Tagesarchiv für den 1. November 2012

Verzichtet Fink auf eine Spitze?

1. November 2012

Mit Tomas Rincon gegen die Bayern auf der Sechs? Mit Maximilian Beister im offensiven linken Mittelfeld? HSV-Trainer Thorsten Fink wollte sich nicht in die Karten schauen lassen. Mittags sprach der Coach noch von mehreren Optionen, die ihm blieben, mindestens drei. Am Nachmittag wartete Fink dann mit einer anderen Variante auf: kein Stürmer. Artjoms Rudnevs kreuzte im Reserve-Team auf, und im A-Team versuchten sich gleich vier Spieler auch in der Offensive. Von rechts nach links waren das Heung Min Son, Tolgay Arslan, Milan Badelj und Maxi Beister. Davor, und zwar nur minimal davor, spielte ein niederländischer Zugang: Rafael van der Vaart. Und hinter dieser „Viererkette“ versuchte sich Tomas Rincon als Einzelkämpfer auf der Sechs. Und dahinter dann die „normale“ Viererkette mit Dennis Diekmeier, Michael Mancienne, Heiko Westermann und Marcell Jansen. Und ganz hinten natürlich – der wichtigste Mann des HSV: Rene Adler.

Ich finde diese neue finksche 4:1-4:1- Taktik nicht nur spannend, ich finde sie auch hoch interessant; eine glänzende Idee. Damit könnte ich mich absolut anfreunden. Weil ich denke, dass der FC Bayern damit am meisten (von allen anderen HSV-Varianten) Schwierigkeiten bekäme. Son und Beister sind blitzschnell, könnten nicht nur über die Flügel stürmen (und sprinten), sondern abwechselnd auch durch die Mitte – wenn sich dann van der Vaart als Einfädler und Passgeber fallen ließe. Nein, ich sage es noch einmal, das gefällt mir, das könnte etwas werden. Mal sehen, ob sich Thorsten Fink letztlich auch dazu entschließen kann und wird.

Personell plagen den Coach kaum Sorgen, es fallen gegen die Bayern lediglich Petr Jiracek und Ivo Ilicevic verletzt aus. „Wir haben uns in den letzten Wochen Selbstvertrauen geholt, wir haben den Rückschlag gegen Stuttgart verdaut, so etwas wird immer wieder mal passieren, sonst würden wir in ganz anderen Gefilden mitspielen, die Reaktion auf diese Niederlage war gut, wir haben das getan, was wir tun mussten, um das Spiel in Augsburg zu gewinnen – die Mannschaft hat gezeigt, dass sie gegenüber dem Vorjahr eine ganz andere ist“, sagte Fink rückblickend. Dann ergänzte er noch: „Wir sind effektiv, das haben wir uns erarbeitet, alle anderen Mannschaften blicken zu uns und sagen sich und wissen: ‚Aha, der HSV braucht nicht viele Chancen, um ein Tor zu machen, die sind gefährlich, gerade über die Außenbahnen mit Son und auch Beister. “Wir haben dazu auch jemanden, der die Pässe in die Tiefe spielt, schnell in die Tiefe spielt – und deswegen brauchen wir uns auch nicht vor Bayern München zu verstecken. Wir haben gezeigt, dass wir auch große Mannschaften schlagen können – trotz allem sind wir am Sonnabend natürlich Außenseiter, ganz klar. Jeder rechnet ja damit, dass der HSV gegen Bayern verlieren wird, deshalb können wir frei aufspielen, wir wollen die Zuschauer mitnehmen, nach vorne spielen, die Bayern unter Druck setzen – wir haben Selbstvertrauen getankt, wir befinden uns in einer guten Phase. Und ich glaube, dass die Bayern in den ersten sechs Saisonspielen schwerer zu schlagen waren, als im Moment.”

Hey, wie klingt das schön. Und optimistisch. Und erfreulich. Und angriffslustig. Wenn der HSV am Sonnabend dann nur halb so schwungvoll spielt, wie dieser Vortrag des Trainers es andeutet, dann kann sich der Rekordmeister auf etwas gefasst machen. Wenn. Thorsten Fink, der an diesem Donnerstag von einer HSV-Klausurtagung (in St. Peter-Ording) kam, an der auch der gesamte Vorstand teilnahm, sagt selbstbewusst: „Nach der 1:2-Niederlage der Bayern gegen Leverkusen wissen meine Spiele, dass auch München schlagbar ist, und die Bayern wissen jetzt auch, dass sie nicht unschlagbar sind. Ich denke, das ist ganz gut für uns.“

Beim 4:0-Sieg im Pokal am Mittwoch gegen den 1. FC Kaiserslautern ließ Bayern-Trainer Jupp Heynckes bekanntlich seine „B-Elf“ spielen (neun andere Spieler gegenüber dem Leverkusen-Spiel), aber gegen den HSV wird wieder die „richtige“ Bayern-Mannschaft auflaufen. Nicht Tom Starke (ehemaliger HSV-Torwart), nicht Emre Can, Diego Contento oder Mitchell Weiser, die sich gegen die Lauterer versuchen durften, werden dann spielen, sondern wieder Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger sowie der genesene Franck Ribery. Es sind alle Stars an Bord – alle könnten auflaufen, zum Glück aber dürfen auch die Bayern nur elf Spieler zu Beginn um 18.30 Uhr auf dem Rasen haben. Und wenn diese Münchner Truppe Ernst macht, dann müssen sich alle anderen ganz warm anziehen. Nicht nur der HSV, aber am Sonnabend eben zuerst der HSV. Und da sich der Rekordmeister beim HSV schon das eine oder andere Mal recht schwer tat, befand Nationalspieler Thomas Müller am Mittwoch: „In Hamburg war es in den vergangenen Jahren immer sehr schwer für uns, deswegen will ich da mal gewinnen, und das ist auch unser Ziel.“ Natürlich. Wer hätte jemals etwas anderes erwartet? Thorsten Fink bekräftigte es noch einmal: „Die Bayern sind der klare Favorit.“

So sehen das viele. Auch Rafael van der Vaart. Auch wenn der Taktgeber gute Erinnerungen an Spiele gegen die Bayern hat: „Es ist immer etwas Besonderes, gegen die Bayern zu spielen, und wenn ich mich recht erinnern kann, dann habe ich dort zweimal gewonnen – und einmal hier in Hamburg. Das sind schon gute Erinnerungen. Aber in dieser Saison sind die Bayern ganz stark, sie haben einen guten Lauf, und auch wenn wir viel Selbstvertrauen haben, wir müssen schon top sein an diesem Sonnabend, wenn wir dieses Spiel gewinnen wollen.“

Stimmt. Denn der FC Bayern München hat in dieser Saison Ernst gemacht. Nach zwei Meisterschaften der Borussia Dortmund haben die Münchner Verantwortlichen mächtig Gas gegeben und viele großartige Verstärkungen an Land gezogen. Damit die Meisterschale endlich einmal wieder an der Isar präsentiert werden kann. Ich habe es kürzlich schon einmal geschrieben: Dieser FC Bayern hat wieder ein so starke Mannschaft, wie einst in den besten Tagen, als Stars wie Maier, Beckenbauer, Breitner, Hoeneß, Rummenigge und Müller für eine einmalige Titelflut in München sorgten. Diese Münchner sind in meinen Augen auch endlich einmal so stark, dass sie wieder einmal die Champions League gewinnen könnten. Ich sehe in Europa weit und breit keine stärkere Mannschaft. Das haben die Verantwortlichen um Klub-Chef Uli Hoeneß schon sehr geschickt eingefädelt.

„Ich denke aber, wenn es uns gelingt, die Bayern unter Druck zu setzen, dann haben wir die Chance, ein gutes Spiel gegen sie zu machen. Weil jede Mannschaft, die unter Druck steht, Probleme bekommt. Und wir können so etwas zu Hause schaffen, das haben wir schon gegen Dortmund bewiesen – mit ein wenig Glück können wir auch die Bayern schlagen.“ Mit Glück und mit Rene Adler zwischen den Pfosten. So wie gegen Dortmund, als der überragende Adler tausend Flügel hatte und alles weg fing . . . Dazu der Kommentar von Thorsten Fink: „Zu einer guten Defensive gehört auch der Torwart, und der darf auch den einen oder anderen Ball halten. Und das hat Rene gegen Dortmund und auch gegen die anderen Gegner getan. Aber wie gesagt, der Torwart gehört dazu.“ Zu diesem brisanten Thema Torwart-Duell sagt van der Vaart: „Rene Adler hat in dieser Saison großartig gehalten. Und er war, bevor er verletzt ausfiel, die Nummer eins von Deutschland. Rene macht ganz sicher einen erstklassigen Job, aber der Neuer ist auch ein Weltklasse-Torwart – das wird am Sonnabend ein schönes Duell zwischen den beiden.“

Und auf dieses Duell freut sich mit Sicherheit die ganze Nation. Weil doch alle wissen, dass sich von 18.30 Uhr an die beiden besten Keeper der Bundesrepublik gegenüberstehen werden.

Hinzu kommt dann auch noch: Gegen die Bayern könnte der HSV diesmal nicht nur die drei Punkte gewinnen, sondern auch etwas anderes beweisen. Nämlich den Aufwärtstrend. Rafael van der Vaart sagt: „Dieses Spiel ist für uns auch deshalb wichtig, weil wir ganz Deutschland zeigen könnten, dass der Sieg gegen Dortmund kein Zufall war. Und dass wir wieder da sind. Dass wir wieder in der Lage sind, ein gutes Spiel zu machen. Das ist für uns ganz wichtig. Wenn man die beste Mannschaft aus Deutschland schlagen könnte, dann wäre das bestimmt wunderschön – aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.“

Oder doch ein ganz kurzer? Der am Sonnabend um 20.25 Uhr schon gegangen sein wird? Vom neuen HSV?

PS: An diesem Freitag findet am Nachmittag (im Volkspark) das Abschlusstraining statt – es ist nicht öffentlich.

19.02 Uhr