Tagesarchiv für den 17. November 2012

So schön kann Fußball sein – 1:0!

17. November 2012

„Steht auf für den HSV!“ Endlich mal wieder ein Heimsieg, endlich mal wieder ein Dreier, auch wenn das Niveau lange, lange Zeit ziemlich gruselig war. Die Freude nach dem 1:0-Erfolg über Mainz 05 war bei den Spielern und Verantwortlichen riesig, auch die Fans – vor allen Dingen im Norden – feierten, doch auch wenn es in der Tabelle wieder ein wenig bergauf ging (punktgleich mit dem internationalen Platz sechs), so richtig erwärmenden Fußball spielte dieser HSV noch nicht wieder. Aber vielleicht gibt ein solcher Erfolg doch wieder mehr Selbstvertrauen – und Fußball wird ja nicht nur mit den Beinen gespielt, sondern vieles spielt sich dabei auch im Kopf ab. „Hamburger Sport-Verein, wir werden immer bei dir sein.“ So skandierte der Anhang weit nach Schlusspfiff – so soll es dann auch sein. Erfreulich immerhin auch, dass wieder einmal die Null am Ende stand, und darauf ist doch aufzubauen. “Scholle” hatte ja angekündigt, dass das Spiel gegen Mainz ein Wendepunkt in eine bessere Zukunft ein sollte – ob er das trotz des Sieges tatsächlich wird, bleibt abzuwarten, fußballerisch ist da noch viel Luft nach oben. Aber 1:0-Siege sollen ja die schönsten sein – und dann muss festgestellt werden: So schön kann Fußball sein. Dann doch. Wenn das Ergebnis stimmt, sind (fast) alle versöhnt. Hauptsache gewonnen.

Pfiffe zur Pause. Für die meisten war der Halbzeitpfiff des jungen Berliner Schiedsrichters Daniel Siebert (gut, aber er diskutiert zu viel mit den Spielern!) wie eine Erlösung, für den einen oder anderen Fan aber auch der Weckruf, aufzustehen und sich eine Wurst zu holen. Was für ein Kick! Das war ja so grottig wie Niederlande gegen Deutschland. Mein Gott, wann spielt dieser HSV endlich einmal so richtig guten, schwungvollen, begeisternden Tempo-Fußball, voller Engagement, Leidenschaft und mit soooooooo viel Herz?

Fehl- und Rückpässe in Halbzeit eins, dazu Abspielfehler ohne Ende, und technische Patzer zu Hauf. Wahnsinn. Ich weiß nicht, ob es eine Statistik in der Liga gibt, wer die meisten Rückpässe spielt – aber wenn es eine solche Statistik gibt, dann, behaupte ich mal, führt der HSV. Endlich mal Platz eins!

Viele Plätze in der Arena blieben schon leer, es waren 51 345 Zuschauer da, wie lange muss dieser HSV noch kicken, bis nur noch die Hälfte oder noch weniger besetzt ist?

Oder lag dieser Kick doch nur am geflickten Rasen? Der Platz sah aus wie nach einer Treibjagd für Anfänger – weil die Jäger-Auszubildenden immer mit der Schrotflinte auf die Maulwürfe in der Arena gezielt haben. Herrlich, wie schön der Ball gelegentlich in die Luft stieg, obwohl er als Flachpass gedacht war. Oh man, wie schön kann doch Fußball sein.

Auch am Rande blieb es ruhig. Kein – oder kaum ein – Gemeckere durch den Mainzer Trainer Thomas Tuchel, der sich diesmal ganz nach links auf die Bank gesetzt hatte (letzter Mann!), weit entfernt vom vierten Mann (Christoph Bornhorst). Ab und an sprang der Coach dann zwar doch auf, aber wer kann schon ganz gegen sein Naturell? Für mich war das der zartbesaiteste Tuchel, der je in Hamburg war.

Zum Glück blieben einige HSV-Anhänger ja wach. Wenn der Norden nicht wäre, dann wäre die Stimmung wohl auf dem Gefrierpunkt gewesen. Aber die Mädels und Jungs kannten kein Erbarmen, je schlechter der Kick, umso größer und lauter die verbale Unterstützung. Danke dafür, das ist lobenswert. So hatte man tatsächlich das Gefühl, beim Fußball zu sein.

Wobei man ehrlich und fair sagen muss, dass der HSV im zweiten Durchgang zulegen konnte. Und da Mainz nach vorne kaum noch etwas zu bieten hatte, war das 1:0 auch nicht so verkehrt.

Mein langjähriger Kollege Wolfgang Biereichel, der große Mann des NDR-Fernsehens („Die Stimme“), hat heute Geburtstag und wünschte sich, als ich ihm aus dem Volkspark heraus gratulierte, dass ich ihm einen Sieg mitbringe . . . Auftrag erfüllt. Wenn auch glanzlos. Und etwas glücklich.

So, um auch das noch zu sagen (und zu schreiben): Das 1:0 des HSV war ein Abseitstor. Maximilian Beister stand fast einen Meter im Abseits, bevor er die flache Eingabe zur Mitte schlug, die Heung Min Son dann verwandelte. “Das hätte der Linienrichter sehen müssen”, kritisierte Thomas Tuchel, und Thorsten Fink gab zu: “Wir haben auch gesehen, dass das ein Abseitstor war, aber ich denke tatsächlich, dass sich so etwas innerhalb einer Saison auch wieder ausgleicht. Wir zum Beispiel haben in Mönchengladbach auch ein Tor kassiert, wo der Schiedsrichter vorher ein Foul gegen einen unserer Spieler übersehen und deswegen nicht gepfiffen hatte . . .”

PS: Die HSV-Mannschaft feiert heute schon Weihnachten. Aus terminlichen Gründen, denn es stehen ja noch einige Spiele und auch noch die Brasilien-Tour an.
Ja, ist denn heut’ schon Weihnachten?
Jawoll, meine Damen und Herren, es ist – der Dreier gegen Mainz ist das Geschenk.

Die Einzelkritik:

Rene Adler war die Ruhe selbst, was erstaunlich ist, denn bei dem, was sich vor ihm abspielte – bzw nicht abspielte – hätte er eigentlich ausrasten müssen. Bekam aber zum Glück kaum etwas zu tun, und das, was dann doch kam, hielt er großartig.

Dennis Diekmeier spielte eine solide Partie, er wirkte sehr „griffig“, ließ kaum etwas zu – das war schon gut, Dennis!

Michael Mancienne hatte Glück, als er Szalai in der 48. Minute im Strafraum zu Fall brachte – und der Elfmeterpfiff ausblieb. Ansonsten aber hatte der Engländer den Mainzer bestens und mit fairen Mitteln im Griff.

Heiko Westermann ohne Fehl und Tadel, auf ihn war Verlass. Dass er oft ganz still vor sich hin den Kopf schüttelte, wenn er das Gestochere von hinten sah, was die Kollegen da vor ihm ablieferten, das spricht für ihn.

Marcell Jansen benötigte eine längere Anlaufphase, um in die Partie zu kommen, so richtig gelang es ihm diesmal nicht – und schied dann in der 61. Minute verletzt (Innenband?) aus.

Milan Badelj war zunächst auch einige Minuten neben der Spur, fing sich aber dann schnell und bot eine durchaus ansprechende Leistung – trotz der vielen Fehlpässe, die er dann doch mal wieder produzierte.

Tolgay Arslan war von Beginn an der einzige Hamburger, der so etwas wie Spielwitz entwickelte. Das U-21-Länderspiel hat ihn offensichtlich beflügelt. Gut so.

Maximilian Beister spielte eine erschütternde erste Halbzeit, jeder hatte erwartet, dass er in der Kabine bleiben würde – aber er kam wieder. Und bereitete das 1:0 von Son vor und wurde besser. Geduld (des Trainers) zahlt sich eben doch mal aus.

Rafael van der Vaart ging angeschlagen ins Spiel und lief viel, kämpfte wacker, wollte und versuchte viel, doch längst mich alles gelang. Weil er auch Mitspieler um sich hat, die ihm dann doch nicht das Wasser reichen können. Meine Frage dazu wäre, wie lange sich ein Rafael van der Vaart das noch still ansieht?

Heung Min Son begann gut, ließ dann aber stetig nach. Klar, was soll ein junger Dachs wie er denn mit einem solchen Kick schon anfangen, bei dem die älteren Herren um ihn herum nicht so viel bringen . . . Aber wenn einer trifft beim HSV, dann er. Irgendwann ist er dann doch mal da.

Artjoms Rudnevs ist der schnellste Mann der Bundesliga, das konnte er nicht immer zeigen – und irgendwann wird er auch noch der torgefährlichste Mann der Liga, das allerdings konnte er diesmal nicht ganz so zeigen.

Dennis Aogo kam in der 61. Minute für Jansen und spielte auf Anhieb eine gute Partie. Er ist mein Mann für hinten links, keine Frage.

Tomas Rincon kam in der 80. Minute für Arslan und kämpfte tapfer und wacker für den Sieg. Er kann es ja doch noch.

Jeffrey Bruma kam in der 89. Minute für van der Vaart – um Zeit zu gewinnen.

Und nicht vergessen: so schön kann Fußball sein!

17.32 Uhr