Tagesarchiv für den 27. November 2012

3:1 gegen Schalke – ein traumhafter Abend

27. November 2012

Nebenan spielten zur selben Zeit die Toten Hosen. Aber im „richtigen“ Volkspark war diesmal die Hölle los – von wegen tote Hosen! Der HSV spielte endlich einmal wieder eine Sahne-Partie, und das ohne Rafael van der Vaart, ohne Heung Min Son, ohne Petr Jiracek. Alle Achtung. Mit 3:1 wurde ein ziemlich lahmer FC Schalke aus der Arena geschossen, die Heimstärke des HSV setzt sich fort. Diesmal war das Feuer von Beginn an auf dem Rasen zu sehen, es wurde gespielt, gekämpft, gerannt – und erfolgreich abgeschlossen. Trainer Fink hatte zwei Stürmer aufgeboten – beide trafen sie. Aufstellung voll gelungen. HSV-Herz, was willst du mehr? Wenn diese Einstellung jedes Mal abgerufen werden würde, oder sagen wir mal, jedes zweite Mal, dann wären wohl viele, viele HSV-Fans rundherum zufrieden. So wie diesmal. Alle gingen sie freudig, feiernd und strahlend nach Hause. Danke, HSV, für diesen Auftritt – und für diesen Dreier!

Die Arena war beim Anpfiff so leer wie seit Jahren nicht mehr. 47 127 Zuschauer waren da – sicher auch einige Fans, die mit ihrer Dauerkarte zu Hause geblieben waren. Die Frage ist die: spielen oder stolpern sie sie nun langsam aber sicher leer? Oder lag es nur am Dienstagabend? Diese Kulisse war auf jeden Fall kümmerlich – gegen Schalke! Gegen Fürth, Augsburg oder Hoffenheim wäre das verständlich, aber so? Und dann wurde auch noch – wie versprochen – zwölf Minuten lang geschwiegen. Grabesstille. Fußball zum Davonlaufen: „Ohne Stimme keine Stimmung“. Ist so, war diesmal schon so. Wobei vor dem Anstoß schon noch Stimmung gemacht wurde. Und Beifall gab es auch. Als Rene Adler in sein Tor im Norden ging – da gab es reichlich und warmen Applaus. Die Fans wissen eben, wem sie hier etwas zu verdanken haben.

Mit dem Anstoß stellte sich ein anderer HSV als zuletzt in Düsseldorf vor. Was nicht anders zu erwarten war, denn schlechter als bei dieser 0:2-Niederlage geht es ja nicht mehr. Ich muss mal berichten, dass ich in den Stunden und Tagen nach dem Spiel am Rhein das blanke Entsetzen in vielen, vielen Mails und Telefonaten gehört und gelesen habe. Ich hatte den Eindruck, dass sich einige HSV-Anhänger (und einige mehr) inzwischen jenem Punkt nähern, an dem sie resignieren oder auch nur schlicht die Nase voll von diesem Gekicke haben. Das ist mein Eindruck – er kann täuschen, aber ich habe so viele negative Rückmeldungen noch nie gehabt. Vom „Matz-ab“-Blog mal ganz abgesehen, da ging es ja schon während des Spiels in Düsseldorf hoch und höher zu.

Diesmal, gegen Schalke 04, war der HSV aber nicht nur konzentrierter, sondern auch engagierter bei der Sache. Die Mannschaft wollte, und das sah man ihr von der ersten Minute an auch an. Da sollte Wiedergutmachung betrieben werden, und dazu hatte sich Trainer Thorsten Fink auch einige Sachen einfallen lassen. Die Taktik wurde geändert. 4:4:2 oder auch 4:3:1:2. Auf jeden Fall zwei Stürmern: Maximilian Beister und Artjoms Rudnevs. Das war schon mal ein Zeichen. Und es blieb nicht nur in der Theorie offensiv, sondern auch auf dem neuen Rasen. Beister schoss – ein wenig übermütig – aus 28 Metern, der Ball wäre wahrscheinlich unterwegs verhungert, aber der Versuch war da (2.). Und 60 Sekunden später versuchte sich der im Mittelfeld aufgestellte Dennis Aogo aus 30 Metern, schloss wohl aber in etwa ebenso hoch ab. Aber auch das war ein Versuch wert.

Fink hatte Marcell Jansen wieder hinten links aufgestellt, und im rechten Mittelfeld erhielt wieder einmal Per Ciljan Skjelbred eine Chance. Der Norweger wirkte wie immer quirlig und emsig bei der Sache, aber er riskierte in der ersten halben Stunde kaum einen riskanten Pass, sondern übte sich in Sicherheitspässen. Nur keinen Fehler machen. Aber er taute mit der Zeit auf und riskierte ein wenig mehr – und das kam auch gut an. Der HSV spielte gegen erschreckend harmlose Schalker die beste Halbzeit seit langer Zeit (Gladbach? Freiburg?). Zwar hatte die Mannschaft aus Gelsenkirchen die wohl beste Möglichkeit des ersten Durchgangs, als Klaas-Jan Huntelaar den Ball viel zu lässig über die Torlinie drücken wollte – und die Kugel nur mit dem großen Onkel erwischte. Hochmut kommt vor dem Fall (20.). Und dann beförderte der nach einer Farfan-Ecke am langen Pfosten stehende Tolgay Arslan einen Obasi-Kopfball noch von der Linie – aber das war schon die ganze Schalker Herrlichkeit (22.).

Aogo hatte zuvor bereits den Pfosten des Schalker Tores getroffen, den Ball hätte Unnerstall niemals gehalten (7.). Rudnevs hatte (bedrängt von Fuchs) das 1:0 auf dem Fuß (8.), und nach einer sehenswerten Kombination über Jansen, Beister kam Skjelbred im Strafraum zum Schuss, doch der Ball wurde noch geklärt, wäre aber auch nicht drin gewesen (11.). Es roch nach dem 1:0 für den HSV, auch als der ehemalige Schalker Heiko Westermann im 04-Strafraum auftauchte – aber aus zwölf Metern weit daneben schoss. Nicht richtig getroffen, die Kugel (27.).

Bittere Szene danach: Tolgay Arslan foulte (?) Jones und beschwerte sich beim sehr guten Berliner Schiedsrichter Manuel Gräfe. Und zwar so lange, bis der Unparteiische die Gelbe Karte zückte. Arslans fünfter gelber Karton, deshalb darf er am Sonntag, beim Auswärtsspiel in Wolfsburg, zusehen. Das macht Spaß. Da kommt Freude auf. Nur weil er den Mund nicht halten konnte – bei der augenblicklichen Personalnot doppelt bitter.

Dennoch, es gab viel Beifall zur Pause. Weil der HSV so gut wie lange nicht mehr aufgezogen hatte, und weil Schalke auch so schwach wie selten einmal zuvor in Hamburg aufgetreten war. Aber das muss Huub Stevens ganz allein mit sich und der Mannschaft abmachen. Und: Jeder spielt so gut, wie es der Gegner zulässt, und der HSV hat nicht so sehr viel zugelassen. Schalke dagegen schon.

Auch im zweiten Durchgang zunächst nur der HSV. Arslan versuchte sich aus elf Metern und halblinker Position mit einem Schuss, halb Heber, halb Schlenzer – aber weit überweg (49.). Dennoch das 1:0 – drei Minuten später. Milan Badelj erkämpfte sich in Höhe Mittellinie den Ball, dann ein Pass auf Beister – und der zog ab. Erst mit der Kugel am Fuß, dann aus 20 Metern. 117 Stundenkilometer schnell. Und Tor! Sein erstes Bundesliga-Tor. Weil Unnerstall die Arme nicht hochbekam. Ein schöner Schuss, und richtiger Hammer, aber sicher nicht unhaltbar. Jede Wette: Im nächsten Schalke-Spiel steht ein anderer Torwart (Hildebrand) zwischen den Pfosten. Aber auch das ist nebensächlich – weil Schalker Sache.

Dann kam die Zeit von Rudnevs. Erst ein Kopfball (nach Zucker-Flanke Aogo) aus sechs Metern, den Unnerstall hält (62.). Und drei Minuten später das 2:0, das vierte Saisontor des Letten. Ein Treffer, den Dennis Diekmeier sensationell vorbereitete. Rudnevs hatte neun Meter vor dem Tor alle Zeit der Welt, die Kugel ins Netz zu bugsieren – er schaffte es mühelos. Die Vorentscheidung?

In der 80. Minute verursachte der eingewechselte Tomas Rincon einen Handelfmeter. Den Schuss von Huntelaar hielt Adler super, beim Nachschuss aber war der HSV-Keeper dann machtlos. Danach spielte nur noch Schalke. Und die Fans unterstützten ihren HSV großartig. Das war Fan-Verhalten bester Manier! Danke! Vorbildlich.

Und diesmal gab es ein versöhnliches Ende. In der Nachspielzeit wurde Aogo von Barnetta gefoult, klarer Elfmeter. Um den drängten sich gleich mehrere HSV-Profis – Milan Badelj setzte sich routiniert durch und verwandelte ebenso abgeklärt – klasse, sein erstes Tor für den HSV. Drei HSV-Tore in einem Spiel! 3:1 der Endstand – wer hätte das gedacht!?
Ich nicht!

Die Einzelkritik:

Rene Adler hielt erneut super, bekam aber auch lange Zeit kaum einmal die Möglichkeit, so richtig zu glänzen. Einmal hielt er gegen Höwedes sensationell (68.), parierte auch den Nachschuss von Farfan. Und in der 90. Minute meisterte er einen Freistoß von Fuchs – hervorragend. Da kochte der Volkspark.

Dennis Diekmeier spielte eine überragende Partei, er wird immer besser.

Michael Mancienne knüpfte an die zuletzt gezeigten starken Leistungen an. Inzwischen wie die Bank von England.

Heiko Westermann ist in der Form seines Lebens!

Marcell Jansen begann verhalten, dann aber trumpfte er immer besser auf. Gut.

Per Ciljan Skjelbred zeigte endlich einmal, warum ihn der HSV geholt hat – das macht Mut! Der Norweger nicht so zappelig wie sonst, sondern abgeklärt und souverän.

Milan Badelj zeigte jene Leistung, die er zu Beginn in Hamburg abgerufen hatte – großartig.

Dennis Aogo spielte auf ungewohnter Position ganz hervorragend – Note zwei. Auch wenn zum Schluss die Kräfte ein wenig schwanden.

Tolgay Arslan emsig, unermüdlich, leider auch mit dem Mund. Das schmälerte seine gute Leistung – leider.

Maximilian Beister scheint nichts zu kennen, was wie Nervosität oder mangelndes Selbstbewusstsein aussieht. Er zieht unerschütterlich seine Kreise, lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen – und haut dann noch einen rein! Unglaublich! Gut.

Artjoms Rudnevs war lange Zeit nicht zu sehen, dann trat er zweimal nachhaltig in Erscheinung – aus diesem Holze sind Torjäger geschnitzt.

Tomas Rincon (ab 65. Min. für Skjelbred) sollte aufräumen, tat das auch in seiner Art – und hatte das Pech mit dem Elfmeter. Ansonsten okay.

Paul Scharner (kam in der 89. Min. für Beister) durfte noch mitjubeln, zu mehr reichte es nicht. Aber auch das ist wichtig. Für das Team.

Schluss-Kommentar von Trainer Thorsten Fink: “Das war das beste Spiel der Saison von uns.”

22.09 Uhr