Tagesarchiv für den 11. November 2012

Ein Sieg, der einen Punkt brachte

11. November 2012

Ein 0:0 der besseren Art – heißt es ja oft so schön, wenn trotz der Nullnummer Musik im Spiel war. Und diese torlose Nummer in Freiburg war wohl ein solches Spiel. Langweilig jedenfalls war es zu keiner Sekunde – und gesprochen wird heute, morgen und übermorgen ganz sicher noch über diese bewegenden 90 Minuten. Allein deshalb, weil zwei Personalien hervorstachen: Paul Scharner zu Beginn, Rene Adler zum Schluss. Und mittendrin dann auch noch Namen wie Maximilian Beister, Heung Min Son und Rafael van der Vaart. Aus unterschiedlichen, ja sogar gegensätzlichen Gründen natürlich. Doch egal wie, unter dem Strich stand ein Punktgewinn, weil der HSV ja immerhin eine Stunde nur mit zehn Mann auf dem Platz war, weil „Oldie“ Scharner bei seiner Bundesliga.-Premiere leicht „verwachst“ hatte.

„Das habe ich mir natürlich etwas anders vorgestellt. Im Endeffekt habe ich drei Fouls begangen und dafür zwei Gelbe Karten erhalten – ich bin zutiefst enttäuscht, dass ich diese Situationen nicht routinierter gehändelt habe. Ich hätte abwarten müssen, statt drauf zu gehen, aber ich bin eben ein offensiv denkender Mensch und habe mich für den Zweikampf entschieden und bin dabei einen Schritt zu spät gekommen. Das habe ich bereits in dem Moment gemerkt, als ich die Entscheidung im Kopf getroffen habe“, sagte Scharner nach dem Spiel. Einsicht ist der beste Weg zur Besserung – oder wie heißt es? Wobei ich vermute, dass diese Einsicht nicht lange anhalten wird, denn der „Ösi“ ist eben ein Draufgänger, das ist seine Spielweise, er muss zur Sache gehen und dabei die Fetzen fliegen lassen – auch im zarten Alter von 32 Jahren noch.

Paul Scharner, der eigentlich nur lächelnd und gut gelaunt durch den Alltag geht (oder mit Bahn, Bus und Fahrrad fährt), war natürlich geknickt. Er hätte nun eine neue Karriere starten können, nämlich die in der Bundesliga, aber nun hat er wohl ganz schlechte Karten. Erstens kommt wohl Michael Mancienne bald zurück, und zweitens wäre wohl nun erst einmal Jeffrey Bruma der Ersatz (oder Vertreter) von Mancienne. Scharner darf und muss sich nun erst einmal wieder hinten anstellen.

„Für mich eine schwierige Situation. Erst die Verletzung, dann die lange Pause weil die Mannschaft ja stand, und nun bekomme ich die Chance und nutze sie nicht – das ist natürlich für mich sehr enttäuschend. Ich habe einfach die falsche Entscheidung getroffen, und das hat nichts mit mangelnder Spielpraxis zu tun, das wird innerhalb von einigen Wimpernschlägen auf dem Platz geregelt – nämlich in den Momenten, in denen man das machen muss“, erklärt Scharner. Und dann sagt er zum Spiel: „Ich bin mir definitiv sicher, dass wir hier gewonnen hätten, wenn wir nicht in Unterzahl gewesen wäre. Es tut mir sehr Leid für die Kollegen, aber ich bin auch sehr dankbar und gratuliere ihnen, dass sie so hart und so famos gearbeitet haben, um zumindest einen Punkt zu holen. Ich war als Zuschauer in der zweiten Halbzeit noch viel nervöser als zuvor auf dem Platz.“

Als sich Scharner bereits in der zehnten Minute sein erstes Gelb abgeholt hatte, da dachte ich mir schon, dass es eng für ihn werden würde. Vielleicht habe ich auch die „Schuld“, weil ich eben ein solches Szenario tags zuvor, als wir mit dem Innenverteidiger sprachen, befürchtet habe. Es ist genauso gekommen, wie ich gedacht hatte. Und vielleicht wäre – hinterher ist man natürlich immer klüger – es besser gewesen, wenn Scharner von Trainer Thorsten Fink nach diesem frühen Gelb ausgewechselt worden wäre. Zur Vorsicht, nicht aus Formgründen. Jeder Trainer hätte das erklären können. Aber Fink hat es riskiert, den Abwehrspieler auf dem Rasen zu lassen – das würde ich mal unter dem Stichwort „Künstlerpech“ verbuchen. Denn ich habe ja auch nicht mitbekommen, ob Thorsten Fink nicht noch zwischendurch auf Scharner eingewirkt hat, künftig vorsichtiger zu Werke zu gehen. Hat der Coach das gemacht, dann wäre es aus seiner Sicht vertretbar gewesen, Paul Scharner auf dem Platz zu lassen. Natürlich wusste Thorsten Fink das, was die meisten HSV-Fans auch schon wussten – weil dem Innenverteidiger ein gewisser Ruf vorauseilte: Scharner ist eben ein rustikaler Abwehrmann, der gerne, liebend gerne sogar beherzt zur Sache geht. Und da ist Gelb-Rot eben mal schneller drin, als bei einem anderen.

So, auch wenn es ein paar Minuten gedauert hat, ich habe das band abgehört (und die Stelle gesucht), auf dem ich mit Paul Scharner über „eine gewisse Übermotivation“ gesprochen habe. Ob so etwas in Freiburg bei ihm möglich wäre? Scharner: „Sagen wir mal so, ich bin hart aber herzlich. Aber ich bin immer fair, ich bin kein unfairer Spieler. Es ist natürlich immer die Gefahr da, dass man übertreibt, aber wenn man es sich vorher bewusst macht, dann ist die Gefahr doch schon wesentlich geringer.“ Meine Frage dann: „Machst du dir das selbst bewusst, oder macht das Trainer, muss er das machen?“ Scharner: „Nein, nein, das mach ich mir selbst bewusst.“ Daraufhin sagte mein Kollege Babak Milani (Bild): „Paul, du brauchst gar keinen Trainer, oder?“ Scharner: „Oh doch, natürlich, natürlich.“

Bitter für Paul Scharner – was Trainer Fink noch in Freiburg an Realismus verkündete: „Jetzt ist er gesperrt, und wenn wir am Sonnabend gegen Mainz 05 gewinnen sollten, dann habe ich keinen Grund, etwas zu verändern. Dann muss Paul wieder auf eine neue Chance warten.“ Und das kann dauern. Hoffentlich. Hoffentlich deswegen, weil ich keine gesperrten oder verletzten HSV-Innenverteidiger (und überhaupt – alle Spieler) sehen möchte. Auch nicht den Kapitän. Oder den vor allem nicht. Heiko Westermann war wieder einmal überragend. Und sagte in seinem Resümee: „Die erste Halbzeit war sicher eine der besten der Saison. Wir haben zielstrebig nach vorn gespielt, gute Chancen erarbeitet – da hätten wir zwei, drei Tore machen müssen. Nach dem Platzverweis haben wir dann das Beste daraus gemacht, ich blicke trotz allem positiv auf das Spiel zurück, wir waren von Anfang an wach, wir waren direkt auf dem Platz – nur hat uns diesmal leider die Effektivität, die uns in Fürth und in Augsburg noch ausgezeichnet hatte, gefehlt.“

Westermann über die nun folgenden Spiele gegen Mainz und in Düsseldorf: „Unsere Zielsetzung mit diesen sieben Punkten aus drei Spielen bedeutet nun, dass wir Mainz und Düsseldorf schlagen müssen.““ So einfach ist das. Nämlich nicht. Wir werden es erleben, wie hart diese Begegnungen für den HSV erst noch werden. Das fängt schon mit Mainz an. Mainz mit diesem immer brennenden und tobenden Trainer namens Thomas Tuchel am Rande. Ich bin gespannt, was sein Beschwerde-Brief an den DFB (oder auch an die DFL) bringen wird, der 05-Coach will sich ja über die Behandlung durch den „vierten Mann“ beschweren. Er ist eben nicht nur laut und aggressiv, er ist auch mutig.

Aber das ist Zukunftsmusik, zurück zum HSV und zum Freiburg-Spiel. Neben Westermann noch ein „bester Mann“: Rafael van der Vaart. Hat der Mann geschuftet! Hut ab! Und er stellte später fest: „Bis zur Roten Karte hat nur eine Mannschaft gespielt, und das waren wir. Wenn man darauf zurückblickt, dann ist das 0:0 natürlich enttäuschend, aber wir haben sehr positiv reagiert, deswegen fühlt sich dieses Unentschieden auch positiv an. Ich denke, es war ein Sieg der Moral, auch wenn dieser Sieg nur mit einem Punkt belohnt wurde.“

Das „Rafa“ auch ein Defensiv-Spezialist sein kann (und ist), das war mir bislang verborgen geblieben, aber nun hat er es allen gezeigt – auch mir. Großartig! Er ackerte defensiv und hatte damit offenbar keinerlei Probleme. Auch mental nicht. Er sagt: „Ich kenne diese Position, habe die schon einige Male gespielt, aber ich muss zu diesem Spiel sagen, dass ich wohl noch nie so viel gegrätscht habe, wie diesmal – aber es war ja auch das richtige Wetter dafür.“ Aber wer soll diese Klamotten wieder sauber bekommen? Frau Waschmaschinewski? Da werden Mario Mosa und Miroslav Zadach schon ihr ganzes Können aufbieten müssen, um diese verdreckten Sachen wieder „rein“ zu machen. Buntwäsche, 80 Grad – würde ich mal tippen.

Zum Platzvereis sagte van der Vaart noch: „Von den sieben Punkten, von denen vorher gesprochen wurde, haben wir schon mal einen. Aber das zeigt natürlich auch wieder: Man kann sich noch so viel vornehmen, und dann passiert auf dem Platz etwas Unvorhergesehenes, was alles über den Haufen wirft. Dann ist alles anders, und damit muss man umgehen – das haben wir prima getan.“

Und nun steht am Mittwoch Niederlande gegen Deutschland auf dem Programm. Mit van der Vaart, Adler und Westermann. Die „ewige 23“ über seinen „Gegner“ Rene Adler: „Er hat in Freiburg wieder hervorragend gehalten. Ich freue mich für ihn, dass der Bundestrainer ihn wieder eingeladen hat – und wenn er spielt, dann werde ich ihm einen einschenken, das ist ganz klar. Und dann fahre ich am Donnerstag mit meinem Holland-Trikot nach Hamburg . . .“

Antwort Rene Adler: „Das hat er gesagt? Na, dann können wir ja eine Wette machen. Wenn wir in Amsterdam gewinnen, dann muss er am Donnerstag im Deutschland-Trikot in Hamburg trainieren . . .“ Das kann ja lustig werden.

Nicht ganz so lustig ging ja die Partie am Sonnabend für Adler zu Ende, denn er fuhr ja – die Fernsehbilder belegen es schonungslos – seinen Ellenbogen gegen den Freiburger Max Kruse aus – und sah „nur“ Gelb dafür. Adlers Erklärungen: „Gelb habe ich bekommen, weil ich weit aus meinem Tor herausgelaufen bin, das war eine Dummheit. So wie die dann folgende kleine Rangelei. Ich habe ihn nicht geschlagen, aber ich habe ihn berührt, das habe ich dem Schiedsrichter auch gesagt, und er hat die Situation dann richtig eingeschätzt.“

Zum Glück für den HSV, zum Glück für Adler. Das hätte auch anders ausgehen können, ganz sicher. Also muss ich meinem „Lieblings“-Schiedsrichter Günter Perl (München) mal ein Kompliment machen – er hat einen, mindestens einen gut bei mir.

Zu seiner Länderspiel-Nominierung sagte Rene Adler noch: „Ich habe sehr viele SMS bekommen, das ist mir eigentlich immer unangenehm, wenn mir Leute zu etwas gratulieren, aber ich fand das diesmal so toll, dass ich auch jede SMS beantwortet habe. Es waren alle dabei, alte Weggefährten alte Mitspieler, Trainer, Freunde, Leute, von denen ich länger schon nichts gehört hatte – das war eine Freude für mich.“ Der derzeit überragende Keeper fügte noch hinzu: „Ich bin unheimlich glücklich, dass ich wieder dabei bin, und noch schöner wäre es natürlich, wieder zum Einsatz zu kommen, aber davon gehe ich erst einmal nicht aus, das liegt ja auch nicht bei mir. Holland gegen Deutschland ist ein Prestige-Duell, da ist kein Platz für Rotation oder Experimente, es geht für uns ja auch darum, das Kalenderjahr positiv zu beenden. Da stehen wir als Mannschaft schon unter Druck, gerade nach dem 4:4 gegen Schweden.“
Ja, er ist schon erste Sahne, dieser Rene Adler – ein Supermann! Wer sagt schon so etwas? So fair! Einfach nur toll.

Auch Thorsten Fink lobte Adler: „Er war wieder Weltklasse. So kennen wir ihn.“ Zum Platzverweis befand der Coach: „Darüber muss man nicht diskutieren, der war berechtigt. Das muss Paul noch lernen, dass in Deutschland härter durchgegriffen wird als in England.“ Dann gab es auch noch ein generelles Lob an das Team: „Mit der Reaktion der Mannschaft bin ich aber sehr zufrieden, ein solches Rot hätte uns vor einigen Monaten noch umgehauen, aber man hat gesehen, dass wir jetzt Spieler in unseren Reihen haben, die solche Situationen schon erlebt haben und genau wissen, wie man reagieren muss. Leute wie Rafael van der Vaart, der das Ganze dann in die Hand genommen hat, der hinten und vorn war – mehr geht nicht, besser kann man nicht spielen.“

Fink aber war nicht entgangen, dass in Freiburg mehr möglich gewesen wäre. Ohne Rot, mit treffsicheren Schützen. Der Trainer: „Wir hatten die Chancen, früh in Führung zu gehen, leider haben wir sie ausgelassen. Uns hat die Abgeklärtheit gefehlt.“ Weil diesmal Heung Min Son und vor allem Maximilian Beister kein Zielwasser getrunken hatten (welch ein blöder Begriff – Zielwasser. Ich entschuldige mich dafür!). Besonders Beister vergab ja “dicke Dinger”. Dabei hatte der Trainer zuletzt immer davon gesprochen, wie “effizient” der HSV doch geworden sei. Ein dickes HSV-Plus ist das gewesen, so Fink, aber dem HSV fehlt eben noch immer Konstanz – auf allen Gebieten. Gut Ding will Weile haben.

Zu “Maxi” Beister befand Fink: “In guten Zeiten macht er diese Chancen alle rein, aber ich glaube total an ihn. Er wird sich seine Treffsicherheit wieder erarbeiten, das wird er uns schon wieder zeigen. Ich vertraue auch darauf, dass er aus diesem Spiel die richtigen Schlüsse ziehen wird.”

Ein richtig erfreuliches Ereignis gab es heute noch zu vermelden: Tolgay Arslan hat ja eine Einladung zur U-21-Nationalmannschaft erhalten – zur deutschen. Gegen die Türkei. In Bochum. Und wer zuerst kommt, malt zuerst. Arslan hatte gesagt, dass er darauf wartet, er zuerst kommt. Und das war nun der DFB. Und so wie es jetzt aussieht, war das entscheidend für die Zukunft des Mittelfeldspielers, der nun „Deutscher“ bleiben will – Fußball-„Deutscher“. Herzlichen Glückwunsch, Tolgay – die richtige Entscheidung.

So, ich bin jetzt schon lang und auch schon spät dran, aber eines muss ich schnell noch loswerden: Ich las heute in der Bild, dass sich Dortmunds Torwart Roman Weidenfeller beklagt hat: „Ich werde in Sachen Nationalmannschaft regelmäßig übergangen.“ Ja, so ist es. Aber ja nicht nur er. Auch Talente wie Düsseldorfs Giefer, Leverkusens Leno und der Frankfurter Trapp (super gegen die Bayern!) werden übergangen. Obwohl sie alle mal sensationell halten – sehr oft sogar. Aber: Wenn „Jogi“ Löw elf Torhüter aufstellen dürfte, dann würde er wahrscheinlich auch Weidenfeller mal bringen . . .

PS: Morgen, am Montag, herrscht im Volkspark Ruhe, die Profis trainieren nicht.

19.15 Uhr