Tagesarchiv für den 2. November 2012

Den Bayern den Spaß am Spiel nehmen

2. November 2012

Die Spannung steigt. Und die Nervosität auch. Wer mir heute auch immer über den Weg lief, das Thema war natürlich nur eines: HSV gegen Bayern. Und in einem Punkt bin ich total überrascht: Eine Niederlage war bei fast keinem Fan oder Experten ein Thema. Der HSV wird, so sagen es die Hamburger mit großer Überzeugungskraft, wird auch diesmal gegen den Rekordmeister nicht verlieren. Und als ich einige Male antwortete, dass ich schon mit einem Unentschieden vollauf zufrieden wäre, so wurde mir entsetzt entgegnet: „Unentschieden? Wieso Unentschieden? Es kann hier doch nur um einen Heimsieg gehen.“ Natürlich. Aber auch ein solches Spiel ist ja kein Wunschkonzert. Die Münchner werden noch immer an der 1:2-Niederlage gegen Leverkusen zu knabbern haben. Bis auf einen Champions-League-Ausrutscher hatte Bayern zuvor alles gewonnen, die wissen doch gar nicht, wie verlieren geht – deswegen werden sie in Hamburg auch alles geben, um hier endlich einmal wieder den wahren FC Bayern zu präsentieren. So gesehen steigt die Spannung. Und auch meine Nervosität.

Bayern-Trainer Jupp Heynckes hat heute noch einmal über HSV-Torwart Rene Adler geschwärmt, hat ihn in den höchsten Tönen gelobt und dabei Bundestrainer Joachim Löw empfohlen, Adler schon jetzt zu nominieren. Weil doch die Besten spielen sollen. Wobei Heynckes aber auch klar gesagt hat, dass er seinen Schlussmann Manuel Neuer immer noch und ganz klar als deutsche Nummer eins sieht. Und damit wird ja auch in Hamburg fast jeder leben können. Kein Mensch kann doch erwarten, dass Neuer aus dem DFB-Tor fliegt, weil Adler nun wieder in Bestform spielt. Keine Frage, hinter Neuer wird sich Rene Adler erst einmal anstellen müssen, so sind die Gesetze im Fußball. Aber Adler ist doch auf jeden Fall, und zwar auf jeden, jeden Fall, besser als die bisherige Konkurrenz Zieler und ter Stegen. Und weil das auch Jupp Heynckes so sieht, hat er Löw empfohlen, den Adler zu holen. Alles andere wäre in meinen Augen auch nur absoluter Blödsinn.

Mit dem FC Bayern kommt an diesem Wochenende ja auch der Fast-HSV-Sportchef Matthias Sammer zu seinem Fast-Arbeitgeber in den Volkspark. Da der Name Sammer weder an der Anzeigentafel noch über die Lautsprecher verbreitet wird, muss man auf den Empfang durch die HSV-Fans nicht extra gespannt sein – der Empfang wird ausfallen. Dennoch kann sich der Münchner Sportdirektor sicher sein, dass diese alte Sache noch nicht ganz in Vergessenheit geraten ist. Ich sprach in diesen Tagen noch einmal mit einem Aufsichtsrats-Mitglied, dass damals in Barsinghausen dabei war, als die Sache perfekt und unter Dach und Fach war. Dieser Mann beharrte noch einmal darauf, dass der HSV keinen Fehler, nicht den kleinsten Fehler in dieser Sache gemacht hätte. Beide Parteien waren sich einig, und alle Herren waren sich einig, dass diese Entscheidung auch publiziert werden dürfe. Und dann dieser Rückzieher! Für mich, das sage ich ganz ehrlich und noch immer leicht entsetzt, ist das alles unfassbar. Bis heute. Zumal Sammer danach dann ja den DFB als seinen Arbeitgeber in den höchsten Tönen lobte, den Vertrag verlängerte – und ein Jahr danach zum FC Bayern wechselte. Da darf sich jeder seinen Reim drauf machen – ich habe meinen schon lange, und davon weiche ich nicht ab. Es war alles so geplant . . .

Vielleicht wird es eines Tages ja noch offenbart, wie das lief – für heute und für morgen ist es ohnehin unwichtig. Es geht um Fußball und Punkte und Aufwärtstrend. Und um Spannung und Vorfreude. Im Abschlusstraining des HSV, das erst um 17.15 Uhr endete (deswegen der spätere Bericht), wurde heute – wie schon zuletzt vor dem Augsburg-Spiel – aus allen Rohren und Lagen geballert. Und die Torhüter kamen schön ins Schwitzen, hatten auch relativ oft das Nachsehen. Was Jaroslav Drobny zweimal so sehr auf die Palme brachte, dass er innerhalb von fünf Minuten den aus dem Netz zu ihm prallenden Ball vor Wut packte und ihn in die „Wicken“ drosch. Da sind noch echte Emotionen im Spiel, und bei Drobny gefällt mir das ganz besonders, denn er sitzt ja seit Monaten nur noch auf der Ersatzbank und könnte schon längst eine eher (oder leicht) desinteressierte Haltung einnehmen, eingenommen haben, aber denkste! Drobny ärgert sich – und ich finde das klasse.

Es ging heute ja auch noch darum, wie Thorsten Fink spielen lassen wird. Gestern schrieb ich ja von einem 4:1:4:1-System, mit Rafael van der Vaart als hängende und verkappte Spitze. Davon war heute aber nichts erkennbar. Der HSV-Coach wollte sich ganz offensichtlich nicht in die Karten schauen lassen. Ich zeihe aber aus dem, was ich gesehen habe, folgende Schlüsse:
Artjoms Rudnevs wird wohl zunächst auf die Bank müssen, der Lette wäre bei einem eventuellen Rückstand oder einem knappen Resultat kurz vor dem Ende eine Option für Fink. Van der Vaart wird aber nicht den „Rudnevs“ geben, sondern wohl seine alte Stamm-Position einnehmen, also zentral als Anspielstation und als Zuspieler fungieren. Was für mich weiter bedeutete, dass wohl Heung Min Son in der Mitte stürmen wird, rechts Maximilian Beister und links Tolgay Arslan. Neben Rafael van der Vaart würde (leicht versetzt) dann Milan Badelj spielen, und auf der Sechs käme erstmals von Beginn an wieder Tomas Rincon zum Zuge.

Wie gesagt, das wäre meine Aufstellung (Viererkette wie gehabt), aber es ist meine persönliche Meinung – es kann so sein, muss es aber nicht. Das letzte Wort in Sachen Aufstellung und Taktik hat natürlich, das will auch kein Mensch verändern, Thorsten Fink. Und der kann ja immerhin noch eine Nacht darüber schlafen, bevor er sich entscheidet, entscheiden muss. Auch in diesem Punkt bin ich gespannt wie ein Flitzbogen, denn ich finde es klasse, wie sich Thorsten Fink mit diesem Spiel und diesem Gegner beschäftigt, ich bin begeistert, dass der Coach auch eine leicht defensivere Aufstellung ins Auge gefasst haben könnte, denn bislang war es ja in den meisten Fällen so, dass der HSV immer darum bemüht war munter mit zu spielen – egal gegen welchen Gegner auch immer. Wobei das natürlich gegen Borussia Dortmund auch gut ging – auch dank Rene Adler. Wieder im Kader sind die zuletzt fehlenden Jacopo Sala und Paul Scharner, nicht im Kader sind diesmal Robert Tesche, Gojko Kacar und Per Ciljan Skjelbred, der noch im 6:0-Test am Dienstag gegen Halstenbek-Rellingen zu den besten HSV-Spielern gehörte. Aber Fink hat nun einmal die Qual der Wahl und ein Überangebot an (guten) Spielern.

Gespannt bin ich darauf, wie sich Tolgay Arslan im linken Mittelfeld machen wird. Eine kleine Gefahr sehe ich ja (für ihn) in dieser Umstellung, denn der Deutsch-Türke könnte ja eventuell seine gerade eroberte Sechs an Rincon verlieren. Könnte. Es muss ja nicht so sein. Zumal Arslan natürlich ganz andere Qualitäten hat als Rincon, denn der Venezolaner ist ein reiner Zerstörer, Arslan aber kann Bälle erobern und sie gleichzeitig auch aufbauend in den Angriff befördern. Und genau das ist es ja, was heute im modernen Fußball gefragt und gewollt ist.

Wie dem auch sei, erst einmal steht Arslan in der Anfangsformation des HSV – er hat eine „goldene Serie“. So oft in Folge hat Tolgay Arslan noch nie in der Stamm-Elf gestanden. Und er sagt auch: „Und so oft gewonnen habe ich mit dem HSV auch noch nie – wie jetzt.“ Das soll auch möglichst noch lange so bleiben. „Es wird ein riesiges Spiel gegen die Bayern, meine Vorfreude ist auch riesig – ich brenne auf diese 90 Minuten. Es ist schon toll, wenn man sich mit den Besten von Deutschland messen kann, danach wie man dann, wo man steht. Die Bayern haben die Favoritenrolle, ganz klar, aber in einem solchen Spiel haben wir nichts zu verlieren, und das wollen wir dann auch zeigen.“

Trotz allem schwärmt Tolgay Arslan vom kommenden HSV-Gegner in den höchsten Tönen: „Die Bayern werde in dieser Saison Meister, sie haben eine Super-Mannschaft, sind auch von der Breite her großartig besetzt. Fakt ist aber auch, dass sie nicht alle Spiele gewinnen werden – und wir wollen ja auch noch punkten. Aber Bayern ist die Macht in Deutschland, das ist eine große Mannschaft, vor der ich schon Respekt habe.“ Arslan erklärt weiter: „Ich weiß, dass ich auf jeden Fall gegen einen Top-Spieler antreten werden, weil Bayern nur Top-Spieler hat, aber ich werde um jeden Zentimeter kämpfen, wir werden den Bayern das Leben so schwer wie nur möglich machen. Wir wollen unangenehm sein, wir wollen ihnen ständig auf den Füßen stehen, wir wollen wie Pit Bulls sein, damit die Münchner keinen Spaß an diesem Spiel finden. Das ist unsere Aufgabe an diesem Sonnabend.“

Der HSV hat zuletzt einen (enormen) Aufschwung entwickelt, Tolgay Arslan aber auch. Hängt das ursächlich nur mit den Verpflichtungen von Rene Adler, Rafael van der Vaart, Petr Jiracek und Milan Badelj zusammen? Arslan sagt: „Diese vier Spieler haben schon enorm viel bewirkt bei uns, wir haben sehr viel und sehr gute Qualität ins Team bekommen – und sie haben auch alle anderen Spieler motiviert und mitgezogen. Und wir Spieler, die schon länger hier waren, wir haben dann gezeigt, dass wir doch Fußball spielen können.“ Und einen Mann lobt Arslan ganz besonders: „Rafael van der Vaart hebe ich noch hervor. Er hat eine ganz besondere Klasse. Er gibt einem Selbstvertrauen, in den Spielen und im Training. Er ist der wichtigste Spieler bei uns, wir suchen ihn, er ist unsere Anspielstation, er kann immer etwas mit dem Ball anfangen. Er hat uns allen schon viel Selbstvertrauen gegeben.“

Davon konnten sich zuletzt alle Fans und auch die Experten überzeugen. Auch Arslan ist „voll“ da. Er sagt über sich: „Ich habe in Aachen einen großen Schritt nach vorne gemacht, auch im vergangenen Jahr beim HSV noch einmal, und mittlerweile bin ich in der Bundesliga angekommen. Auch körperlich. Und ich kann mit dem Druck umgehen, den man als Spieler hat. Ich gehe jetzt ganz anders auf den Platz, bin nicht mehr so hippelig – und es macht Spaß, dass man sich jede Woche neu beweisen kann, und es macht auch darüber hinaus noch Spaß, vor so vielen Zuschauern zu spielen.“ Tolgay Arslan arbeitet privat auch mit einem Mental-Coach zusammen – der 22-jährige Mittelfeldspieler lässt nichts unversucht, stetig nach vorne zu kommen, er hat keine Flausen im Kopf, sondern im Gegenteil, er ist ein ganz helles Köpfchen. Der Mann weiß, was er will, und er weiß, wohin er noch will. „Ich liebe den Sport, ich habe Spaß am Fußball – aber ich würde nie ins Ausland gehen, nur um dort viel Kohle zu verdienen. Dafür liebe ich Fußball einfach zu sehr. Ich bin noch jung, versuche Schritt für Schritt Konstanz in mein Spiel zu bringen, was mir zuletzt auch ganz gut gelungen ist. Wenn man mich braucht, dann bin ich auch da.“ Dann ergänzt Tolgay Arslan noch: „Und der Trainer sagt uns ja auch immer: ‚Siege sind die beste Droge.’ Und das stimmt ganz sicher auch.“

Also? Morgen kann sich der HSV diese „Droge“ mit einem Dreier gegen die Bayern nehmen. Arslan: „Wir haben gegen Dortmund gewonnen, obwohl wir damals noch nicht einen Punkt geholt hatten und klarer Außenseiter waren. Trotzdem haben wir gewonnen. Jetzt haben wir mehr Selbstvertrauen, wir stehen schon ganz gut – warum sollten wir gegen die Bayern nicht gewinnen können? Natürlich sind die Bayern eine Übermacht, aber wir sollten nicht nervös sein, sondern unser Spiel machen, dann sind wir nicht chancenlos.“

Zu den Bayern scheint Tolgay Arslan schon auf, er nennt Stars wie Ribery, Robben, Schweinsteiger und Müller – das sind doch alle Weltstars. Dennoch sagt er auch selbstbewusst: „Ich werde auf dem Rasen trotz allem nichts kennen, ich werde zur Sache gehen, werde diese Spieler nicht schonen und nicht zurückziehen, nur weil sie Stars sind. Ich drücke auf einen Knopf, dann schalte ich alles aus, und dann werde ich giftig sein, giftig und eklig.“

Wenn das nicht genau die richtige Einstellung für dieses Spiel ist!

Nur der HSV!

So, und zum Schluss noch eine besondere Sache. Die HSV-Bildchen. Dazu bat mich der Kollege Oliver Wurm, folgende Meldung zu veröffentlichen:

Das HSV-Panini-Album begeistert die Anhänger. Seit Ende August liegt die exklusive Kollektion zum 125. Geburtstag des Hamburger SV am Kiosk. Die Startauflage von 500 000 Sammeltütchen war nach wenigen Tagen vergriffen. Nun wurde die nächste Grenze geknackt: Das einmillionste Tütchen ging bereits über den Tresen.
Jetzt überraschen die Macher des Albums, Oliver Wurm und Alexander Böker, die begeisterten Sammler mit einem kostenlosen Extrasticker. Das Motiv zeigt Rafael van der Vaart, Milan Badelj, Petr Jiracek und Paul Scharner. Wurm: „Als die vier verpflichtet wurden, war das Album leider schon gedruckt. Mit diesem Extrasticker ist die Kollektion nun komplett.“ Böker: „Viele Fans haben uns geschrieben und uns so erst auf die Idee gebracht.“
Den Extrasticker gibt’s ab nächste Woche kostenlos in den Fanshops des HSV, in allen Hamburger Telekom-Shops – und natürlich bei Juststickit. Infos unter www.juststickit.de
Und wo klebt man den Extra-Sticker hin? Der Vorschlag der Herausgeber: „Auf Seite drei, direkt unter das Jubiläums-Logo.“
Eine gute Nachricht für alle HSV-Fans, die noch nicht im Sammelfieber sind: Mit den nächsten 500 000 Sammeltütchen kommen auch 12 000 druckfrische Alben an die Kioske. Die Aktion läuft noch bis März 2013.
Bildmaterial und alle weiteren Infos unter:
040 – 4143 58 790 info@oliverwurm.de (Oliver Wurm) 040 – 4143 58 789 ab@chesley.de (Alexander Böker)

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