Monatsarchiv für November 2012

AKTUALISIERT: Jansen fällt bis Rückrunde aus!*** Adler hebt die Messlatte an – und Rincon “opfert” Finger für den HSV

29. November 2012

****Ich hatte den Text gerade freigeschaltet, da erreichte mich eine SMS des Mediendirektors Jörn Wolf. Der Inhalt las sich nicht gut. Immerhin stand dort geschrieben, dass sich Marcell Jansen bei einem Trainingsunfall mit einer Hantelstange die Schulter ausgekugelt hatte. Diese wurde im UKE zwar wieder eingerenkt. Allerdings hat Jansen jetzt noch immer Schmerzen, da auch die Kapsel in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sein Einsatz ist bis zum Beginn der Rückrunde definitiv ausgeschlossen, so Wolf weiter. Das könnte bedeuten, dass Aogo wieder nach hinten und entweder Son oder Ilicevic auf die linke Außenbahn rutschen. Bitte seht mir nach, dass diese taktische Variante in dem folgenden, vorher fertiggestellten Text noch nicht berücksichtigt war…***

Es gab schon viele Namen beim HSV, die mit einer hundertprozentigen Einstellung und Tadellosigkeit in Verbindung gebracht wurden. Es gab auch schon einige HSV-Spieler, die auf ihrer Position zur Weltklasse gezählt wurden. Letzteres ist zwar schon etwas her, aber seit Rafael van der Vaart und eben jenem Mann mal wieder Fakt: Rene Adler. Der 27-Jährige ist die große Konstante im HSV-Team. Bis auf einen unglücklich aussehenden Gegentreffer gegen Bayern hielt Adler alles, was zu halten war. Und noch etwas mehr. In den Fachmagazinen ist er der Notenbeste unter den Torhütern. Besser noch als Deutschlands eigentliche Nummer eins Manuel Neuer. Grund abzuheben ist das für den gereiften Keeper allerdings nicht. Im Gegenteil. Seine lange Verletzungspause hat ihm gezeigt, wie schnell der große Trubel und Jubel um seine Person abebben kann. „Fußballprofi bedeutet, jeden Tag aufs Neue alles geben zu müssen. Nicht mehr – aber auch nie weniger.“

Adler hat diesen Satz verinnerlicht, galt allerdings immer schon als jemand, der lieber zwei Läufe mehr als einen zu wenig macht. Als einer, den man manchmal eher stoppen muss, wie sein ehemaliger Torwarttrainer und Freund aus Leverkusener Zeiten, Rüdiger Vollborn, befand. „Rüdiger kennt mich sehr gut. Ich bin eher der Typ, der über das Arbeiten kommt. Er hat immer zu mir gesagt, dass ich ein Naturtalent sei, dass ich direkt aus dem Urlaub kommend Bundesliga spielen könnte. Deshalb überrascht es ihn wie mich auch nicht, dass ich so schnell wieder zu meiner Form finde.“ Vollborn war es allerdings auch, der Adler einen entscheidenden Tipp mit auf den Weg gab: „Er hat mir gezeigt, dass ich manchmal auch auf meine Stärke vertrauen kann und nicht nach jedem Training noch mal in den Kraftraum muss. Früher war ich da oft zu verbissen, heute gehe ich, wenn ich gut auf dem Platz gearbeitet habe, dann mal lieber mit Drobo (Jaroslav Drobny, d. Red.) in die Sauna. Ich finde so meine Balance.“

Und die will Adler jetzt auch mit dem HSV finden. „Konstanz ist das Zauberwort“, sagt der Keeper und spricht auf die teilweise noch heftigen Schwankungen zwischen ganz übel (z.B. Düsseldorf) und ganz stark (Schalke) an. „Die Erklärung ist einfach: Wir haben eine sehr junge Mannschaft. Aber das kriegen andere besser hin. Darauf legen wir jetzt unser Hauptaugenmerk. Hier beim HSV soll eine Mentalität entstehen, dass uns das so nicht reicht. Wolfsburg ist ein Spiel, in dem man punkten kann. Aber wir müssen da hin fahren mit dem Selbstvertrauen, dass wir die drei Punkte holen wollen. Wir haben Schalke geschlagen – wir sind eine gute Mannschaft“, wählt Adler die Worte, die ich seit Oenning vermisst habe.

Vor allem aber bin ich erleichtert, dass die Mannschaft nicht noch kleiner geredet wird. Zu lange wurde auf Unzulänglichkeiten und fehlender Qualität (Erfahrung) herumgeritten, speziell zu Beginn der Umbruchphase 2011/2012. Wobei, damit mich hier niemand falsch versteht: ohne etwas ausschließen zu wollen, aber auch ich erwarte die Mannschaft noch nicht unter den ersten Sechs. Vielmehr hoffe ich, dass mit laut formulierten Ansprüchen auch die Spieler keine Alibis mehr haben, sich mit Mittelmaß zufrieden zu geben.

„Ich sehe einen absolut positiven Trend in dieser Saison“, sagt Adler. Die Mannschaft habe speziell bei der Minusleistung in Düsseldorf (Adler: „Ich freue mich über Schalke und ärgere mich dadurch fast noch mehr über Düsseldorf“) gesehen, dass es ohne 100 Prozent Einstellung nicht funktioniert. „Jeder einzelne muss ein Anspruchsdenken entwickeln, nach dem Spiel in den Spiegel schauen und sagen zu können, dass er alles gegeben hat. Wenn das 90 Prozent der Mannschaft nach dem Spiel kann, haben wir das Spiel auch gewonnen. Ganz sicher.“

Und das beginnt im Training. Während Adler mit Ronny Teuber viele Einzelstudien der Gegner macht und vom detailgetreuesten Training spricht, absolvierte die Mannschaft heute einen kleinen Zirkel zum Aufwärmen, ein Pass- sowie ein intensiveres Abschlussspiel auf verkürztem Feld. Und während ich mir vor Düsseldorf noch Gedanken gemacht hatte, die Mannschaft sei in den kaum laufintensiven Trainingseinheiten vielleicht nicht genug gefordert worden, widerspricht Adler dem vehement. „Das Schalke-Spiel war für mich keine Überraschung. Es ist wirklich so: wie du trainierst, so spielst du. Und wir hatten überragend trainiert.“ Zwar nicht von der Intensität, dafür aber wurden Schwachpunkte gezielt abgestellt. „Wir haben einfache Ballverluste abgestellt und an der Chancenverwertung gearbeitet. Deshalb hatte sich das Ergebnis abgezeichnet“, sagt Adler und schickt gleich einen Appell hinterher: „Bei uns sind enorme Entwicklungschancen vorhanden – aber nur, wenn sich jeder einzelne bei jedem Training so hinterfragt. Beim HSV gilt das für jede Einheit, in jedem Spiel. Und da nehmen wir alle in die Pflicht.“

Dass dem so ist – darin sieht Adler eine seiner Aufgaben. Insbesondere den jungen Spielern müsse er helfen. „Ich bin ein großer Freund davon, auf dem Platz klare Worte zu sprechen. Man kann sich auch mal richtig reiben – daran wächst man letztlich. Ich lege gern den Finger in die Wunde. insbesondere, wenn es läuft. Denn im Erfolg macht man die meisten Fehler.“ Als Beispiel nimmt er die aktuelle Situation. Wir wissen, wo wir herkommen. Aber langsam müssen wir die alte Saison ad acta legen und uns konsolidieren. Und zwar von Spiel zu Spiel. Sollte das für Europa reichen – umso schöner.“

Dafür muss am Wochenende allerdings ein ziemlich schwer einzuschätzender VfL Wolfsburg geschlagen werden. Schon allein, um den Abstand zum Tabellen-15. Zu halten. „Vom Tabellenstand müssen wir uns beim VfL lösen“, warnt Adler, „die Mannschaft gehört von den einzelnen Spielern und dem Umfeld her in die obere Tabellenhälfte.“ Zumal mit Diego der überragende Mann wieder zu seiner Form gefunden hat. „Bei ihm hat man schon so eine Art Befreiung gespürt, nachdem Magath als Trainer entlassen worden war“, sagt Adler, „aber seither sind sie auch nicht ungeschlagen. Im Gegenteil, sie haben gerade gestern wieder verloren.“ Das allerdings sei nicht unbedingt ein Vorteil für den HSV, weil „die jetzt danach dürsten, die Punkte zurückzuholen“.

Danach dürsten, wieder auf dem Platz zu stehen trifft auch auf einige HSVer zu, die sich für die Rolle vom gesperrten Tolgay Arslan in Position bringen. „Sala, Tesche und Ivo sind da Kandidaten“, sagt Fink. „Tomas Rincon wäre eher die defensivere Variante. Aber ich will Milan nicht von der Sechs nehmen“ räumt Fink dem Venezolaner eher Außenseiterchancen ein. Dabei will der für einen etwaigen Einsatz sogar die Beweglichkeit seines rechten Ringfingers opfern. Eine endgültige Entscheidung, ob er operiert wird, soll am Freitag fallen. „Aber zu 80 Prozent steht sie schon“, sagt Rincon, „ich werde weiterspielen, weil die nächsten Wochen und Monate für mich einfach zu wichtig sind, jetzt, wo ich wieder dran bin.“ Insbesondere 2013 sei für ihn enorm wichtig. Neben den WM-Qualifikationsspielen mit Venezuela steht für den 24-Jährigen auch beim HSV eine wichtige Entscheidung an. „Im Sommer geht es darum, on ich verlängere oder nicht“, so Rincon, dessen Vertrag zwar erst 2014 ausläuft. Ergo: der HSV muss sich entscheiden, Rincon zu behalten oder die letzte Gelegenheit (den Winter 2013/2014 mal ausgenommen) nutzen, ihn noch zu verkaufen. „Ich habe das mit meiner Familie besprochen und wir waren einer Meinung. Immerhin verdiene ich jetzt mit Fußball mein Geld. Dafür brauche ich die Fingerkuppe nicht. Aber dafür will ich fit sein.“ Immerhin würde eine Operation rund 1,5 Monate Pause mit sich bringen.

Keine Pause mehr gibt sich Ivo Ilicevic. Der Kroate drängt ins Team. Als Ersatz für den gesperrten Arslan. „Ich habe diese Position schon häufiger gespielt“, so die Bewerbungsworte des Rechtsfußes, der nach der heutigen Trainingseinheit noch allein auf dem Platz blieb. 30 Minuten lang übte er Dribblings. Die Vorbereitung auf sein Comeback nach nunmehr fast zwei Monaten Pause (zuletzt stand er am 29. September gegen Hannover 45 Minuten auf dem Platz). „Mir geht es gut, alles ist ausgeheilt“, freut sich Ilicevic, der die zentrale Position als Vorteil für sich sieht. „Ich kenne sie und diese Position bringt es mit sich, dass man im Spiel ist und sehr viele Ballkontakte hat. So kommt man sehr schnell wieder rein.“ Ob das auch für ihn gilt, ist noch unklar. Allerdings wahrscheinlich.

In diesem Sinne, in dieser Adler’schen Art und Weise darf über größere Ziele gesprochen werden. Immer nah an der Realität gehalten, so gefällt mir das sogar richtig gut, weil es den Anspruch eines jeden Spielers anhebt. Vor allem an sich selbst. Verstecken gilt nicht mehr…

Bis morgen. Da wird um zehn Uhr an der Arena trainiert.

Scholle

P.S.: Heung Min Son wird gegen Wolfsburg wieder in den Kader rutschen. „Er hat eine Stunde lang voll trainiert und keine Probleme gehabt“, sagt Fink, der Son nicht als Arslan-Ersatz sieht und zudem offen ließ, ob der Südkoreaner beginnt. „Nach Siegen sollte man nicht zu viel wechseln. Eigentlich halte ich mich daran ja auch immer…“

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