Tagesarchiv für den 18. November 2012

Finks sieben Punkte, ein Reh und ein Löwe

18. November 2012

So schön kann Fußball sein. Hatte ich gestern zweimal geschrieben. Und dann wurde doch tatsächlich und heftigst diskutiert: War das nun schöner Fußball? Oder doch eher nicht? Also ich will mal so sagen: „Es sind auch Doppel-Antworten möglich . . .“ Und wer die Ironie noch immer nicht verstanden hat, der sollte sich diesen Kick dann doch noch einmal in voller Länge „reinziehen“. Und wer dann immer noch behauptet, dass ich gar nicht im Stadion war – oder behauptet, dass ich nun absolut keine Ahnung habe vom Fußball, dem pflichte ich dann auch uneingeschränkt bei. Recht habt ihr. Wobei ich zugebe, dass die Sache mit der Ironie natürlich auch nicht jedermanns Geschmack ist, das ist schon klar. Ich werde mich zurücknehmen. Aber wer diese Bundesliga-Partie zwischen dem HSV und Mainz 05 in voller Länge gesehen hat, der wird niemals ernsthaft davon sprechen können, dass das ein schönes Fußballspiel war. Und wem dann das alles doch ein wenig zu weit geht, dem sage ich – und zwar in absoluter Ernsthaftigkeit: „Entschuldigung. Soll nicht wieder vorkommen. Wenn aber dann doch mal etwas Ironie, dann werde ich es vorher und zur Sicherheit auch noch einmal nachher ankündigen. Und natürlich auch abkündigen. Versprochen.“

Was die Trainer zu diesem Spiel gesagt haben, das möchte ich euch natürlich auch nicht länger vorenthalten. Thomas Tuchel befand: „Glückwunsch zum Sieg, HSV. Ich war mit der ersten Halbzeit sehr zufrieden, weil wir in den ersten Minuten schon ins Spiel gekommen sind, ich finde, dass wir sehr dominant gespielt haben, viele Balleroberungen hatten, viel Ballbesitz hatten, gut gepresst haben, den HSV zu Fehlern gezwungen haben. Zudem hatten wir viele gute Umschaltmöglichkeiten, wir haben auch viele Bälle ins letzte Drittel gespielt – sind damit, ich will nicht sagen fahrlässig – aber fahrig umgegangen. Und wir sind nicht mit der letzten Konsequenz damit umgegangen, dass wir diese Möglichkeit, das Spiel früh auf unsere Seite zu bringen, hatten.“

Dann kam der Mainzer Trainer noch auf zwei umstrittene Situationen: „Ich finde, dass es einen klaren Elfmeter für uns hätte geben müssen, als Adam Szalai umgerissen wurde. Okay, das sei mal dahingestellt, aber dann mussten wir auch noch ein Tor aus dem Nichts hinnehmen, das leider klar abseits gewesen ist. Das war auch leider nicht zu schwer zu erkennen für den Linienrichter, aber er hat es eben nicht erkannt. Und danach haben wir nicht mehr zulegen können, haben auch keine Torgefahr mehr gehabt – so ist die Geschichte des Spiels aus meiner Sicht erzählt.“

Bevor Thorsten Fink vom HSV das Spiel aus seiner Sicht schildert, gebe ich einmal die Daten der 90 Minuten bekannt:
11:16 Torschüsse (also für Mainz), 8:7 Ecken, 9:8 Flanken, 55:45 Prozent Ballkontakte, 48:52 gewonnene Zweikämpfe, 20:11 Fouls, 5:7 Abseits. Die meisten Torschüsse hatte ein HSV-Spieler: Maximilian Beister mit vier – keiner hatte mehr. Auch in Sachen Torschussvorlagen lag ein Hamburger vorn: Rafael van der Vaart brachte es auf fünf. Und ein Unentschieden gab es bei den Zweikampfstärksten: Michael Mancienne brachte es auf 67 Prozent, die beiden Mainzer Svensson und Kirchhoff auch. Wie geschrieben (gestern), die Statistik mit den Querpässen fehlt bei all diesen Zahlen, aber ganz sicher hätte die der HSV klar gewonnen, denn keine Mannschaft spielt so oft und so gerne und so gekonnt und so konsequent zurück, wie der HSV.

Nun aber Thorsten Fink und sein Resümee: „Ich habe gesehen, dass wir in der ersten Halbzeit defensiv sehr gut gestanden sind, dass wir Probleme hatten mit dem Spielaufbau – aber dadurch, dass man natürlich auch einen guten Gegner hat, der die Räume hervorragend zugestellt hat, haben wir es nicht geschafft, von hinten heraus zu befreien. Wie gesagt, es war ziemlich schwierig, aber wir haben getan, was wir tun mussten – die Null musste stehen. Und wir haben hervorragend verteidigt, wenige Chancen zugelassen, und dann einmal die Klasse von Son gezeigt. Er hat diesen Riecher, einen Riecher muss man auch haben – und vielleicht haben wir auch in der zweiten Halbzeit einen Tick mehr investiert, als Mainz. Und deswegen haben wir meiner Meinung nach auch verdient gewonnen. Natürlich habe ich auch gesehen, dass Maxi Beister vor dem 1:0 im Abseits stand, aber in einer Saison gleicht sich so etwas immer wieder mal aus. Für Mainz ist es natürlich bitter, das einfach hinzunehmen, von wegen es gleicht sich aus, aber es ist oft so – wenn man viel investiert. Und wir haben viel investiert. Die Effektivität war heute sehr gut.“

Wobei der HSV ein wenig Glück hatte, als Michael Mancienne kurz nach der Pause den Mainzer Torjäger Szalai im Strafraum umriss. Beim Sport1-Doppelpass am heutigen Vormittag waren sich alle sicher: „Klarer Elfmeter.“ Und genau deshalb muss ich mal lobend sagen: Für diesen nicht gegebenen Strafstoß blieb Thomas Tuchel bemerkenswert leise. Nun gut, er kann es ja auch dann, wenn er lauter wird, nicht ändern. Und er lernt eben auch noch dazu. Um es aber auch mal ganz fair zu sagen: Generell ist es schlecht, wenn solche Fehlentscheidungen ein Spiel entscheidend beeinflussen. Was hätten wir, was hätte ich, gemosert, gemeckert, geschimpft, wenn dem HSV ein Elfmeter nicht gegeben worden wäre, und dann noch ein Abseitstor des Gegners zur Niederlage geführt hätte.

Kurz-Kommentar noch des HSV-Coaches:
„Das Reh springt nicht von allein ins Maul des schlafenden Löwen. Diesen Spruch habe ich mal gelesen, der ist nicht von mir“, sagte HSV-Trainer Fink nach dem 1:0 gegen Mainz durch ein Abseitstor mit einer anderen Formulierung für: „Das Glück hat nur der Tüchtige.“

So, Themenwechsel. An Artjoms Rudnevs schieden sich auch diesmal wieder die Geister. Ich habe mir vorgenommen, nichts Negatives mehr zu den Vorstellungen des Letten zu sagen, denn es wissen ja ohnehin die meisten User hier bei Matz ab, dass der gute „Rudi“ noch kommen wird. Warum also soll ich ihn niedermachen, wenn er vielleicht im Frühjahr so mächtig aufblüht, dass er die ganze Bundesliga in Schutt und Asche schießt? Im Moment läuft Rudnevs der Musik zwar noch ein wenig hinterher, aber wenn sich erst einmal das Sondertraining auszahlt, das der Torjäger nach fast jeder Einheit von und mit Co-Trainer Nikola Vidovic erhält (sie spielen zu zweit Fußball-Tennis, damit die Technik verbessert wird!), dann wird der Durchbruch noch kommen.

Aber in diesem Zusammenhang muss ich selbst feststellen, dass ich Ironie doch besser unterdrücken sollte. Deswegen: Gebt „Rudi“ eine faire Chance – er wird sie ganz sicher noch nutzen. Auch wenn viele Experten inzwischen (oder schon lange) zweifeln. Kleiner Rat: einfach ignorieren. Er hat es da vorne doch auch nicht einfach – als absoluter Einzelkämpfer. Unterstützung ist doch für ihn, und das ist ernst gemeint, kaum einmal gegeben. Der Grund: Es haben in Sachen Offensive beim HSV doch alle selbst genug mit sich allein zu tun, als wenn sie nebenbei noch für den guten „Rudi“ arbeiten könnten. Zwölf Tore in zwölf Spielen sprechen doch eine deutliche Sprache, woran es hapert beim HSV. Seit dem 1:0-Sieg über Hannover 96 am 29. September gab es ein 1:0 in Fürth, ein 0:1 in Hamburg gegen Stuttgart, ein 2:0 in Augsburg, ein 0:3 gegen Bayern, ein 0:0 in Freiburg und nun ein 1:0 gegen Mainz. Minimalisten-Fußball. Übrigens: In der Vorsaison hieß e bei Mainz – HSV zweimal 0:0, mit einem weiteren 0:0 an diesem Sonnabend wäre der Bundesliga-Rekord eingestellt worden. Den halten mit dreimal in Folge 0:0 der 1. FC Köln und der VfB Stuttgart.

Aber, und nun wird es wieder ganz wichtig: Der Sieben-Punkte-Plan von Thorsten Fink ist immer noch möglich – und das hätte ich schon einmal nicht so richtig geglaubt. Und inzwischen bin ich mir auch sicher, dass der HSV in Düsseldorf (kommenden Freitag) auf jeden Fall schon mal nicht verlieren wird.

Ein Satz noch kurz zu Maximilian Beister. Er hing in der ersten Halbzeit durch, nichts war dem Sturm-Talent gelungen, es war dem Machwuchs-Mann anzumerken, dass er nicht so allzu viel Selbstvertrauen mit sich herumschleppt. Aber: Ich finde es klasse, wie Fink den Youngster „durchzieht“, obwohl die Leistungen noch lange nicht erstliga-reif sind, aber nur so lernt Beister. Dass die Mitspieler gelegentlich ins Grübeln kommen (um es gelinde auszudrücken), wenn Beister mal wieder den ball zum Gegner oder nicht unter Kontrolle gebracht hat, das ist auch irgendwie verständlich, aber negative Gesten und Ausbrüche helfen ihm da kaum auf den rechten Weg. So wie Rafael van der Vaart kurz vor dem Seitenwechsel, als Beister „das Ding“ aus 14 Metern in Richtung Eckfahne prügelte, sodass kurzzeitig der Luftverkehr über dem Volkspark gefährdet war. Da flippte der „Rafa“ dann aber total aus, aber mal ehrlich: Wer hätte freistehend aus 14 Metern nicht auch selbst geschossen? Das musste Beister ganz einfach machen, anstatt dem Wunsche des Niederländers zu entsprechen und die Kugel zurückzulegen. Ein bisschen (mehr) Egoismus muss schon sein. Aber mit dieser Verbal-Attacke nahm die „ewige 23“ dem einst so rotz-frech aufspielenden Beister noch den Rest an Selbstvertrauen Eigentlich hätte Fink den glücklosen Offensivmann in der Halbzeit auswechseln müssen, aber er hielt tapfer an ihm fest. Risiko. Es wurde belohnt – dank der 1:0-Vorlage. Fink u seinem Stürmer: „Er hat sich mit der Tor-Vorlage Selbstvertrauen geholt, der Ball war nicht einfach zu nehmen. Und er hat in der zweiten Halbzeit in Ansätzen gezeigt, was er eigentlich kann. Seine Stärke ist die Effektivität, die hat er zwar im Moment nicht, aber wenn er weiter so arbeitet, dann kommt die zu ihm zurück.“
Nun bin ich gespannt, wie Maxi Beister am Freitag in Düsseldorf (führt jetzt gerade 1:0 in Bremen . . . ) aufziehen wird. Es müsste gerade dort eigentlich ganz gut gehen . . .

Und wenn dann auch noch Heung Min Son seinen starken Lauf bestätigen sollte, dann könnten doch am Rhein die Zeichen erneut auf Auswärtssieg stehen. Apropos Son. Der Südkoreaner sagte auf „Sky“ über die Wechselgerüchte in die Premier League: „Die Bundesliga ist eine tolle Liga, sie ist sehr anstrengend. Über England habe ich nicht nachgedacht.“ Auf die Frage, ob er sich eine Vertragsverlängerung über 2014 hinaus vorstellen könne: „Das ist schwer zu sagen. Ich würde gerne hier bleiben, aber man muss erst schauen, was im Vertrag steht.“ Aha. Das wird denn wohl sein Berater machen. Obwohl Son auch sagt, das er nichts von Angeboten großer europäischer Klubs wisse: „Mein

Berater verrät mir darüber nichts, damit ich nicht abhebe.“ Das ist mal eine kluge Maßnahme eines Beraters.

Ich bin wirklich gespannt, wohin der Weg des Angreifers führen wird – im Sommer 2013. Ich halte England für viel zu früh für ihn, aber das ist meine persönliche Meinung, die natürlich völlig unmaßgeblich ist. Aber genau deswegen bin ich ja auch so gespannt.

Zurück noch einmal zum Mainz-Spiel. Kapitän Heiko Westermann befand: „Die Art und Weise unseres Sieges war bemerkenswert. Wenn man nicht richtig rein kommt ins Spiel dann spielt man einfach – das haben wir getan.“ Stimmt. Und Thorsten Fink steuerte noch einen Treffer bei: „In der vergangenen Saison hätten wir ein solches Spiel verloren.“ Und dann fügte er hinzu: „Wenn wir nicht hervorragend spielen, dann haben wir uns meistens noch eine Kirsche eingefangen. Diesmal aber haben wir nicht die Nerven verloren, sind ruhig geblieben, haben defensiv hervorragend gearbeitet. Das ist schon gut, das hat gezeigt, dass die Mannschaft da insgesamt schon weiter ist, und dass wir uns defensiv sehr gut entwickelt haben. Das ist sehr, sehr wichtig. Wir haben in Freiburg schon wenig hergegeben, und diesmal auch nicht viel.“

Voller Selbstbewusstsein stellte deshalb auch Rene Adler fest: „Wir haben vorher gesagt, dass wenn wir dieses Spiel gewinnen, dann gewinnen wir auch in Düsseldorf. Und davon bin ich mehr denn je überzeugt.“ Was mich total freut, denn wenn ich Adler so beobachte, wenn er sich den Ball zum Abstoß zurechtlegt, dann kommen mir Gedanke wie diese: „Mach bloß nicht so schnell, Rene, denn wenn du schneller machst, dann kommt der Ball auch umso schneller wieder zurück zu dir. Weil die Jungs da vorne nicht allzu viel mit dieser Kugel anfangen können . . .“ Wie gesagt, das ist nur meine Interpretation. Frei nach Matz also. Was der Sportchef wirklich und tatsächlich sagte, könnt ihr hier nun lesen. Frank Arnesen stellte sachlich fest: „Es war ein erwachsener Sieg von uns. Wir mussten geduldig sein und schlau, und das ist der Mannschaft auch gelungen.“

So, zwei Nachrichten habe ich jetzt noch, eine gute, eine schlechte. Zuerst die gute:
Nach nur zwei Tagen ist auch die zweite Tranche der Jubiläums-Anleihe des HSV auch schon wieder ausverkauft. Dem Verein fließen damit fünf Millionen Euro zu. „Es können derzeit leider keine weiteren Kaufanträge entgegengenommen werden“, gab der HSV bekannt, und Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow bedankte sich bei den Fans: „Wir alle sind überwältigt davon, welche Kraft im HSV steckt und welchen Rückhalt wir bei der Jubiläums-Anleihe erhalten haben.“ Die Hamburger wollen mit der Anleihe den Bau eines großen Fan- und Nachwuchszentrums, des „HSV-Campus“, unmittelbar am Stadion finanzieren.

Und das ist das Stichwort für die schlechte Nachricht – Nachwuchs:

Die Regionalliga-Mannschaft von Rodolfo Cardos kam in Kiel mächtig unter die Räder. Mit :6 wurde der Rothosen-Nachwuchs aus dem Stadion der Störche getrommelt, und das ist nun wirklich ein wenig zu viel des Guten. Wieso spielt diese Mannschaft, in der ja auch einige vielversprechende Talente stehen (so sagt man jedenfalls beim HSV!) einen solchen Katastrophen-Fußball? Ich habe die Mannschaft nun zuletzt zweimal gesehen (gegen den VfB Lübeck und gegen Werder II), ich war schwer enttäuscht. Der Nachwuchs quält sich ähnlich wie die Profis durch und über die 90 Minuten, da ist nichts von Lust, Spaß und Leidenschaft zu erkennen.
Herr Arnesen, tun Sie etwas. Das ist doch ein echtes Trauerspiel. Da muss doch – für den immensen Aufwand, der dort betrieben wird, viel, viel, nein, unendlich mehr und noch viel mehr kommen. Sonst ist diese Truppe doch wirklich nur eine reine Geldvernichtungsmaschine. 1:6 in Kiel – geht’s noch?

16.52 Uhr