Tagesarchiv für den 7. November 2012

Weshalb Freiburg mit zwölf Mann “spielt”

7. November 2012

Am Tag vor dem Champions-League-Spiel bei Real wurden die Dortmunder Spieler beim Training im Bernabeu-Stadion zu Madrid im Fernsehen gezeigt. Wie sie liefen, wie sie dribbelten, wie sie schossen. Und auch wie sie nach der Einheit lachend und bestens gelaunt in Richtung Kabine gingen. Es waren Nahaufnahmen. Und da dachte ich an diesem Montag noch so bei mir: „Wenn die Spanier diesen Film-Beitrag sehen, vor allem aber die Real-Stars, die werden doch glauben, sie treten morgen gegen eine Schüler-Mannschaft an. So jung sahen zum Beispiel Marco Reus, Mario Götze, Neven Subotic oder auch Marcel Schmelzer aus. Fast wie Fußball-Bubis – und das meine ich absolut nicht despektierlich. Und wenn man dann gesehen hat, wie beherzt, wie traumhaft sicher diese „BVB-Knaben“ am nächsten Tag im Wohnzimmer des vielleicht größten Vereins der Welt (damit ist nicht die Mitgliederzahl gemeint, sondern das Renommee) aufspielten, jedenfalls eine Halbzeit lang, der muss total „von den Socken“ gewesen sein. Dortmund zauberte – wie schon in Manchester – Fußball auf den heiligen (Real-)Rasen. Und wenn man, nun schließt sich der Kreis, daran denkt, dass diese Borussen-Rasselbande kürzlich noch mit 2:3 gegen den HSV verlor, dann muss man doch annehmen, dass diese Hamburger Dortmund-Bezwinger auch schon wieder auf dem besten Wege sind, in die Spitze des deutschen Fußballs zurückzukehren. Hoffentlich zeigt genau das der HSV auch am Sonnabend von 15.30 Uhr bis 17.20 Uhr, wenn es beim höchst unangenehmen SC Freiburg um Bundesliga-Punkte geht.
Hoffentlich.

Beim heutigen Training im Volkspark fehlten gleich sechs Profis. Immer noch die erkälteten Per Ciljan Skjelbred und Michael Mancienne, dann die länger verletzt ausfallenden Petr Jiracek und Ivo Ilicevic, zudem Dennis Diekmeier und Gojko Kacar, die beide unter einem dicken Knöchel leiden. Kacar hatte sich ja beim Regionalliga-Spiel des HSV gegen Werder II verletzt, spielte aber ja auch noch keine Rolle in den Plänen von Trainer Thorsten Fink, denn der Mittelfeldspieler hat ja noch einen hohen Trainingsrückstand zu bewältigen. Diekmeier soll, so verriet uns Fink, morgen (Donnerstag) wieder ins Mannschaftstraining einsteigen, wie es um die beiden Erkälteten steht, war nicht bekannt. Es könnte aber bei Mancienne leicht eng werden, denn ihm fehlen nun schon zwei Trainingstage. Sollte er auch am Donnerstag passen müssen, so könnte die Stunde des Ersatzmannes schlagen. Das wäre in meinen Augen dann Jeffrey Bruma. Trotz der Konkurrenz eines Paul Scharner.

Wo ich gerade bei diesen beiden Spielern bin. Sie spielten ja am Dienstag gegen Werder Bremen – und wie sich die Experten doch irren können. Oder daneben liegen können. Es waren ja unglaublich viele Scouts aus der gesamten Republik am Start, und einer davon sagte mir, dass er Scharner „ganz schwach“ gesehen habe. Und dass ihm Bruma deswegen nicht sonderlich gefallen habe, weil er wenig Engagement gezeigt habe. Auf die Frage, wie Thorsten Fink diese beiden Profis gesehen habe, antwortete der HSV-Coach nur kurz und knapp: „Sehr engagiert.“

Das kann ich nur unterstützen. Obwohl ich ja nie ein Profi war – wie ja die vielen und meisten Scouts. Dennoch behaupte ich mal, dass sowohl Bruma als auch Scharner sehr wohl eine engagierte Partie gespielt haben. Bruma nur etwas effektiver. Er hat mir viel besser gefallen, als in so mancher Trainingseinheit. Und nach dem Spiel in Norderstedt, trotz der drei Tore der Bremer, wäre mir nicht unwohl, wenn am Sonnabend in Freiburg Bruma statt Mancienne beim HSV in der Innenverteidigung spielen würde (oder müsste). Das schreibe ich trotz der Tatsache, dass auch Jeffrey Bruma ganz sicher Spielpraxis fehlt – aber das geht den anderen Innenverteidigern ja ebenso.

Apropos Verteidiger. Es geht ja vor dem Freiburg-Spiel auch in einer etwas diffizileren Sache und mannschaftsintern um den linken Abwehrmann in der Viererkette. Dennis Aogo oder Marcell Jansen, das ist hier die Frage. Wobei ich mich schon mal festlege: Aogo wird hinten links spielen, Jansen davor. Aber das ist natürlich – wie immer – ganz allein Sache des Trainers. Und der hat die Karten noch nicht offengelegt. Auch im Training war in dieser Beziehung nichts zu erkennen.

Grundsätzlich überrascht mich dieses „Duell“ schon ein wenig, denn Dennis Aogo hat nun über vier Jahre hinten links gespielt, und Jansen davor. Beide haben sich in ihren Rollen gut oder auch bestens zurechtgefunden, beide hatten ihre Positionen auch für sich akzeptiert. Dann fehlte Aogo wegen schlechter Blutwerte über viel Wochen, Jansen muss hinten links aushelfen – und fand Gefallen an diesem Posten. Plötzlich und unerwartet – für mich. Obwohl, so ganz unerwartet dann doch nicht, denn es fielen ja in diese Zeit hinein einige Länderspiele. Mit einem schwächeren linken Verteidiger namens Marcel Schmelzer. Und mit dem Kommentar des Bundestrainers, dass er „hinten links kaum oder fast keine Alternativen“ habe. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Jansen witterte offenbar Morgenluft. War das seine Chancen, auf „hinten links“ wieder in die Nationalmannschaft zu kommen? Er wollte auf jeden Fall hinten links bleiben – beim HSV.

Und daraus ergibt sich dieses Duell Aogo/Jansen. Wobei ich ganz klar sagen muss, dass Marcell Jansen bislang ein sehr solider Aogo-Ersatz war. Er spielte engagiert, fast immer auf einem guten Niveau. Er hängte sich rein, grätschte viel und erfolgreich (nur gegen die Bayern nicht) – da gibt es wirklich nicht viel zu meckern, aber: Das Duo Aogo/Jansen hatte es zuvor und über Jahre auch gemeinsam auf der linken Seite (ganz) gut gemacht. Aogo auf die Frage, wie er derzeit dazu stehe: „Was soll ich dazu sagen?“ Ich fragte nach: „Überrascht es dich?“ Er: „Nein, weil es diese Thematik und auch dieses Diskussion ja schon mal gab. Vor einem Jahr habe ich ja schon mal für drei Spiele gefehlt. Aber okay, ich nehme die Situation so an, wie sie jetzt ist. Marcell hat gesagt, dass er auch hinten links spielen möchte, und dann ist es am Ende allein die Entscheidung des Trainers.“ Dennis Aogo beeilte sich aber, noch anzufügen: „Mein Verhältnis zu Marcell ist dadurch nicht verändert, wir reden ganz normal miteinander, gehen ganz normal miteinander um. Warum auch nicht? Wir haben vier Jahre zusammen auf einer Seite gespielt. Und ich wüsste nicht, warum wir das nun auf einmal tauschen sollten? Vier Jahre lang hat es bei übergreifend sechs Trainern gut funktioniert, warum sollte sich das jetzt ändern?“ Dann sagte der Nationalspieler ganz klar: „Ich würde die Situation gerne wieder so haben, wie sie vier Jahre lang war.“

Und das kann ich verstehen. Schließlich wurde Dennis Aogo in dieser Zeit Nationalspieler. Und will es auch gerne wieder werden. Mit dem Bundestrainer hat er während seiner jüngsten Durststrecke auch Kontakt gehabt, aber über den Inhalt der Gespräche schweigt der HSV-Profi. Ist wohl auch besser so. Mich hatte zuletzt an „Jogi“ Löws Aussagen, er hätte „hinten links kaum oder fast gar keine Alternative“ (zu Schmelzer), gestört, dass das so total ohne an Aogo zu denken gesagt wurde. Ich dachte sehr wohl immer daran, dass Löw dann eine Alternative hätte, wenn Dennis Aogo erst wieder fit ist. Und natürlich wieder spielt. Hinten links. „Als der Bundestrainer das damals gesagt hatte, war ich ja nicht einmal annähernd spielbereit. Ich habe es auch so verstanden, dass er das auf diese damaligen Länderspiele gesagt hat – und nicht allgemein.“ Zum Thema Nationalmannschaft befand Dennis Aogo für sich: „Wenn ich regelmäßig spielen werde, und dann auch wieder in Form bin, dann kann dieses Thema durchaus wieder aktuell werden, aber im Moment steht dieses Thema bei mir überhaupt nicht im Focus.“
Ball wunderbar flach gehalten, das ist vorbildlich. Und was soll es denn auch? Erst einmal wieder beim HSV richtig Fuß fassen, dann wird sich alles von allein ergeben – so oder so.

Und vielleicht ergibt sich ja bereits am Sonnabend die Konstellation, dass Aogo wieder hinten links zum Zuge kommt. Und das dann in Freiburg – bei seinem ehemaligen Klub. Und dieser SC Freiburg hat jetzt jenen Trainer, den Dennis Aogo einst auch im SCF-Nachwuchsbereich hatte: Christian Streich. Und der HSV-Profi gerät ins Schwärmen, wenn er von seinem ehemaligen Lehrmeister spricht: „Er hat den Spagat zwischen extrem hart sein, Disziplin einfordern, und trotz allem weich sein und Gefühle zeigen, emotional sein – das ist ein perfekter Mix aus allem. Und ich schätze ihn, das will er aber nie hören, unglaublich, er ist einer der großen Persönlichkeiten und Menschen, die mich am meisten vorangebracht haben.“ Dann ergänzte Aogo noch: „Wir haben viel gemeinsam erlebt, wir haben zusammen geweint und gelacht, wir haben unglaublich viel gemeinsam erlebt – ich habe unglaublichen Respekt vor ihm.“

Geht mir genauso. Obwohl ich den 47-jährigen Streich nicht persönlich kenne. Wenn ich ihn aber – via Fernsehen – bei den Spielen seiner Mannschaft an Rande herumtoben sehe und höre, dann stehe ich in Gedanke stramm. Mit diesem „harten Hund“ möchte ich niemals Nase an Nase stehen – obwohl ich in dieser Disziplin schon einige Trainer, wie zum Beispiel die „harten Hunde“ Otto Rehhagel und Egon Coordes, hinter mir habe. Früher, als ich noch selbst spielte, habe ich ungern gegen Mannschaften gekickt, deren Trainer am Rande „mitgespielt“ haben – wie ein zwölfter Mann. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass ich auch den Mann da draußen erst noch umspielen muss, wenn ich auf das gegnerische Tor zulaufen will. Streich gibt da draußen immer alles. Und es ist auch nicht immer alles schön, was er da von sich gibt – aber er ist so, das muss (wohl) alles so sein, sonst wäre er nicht er.

„Das Ding ist, wenn man Christian Streich kennt, dann weiß man, dass seine Mannschaft zu tausend Prozent motiviert ist. Und laufen wird ohne Ende. Und ich weiß: wer bei ihm nicht spurt, der spielt nicht. Da ist er radikal. Und dann weiß man genau, was auf einen zukommt. Die Freiburger werden keinen Meter zu wenig laufen, da wird sich keiner schonen – so etwas gibt es bei ihm nicht. Ja, es stimmt schon, er ist fast so etwas wie der zwölfte Mann, er versprüht da draußen etwas wie eine zusätzliche Energie für seine Mannschaft.“

Der Jugendtrainer Streich, Sohn eines Metzgers, wollte nie in die Bundesliga („Das Geschäft ist mir zu falsch und zu oberflächlich“), und deswegen hat auch Dennis Aogo seinem ehemaligen Coach nie eine Bundsliga-Karriere zugetraut. Obwohl er die fachlichen Voraussetzungen immer gehabt hat. Dennis Aogo: „Dann kam er aber an einen Punkt, an dem es um den Verein ging. Er wurde gefragt, ob er Liga-Trainer werden will, und ein anderer Mann aus dem Verein. Da Streich es nicht verantworten konnte, dass der Kollege den Verein übernimmt, da hat er es dann in dieser Situation doch gemacht.“ Zum Wohle des Klubs, zum Wohle des SC Freiburg. Als Streich übernahm, da wurde die „graue Maus“ der Liga zum „Absteiger Nummer eins“ abgestempelt. Zumal damals, Ende Dezember 2011, noch Torjäger Papiss Demba Cisse zu Newcastle United abgegeben werden musste – aus finanziellen Gründen. Aber Streich rettete Freiburg nicht nur, er etablierte den Verein sogar im Mittelfeld der Liga – und belegte bei der Wahl zum Trainer des Jahres hinter Jürgen Klopp und Lucien Favre den sensationellen dritten Platz. Auf Anhieb Platz drei!

Aogo: „Er hat natürlich auch gelegentlich Methoden, die im Grenzbereich anzusiedeln sind. Wenn er zum Beispiel mit dir Gesicht an Gesicht steht und so laut schreit wie er kann. Oder wenn er wütend einige Dinge durch die Kabine feuert. Oder auch mal das eine oder andere Schimpfwort fällt. Das kann schon alles passieren. Und da dachte ich mir, dass er das wohl recht schwierig im Profi-Fußball wird umsetzen können – wenn er so vor einem gestandenen Profi steht. Aber er hat den Spagat wunderbar geschafft. Kompliment.“

Aber nicht nur Christian Streich hat es Dennis Aogo angetan, auch die Stadt Freiburg: „Es ist etwas Besonderes, wieder dort zu sein. Da hatte ich mit die wichtigste Phase, die man als Mensch hat, nämlich die Zeit zwischen 15 und 21 Jahren. Diese Phase habe ich in Freiburg verbracht, und jeder Mensch weiß, dass man in diesem Alter auch viel Mist baut. Das werde ich nie vergessen.“ Klar. Und ich werde nicht vergessen, dass ein Freiburger Kollege damals, als Aogo gemeinsam mit Jonathan Pitroipa zum HSV wechselte, gesagt hat: „Pitroipa wird euch helfen, Aogo aber wird überschätzt.“ Es kam genau umgekehrt. Und ich hoffe sehr, dass auch der letzte HSV-Fan bald anerkennt, wie stark sich Dennis Aogo nach ganz oben, in die Nationalmannschaft bis hin zur Weltmeisterschaft, gekämpft hat. Und in dieser gesamten Zeit hat er sich stets darum bemüht, in einer intakten HSV-Mannschaft zu spielen, er hat sich für das Team und für die Kollegen eingesetzt, hat stets Verantwortung übernommen. Und wenn das nun auch (endlich einmal) Anerkennung beim oftmals so kritischen eigenen Anhang finden würde, dann wäre ich glücklich. Deshalb drücke ich Dennis Aogo auch beide Daumen, dass er so schnell wie möglich wieder in diese HSV-Mannschaft zurückkehren kann.

So, zum Schluss noch zwei Meldungen aus dem Lager des Gegners.

Der SC Freiburg bangt vor dem Punktspiel gegen den HSV um Abwehrspieler Matthias Ginter. Der 18 Jahre alte Innenverteidiger kann nach seinen Rückenproblemen zwar wieder Joggen, der Zeitpunkt für die Rückkehr ins Mannschaftstraining ist aber noch ungewiss. Dagegen soll Mittelfeldspieler Johannes Flum nach seiner auskurierten Grippe am Donnerstag wieder mit dem Team üben.

Und die zweite Meldung:

Innenverteidiger Beg Ferati steht beim Fußball-Bundesligisten SC Freiburg vor dem Absprung. „Ich gehe weg, zu 100 Prozent“, sagte der Schweizer Abwehrspieler der „Basler Zeitung“ (Mittwoch). Schon in der Winterpause solle ein Wechsel über die Bühne gehen. Feratis Vertrag läuft noch bis Juni 2014.
Der 25-Jährige kritisierte seinen Arbeitgeber scharf: „Ich bin nichts, nicht mal eine Nummer.“ Er werde nicht mehr beachtet, sondern nur noch im Training geduldet. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, wird Ferati zitiert.
SC-Sprecher Rudi Raschke wies die Vorwürfe am Mittwoch auf Anfrage zurück: „Das sind glatte Unwahrheiten, absoluter Blödsinn. Er wird fair behandelt. Er ist eingebunden und es wird auch mit ihm gesprochen“, versicherte Raschke. Es habe mehrfach ausführliche Gespräche mit Ferati über dessen Perspektive gegeben. Der Defensivspieler war im Sommer 2011 vom FC Basel nach Freiburg gewechselt. Für den Sportclub bestritt er bislang sechs Bundesligaspiele.

PS: Morgen (Donnerstag) sollte eigentlich um 10 Uhr Training sein. Da der HSV die Pressekonferenz aber auf 11.30 Uhr vorgezogen hat, weiß ich nicht, ob es bei 10 Uhr auf dem Trainingsplatz bleibt (geblieben ist). „Lass dich überraschen“ – hat einst Rudi Carrell gesungen. Wobei mir einfällt, dass ich mit ihm auch einst einen Doppelpass machen durfte. Der hatte echt viel Ahnung vom Fußball, ich war überrascht. Er besuchte aber auch oft Bundesliga-Spiele eines (etwas grün angehauchten) Nordvereins . . .

19.08 Uhr
Einen wunderschönen Feierabend für euch und eure Lieben.

Nur der HSV!