Tagesarchiv für den 4. November 2012

Fink: “Nach 20 Minuten kein Fußball mehr”

4. November 2012

Grundsätzlich fand ich es gut, dass sich Thorsten Fink etwas hat einfallen lassen. Gegen die übermächtigen Bayern. Und wenn ich der letzte bin, der den HSV-Coach in diesem Punkt verteidigt, aber ich war vor dem Spiel erfreut, dass er auf den starken und schier übermächtigen Gegner reagiert hat – und ich bin es jetzt immer noch. Obwohl das „Ding“ irgendwie dann doch in die Hose“ gegangen ist: Artjoms Rudnevs raus, Tomas Rincon auf die Sechs, Rafael van der Vaart als „verkappte“ Spitze. Fink wollte der Mannschaft damit helfen, er wollte die Defensive stärken – und hat sich und der Mannschaft, er wird es nun auch wissen, keinen großen Gefallen damit getan. Fink hat dafür noch am Abend von allen möglichen Seiten und von den meisten Experten viel Kritik einstecken müssen. Aber könnt ihr euch noch daran erinnern, was kürzlich BVB-Trainer Jürgen Klopp gemacht hatte? Fünf Mittelfeldspieler. Ging auch gründlich daneben – und der Trainer des Jahres nahm danach die Schuld voll auf sich. So ist es eben auch mal, nicht jede taktische Maßnahme eines Trainers geht auf, kann aufgehen Ich fand es nur gut, dass Thorsten Fink „seine“ Mannschaft, die zuletzt immer (fast) unverändert gespielt hatte, nicht einfach wieder kommentarlos auf den Rasen schickte, sondern dass er den Bayern das Leben mit einer defensiver ein- und aufgestellten Elf erschweren wollte. Und nun auch Schluss mit Taktik. Für mich jedenfalls.

Natürlich nahm Thorsten Fink zu dieser Thematik nach dem Spiel noch Stellung. Indem er sich und seine Gedankengänge verteidigte: „Die Taktik hat uns in der ersten Hälfte gutgetan. Wir haben nur wenige Chancen zugelassen, meine Mannschaft hat das ordentlich gemacht. Trotzdem haben wir nicht das gebracht, was wir bringen können. Vielleicht sehe ich das falsch, aber wir haben nicht viel zugelassen. Deshalb war ich zufrieden. Aber wenn man hinten liegt, muss man natürlich offensiver spielen, deswegen habe ich zur Halbzeit gewechselt. Mit Tomas Rincon, der dann draußen blieb, war ich aber trotz allem zufrieden.“

Auf die Frage, ob Thorsten Fink auch künftig hin und wieder die Taktik ändern werde, sagte der Coach: „Sicher nicht ständig, aber wir müssen in gewissen Situationen flexibel bleiben. Wir haben das unter der Woche eigentlich gut trainiert, aber es ist natürlich auch schwierig gegen Bayern die Vorgaben zu 100 Prozent durchzuziehen. Wir waren auch ein bisschen zögerlich, haben sicherlich auch zu viel Respekt gezeigt – und das nutzen die Bayern dann natürlich eiskalt aus.“ Aber das hatte auch ganz sicher nicht nur etwas mit „zögerlich“ und zu viel „Respekt“ zu tun, sondern auch mit dem großartigen Auftritt der Bayern. Es war schon beeindruckend, wie die Münchner die Hamburger schon an deren Strafraumgrenze attackierten. Da blieb ja kaum Zeit zum Luftholen, kaum einmal Zeit, in aller Ruhe einen Spielaufbau anzudenken und zu versuchen. Schwupps, und schon stand demjenigen Hamburger, der den Ball führte, ein Bayer auf den Füßen. Da kann man dann in der Woche vor dem Spiel noch so gut und auch alles Mögliche trainieren – wenn der Gegner nicht „mitspielt“, dann hat man als ohnehin schon schwächeres Team kaum noch eine Chance, ins Spiel zu finden.

In seinem Resümee befand Trainer Fink dann auch: „Ich bin natürlich nicht zufrieden, ich hätte gerne gewonnen, aber von einem Sieg waren wir weit entfernt. Nach dem unglücklichen ersten Gegentor haben wir endgültig unser Selbstvertrauen verloren. Wir können es besser, Bayern aber hat hervorragend gespielt und verdient gewonnen.“ Letzteres war nun gar kein Thema. Der HSV war hoffnungslos unterlegen und konnte froh sein, dass die Münchner nach dem 3:0 nur noch an Lille und die Champions League gedacht haben.

Die Zahlen dieses Spiels waren trotz dieser Münchner Schonungs-Phase beeindruckend – für den Rekordmeister:

14:7 hieß es nach Torschüssen, 5:2 nach Eckstößen, 52:48 Prozent Ballkontakte, 57:43 Prozent gewonnene Zweikämpfe – alles für die Bayern. Nur bei den Fouls lag der HSV mit 17:13 vorn. Und in Sachen Ballkontakten gab es ein Remis: Heiko Westermann und Franck Ribery hatten jeweils 97. Die jeweils zweikampfstärksten Spieler: Westermann gewann 86 Prozent, Schweinsteiger 77.

In keiner Statistik taucht dabei Rafael van der Vaart aus, der natürlich der HSV-Leidtragende dieser taktischen Maßnahme des Trainers war. Der Niederländer nahm phasenweise gar nicht am Spiel teil, er hechelte oftmals (und total nutzlos) hinter langen Bällen her und vergeudete so unnütz sehr, sehr viel Kraft. Und seine eigentlichen Stärken, nämlich den Spielaufbau in vernünftige Bahnen zu lenken, blieben an diesem Abend Mangelware. Auch nach der Umstellung im zweiten Durchgang, als Fink alles wieder so auf Null drehte, sodass dann „seine“ Stamm-Formation spielte. Aber da war es schon viel zu spät. Was – ich muss es noch einmal sagen – immer noch keine Kritik sein soll. Und es ist auch ganz sich kein Anbiedern von mir an Fink, der seine Mannschaft vor dem Anpfiff im Kreis wohl so heiß wie noch nie gemacht hatte. Und der natürlich sehr geknickt war, weil er ja gegen seinen alten Klub verloren hatte. Dabei hätte er seinem ehemaligen Arbeitgeber ganz sicher nur zu gern bewiesen, dass er auf dem besten Wege ist, ein richtig guter und demnächst auch großer Trainer zu werden.

Zum Sonder-Thema van der Vaart bezog der HSV-Coach selbstverständlich auch noch kurz Stellung: „Dass von ihm nicht so viel zu sehen war, das lag daran, dass wir nach 20 Minuten aufgehört haben, Fußball zu spielen. Einen Rafael van der Vaart brauche ich nicht hoch anspielen. Die ersten 15 Minuten, als wir die Bälle erobert haben und ihn flach angespielt haben, hat das funktioniert. So habe ich mir das vorgestellt. Dann haben wir das von hinten raus schlecht gemacht.“

Dass die Umstellungen des Trainers letztlich nichts mehr bewegten, das hatte sicherlich auch mit den Ausfällen einiger Spieler zu tun, die nie ihre Normal-Form erreichten. Maximilian Beister zum Beispiel bekam in dieser Partie kein Bein auf die Erde, ihm gelang nichts. Ich hätte ihn schon zur Pause „erlöst“, aber Fink hat eben noch gehofft (und/oder Vertrauen gehabt). Auch das ist in Ordnung. Und grundsätzlich ist es so, dass sich niemand beschweren oder gar aufregen muss, dass Beister gespielt hat. Vor Wochen noch haben alle Beisters Einsatz „gefordert“, im Norden (der Arena) haben sie den Namen des stürmenden Mittelfeldspielers immer wieder und lauthals gefordert. Auch das ist und war in Ordnung. Aber nun haben alle gesehen, dass da noch einiges an Arbeit sowohl auf „Maxi“ Beister als auch auf das Trainer-Team wartet. So schnell schießen die Preußen dann eben doch noch nicht, auch wenn es viele Fans (auch ich, gebe ich zu) gerne gesehen hätten.

Und auch Tolgay Arslan erging es gegen die Bayern nicht viel besser als Beister. Der neue „Sechser“ des HSV wirkte nervös und war offenbar doch mit zu großem Respekt auf den Rasen gelaufen. Und wenn es allgemein in einer Mannschaft nicht läuft, dann sind es eben auch nicht selten die Talente, die dann zuerst untergehen. Zudem stand beim HSV ja auch ein „alter Hase“ wie Milan Badelj zu 80 Prozent nur neben sich. Und Heung Min Son sowie Marcell Jansen hatten zuvor in den Spielen schon wesentlich selbstbewusster aufgetrumpft. Und gegen eine so bärenstarke Bayern-Mannschaft kann man nur dann bestehen, wenn alle 100 Prozent abrufen. Und letztlich bewahrheitete sich auch wieder einmal eine alte Fußball-Weisheit: „Man spielt immer nur so gut, wie der Gegner es zulässt.“ Und die Bayern ließen nach 20 oder 30 Minuten gar nichts mehr zu – und spielten selbst groß auf. Weil der HSV eben sehr viel zuließ.

Kurios, das fällt mir jetzt in diesem Zusammenhang und in diesem Moment ein: Mittags vor dem Spiel stand ich auf dem S-Bahnhof Stellingen (Arenen), stieg in der Mitte des Zuges ein. Da prangte ein großes Plakat von Uli Hoeneß. Der Bayern-Boss wirbt in diesen Tagen und Wochen – gemeinsam mit vielen Prominenten – für die Rundfunkgebühren. Und unter dem Kopf von Hoeneß stand (steht) folgender Spruch: „Unbequem muss möglich sein.“ Da dachte ich spontan (wie gesagt, mittags) an das Spiel. Und daran, dass der HSV hoffentlich sehr unbequem für die Bayern werden würde. Weil ja sogar Uli Hoeneß es auch öffentlich erlaubt. Nach dem klaren Sieg befand Hoeneß zum Spiel: „Es macht einfach Spaß, unserer Mannschaft zuzusehen, wenn sie losgelassen wird, wenn man sie spielen lässt. Und wenn sie in Führung geht, dann ist es fast schon Fußball-Kunst, was dann gespielt wird.“
Stimmt. Wenn es nicht gerade gegen den HSV gewesen wäre, dann hätte man dieses fußballerische Feuerwerk (allein der Auftritt von Franck Ribery war ja ein Hochgenuss) auch uneingeschränkt genießen können . . .

Kein Genuss war für mich auch das Torwart-Duell. Weil Rene Adler unter Dauerbeschuss stand und drei Treffer kassierte, und weil Manuel Neuer auch ohne Torwarthandschuhe hätte spielen können und trotzdem kein Gegentor kassiert hätte. Deswegen tut es mir auch ein wenig (mehr) Leid, dass Adler danach befand: „Dieses Duell habe ich heute grandios verloren.“ Das Wort „grandios“ würde ich schon mal streichen. Verloren ja, aber das war es auch schon. Natürlich sah er beim 0:2 von Müller „alt“ aus, aber ansonsten hielt der HSV-Schlussmann doch gut. Thorsten Fink sagte zum 0:2 übrigens: „Das war ein Geniestreich von Müller, damit konnte Rene nicht rechnen, ich möchte ihm da keinen Fehler unterstellen.“ Adler aber selbst gab zu: „Da hatte ich ein wenig die Orientierung verloren. Dennoch muss ich auch sagen, dass Müller das auch gut gemacht hat.“ So ist es.

Für den HSV aber sind die nächsten Spiele ganz entscheidend. In Freiburg, zu Hause gegen Mainz 05 und dann nach Düsseldorf. Da wird sich zeigen, wohin der Weg führen wird. Das sind nämlich Gegner, die keine so klangvollen Namen wie die Bayern haben, aber Gegner, die höchst, höchst unangenehm sind. Da müssten eigentlich Punkte geholt werden, aber eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Auch wenn jetzt der eine oder andere HSV-Fan lächeln wird – nur was ist denn heute noch in dieser so ausgeglichenen Liga ein Selbstgänger? So etwas gibt es gar nicht

mehr . . .

Personell gibt es beim HSV drei Dinge zu vermelden:

Petr Jiracek fällt wegen einer Schambein-Entzündung weiterhin aus, es gibt sogar die Befürchtungen, dass der Tscheche bis Ende des Jahres wird pausieren müssen. Das wäre natürlich die Härte. Hoffen wir, dass sich das nicht so bewahrheitet, obwohl es im Moment nicht so gut aussieht.

Dazu wird auch Ivo Ilicevic weiterhin fehlen, sein Einsatz gegen Freiburg ist auf jeden Fall schon jetzt ausgeschlossen.

Und die dritte Nachricht: Thorsten Fink hat sich mit Slobodan Rajkovic ausgesprochen, es soll ein gutes Gespräch gewesen sein – am Montag soll eine Entscheidung mitgeteilt werden. Ich gehe (und zwar zu 100 Prozent) davon aus, dass morgen die Begnadigung des Innenverteidigers verkündet wird. Und ich würde das auch begrüßen.

Dann noch ein kleiner Hinweis für die Kollegen von „HH1“: Maximilian Beister vom HSV ist am Montag zu Gast in unserer Sendung “Rasant”. Die gibt es live um 20:15 Uhr, dazu als Wiederholung um 22:15 Uhr.

PS: Morgen (Montag) ruht im Volkspark der Ball, es wird nicht trainiert.

17.34 Uhr