Tagesarchiv für den 13. November 2012

Ilicevic gibt Rätsel auf – kommt Calhanoglu früher?

13. November 2012

Ich konstatiere: Es gibt nichts beim HSV, was mich aktuell konsternieren lässt. Nicht einmal die Langzeitverletzung von Ivo Ilicevic, der entgegen erster Hoffnungen doch weiter ausfallen wird. Die zunächst als Faserriss im Oberschenkel diagnostizierte Verletzung ist schlimmer und langwieriger als befürchtet. Vor allem aber gibt sie der medizinischen Abteilung des HSV große Rätsel auf. „Wir haben ihm Blut abgenommen, wir schicken ihn überall hin, wir kontrollieren den Rücken, die Zähne und seine Ernährung im Privaten“, scheint Trainer Thorsten Fink langsam ratlos, „aber manchmal gibt es solche Fußballer, die immer verletzt sind und bei denen man nie etwas Genaues findet. Aber wir schauen jetzt, ob es vielleicht ein tiefer liegender Faserriss ist, der noch nicht erkannt wurde.“ Klar ist auf jeden Fall, dass Ilicevic weiter ausfallen und auch gegen Mainz am Sonnabend sowie danach gegen Düsseldorf (23.11., 20.30 Uhr) noch nicht zur Verfügung stehen wird.

Ein Ausfall, der offensiv weiter wenig Spielraum lässt, zumal Marcus Berg derzeit bei der Nationalelf weilt und anschließend seiner Frau Josefine beistehen wird. Hintergrund ist ein tragischer Unfall von Bergs Schwiegermutter in Schweden, der tödliche Folgen hatte. „Ich weiß noch nicht, wann ich wieder mit Marcus planen kann“, sagt Fink, der seinem Angreifer volle Freiheiten angeboten hat. „Er soll sich jetzt in Ruhe um alles kümmern kann, ganz klar. Er bekommt alle Zeit, die er braucht. Es gibt eben einfach wichtigere Dinge als Fußball.“

Absolut. Deshalb gilt mein Beileid der Familie von Marcus Berg und seiner Frau Josefine.

In einem solchen Zusammenhang fällt es schwer, bei Sportverletzungen wie der von Ilicevic von Tragik zu sprechen. Allerdings ist es schade, dass der Offensivallrounder ausfällt. „Seine spielerische Klasse fehlt uns“, so Fink, „er hat zuletzt ja auch bewiesen, dass er defensiv mitarbeiten kann. Ich hoffe, er kann uns sehr bald wieder verstärken.“ Ebenfalls weiter ausfallen wird Petr Jiracek (Adduktoren). „Er soll sich noch einmal bei einem Spezialisten in Basel durchchecken lassen“, so Fink.

Dennoch, Ilicevic’s Ausfall ist insofern schwerwiegend, als dass er Fink offensiv kaum Variabilität lässt. Der zuletzt diskutierte Artjoms Rudnevs darf sich demnach ziemlich sicher sein, auch am Sonnabend von beginn an zu stürmen. „Mir bliebe dann ja nur noch, Son vorne reinzustellen und auf den Außen umzustellen. Dann müsste ich Maxi Beister nach rechts ziehen, Jansen links vorziehen, und Dennis Aogo dahinter beginnen lassen.“ Das wäre zumindest eine Möglichkeit. Dennoch scheint Fink davon nichts zu halten. Es seien einfach zu viele Umstellungen. „Ich glaube aber nicht, dass ich so viel umstellen werde. Solange es defensiv so läuft, möchte ich hinten erst mal nichts umstellen. Auch wenn Dennis Aogo ganz sicher mit den Hufen scharrt, ich bin mit der Abwehr zufrieden. Dennis wird sich einfach noch gedulden müssen.“


Gedulden müssen sich auch Mancienne und Bruma in Sachen Startelfentscheidung für Sonnabend. Noch steht die aus. Bruma, der heute 21 Jahre alt geworden ist, musste verletzt (Knie leicht überdehnt) im Training passen. Michael Mancienne hingegen ist wieder fit. Wer am Sonnabend gegen Mainz (15.30 Uhr, Imtech-Arena) in der Innenverteidigung der gesperrten Paul Scharner ersetzt? „Ich werde die Woche über das Training beobachten und dann entscheiden“, lässt Fink sich nicht in die Karten schauen und schürt so den Konkurrenzkampf. Dennoch erhielt Bruma von Fink für sein Spiel in Freiburg ein Sonderlob. „Es war für uns als Mannschaft wichtig, dass wir nach dem 0:3 gegen Bayern eine Reaktion gezeigt haben und für Bruma, dass er sofort nach seiner Einwechslung de Anschluss gefunden hat.“

Noch nicht dabei ist Hakan Calhanoglu. Das 18 Jahre alte Mittelfeldtalent ist seit Saisonbeginn vom HSV verpflichtet und gleichzeitig an den Karlsruher SC verliehen. Dieser Umstand galt als Teil der Verkaufsbedingung der KSC-verantwortlichen. Dennoch ist seither klar, dass der HSV das Talent gern früher und somit schon im Winter nach Hamburg holen würde. Auch deshalb verzichtete Trainer Fink jetzt auf das prestigeträchtige Spiel des DFB bei den Niederländern in Amsterdam, um stattdessen zum U21-Länderspiel der Deutschen Nachwuchsspieler gegen die Türkei nach Bochum zu reisen. Vom HSV sind gleich drei Spieler dabei: Maximilian Beister, Tolgay Arslan und wie gesagt der noch bis 2013 an den Karlsruher SC ausgeliehene Hakan Calhanoglu. Zudem stehen gleich mehrere U21-Nationalspieler beim HSV auf dem Zettel. „Es wird ein interessantes Spiel mit vielen interessanten Spielern“, orakelt Fink und lässt Raum für Spekulationen.

Wichtiger als die fernere Zukunftsplanung ist allerdings das Tagesgeschäft. Und das sieht als nächsten Gegner den FSV Mainz vor, der leider noch immer mit drei Punkten Vorsprung auf dem siebten Rang vor dem HSV (10.) platziert ist. Und das zurecht, wie Fink befindet. „Die Mainzer haben zu Hause einfach mehr Punkte geholt als wir. Deshalb stehen sie vor uns.“ Dennoch soll sich das am Sonnabend ändern. Mit einem Drei-Tore-Vorsprung würde der HSV an Mainz vorbeiziehen – wobei Fink schon ein Gleichzug in Sachen Punkten reichen würde. „Mainz wird ein schwerer Gegner. Sie sind spielerisch stark, haben einen jungen Trainer, der ein Taktik-Fuchs ist und seine Mannschaft fast vor jedem Spiel verändert“, lobt Fink, der sich darüber freut, dass Mainz mit Baumgartlinger ein eminent wichtiger Mann im Mittelfeld ausfällt. „Dennoch müssen wir höllisch aufpassen, weil Mainz spielerisch stark ist. Sie stören früh, wollen offensiv agieren. Ich bin mir sicher, dass es ein Spiel mit vielen Chancen wird.“ Vor allem aber soll das Spiel dem drohenden Heimkomplex (Fink: „Noch sind wir nicht so weit“) entgegenwirken. „Mit einem Sieg hätten wir 17 Punkte. Das gibt Sicherheit. Vielleicht könnte man dann sogar mal das eine oder andere probieren.“

Zum Beispiel im Angriff…?!

Klar ist, dass Fink weiter auf sein neues Mittelfeld-Duo van der Vaart/Badelj (ich persönlich würde es mit Arslan zum Trio aufwerten) setzt. „Die beiden haben das Spiel in Freiburg nach dem Platzverweis gelenkt. Rafael hat gezeigt, dass er sich nicht zu fein ist, für die Mannschaft zu kämpfen und zu grätschen. Vor allem aber haben beide zusammen das Spiel gelenkt und geordnet. So hatten wir den Gegner in meinen Augen trotz des Pfostentreffers absolut im Griff und haben ein reifes Spiel gezeigt, das wir so in der vergangenen Saison noch verloren hätten.“

Neben van der Vaart und Badelj sieht Fink auch in (natürlich) Adler sowie Heiko Westermann wichtige Stützpfeiler. „Zwei deutsche A-Nationalspieler zu stellen ist eine tolle Sache. Die deutsche Nationalelf ist sicher noch etwas schwieriger zu erreichen als die eine oder andere.“ Angst, dass sich in dem oft hitzigen Zweikampf Holland/Deutschland jemand verletzt, hat Fink nicht. „Rafael weiß, was er macht. Und ich gehe davon aus, dass er nicht über 90 Minuten spielen muss.“ Während Adler im Tor eher ungefährdet sein dürfte, würde Fink Westermann jede einzelne Minute Nationalelf gönnen. „Seine Formkurve geht steil nach oben. Die Neuzugänge haben ihm die Sicherheit gegeben, die er brauchte. Er kann sich wieder voll und ganz seinen eigenen Stärken widmen und das macht er. Er hat seine alte Stärke wieder, spielt zudem sehr gute Pässe ins Mittelfeld.“

Und nachdem bekannt wurde, das auch Jacopo Sala (Fink: „Er steht etwas hinten an. Mal sehen, wie es bei ihm weitergeht. Vielleicht werden wir ihn mal als Rechtsverteidiger probieren“) für die italienische U21 auflaufen soll und somit ebenso Spielpraxis bekommt wie Tomas Rincon mit Venezuela in Miami gegen Nigeria, scheint heute fast alles gut zu sein. Selbst der vielerorts heftig kritisierte Zeitpunkt des Länderspiels gegen die Niederlande stört Fink nur bedingt. „Die Terminlegung ist nicht optimal. Das sieht man auch an der Vielzahl der Spielerabsagen. Dennoch wollen wir ehrliche Fußballer und deshalb sollen auch alle bei ihren Nationalmannschaften spielen. Wir freuen uns für sie.“

Eine sehr gute Ansage, wie ich finde. Und eine, die ich zu 100 Prozent unterschreiben kann.

Bis morgen. Da wird um zehn Uhr an der Arena trainiert.
Scholle

P.S.: Heute Abend wird bei www.hsv.de eine Abstimmung gestartet, was mit der Bundesliga-Uhr in der Imtech-Arena passieren soll. Das Unikat ist seit dem Stuttgart-Spiel kaputt und eine Reparatur nicht möglich. Jetzt will der HSV von seinen Fans wissen, ob eine neue Uhr installiert werden soll oder ob der Platz für etwas anderes, beispielsweise den Ausbau von Stadionplätzen genutzt werden soll.