Monatsarchiv für November 2012

Bruma für Jansen? Hauptsache van der Vaart hüpft!

30. November 2012

Königs-Winterwetter und ne Menge Dampf im Training – so macht das Traininggucken doch mal richtig Spaß. Dass dabei die eine oder andere Blessur entsteht und ein Ivo Ilicevic beispielsweise die volle Härte von Jeffrey schmerzhaft zu spüren bekam – in meinen Augen völlig okay so kurz vor dem Spiel. Bitter für Ilicevic zwar, aber es zeugt davon, dass die Mannschaft heiß ist. Und so lange sich niemand verletzt… Immerhin gibt es Positionen neu zu besetzen. „Man spielt, wie man trainiert“, hatte Vorzeigeprofi Rene Adler uns gestern gesagt. Wenn dem wirklich so sein sollte, dann aber hallo. Dann dürfen wir uns noch mehr auf das Spiel in der wunderschönen VW-Stadt freuen als wir es eh schon machen…

Wobei, eine Trainingseinheit gibt es ja noch. Morgen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und diese Einheit könnte den bislang ordentlichen Eindruck der Trainingswoche noch runterziehen. Was ich allerdings für unwahrscheinlich halte, zumal dagegen spricht, dass Trainer Thorsten Fink nach den Ausfällen von Rafael van der Vaart (Muskelfaserriss), Tolgay Arslan (Gelbsperre) und jetzt auch noch Marcell Jansen (Schulter ausgekugelt) personell einiges umstellen bzw. umbesetzen muss. Wer ersetzt Arslan auf der zehn? Und vor allem: wer spielt hinten links? Fragen, auf die Fink heute noch nicht antworten wollte.

Allerdings nannte er die Alternativen. Die eine wäre, Ivo Ilicevic für Arslan beginnen zu lassen und hinten links einfach einen Innenverteidiger spielen zu lassen. Jeffrey Bruma beispielsweise, der nachweislich heiß ist und sich ebenso nachweislich als Rechtsverteidiger schon sehr beachtlich aus der Affäre ziehen konnte. So müsste Fink, der wie immer betonte, möglichst wenig umstellen zu wollen, die vakanten Positionen gegenüber dem Schalke-Spiel lediglich eins zu eins austauschen. Denn: Dass Fink am System mit zwei Angreifern festhalten wird, ist klar. Darauf legte er sich heute fest.

Zudem würde Dennis Aogo bei der Konstellation erneut im Mittelfeld auflaufen können. Dort, wo er gegen Schalke meiner Meinung nach eines seiner besten Spiele seit Jahren für den HSV gemacht hat. Dafür spricht auch, dass Fink ihn und Per Skjelbred nannte, als es darum ging, wie man Wolfsburg formstarken Regisseur Diego aus dem Spiel nehmen könne. „Unser Mittelfeld wird das im Kollektiv machen“, so Fink, „Per und Dennis werden sich da kümmern.“ Ebenso wie Milan Badelj, der von der Sechs in der aktuellen Verfassung nicht wegzudenken ist. „Milan will ich nicht verschieben. Er ist auf der Position einfach zu wichtig“, so Fink am Donnerstag noch. Die Alternative mit Tomas Rincon auf der Sechs und Badelj als Arslan-Ersatz (in dieser Formation würde Ilicevic nach links rücken) dürfte somit wegfallen.

Und obwohl Heung Min Son der Toptorjäger des HSV ist und sich für die Partie beim VfL Wolfsburg am Sonntag gesund zurückmeldete, dürfte der Südkoreaner für die Startelf eher (noch) keine Alternative sein. Auf jeden Fall soll Beister wieder vorn beginnen (Fink: „Wenn ich ihn zurückziehe, müsste ich das System ändern. Und das will ich nicht“). Und nach seinem Tor im letzten Spiel dürfte auch Artjoms Rudnevs in Wolfsburg seine Pferdelunge unter Beweis stellen können.

Seine Schnelligkeit beweisen muss Dennis Diekmeier zwar nicht mehr. Dafür will der Rechtsverteidiger in Wolfsburg seine seit Saisonbeginn ansteigende Formkurve bestätigen. Und dabei kommt ihm die Umstellung auf eine Raute im Mittelfeld entgegen. „Das neue System eröffnet mir rechts viel Platz“, so Diekmeier, „da kann ich meine Schnelligkeit optimal ausspielen.“ So gesehen gegen Schalke, dem vielleicht besten Spiel Diekmeiers seitdem er im Juli 2010 aus Nürnberg zum HSV gewechselt ist. Immer wieder nutzte Diekmeier da den ihm gebotenen Freiraum über außen. Nicht umsonst leitete er zunächst den Angriff zum 2:0 ein und bereitete am Ende das Tor von Rudnevs sogar mit seinem Querpass vor. Zudem kam Diekmeier immer wieder zu gefährlichen Flankenläufen. „Dennis ist in einer sehr guten Form“, sagt Fink, der den Rechtsverteidiger hauptsächlich deshalb (und auch mangels Alternativen) als „gesetzt“ bezeichnet.

Demnach dürfte die Startelf gegen Wolfsburg so aussehen: Adler – Diekmeier, Mancienne, Westermann, Bruma – Skjelbred, Badelj, Ilicevic, Aogo – Beister, Rudnevs. Und das klingt doch nach einer ordentlichen Mannschaft. „Wir werden uns noch speziell auf ihn vorbereiten“, sagt Diekmeier, „und Diego dann im Kollektiv bearbeiten. Er ist in einer sehr guten Verfassung. Aber wenn wir ihn ausschalten, gewinnen wir das Ding.“

Worte, die nach (neuem?) Selbstvertrauen klingen. Ob das Spiel gegen Schalke eine Art Initialzündung gewesen sein könnte? „Zumindest hat es uns einige wichtige Dinge klargemacht“, so Diekmeier. „Zum einen, dass wir auch zwei schwere Ausfälle als Mannschaft auffangen und verkraften können. Und zum anderen, was alles möglich ist, wenn alle Vollgas gehen. Es reißt einen einfach mit, wenn er sieht, dass der Nebenmann plötzlich den verlorenen Ball wiederholt.“ Trainer Thorsten Fink ist gewohnt vorsichtig. Allerdings ist er optimistisch. „Ich hoffe, dass wir aus den letzten beiden Spielen unsere Lehren gezogen haben. Wir wollen Konstanz“, so Fink, der sich über die durchdachten Worte Rene Adlers gefreut hat. „Rene hat das genau richtig gesagt. Und es ist gut, dass diese Erkenntnisse auch aus der Mannschaft kommen. Es wissen alle, dass sie mit Spaß und Leidenschaft ihre Spiele gewinnen.“

Das hätte man als Profi zwar auch vorher schon wissen müssen, allerdings sehe ich es ähnlich wie gestern Adler: Die Mannschaft ist auf einem sehr positiven Weg. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Mannschaft auch den namen „Mannschaft“ verdient, ist, dass Rafael van der Vaart und Tolgay Arslan als Verstärkung mitreisen und die Mannschaft von der Tribüne aus anfeuern.

Aus einem Haufen netter Spieler wird endlich eine Mannschaft. Auf und neben dem Platz.

Wie wichtig dabei die Rolle des Superstars van der Vaart einzustufen ist, vermag ich aktuell gar nicht bemessen zu können, so enorm ist sie. Egal welchen Spieler ich spreche, jeder führt ihn und Adler an. Wobei van der Vaart nicht allein ob seines Weltklassefußballs sondern vielmehr auch als Integrationsfigur für alle Spieler bezeichnet wird. „Er ist ein Superstar, der sich überhaupt nicht so gibt“, hatte Arslan gelobt, „im Gegenteil: Rafael ist ein Vorbild auf und neben dem Platz. Er redet mit den Jungen und versucht allen zu helfen.“

Ein Niederländer als Vollblut-HSVer?

Klingt unwahrscheinlich, scheint aber immer mehr der Wahrheit zu entsprechen. Am Dienstag lief mir van der Vaart unmittelbar nach Schlusspfiff auf dem Weg zu den Kabinen über den Weg. Er freute sich und ich gratulierte, um scherzend hinzuzufügen: „Aber was sagt dir das, dass die Mannschaft ohne Dich ihre beste Saisonleistung abgerufen hat?“ Van der Vaart lachte laut und antwortet: „Ja, am besten ich haue wieder ab. Das läuft ja“, so die Nummer 23 im Scherz, ehe er etwas ernsthafter hinzufügte: „Ehrlich, das zeigt, dass wir eine gute Mannschaft haben, die noch viele Punkte holen kann.“ Wie ehrlich diese Freude war, zeigte anschließend der Jubel im Kabineninneren. Jeder Spieler, der die Kabine betrat, wurde von van der Vaart umarmt. Mit den meisten hüpfte er vor Freude über den langen Gang, mit einigen anderen sprach er kurz. „Er hat einfach nur gesagt, dass er stolz auf die Mannschaft ist“, so Adler über den etwas normaleren Superstar, der am Sonntag hoffentlich wieder allen Grund zum Hüpfen hat.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Dieter. Wir sehen uns hoffentlich alle wieder am Sonntag nach dem Dreier (mein Tipp: VW – HSV 0:2) bei unserer nächsten „Matz-Ab“-Livesendung. Ich freue mich darauf!

Scholle

AKTUALISIERT: Jansen fällt bis Rückrunde aus!*** Adler hebt die Messlatte an – und Rincon “opfert” Finger für den HSV

29. November 2012

****Ich hatte den Text gerade freigeschaltet, da erreichte mich eine SMS des Mediendirektors Jörn Wolf. Der Inhalt las sich nicht gut. Immerhin stand dort geschrieben, dass sich Marcell Jansen bei einem Trainingsunfall mit einer Hantelstange die Schulter ausgekugelt hatte. Diese wurde im UKE zwar wieder eingerenkt. Allerdings hat Jansen jetzt noch immer Schmerzen, da auch die Kapsel in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sein Einsatz ist bis zum Beginn der Rückrunde definitiv ausgeschlossen, so Wolf weiter. Das könnte bedeuten, dass Aogo wieder nach hinten und entweder Son oder Ilicevic auf die linke Außenbahn rutschen. Bitte seht mir nach, dass diese taktische Variante in dem folgenden, vorher fertiggestellten Text noch nicht berücksichtigt war…***

Es gab schon viele Namen beim HSV, die mit einer hundertprozentigen Einstellung und Tadellosigkeit in Verbindung gebracht wurden. Es gab auch schon einige HSV-Spieler, die auf ihrer Position zur Weltklasse gezählt wurden. Letzteres ist zwar schon etwas her, aber seit Rafael van der Vaart und eben jenem Mann mal wieder Fakt: Rene Adler. Der 27-Jährige ist die große Konstante im HSV-Team. Bis auf einen unglücklich aussehenden Gegentreffer gegen Bayern hielt Adler alles, was zu halten war. Und noch etwas mehr. In den Fachmagazinen ist er der Notenbeste unter den Torhütern. Besser noch als Deutschlands eigentliche Nummer eins Manuel Neuer. Grund abzuheben ist das für den gereiften Keeper allerdings nicht. Im Gegenteil. Seine lange Verletzungspause hat ihm gezeigt, wie schnell der große Trubel und Jubel um seine Person abebben kann. „Fußballprofi bedeutet, jeden Tag aufs Neue alles geben zu müssen. Nicht mehr – aber auch nie weniger.“

Adler hat diesen Satz verinnerlicht, galt allerdings immer schon als jemand, der lieber zwei Läufe mehr als einen zu wenig macht. Als einer, den man manchmal eher stoppen muss, wie sein ehemaliger Torwarttrainer und Freund aus Leverkusener Zeiten, Rüdiger Vollborn, befand. „Rüdiger kennt mich sehr gut. Ich bin eher der Typ, der über das Arbeiten kommt. Er hat immer zu mir gesagt, dass ich ein Naturtalent sei, dass ich direkt aus dem Urlaub kommend Bundesliga spielen könnte. Deshalb überrascht es ihn wie mich auch nicht, dass ich so schnell wieder zu meiner Form finde.“ Vollborn war es allerdings auch, der Adler einen entscheidenden Tipp mit auf den Weg gab: „Er hat mir gezeigt, dass ich manchmal auch auf meine Stärke vertrauen kann und nicht nach jedem Training noch mal in den Kraftraum muss. Früher war ich da oft zu verbissen, heute gehe ich, wenn ich gut auf dem Platz gearbeitet habe, dann mal lieber mit Drobo (Jaroslav Drobny, d. Red.) in die Sauna. Ich finde so meine Balance.“

Und die will Adler jetzt auch mit dem HSV finden. „Konstanz ist das Zauberwort“, sagt der Keeper und spricht auf die teilweise noch heftigen Schwankungen zwischen ganz übel (z.B. Düsseldorf) und ganz stark (Schalke) an. „Die Erklärung ist einfach: Wir haben eine sehr junge Mannschaft. Aber das kriegen andere besser hin. Darauf legen wir jetzt unser Hauptaugenmerk. Hier beim HSV soll eine Mentalität entstehen, dass uns das so nicht reicht. Wolfsburg ist ein Spiel, in dem man punkten kann. Aber wir müssen da hin fahren mit dem Selbstvertrauen, dass wir die drei Punkte holen wollen. Wir haben Schalke geschlagen – wir sind eine gute Mannschaft“, wählt Adler die Worte, die ich seit Oenning vermisst habe.

Vor allem aber bin ich erleichtert, dass die Mannschaft nicht noch kleiner geredet wird. Zu lange wurde auf Unzulänglichkeiten und fehlender Qualität (Erfahrung) herumgeritten, speziell zu Beginn der Umbruchphase 2011/2012. Wobei, damit mich hier niemand falsch versteht: ohne etwas ausschließen zu wollen, aber auch ich erwarte die Mannschaft noch nicht unter den ersten Sechs. Vielmehr hoffe ich, dass mit laut formulierten Ansprüchen auch die Spieler keine Alibis mehr haben, sich mit Mittelmaß zufrieden zu geben.

„Ich sehe einen absolut positiven Trend in dieser Saison“, sagt Adler. Die Mannschaft habe speziell bei der Minusleistung in Düsseldorf (Adler: „Ich freue mich über Schalke und ärgere mich dadurch fast noch mehr über Düsseldorf“) gesehen, dass es ohne 100 Prozent Einstellung nicht funktioniert. „Jeder einzelne muss ein Anspruchsdenken entwickeln, nach dem Spiel in den Spiegel schauen und sagen zu können, dass er alles gegeben hat. Wenn das 90 Prozent der Mannschaft nach dem Spiel kann, haben wir das Spiel auch gewonnen. Ganz sicher.“

Und das beginnt im Training. Während Adler mit Ronny Teuber viele Einzelstudien der Gegner macht und vom detailgetreuesten Training spricht, absolvierte die Mannschaft heute einen kleinen Zirkel zum Aufwärmen, ein Pass- sowie ein intensiveres Abschlussspiel auf verkürztem Feld. Und während ich mir vor Düsseldorf noch Gedanken gemacht hatte, die Mannschaft sei in den kaum laufintensiven Trainingseinheiten vielleicht nicht genug gefordert worden, widerspricht Adler dem vehement. „Das Schalke-Spiel war für mich keine Überraschung. Es ist wirklich so: wie du trainierst, so spielst du. Und wir hatten überragend trainiert.“ Zwar nicht von der Intensität, dafür aber wurden Schwachpunkte gezielt abgestellt. „Wir haben einfache Ballverluste abgestellt und an der Chancenverwertung gearbeitet. Deshalb hatte sich das Ergebnis abgezeichnet“, sagt Adler und schickt gleich einen Appell hinterher: „Bei uns sind enorme Entwicklungschancen vorhanden – aber nur, wenn sich jeder einzelne bei jedem Training so hinterfragt. Beim HSV gilt das für jede Einheit, in jedem Spiel. Und da nehmen wir alle in die Pflicht.“

Dass dem so ist – darin sieht Adler eine seiner Aufgaben. Insbesondere den jungen Spielern müsse er helfen. „Ich bin ein großer Freund davon, auf dem Platz klare Worte zu sprechen. Man kann sich auch mal richtig reiben – daran wächst man letztlich. Ich lege gern den Finger in die Wunde. insbesondere, wenn es läuft. Denn im Erfolg macht man die meisten Fehler.“ Als Beispiel nimmt er die aktuelle Situation. Wir wissen, wo wir herkommen. Aber langsam müssen wir die alte Saison ad acta legen und uns konsolidieren. Und zwar von Spiel zu Spiel. Sollte das für Europa reichen – umso schöner.“

Dafür muss am Wochenende allerdings ein ziemlich schwer einzuschätzender VfL Wolfsburg geschlagen werden. Schon allein, um den Abstand zum Tabellen-15. Zu halten. „Vom Tabellenstand müssen wir uns beim VfL lösen“, warnt Adler, „die Mannschaft gehört von den einzelnen Spielern und dem Umfeld her in die obere Tabellenhälfte.“ Zumal mit Diego der überragende Mann wieder zu seiner Form gefunden hat. „Bei ihm hat man schon so eine Art Befreiung gespürt, nachdem Magath als Trainer entlassen worden war“, sagt Adler, „aber seither sind sie auch nicht ungeschlagen. Im Gegenteil, sie haben gerade gestern wieder verloren.“ Das allerdings sei nicht unbedingt ein Vorteil für den HSV, weil „die jetzt danach dürsten, die Punkte zurückzuholen“.

Danach dürsten, wieder auf dem Platz zu stehen trifft auch auf einige HSVer zu, die sich für die Rolle vom gesperrten Tolgay Arslan in Position bringen. „Sala, Tesche und Ivo sind da Kandidaten“, sagt Fink. „Tomas Rincon wäre eher die defensivere Variante. Aber ich will Milan nicht von der Sechs nehmen“ räumt Fink dem Venezolaner eher Außenseiterchancen ein. Dabei will der für einen etwaigen Einsatz sogar die Beweglichkeit seines rechten Ringfingers opfern. Eine endgültige Entscheidung, ob er operiert wird, soll am Freitag fallen. „Aber zu 80 Prozent steht sie schon“, sagt Rincon, „ich werde weiterspielen, weil die nächsten Wochen und Monate für mich einfach zu wichtig sind, jetzt, wo ich wieder dran bin.“ Insbesondere 2013 sei für ihn enorm wichtig. Neben den WM-Qualifikationsspielen mit Venezuela steht für den 24-Jährigen auch beim HSV eine wichtige Entscheidung an. „Im Sommer geht es darum, on ich verlängere oder nicht“, so Rincon, dessen Vertrag zwar erst 2014 ausläuft. Ergo: der HSV muss sich entscheiden, Rincon zu behalten oder die letzte Gelegenheit (den Winter 2013/2014 mal ausgenommen) nutzen, ihn noch zu verkaufen. „Ich habe das mit meiner Familie besprochen und wir waren einer Meinung. Immerhin verdiene ich jetzt mit Fußball mein Geld. Dafür brauche ich die Fingerkuppe nicht. Aber dafür will ich fit sein.“ Immerhin würde eine Operation rund 1,5 Monate Pause mit sich bringen.

Keine Pause mehr gibt sich Ivo Ilicevic. Der Kroate drängt ins Team. Als Ersatz für den gesperrten Arslan. „Ich habe diese Position schon häufiger gespielt“, so die Bewerbungsworte des Rechtsfußes, der nach der heutigen Trainingseinheit noch allein auf dem Platz blieb. 30 Minuten lang übte er Dribblings. Die Vorbereitung auf sein Comeback nach nunmehr fast zwei Monaten Pause (zuletzt stand er am 29. September gegen Hannover 45 Minuten auf dem Platz). „Mir geht es gut, alles ist ausgeheilt“, freut sich Ilicevic, der die zentrale Position als Vorteil für sich sieht. „Ich kenne sie und diese Position bringt es mit sich, dass man im Spiel ist und sehr viele Ballkontakte hat. So kommt man sehr schnell wieder rein.“ Ob das auch für ihn gilt, ist noch unklar. Allerdings wahrscheinlich.

In diesem Sinne, in dieser Adler’schen Art und Weise darf über größere Ziele gesprochen werden. Immer nah an der Realität gehalten, so gefällt mir das sogar richtig gut, weil es den Anspruch eines jeden Spielers anhebt. Vor allem an sich selbst. Verstecken gilt nicht mehr…

Bis morgen. Da wird um zehn Uhr an der Arena trainiert.

Scholle

P.S.: Heung Min Son wird gegen Wolfsburg wieder in den Kader rutschen. „Er hat eine Stunde lang voll trainiert und keine Probleme gehabt“, sagt Fink, der Son nicht als Arslan-Ersatz sieht und zudem offen ließ, ob der Südkoreaner beginnt. „Nach Siegen sollte man nicht zu viel wechseln. Eigentlich halte ich mich daran ja auch immer…“

Das war ein großer Schritt in die richtige Richtung – mehr aber noch nicht

28. November 2012

Der Tag danach – bis auf Tolgay Arslan, der sich langsam der Bedeutung seiner Sperre bewusst, freute er alle komplett und uneingeschränkt. „Das war ein wichtiger Sieg für die Fans, den Verein, für die Mannschaft“, so sich Per Skjelbred, „und für mich. Ich habe vier Monate warten müssen und dann die Chance bekommen, die ich genutzt habe. Der Trainer meinte: ‚Gut gemacht, Junge.’ Und das fand ich auch. Ich bin mit meiner Rolle in diesem Spiel sehr zufrieden.“ Und das darf er absolut auch sein.

Skjelbred, der auf der von ihm eher ungeliebten rechten Mittelfeldseite ein extremes Laufpensum an den Tag legen musste, wird auch am Sonntag in Wolfsburg beginnen. Darauf legte sich Trainer Thorsten Fink („Per hat seine Aufgabe hervorragend gelöst“) bereits fest. Denn auch bei den Niedersachsen will Fink mit einem spielerisch starken Mittelfeld punkten. „Wir haben gewonnen, weil wir guten Fußball gespielt und dabei einen großen Fight geliefert haben“, fasste Milan Badelj nach dem Spiel zusammen. Und der Kroate hatte Recht. Der HSV lief 114,4 Kilometer, die Schalker hingegen nur 110,4 Kilometer. „So haben wir Druck gemacht“, freute sich Fink und Badelj ergänzte: „In Düsseldorf haben wir versucht, mit nur nett anzusehenem Fußball zu gewinnen. Aber spätestens jetzt wissen wir, dass wir gut spielen müssen UND immer kämpfen. Dann werden wir vielleicht bald wieder sagen können: Das war unser bisher bestes Spiel.“

Der beste Mann auf dem Platz neben – wie eigentlich immer – Adler, war für mich Badelj. So sehr ich mich über Skjelbred, Beisters ersten Treffer und natürlich über die starke Rückkehr Aogos auf seiner neuen Position gefreut habe, der Kroate machte auf der Sechs alles. Er war das Gehirn des HSV – und das funktionierte besser als das Starensemble aus Gelsenkirchen. „Bei Milan hat einfach alles geklappt. Er hat die Rolle als einziger Sechser angenommen und war der dominante Mann auf dem Platz. Er war die Schaltzentrale zwischen Abwehr und Mittelfeld. Und meistens auch noch zwischen Mittelfeld und Angriff“, lobt Arnesen den Rechtsfuß mit dem Ball-Magneten im Schuh. Nur fünf seiner 68 Pässe (Topwert aller Spieler) verfehlten den Mitspieler. Nur der ebenfalls bärenstarke Heiko Westermann (92) hatte mehr Ballkontakte als Badelj (87), der mit 11,58 Kilometern nach Aogo (12,12 Kilometer) auch noch der laufstärkste Spieler war. Mit 12 gewonnen Zweikämpfen schon sich Badelj zudem zwischen die vier Abwehrspieler. „Bei Milan fängt unser guter Fußball an, weil er für unsere Abwehr immer als Anspielpunkt dient. Egal, wer um ihn herum steht, Milan will den Ball und behauptet ihn auch. Er ist eine Lösung für alle Mitspieler und der Chef auf dem Platz“, so Arnesen. Und dass der Kroate den Elfer schießen durfte („Normalerweise hätten die Stürmer schießen müssen, ich wollte aber unbedingt“), spricht für Badeljs Akzeptanz bei den Kollegen.

Und wenn wir schon mal ein so gutes Spiel des HSV im Rücken haben, will ich nicht aufhören, das Positive hervorzuheben. Immerhin hatte ich bei Maximilian Beister lange das Gefühl, dass ihm die Härte fehlt. Auch gegen Schalke. Immer wieder verlor Maxi leichte Bälle, er verlor die Zweikämpfe, weil ihn seine Gegenspieler schier mühelos zur Seite schoben. Und das, obwohl Maxi durchaus robust gebaut ist. Und dann traf er. Mit 116 Kmh schlug der Ball direkt über Unnerstall ein. Dass der Ball haltbar war, ist für mich in diesem Fall ebenso unstrittig wie unwichtig. Denn entscheidend war, dass Beister sich endlich etwas zutraut. „Das war ein besonderer Moment für mich, mein erstes Bundesligator. Das pusht, das gibt mir neues Selbstvertrauen – und plötzlich klappen auch solche Hackentricks. Mit dem Tor ist eine Menge Druck von mir abgefallen, weil die Leute auch Erwartungen haben und ich natürlich auch an Toren gemessen werde.“

Dennoch, Beister braucht noch Zeit. Noch fehlen dem sympathischen und talentierten Linksfuß einige Bausteine, um komplett als Erstligaspieler anzukommen. Das weiß er auch selbst: „Ich weiß, dass ich immer noch in der Entwicklungsphase bin. Ich werde jetzt auch ganz sicher nicht ungeduldig. Der Rest kommt von allein.“

Auch wenn der letzte Satz eher eine Floskel als eine Wahrheit ist, so ist Beister deutlich anzumerken, dass er Fortschritte macht. Immer wieder musste er unmittelbar nach seinem ersten Treffer die Frage beantworten, ob er jetzt endlich „angekommen“ sei. Eine Frage, die dem intelligenten Offensivmann zu plump war. Er umschiffte die Frage gekonnt und formulierte wie ein alter Hase: „Diesmal kam viel zusammen. Die Position passte, weil ich sehr viel Raum hatte, meine Schnelligkeit nutzen konnte. Ich genieße einfach, dass ich von Spiel zu Spiel mehr Selbstvertrauen bekomme und der Trainer mir immer mehr Vertrauen entgegenbringt. Angekommen bin ich vor Monaten. Ich wusste damals aber auch, dass ich geduldig sein muss. Deshalb war und bin ich nicht unruhig.“

Muss er auch nicht sein. Im Gegenteil, die Richtung stimmt ja nachweislich. In Freiburg war er kurz vor seinem ersten Treffer, in Düsseldorf war er einer der wenigen Spieler mit positiven Ansätzen. Und jetzt hat er nicht nur getroffen sondern zudem auch das 2:0 mit initiiert. „Ich war mit ihm am Vortag noch essen, da haben wir schon viel gesprochen. Er ist mein Freund und ich habe mich über sein Tor so gefreut, als hätte ich es selbst geschossen“, freut sich Arslan für Beister, der ergänzt: „Wir haben gezeigt, dass wir trotz schwerwiegender Ausfälle gewinnen können. Das war die wichtige Lehre dieses Spiels.“

Leider keine Lehre gezogen hatte indes Arslan vor dem Spiel aus dem persönlichen Gespräch mit Fink. „Der Trainer hat mich extra zur Seite genommen und gewarnt. Er meinte, ich sei als halber Türke vom Temperament her gefährdet und müsse mich besonders gut im Griff haben. Aber das hatte ich nicht. Ich konnte einfach nicht ruhig bleiben“, so Arslan zur fatalen Szene. Der Ersatz von Rafael van der Vaart ist zudem selbstkritisch genug, um zu wissen, dass er einen Fehler gemacht hat. „Der Schiedsrichter Gräfe war ein sehr guter Leiter der Partie. Er hat immer mit uns gesprochen, hat mich auch ruhig ermahnt. Aber ich konnte irgendwie nicht anders. Ich hätte mir die Gelbe auch gegeben. Und so dumm die fünfte Gelbe von mir war, die Mannschaft wird mich in Wolfsburg ersetzen können. Das haben wir gezeigt.“

Auch, weil sich alte Stammkräfte stark zurückmeldeten wie Dennis Aogo. „Die Position war überraschend und neu für mich, zudem haben wir im Mittelfeld taktisch umgestellt, das hat es nicht leichter gemacht. Aber wir hatten den Willen, die Laufbereitschaft und den Einsatzwillen, dieses Spiel egal wie zu gewinnen“, freut sich Aogo, der selbst für das Beschriebene ein Paradebeispiel darstellte. Bis zur völligen Erschöpfung („Ich hatte schon fast Krämpfe, die Beine wurden schwerer. Ab der 80. Minute war es richtig hart“) ackerte Aogo und lieferte ein bemerkenswert starkes Spiel ab. Zumindest erinnere ich mich nicht an ein Spiel, das ähnlich auffällig gut von ihm war. Warum das in Düsseldorf nicht abrufbar war? „Keine Ahnung“, so Aogo ehrlich, „es ist tatsächlich schon komisch. Wir das schaffen das nicht, wenn wir mal einen wichtigen Schritt nach vorn gehen können. Aber solche Spiele gewinnen wir.“ Dennoch sei er sich sicher, dass es in Wolfsburg die Fortsetzung geben wird. „Wir wissen, was nie fehlen darf…“

Nicht mehr fehlen wird bei den Niedersachsen am Sonntag (17.30 VW-Arena) voraussichtlich Heung Min Son, der nach seiner Verletzungspause davon profitieren könnte, dass Arslan gesperrt ausfällt. Heute absolvierte der bisherige Toptorschütze bereits wieder Lauftraining und könnte morgen schon wieder ins Mannschaftstraining einsteigen, das von zehn auf 13 Uhr verlegt wurde. Allerdings dürfte auch Son klar geworden sein, wie wenig unverzichtbar er ist. „Es ist toll für die Mannschaft, dass sie auch ohne Sonni und Rafa gewinnt“, fasst Sportchef Frank Arnesen zusammen. „Zudem ist es auch gut für Rafa, weil es Druck von ihm nimmt. Auf jeden Fall war es das beste Spiel von uns, seitdem ich hier bin.“

Dennoch, bei aller Freude über das gute Spiel war Arnesen schnell wieder zurück im Alltag. Immerhin muss der Däne im Winter versuchen, 6,4 Millionen Euro Kosten einzusparen, indem er Spieler verkauft und von der Gehaltsliste bringt. Dazu zählt neben Drobny, Tesche und Rajkovic („Am kommenden Montag will ich wieder mit der Mannschaft trainieren“) auch weiterhin Per Skjelbred. Arnesen zu Skjelbred: „Wir haben viel gesprochen und sprechen noch immer sehr viel miteinander. Er wollte sich durchsetzen und ist geblieben – das ist legitim. Er hat auch Pech gehabt, als er gegen den KSC aufgestellt wurde und lange der beste Mann von uns war, bis die gesamte Mannschaft samt ihm abgestürzt ist. Aber er hat sich im Training immer reingehauen, lässt nie den Kopf hängen und will unbedingt zeigen, dass er es kann. Gegen Schalke hat er schon mal seine Visitenkarte abgegeben. Das freute mich sehr für ihn, denn per ist ein guter Fußballer und ein absoluter Teamplayer. Wir schauen uns das jetzt alles die nächsten Wochen an und werden dann sehen, was am besten ist. Denn klar ist: Per will spielen. Das ist das Wichtigste.“

So sieht es auch Ju’s Lieblingsspieler, der einen weniger anschaulichen, dafür aber sehr sinnvollen Oberlippenbart trägt. „Movember“ heißt die November-Aktion, bei der sich weltweit hunderttausende Männer einen Oberlippenbart stehen lassen, um so für Spenden zur Krebsforschung aufzurufen. Auch Skjelbred nimmt daran teil. Zu seiner HSV-Zukunft sagt er: „Ich denke jetzt nur an den HSV und habe keine Kontakte zu irgendwelchen anderen Vereinen. Entscheidend ist, was der Chef (zeigt auf Geschäftsstelle) da oben sagt. Ich habe immer gesagt, dass ich mich hier genauso wie meine Frau und meine Kinder sehr wohl fühle. Im Winter schauen wir dann, wie es weitergeht.“

Sollte er bis dahin noch drei Spiele wie gestern machen, wird er sich seine Zukunft wahrscheinlich selbst aussuchen können. Ich würde es dem sympathischen Blondschopf allemal gönnen.

In diesem Sinne, ich gönne mir heute Abend die Diskussion in der Raute. Fans und Verein diskutieren über das neue DFL-Sicherheitspapier, das am 12.12 (daher der Name 12.12 für die 12 Minuten und 12 Sekunden langen Protest-Schweigeaktionen in den Stadien an den Spieltagen 14 bis 16) in Frankfurt verabschiedet werden soll. Hitzige Diskussionen sind programmiert. Aber vielleicht zeigen die Verantwortlich und die Fans heute Abend ja mal eine ähnlich starke Leistung wie die Mannschaft gestern.

Bis morgen!

Scholle

P.S.: Damit niemand denkt, ich hätte ihn vergessen: Ganz stark war auch Dennis Diekmeier, der immer konstanter wird. Am Freitag haben wir den Rechtsverteidiger bei uns in der Runde. Dann kann und soll er uns erzählen, woran es liegt, dass er immer besser in Fahrt kommt.

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