Tagesarchiv für den 1. Dezember 2012

Rincon für Ilicevic, Badelj gegen Diego

1. Dezember 2012

So, komme gerade mit super-kalten Füßen und nassen Haaren vom Abschlusstraining, schalte Sky ein – und sehe Philipp Lahm einen Elfmeter verwandeln. Aber dieser Strafstoß ist nicht das Erwähnenswerte, sondern die dabei Arm in Arm stehenden und zusehenden Nationalspieler. Da steht nämlich Bayerns Thomas Müller, wenn ich das so schnell richtig gesehen habe, neben Dennis Aogo. War die Werbung von und mit Bittburger. Aber das waren noch Zeiten. Da will Aogo ja wieder mal hin – und ich wünsche es ihm. Als er heute vom Trainingsplatz kam, habe ich ihn ein wenig verwirrt. Indem ich sagte: „Du spielst ja wieder auf deiner Position, das finde ich gut.“ Er sah mich fragend an und sagte nur: „Meine Position?“ Dazu meine Erklärung: „Naja, die, die du zuletzt gespielt hast. Nämlich im Mittelfeld. Und das hatte ja nicht nur gut, sondern bestens geklappt . . .“ Dann huschte kurz ein Strahlen über sein Gesicht – und er sagte: „Das war ein Spiel. Da muss noch mehr kommen.“ Genau, Dennis, aber das gilt für alle Deine Teamkollegen. Nachlegen bitte, am besten mit einem Dreier in Wolfsburg.

Dass Trainer Thorsten Fink weiter auf Aogo im Mittelfeld setzt, das finde ich ausgesprochen gut, Ohnehin hat der Coach in meinen Augen derzeit ein gutes Händchen. Die Raute und zwei Stürmer gegen Schalke, das hat Maßstäbe gesetzt. Und für das Wolfsburg-Spiel macht Fink so weiter. „Scholle“ hat es ja schon geschrieben, hinten links, wo Marcell Jansen ausfällt, kommt erstmalig in seiner Hamburger Zeit Jeffrey Bruma zum Einsatz. Rechts hat der Niederländer schon gespielt (und da hat er seine besten Spiele für den HSV gemacht – meine Meinung), in der Mitte natürlich auch schon sehr oft – nur links noch nie. Ein gewisses Risiko ist dabei, keine Frage, denn Brumas linker Fuß ist nicht sein bester, aber warum sollte es nicht klappen? Ich bin ganz optimistisch, schließlich will der Abwehrspieler wieder in die Stammformation, und da wird es ihm egal sein, auf welcher Position – Hauptsache drin!

Das war auch Ivo Ilicevic schon – aber nur fast. Seit heute ist er wieder draußen, denn Thorsten Fink hat sich für eine andere Variante entschieden. Statt Ilicevic rückt doch wieder Tomas Rincon in die Anfangsformation. Der Venezolaner mit dem kaputten Finger wird auf der Sechs abräumen, und Milan Badelj wird sich in erster Linie einmal um den Wolfsburger Diego kümmern müssen. Meines Erachtens eine kluge Entscheidung von Fink, denn Badelj wird sich natürlich nicht nur darauf beschränken, dass er sich um Diego kümmert, sondern bei Ballbesitz auch für die nötigen Impulse nach vorne im Spiel des HSV sorgen. Und wenn ihm dabei Diego nicht so auf den Füßen stehen wird, wie es umgekehrt sicherlich sein dürfte, dann wäre das ein Pluspunkt für den HSV. Der demnach in folgender Aufstellung spielen wird:

Rene Adler; Dennis Diekmeier, Michael Mancienne, Heiko Westermann, Jeffrey Bruma; Tomas Rincon, Milan Badelj, Per Ciljan Skjebred, Dennis Aogo; Artjoms Rudnevs, Maximilian Beister. Im Kader sind alle Spieler, die zurzeot noch laufen können – und dürfen (Tolgay Arslan zum Beispiel darf ja nicht – Gelb-Rot-Sperre). Schiedsrichter der Partie beim VfL ist Peter Sippel.

Im Abschluss-Spielchen auf ganz kleinem Platz (ein Viertel) gab es gegen die Reservisten (mit Sven Neuhaus als Feldspieler) ein 1:1, wobei das Tor der A-Mannschaft Dennis Diekmeier erzielte, der ja noch ohne Bundesliga-Treffer ist. Ein gutes Omen? Stark in diesem Spiel beide Torhüter, Jaroslav Drobny im A-Team und Tom Mickel auf der Gegenseite. Pech hatte allerdings Drobny, der erst einmal glänzend gegen den freistehenden Marcus Berg klären konnte, dann aber den wuchtigen Nachschuss des Schweden aus nächster Nähe voll in das Gesicht bekam – und zwar mittig. Das war ein Volltreffer. Der Tscheche ging wie ein Boxer zu Boden und musste lange gepflegt werden, ging schließlich früher in die Kabine und wurde von Rene Adler ersetzt. Auf dem Gang in Richtung Arena sollte Drobny noch ein Autogramm geben, aber er verweigerte sich – und ich habe dafür absolutes Verständnis. Der Keeper durfte froh sein, dass er nach diesem Berg-Hammer überhaupt noch zu Fuß in Richtung Kabine gehen konnte, andere hätten da sicherlich eine Trage benötigt . . . Sah schon hammermäßig aus.

Zum Abschluss des Tages versuchten sich einige Spieler in Sachen Torschuss, einige übten sich in Pässen. Das sah ganz locker aus. Hoffentlich treten die HSV-Spieler auch am Sonntag bei den Wölfen so auf. Wolfsburg ist ja in vielen Fällen ein recht unbequemer Spielpartner für den HSV gewesen, es gab so manche heftige Niederlage für (und auch in) Hamburg. Die schlimmste in meinen Augen am 17. August 2003, eine 1:5-Klatsche, wobei Sergej Barbarez in der 48. Minute (!) noch für das 1:0 des HSV und der Mannschaft von Trainer Kurt Jara gesorgt hatte. Apropos Jara. Am 11. September 2002 hatte sein HSV-Team in Wolfsburg 1:2 verloren, es war ein ganz, ganz schwacher Hamburger Auftritt. Ich kam zu spät zur Pressekonferenz und stand am Eingang genau neben HSV-Boss Werner Hackmann. Neben ihm mein Welt-Kollege Matthias Linnenbrügger (heute Mopo). Und Jara begann diese verdiente Niederlage schön zu reden. Aber so etwas von schön, dass Hackmann von Sekunden zu Sekunde mehr in Fahrt kam. Schließlich begleitet er jeden weiteren Jara-Versuch, die Niederlage noch in einen Sieg zu verwandeln, mit bitterbösen und höchst ironischen Kommentaren. In der Art: „So, so, das hat der Trainer aber exklusiv.“ Oder: „Aber hallo, was hat der Trainer denn da für ein Spiel gesehen?“ Oder auch: „Ich frage mich, in welchem Stadion ich gewesen bin?“ Und: „Wir waren so schlecht, wenn wir so weitermachen, dann steigen wir ab.“ Und, und, und. Und Hackmann bekam durchaus mit, dass seine Sätze sehr wohlwollend von den Hamburger Journalisten aufgenommen wurden. Dass es am nächsten Tag im Hamburger Blätterwald nur so rauschte, das ist wohl sonnenklar. Für mich jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis, denn nie zuvor und nie wieder danach hatte es einen solchen – halb öffentlichen – Auftritt eines so aus der Haut fahrenden HSV-Bosses gegeben.

Unvergessen sind auch zwei legendäre Auftritte des HSV-Trainers Frank Pagelsdorf in Wolfsburg. Wobei der Coach ja nicht die Hautrolle gespielt hat, denn seine Mannschaft schaffte ein kleines, vielleicht sogar ein größeres Kunststück: Innerhalb eines halben Jahres gab es zweimal ein 4:4 für den HSV in Wolfsburg.
Zweimal 4:4 – Wahnsinn.
Am 3. März 2000 führte der HSV durch Tore von Mehdi Mahdavikia (zwei) und Rodolfo Cardoso schon 3:0, später durch einen weiteren Cardoso-Treffer auch schon 4:1, aber der VfL glich noch aus – und Wolfsburg, wo ganz selten mal die Hölle los ist, glich einem Tollhaus. Während ganz Hamburg am Boden zerstört war. Am 23. September 2000 dann der zweite 4:4-Kracher. Mahdavikia, Cardoso und Roy Präger hatten für ein 4:3 gesorgt, der Sieg schien sicher, dann traf Akpoborie doch noch zum 4:4 – und Frank Pagelsdorf schien mit seinen Nerven am Ende. Unfassbar war das. Man kann doch nicht innerhalb von ein paar Monaten nicht gleich zweimal 4:4 in Wolfsburg spielen – das geht eigentlich gar nicht. Wobei ich, muss ich zugeben, morgen nichts gegen ein 4:4 einzuwenden hätte. Obwohl mir natürlich ein kleiner, schmuckloser 1:0-Sieg des HSV viel besser gefallen würde, keine Frage.

So, Tore und Torhüter – ich hatte ja nach dem Schalke-Spiel geschrieben: Wetten, dass Huub Stevens beim nächsten Spiel einen anderen Torwart aufstellen wird! Er hat, Wette gewonnen. Hildebrand spielt für Unnerstall. Maximilian Beister lässt grüßen, denn sein Hammer sorgte letztlich für den Torwartwechsel auf Schalke. Wobei Stevens gesagt hat: „Das ist keine Entscheidung gegen Unnerstall, sondern eine für Hildebrand.“ Natürlich, Herr Stevens, natürlich. Und als ich das schreibe, kriegt der “alte” Hildebrand einen durch die Hosenträger – von Gladbachs de Camargo zum 0:1. Das ist ja heikel! Aber, um noch beim Torwartwechsel zu bleiben: Auch der Fürther Coach Mike Büskens, der diesmal Stammkeeper Grün draußen ließ und dafür den früheren Hamburger Wolfgang Hesl brachte, erklärte vor dem Spiel gegen Stuttgart ganz schnell und ganz ehrlich: „Das ist aber keine Entscheidung gegen Grün, sondern eine für Hesl.“ Natürlich, Trainer, natürlich. Und nun ganz hurtig wieder die untere linke Schublade zuschieben . . . Ist ja alles keine Entscheidung gegen, sondern nur dafür. Nur dafür. Die Welt will verdummt werden. Wer aber Augen im Kopf hat und ein bisschen Verstand, der wusste, was zum Beispiel mit Unnerstall und Hildebrand passieren würde.

Zurück zum HSV. Da hat es in der zweiten Mannschaft die bereits siebte Niederlage in Folge gegeben. Die Regionalliga-Truppe von Rodolfo Cardoso verlor in Norderstedt auch gegen den Abstiegskandidaten Oberneuland mit 0:2. Was ist da nur los? Die Mannschaft geht wohl baden, falls nicht noch ein Wunder passiert. Die lebende HSV-Legende Horst Eberstein verließ weit vor Spielschluss im Edmund-Plambeck-Stadion seinen Sitz und fuhr frustriert nach Hause. „Zum dritten Mal in meinem Leben habe ich ein HSV-Spiel weit vor dem Schlusspfiff verlassen, aber es war nicht zum Aushalten. Die junge Mannschaft spielt einfach zu schlecht, ich mochte nicht mehr hinsehen.“ Das sagt schon alles. Wobei Eberstein eines auch klar sagt: „Es liegt nicht an Trainer Cardoso.“ Ich habe die HSV-Zweite zuletzt dreimal gesehen, darunter war auch der letzte Erfolg in dieser Saison, das 3:1 gegen den VfB Lübeck. Auch dieser Sieg war schmeichelhaft – und kam nur deshalb zustande, weil hinten drin zwei Profis standen: Paul Scharner und Slobodan Rajkovic. Abgesehen davon, dass diese beiden Spieler auch jeweils ein Tor erzielen konnten, waren sie dafür zuständig, dass ihr Team stabil stand. Rajkovic spielte überragend, war der beste Mann auf dem Platz. Ohne Verstärkungen aus der Bundesliga-Truppe aber wird diese junge HSV-Mannschaft wohl künftig keine Chance auf den Klassenerhalt haben.

Es war vom HSV (Sportchef Frank Arnesen) wohl eine fatale und folgenschwere Entscheidung, total ohne eine einzige Korsettstange in diese Saison zu gehen. Es fehlen zwei, drei ältere und erfahrene Spieler, die in diesem Team das Sagen hätten. So steht da eine junge und hoffnungslos überforderte Mannschaft auf dem Rasen, in der es keine Hierarchie gibt, in der niemand in der Lage ist, den Ton anzugeben. Es gibt sicherlich Passagen, in denen gut oder passabel gespielt wird, aber erstens ist meistens am Strafraum Schluss mit lustig, zweitens werden die wenigen guten Tormöglichkeiten fahrlässig und teilweise kläglich vergeben, und drittens sorgt eine kleine Nachlässigkeit immer wieder für einen Nackenschlag (sprich Tor), von dem sich das Team dann nicht mehr erholt. Ich bin gespannt, wie es mit der Regionalliga.-Truppe des HSV nun weitergehen wird, welche Maßnahmen ergriffen werden. Eines steht für mich fest, es muss jetzt reagiert werden, bevor es ganz zu spät ist. Eine Möglichkeit wurde am Freitag in Norderstedt immer wieder diskutiert: David Jarolim. Der Tscheche ist ohne Verein, er soll wieder nach Hamburg, er könnte dann als Routinier bei der Zweiten spielen – wenn er es denn will. Das ist noch offen. Aber es wäre sicherlich ein sehr guter Anfang, dem Absturz entgegen zu wirken.

16.59 Uhr

PS: Morgen gibt es nach dem Spiel in Wolfsburg wieder “Matz-ab-live” aus dem “Champs” in Schnelsen (Burgwedel). Wir haben zwei Gäste, wobei der eine sich noch nicht zu 100 Prozent entschieden hat – wir warten voller Hoffnung. Lasst euch überraschen, ich hoffe aber sehr, dass ihr wieder zahlreich mit von der Partei sein werdet. Bis dann, ich wünsche euch und euren Lieben einen wunderschönen Sonnabend.