Tagesarchiv für den 3. Dezember 2012

Muskelfaserriss – macht Son jetzt den Beister?

3. Dezember 2012

Es gibt viele verschiedene Trainertypen. Und das ist auch gut so, da es auch sehr viele verschiedene Mannschaftskonstellationen gibt. Felix Magath beispielsweise ist ein absoluter Verfechter von Konditionstraining. Fußball spielen könnten sie alle, deshalb seien sie in einer der besten Ligen der Welt. Aber sie müssten obendrein fit sein. Am besten fitter als der Gegner, pflegt Magath zu sagen. Und wenn man sich gestern Wolfsburg angesehen hat ist man geneigt, dem ehemaligen Europapokalhelden des HSV Recht zu geben. Denn der VfL drückte ab der 60. Minute kontinuierlich. Dass es am Ende nur zu einem irregulären Tor gereicht hat – umso bitterer für den HSV.

Rene Adler, dessen Worte höchstselten bis nie undurchdacht sind, hatte sich darüber ebenso aufgeregt, wie er zuvor die Trainingseinheiten gelobt hatte. „Sensationell“ habe die Mannschaft trainiert, sagte er uns in der Runde – und erstaunte mich. Denn das, was die Mannschaft auf dem Platz machte, war sicher oft nett anzusehen – es hatte aber mit Anstrengung nur selten (bei intensiveren Spielen auf verkürztem Feld beispielsweise) zu tun. Die normalen Krafteinheiten fanden nicht öffentlich statt. Beim 1:0 gegen Mainz saß ich neben Dieter und Linne (Matthias Linnenbrügger, inzwischen Mopo), die sich darüber ärgerten, dass der HSV Mitte der zweiten Hälfte einzubrechen schien. Ein Zustand, der sich seitdem in allen Spielen hielt. „Ich habe gemerkt, dass bei mir zum Ende die Kräfte gefehlt haben“, sate Dennis Aogo nach dem 1:1 in Wolfsburg und fügte kritisch hinzu: „Unser Spiel ist sehr laufintensiv, wir versuchen alles in allerhöchstem Tempo. In der zweiten Hälfte waren wir leider oft einen Schritt zu spät.“ Und das, obwohl sich der HSV seit dem frühen Pokal-Aus in Karlsruhe nur in einem Wettbewerb befindet. Mehrfachbelastung? Fehlanzeige. Ob in letzter Zeit zu wenig Krafteinheiten absolviert werden? „Wir arbeiten viel drinnen“, entgegnet Trainer Thorsten Fink, der seither immer die erste Einheit der Woche im Kraftraum absolviert. Und eigentlich müsste Champions-League-Sieger Fink die richtige Balance zwischen Kraft- und Technikeinheiten noch aus eigener Erfahrung abschätzen können.

Insofern bleibt es Spekulation, woran es liegt, dass die Mannschaft immer ab der 60. Minute einen Gang zurückschalten muss. Ebenso spekulativ ist, wo die vermehrt vorkommenden Muskelverletzungen herrühren. Denn: Nach Rafael van der Vaart und Heung Min Son hat es binnen drei Wochen mit Maxi Beister den dritten Spieler im Spiel erwischt. Der Torschütze aus den letzten beiden Spielen zog sich in Wolfsburg einen Muskelfaserriss im hinteren linken Oberschenkel zu. Der Linksfuß fällt somit sicher gegen Hoffenheim am Freitag aus. Zudem ist sein Einsatz gegen Leverkusen im letzten Hinrundenspiel am 15. Dezember mehr als fraglich.

Bitter.

Und das große Glück für Heung Min Son, der seine Rolle als gesetzter Angreifer verloren zu haben schien. Artjoms Rudnevs und Beister hatten mit zwei Toren und einem Assist ein effektives Doppelpack im Angriff abgegeben und ihre Chance somit genutzte. Ganz im Gegensatz zum Südkoreaner, der gegen Wolfsburg nach seiner Einwechslung wie ein Fremdkörper wirkte. 13 Ballkontakte hatte Son, führte gerade mal 3 Zweikämpfe binnen 40 Minuten. Wert am unteren Limit. Dass selbst Adler als Torwart in 90 Minuten mehr lief (5,39 Km) als Son (4,66) in 40 Minuten als Feldspieler – bezeichnend. Zumal Son in einer Phase mitwirkte, in der die Mannschaft vermehrt Läufe insbesondere der gerade erst frisch eingewechselten Spieler gebraucht hätte.

Dennoch, trotz der schlechten Daten wird Son am Freitag voraussichtlich im Angriff beginnen. Zumindest deutete Fink an, sein System beibehalten zu wollen. Und nach Beisters Ausfall bliebe die Wahl zwischen Marcus Berg und Son. Und da hat Son dann nachweislich noch die Nase vorn. Der Südkoreaner, der zuletzt dem öffentlichen und aus meiner Sicht stark übertriebenen Hype um seine Person ein wenig erlegen schien, ist und bleibt ein großes Talent. Wobei ich hier gern die Worte von Frank Mackerodt aus dem „Matz-ab-Live“ vom Sonntag aufgreifen will, der da sagte, dass die Entwicklung beim HSV nicht ausreichend zu erkennen sei. Denn eines der besten Beispiele dafür ist in meinen Augen Son. Trotz der Tore.

Denn Son versteht sich noch immer nicht auf Defensivarbeit. Der Südkoreaner führt Zweikämpfe, die er so nicht mal gegen Landesligisten gewinnen würde. Offensiv lässt sich Son mit kleinen Remplern aus dem Tritt (oder zum Fallen) bringen. Und defensiv ist das kaum besser. Immer wieder zieht Son das Tempo an, als sei er festen Willens, den Ball zu erobern. Er läuft seinem Gegenspieler hinterher, holt ihn dank seiner zweifellosen Sprintstärke oft – aber er stoppt unmittelbar bevor er ihn erreichen würde. Son scheint Defensiv-Zweikämpfen regelrecht aus dem Weg zu gehen.

Weil er es nicht kann?

Es sei nicht unbedingt die Mentalität des Südkoreaners, defensiv zu arbeiten hatte uns Frank Arnesen mal erklärt und im selben Atemzug betont, dass Son das dennoch schnellstmöglich lernen müsse. Immerhin ist diese Schwäche Sons Achillesferse. Bei seiner Schussstärke links wie rechts, seiner außergewöhnlich hohen Ballfertigkeit und seiner Schnelligkeit hat Son beste Voraussetzungen als Angreifer.

Nur um eines klarzustellen: Ich halte Son mit seinen gerade mal 20 Lenzen für ein riesengroßes Talent. Allerdings ist das HSV-Spiel derzeit eher auf Lauffreudigkeit der zwei Spitzen ausgelegt. Und daran muss sich auch Son halten. Also komplett anders, als er es in Wolfsburg versucht hat. „Wir wollen früh Druck machen“, sagt Fink, „und das beginnt defensiv schon ganz vorn.“ Soll heißen: Wenn der Gegner den Ball hat, sind die beiden Angreifer sind die ersten Verteidiger. Eine Disziplin, die nur die allerwenigsten Angreifer mögen…

Allerdings ist diese Taktik, wenn sie denn auf dem Platz so umgesetzt wird, äußerst effektiv. Insbesondere gegen verunsicherte Mannschaften wie den VfL – und ziemlich sicher auch die TSG aus Hoffenheim, die gerade heute (leider!) ihren Trainer Markus Babbel entlassen hat (ich würde wetten, dass Felix Magath sehr bald in Hoffenheim Thema wird…) Sollte der HSV die ersten Minuten wieder ähnlich stark beginnen wie gegen Schalke und Wolfsburg und dazu noch die sich jeweils gebotene Chance zum 2:0 nutzen dürfte es den nächsten Dreier in der Imtech-Arena zu feiern geben. Wenn Son den Beister macht.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 15 Uhr an der Arena trainiert.

Scholle