. „Wir liefern bessere Leistungen ab als in der vergangenen Saison“, hat auch Trainer Thorsten Fink eine Steigerung erkannt.

Allerdings muss man dazu sagen, dass Schalke auf einem Dienstag wegen der Gästefans, die ansonsten deutlich zahlreicher kommen, sowie noch mehr Hoffenheim am späten Freitagabend unglückliche Ansetzungen sind. Da gehen ein paar Zuschauer für den Gesamtschnitt verloren. Das weiß auch Jarchow, der sich diesbezüglich keine Sorgen macht. Im Gegenteil, alle scheinen darauf fokussiert, mit einem Sieg gegen Hoffenheim sowie einem guten Spiel in Leverkusen die Fans wieder zu begeistern und die Weichen für eine gelungene Hinrunde zu stellen. „Sollten wir gegen Hoffenheim gewinnen, wäre das schon der Fall“, schränkt Fink ein, der gegen die TSG mit einer ähnlich offensiven Formation beginnen will wie zuletzt gegen Schalke und größtenteils in Wolfsburg. „Unser klares Ziel ist, an das letzte Heimspiel anzuknüpfen“, so der HSV-Coach, der zwar wieder auf Tolgay Arslan zurückgreifen kann und wird, dafür aber auf Maxi Beister verzichten muss. Den Torschützen der letzten beiden Spiele wird Heung Min Son ersetzen. Darauf legte sich Fink heute bereits fest: „Sonni wird für Beister wieder in die Mannschaft kommen.“ Und als müsse er diese Maßnahme rechtfertigen, schob er nach: „Er ist unser torgefährlichster Spieler.“

Was man so sehen kann – zumal die Behauptung relativ ist. Aber, sechs Tore erzielte der Südkoreaner in 14 Spielen. Eine sehr ordentliche Quote. Das macht bei Son ein Tor alle 193 Minuten. Addiert man die letzten Einsatzzeiten (90 Minuten in Düsseldorf, 38 Minuten in Düsseldorf) und die Spielminuten nach seinem letzten Treffer zum 1:0 gegen Mainz in der 63. Minute zusammen, müsste Son statistisch am Freitag um 21.08 Uhr ca. gegen die TSG wieder treffen…

Mir soll es recht sein. Ich würde es ihm, dem HSV und uns allen wünschen. Immerhin dürfte das Spiel am Freitag zu einem ganz schweren Akt werden, nachdem die Hoffenheimer ihren Trainer gewechselt haben. „Ein bisschen Schub gibt das der Mannschaft natürlich, die wollen natürlich alle sofort die Wende einleiten“, ahnt Fink und beruhigt: „Aber auch der neue Trainer wird den Fußball nicht neu erfinden. Taktisch werden sie uns sicherlich nicht überraschen können.“ Allein personell wird es bei der TSG Veränderungen geben. Zum Beispiel begnadigte Interimstrainer Frank Kramer (Fink: „Er war bei Fürth, wir werden als Spieler sicher mal die Klingen gekreuzt haben“) den von Markus Babbel aussortierten ehemaligen DFB-Nationalspieler Tobias Weis. „Aber am Ende steht ein Gegner auf dem Platz, den wir schlagen wollen und können“, sagt Dennis Aogo, der nach seiner Zwangspause mit neuer Motivation in den letzten Wochen wie ausgewechselt wirkt und nach eh schon starkem Beginn immer besser in Fahrt kommt. „Ich habe es ja schon mal gesagt, dass ich wieder richtig Spaß habe, auf dem Platz zu stehen. Egal wo.“

Wobei letzter Satz auch von Fink hätte kommen können. Denn der macht vor dem Spiel gegen Hoffenheim die Linksverteidigerposition zum Rätsel. Zuletzt hatte der HSV-Coach uns immer wieder in die falsche Richtung gelenkt („Es ist ausgeschlossen, dass ich das System ändere“, „Dennis Aogo sehe ich nicht im Mittelfeld“ etc.). Diesmal soll die Wahl de Linksverteidigers entweder Zhi Gin Lam oder Dennis Aogo treffen. Der in Wolfsburg eingesetzte Jeffrey Bruma sei zu defensiv für das Heimspiel. „Mir bleibt hinten links nicht viel Auswahl, weil ich hier zu Hause offensiver spielen will. Da wäre Bruma eher nicht so gut. Bleiben Lam und Aogo.“ Allerdings deutete Fink auch an, dass er Aogo gern im Mittelfeld lassen wolle. Ivo Ilicevic, der wieder fit ist und auf seine Chance hofft, ist noch nicht so weit. Sagt Fink. „Er war lange raus und kann noch nicht wieder bei 100 Prozent sein. Das reicht für 60 Minuten, aber ich habe keinen Grund, viel zu verändern. Es sei denn ich stelle Aogo wieder nach hinten links. Ansonsten wird sich Ivo gedulden müssen und die Vorbereitung zur Rückrunde nutzen müssen, um wieder voll fit zu werden.“

Bis dahin scheint das linke Mittelfeld Aogos neue Position zu bleiben. „Neu ist die nicht wirklich“, sagt Aogo, „zumindest nicht komplett neu. Ich war vor dem Schalke-Spiel zwar überrascht. Aber ich habe beim HSV auch schon auf der Sechs im Mittelfeld gespielt.“ Zweifellos ist indes, dass die Position deutlich laufintensiver ist. Gegen Wolfsburg brachte es Aogo auf gut 13 Kilometer in den 90 Minuten. Sein Topwert in dieser Saison. „Etwas mehr muss ich zwar laufen“, sagt Aogo, „aber als Außenverteidiger muss man auch sehr viel laufen. Den Unterschied merkt man im Spiel nicht so.“

Dennoch war er gegen Schalke ebenso wie gegen Wolfsburg nach 75 Minuten ziemlich platt. Wie es bei vielen seiner Kollegen auch der Fall war. Das merkte Aogo nach dem 1:1 in Wolfsburg auch kritisch an. „Aber in der rückwirkenden Analyse muss ich meine Aussage etwas relativieren. Es gab viele Szenen, in denen das Gegenteil zu sehen war. Wir sind eher hinterhergelaufen. Da hat nicht die Kraft nachgelassen. Wir haben uns das Leben vielmehr selbst schwer gemacht, indem wir die kurzen Wege nicht mehr gemacht haben. Dadurch mussten wir viele lange machen und haben uns zu weit zurückgezogen.“ Allein bei ihm selbst habe die Kraft ab der 75. Minute nachgelassen.

Und obwohl Dennis Aogo nicht müde wird, die Linksverteidigerposition als für ihn prädestiniert zu bezeichnen, glaube ich, dass der Linksfuß besser beraten ist als Mittelfeldspieler. Auch wenn das bedeutet, die Wahrscheinlichkeit auf eine Rückkehr in die Nationalelf zu verringern oder gar zu opfern. Das sollte ein Stammplatz beim HSV wert sein. „Dennis hat stark gespielt“, so Sportchef Frank Arnesen zuletzt, „ich kann mir diese Position für ihn sehr gut auf Dauer vorstellen.“ Ich mir auch. Auch wenn das bedeutet, dass Aogo zu seinem Glück gezwungen wird…

Apropos Glück: Wir haben drei glückliche Gewinner unseres Gewinnspiels. Die Frage war, wer für den HSV am meisten Bundesligaspiele absolviert hat und wie viele es waren. Die richtige Antwort ist klar, es war Manfred Kaltz mit 581 Bundesligaspielen für den HSV. Die zwei Tickets gewonnen hat Klaus-Dieter Werner, 22145 Hamburg. Die Bücher gehen an Marcell Neu aus 34434 Borgentreich und an Andreas Herz aus 37120 Bovenden.

„Matz ab“ gratuliert den Gewinnern herzlich!

Aber zurück zum Fußball. Bei dem bleibe ich auch, obwohl hier vereinzelt – eigentlich nur von Wortspieler, oder? – eine klare Haltung zu den Aufsichtsratskandidaten gefordert wurde. Das Thema kommt schnell genug und wird auch hier von mir und Dieter ausreichend behandelt werden. Ganz klar. Aber zumindest bis nach dem Leverkusen-Spiel soll hier nur der Fußball regieren. Denn dafür ist diese Phase sportlich zu wichtig. Wobei zuletzt oft die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Brasilien-Trips gestellt wurde. Eine Frage, die unterschiedlich beantwortet wurde – allerdings immer mit dem Tenor, den Fink heute noch mal zusammenfasste. „Wir sind als Verein nicht in der Lage, so viel Geld auszuschlagen. Und dann muss man sowas auch machen.“ Rund 800000 Euro soll dem HSV das Testspiel bei Gremio Porto Alegre einbringen. Und die Anstrengungen sollen bis Leverkusen lange verdaut sein. „Ich habe mich vorher bei unseren Spezialisten erkundigt und gesagt bekommen, dass man nach so einer Reise 48 Stunden braucht, um sich zu erholen – das reicht. Und fertig.“

Womit Fink wahrscheinlich richtig liegt – allerdings mache ich mir selbst weniger Sorgen um die Gewöhnung hier als um das Spiel in Brasilien, dass am Sonnabendabend stattfinden soll, kurz nach der Ankunft der Mannschaft in Brasilien. Da werden die Spieler ein anstrengendes Bundesligaspiel sowie die strapaziöse Flugreise (auch wenn alle Business-Class fliegen) in den Beinen haben. Anstrengungen, die bei falscher und/oder zu starker Belastung schnell in Muskelverletzungen münden. „Natürlich wird das stressig“, glaubt auch Aogo. Allerdings sieht der Linksfuß in der Reise auch eine weitere Gelegenheit, den Teamgeist zu formen. „So eine Reise ist ja auch nicht das Normale. Und wir haben dort bei 35 Grad auch ein wenig Freizeit, die wir zusammen nutzen können. Aus solchen Erlebnissen zehrt eine Mannschaft oft, weil sie anschließend etwas Gemeinsames hat, von dem man sich noch lange erzählt.“

Ähnlich wie bei Mannschaftsabenden, auf denen auch einfach mal einer gesoffen würde, fügt Aogo hinzu. Und auch wenn jetzt hier der eine oder andere Wächter der Moral „unprofessionell“ schreien mag – ich sehe das anders. Es muss nicht immer gleich ein Saufgelage sein – aber selbst das wäre okay, wenn es intern bliebe und nicht an die große Glocke gehängt würde. Mir ist selbst das lieber, als gar kein Eigenleben wie noch vor zwei Jahren. Es ist doch einfach nur menschlich und kommt in den besten Mannschaften vor. Zumindest dann, wenn sie wirkliche eine Mannschaft sind. Und das scheint dieses junge Team immer mehr zu werden.

Egal wie, ich bin mir ziemlich sicher, dass der HSV am Freitag wieder Vollgas gehen wird. Egal wer wo aufläuft. Und darauf habe ich Bock, damit kann ich mich bei allen spielerischen Unzulänglichkeiten identifizieren. Und dann darf die Mannschaft anschließend gern auch ein wenig feiern…

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Euch allen einen schönen Restmittwoch und einen schönen, kalten und den Wettervorhersagen nach auch ziemlich verschneiten Nikolaustag!

Scholle