Monatsarchiv für Oktober 2012

Rene Adler: “So fit war ich noch nie”

30. Oktober 2012

Einer fehlt beim Kurkonzert. War in meiner Jugend (also vor dem Krieg) mal ein Titel eines Krimis. Oder auch eines Buches. Heute am Vormittag herrschte zunächst ein wenig Aufregung, weil nicht nur einer beim Training fehlte, sondern gleich mehrere Spieler. Nach einem aber wurde ganz besonders gefahndet: Robert Tesche. Unser „el Presidente“ hatte es ja schon im Blog geschrieben, dass es einen kurzen Zwischenfall im Training gegeben hatte – Tesche und Marcell Jansen waren aneinander geraten. Ist Tesche nun suspendiert worden? Das war die Frage, die viele bewegte. Aber, um es mal auf den Punkt zu bringen, er ist es nicht. Robert Tesche hat „Nacken“, deswegen war er nicht auf dem Rasen zu sehen. Wie auch Michael Mancienne, der Migräne hat, oder Paul Scharner, der für das Abendspiel gegen den Oberliga-Klub Halstenbek-Rellingen „geschont“ wurde. Weil der Österreicher zuletzt am Sonntag volle 90 Minuten gegen den VfB Lübeck gespielt hatte.

Das Ergebnis vom Test gegen HR am Ende des Berichts.

Um aber noch kurz auch den „Fall Tesche/Jansen“ zurück zu kommen: Es war ein harter Zweikampf, der da von beiden geführt worden war, und am Ende dieses Duells gab es wohl ein kurzes Nachtreten von Jansen (oder nur der Versuch eines Nachtretens, auf jeden Fall nichts Brutales). Die beiden Spieler gerieten dann aber doch aneinander. „Es war eine kleine Rangelei, so etwas sollte natürlich nicht passieren, ist aber passiert. Es sind eben Emotionen drin, da knallt es dann schon mal im Training. Da brennen dann manchmal die Sicherungen durch. Wir haben geschubst und gezerrt – es war also eher ein Ringkampf. In diesem Falle sage ich: lieber ein bisschen zu viel Aggressivität, als zu wenig. In der Kabine haben wir uns dann wieder die Hand gegeben.“ So schildert Marcell Jansen den Vorfall. Es war ein Zwischenfall, der nicht sonderlich hochgespielt werden muss, denn so etwas passiert eben immer mal – nicht nur beim HSV.

Trainer Thorsten Fink zu diesem brisanten Duell: „Die Mannschaft ist aggressiv, die Jungs wollen weiterkommen, sie kämpfen um ihre Plätze, da passiert so etwas eben mal. Wir haben mit Marcell darüber gesprochen, so etwas geht nicht – aber das interessiert mich jetzt nicht mehr.“ Abgehakt dieser etwas andere Zweikampf. Und das ist auch gut so, denn Bayern steht vor der Tür, jetzt müssen alle Kräfte, auch jene, die in den Armen der Spieler stecken, gebündelt werden, damit das Unmögliche möglich gemacht wird. Nämlich keine Niederlage gegen den Rekordmeister zu kassieren. Auf jeden Fall aber keinen Nackenschlag gegen München. Einmal Nacken genügt.

Gefehlt hat beim Vormittags-Training auch Rene Adler (es war nur Jaroslav Drobny dabei), der mit den Kollegen Tom Mickel und Sven Neuhaus im UKE trainiert hat. Am Nachmittag war Adler dann dabei, obwohl er über einen kleinen Muskelkater klagte. Der wird bis zum Anpfiff am Sonnabend um 18.30 Uhr Geschichte sein, denn der HSV setzt und baut im Nord-Süd-Gipfel (der es früher einmal war) vor allen Dingen auf seinen Keeper, der bislang maßgeblichen Anteil daran hatte, dass der HSV zu diesem Zeitpunkt schon 13 Punkte auf dem Konto hat. Und nun kommt es zu einem direkten Vergleich mit Deutschlands Nummer eins, Manuel Neuer. Ein Bundesliga-Spiel also, das reichlich Brisanz bietet.

„Die Bayern haben gegen Leverkusen gezeigt, dass sie auch schlagbar sind, aber das soll nichts heißen. Sie haben nun noch ein Pokalspiel vor der Brust, und in dem können sie dann die ganze Wut über die Niederlage ablassen, um dann gegen uns wieder befreit aufzuspielen. Aber grundsätzlich denke ich, dass im Fußball keine Mannschaft unschlagbar ist. Es ist ja das Schöne am Sport ist ja, dass da Menschen zu Werke gehen, und Menschen machen ja auch mal den einen oder anderen Fehler. Wir hoffen natürlich, dass wir am Wochenende den einen oder anderen Fehler der Bayern erzwingen können. Wir stehen relativ gut da und haben nichts zu verlieren“, sagt Rene Adler im Hinblick auf den kommenden Sonnabend. Der HSV steht gut da – und auf Platz sieben. Wer hätte das nach dem verkorksten Saisonstart schon gedacht? Adler zu dieser Momentaufnahme: „Es läuft gut, aber es läuft noch nicht so gut, dass man darüber sprechen könnte. Wir müssen uns unsere Top-Leistungen während des Spiels immer noch zusammenbasteln. Es ist nämlich noch nicht alles gut, wir haben noch sehr viel Luft nach oben. Wir sind weit davon entfernt, eine Spitzen-Mannschaft in Deutschland zu sein.“

Ab jetzt erhalten die HSV-Spieler per Videos Anschauungs-Unterricht über den FC Bayern, über Stärken und Schwächen der Mannschaft, auch wie sie die Standards ausführen. Und, und, und. Alles wird akribisch beäugt und hinterleuchtet, nichts wird dem Zufall überlassen. Rene Adler zur jetzigen Situation: „Es ist schön zu sehen, dass wir schon einen gewissen Platz zu den Abstiegsrängen hergestellt haben, wir können am Sonnabend unbeschwert aufspielen – und es macht ja auch viel mehr Spaß für jeden, oben mitzuspielen, als immer im Abstiegskampf zu sein. Sich mit den Besten zu messen ist wesentlich besser, als um Existenzen zu spielen.“

Das Duell zwischen ihm und Manuel Neuer tangiert ihn nicht: „Das juckt mich überhaupt nicht. Das ist wichtig für die Medien, nicht für mich. Für mich ist wichtig, dass ich am Sonnabend keinen Fehler begehe, nur das zählt für mich.“ Über Neuer sagt Adler: „Er hat sich top entwickelt, das muss man sportlich anerkennen.“ Am 14. November spielt die deutsche Nationalmannschaft in Amsterdam gegen die Niederlande. Ob Adler dann schon wieder dabei ist, steht in den Sternen. Für mich wäre es ein Witz, wenn es der Gladbacher ter Stegen wäre (Hannovers Zieler ist gesperrt), aber das ist natürlich ganz allein eine Sache des Bundestrainers. Adler sagt: „Ich würde mich riesig freuen. Und damit will ich mich gar nicht über die Medien in die Mannschaft hineinreden, denn es ist ja normal, dass ein Sportler für sein Land spielen will. Aber wenn es nichts wird, dann geht für mich die Welt nicht unter, dann versuche ich, noch härter zu trainieren, um es dem Bundestrainer so schwer wie nur möglich zu machen.“

Dabei halten viele Experten Rene Adler schon jetzt für die deutsche Nummer eins – weil der HSV-Torhüter der Beste ist. Dennoch gibt es ja in der Nationalmannschaft eine Torhüter-Hierarchie, die von „Jogi“ Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke zu beachten ist. Meine Meinung aber ist: Wenn es nur nach Leistungen geht, dann muss Adler ganz einfach am 14. November 2012 im Kreise der Nationalmannschaft weilen. Da gibt es gar nichts. Käme es anders, könnte man mir das nicht erklären.

Aber das steht auf einem ganz anderen Blatt. Es auf jeden Fall aber so, dass Hamburg am Sonnabend die beiden besten deutschen Torhüter sehen wird. Rene Adler sagt über seine derzeitige Verfassung: „Ich fühle mich sehr gut, und das spiegelt sich auch in meinen Leistungen wider. Ich habe meinen Weg gefunden, mit allen Nebenerscheinungen wie Wechsel, Verletzungen, Fitnesszustand und familiärer Situation – ich fühle mich einfach wohl. Aber ich weiß auch genau, wie schnelllebig dieses Geschäft ist. Man macht mal zwei, drei schlechtere Spiele, dann ist das schon wieder ganz anders, aber auch das versetzt mich nicht in Panik, denn ich weiß ja, was ich leisten kann, wenn ich fit bin. Ich habe keinen Druck, ich bin ganz entspannt – ich freue mich auf dieses Spiel.“

Ganz Hamburg, nein, ganz Deutschland hat das in den zurückliegenden Wochen gesehen. Adler sagt weiter: „Ich bin aktuell in einem Fitnesszustand, den ich so noch nie hatte. So gut war es noch nie. Ich habe acht Monate Vorbereitungszeit gehabt, in denen ich schon auf den Sommer 2012 hin trainieren konnte, ohne dabei auch nur eine Sekunde Bayer Leverkusen vernachlässigt zu haben. Das nehme ich für mich in Anspruch, das ist wichtig für mich.“

Dieser Adler ist einfach nur super. Das, was er denkt, wie er denkt, was er sagt, was er tut – das ist spitze, das ist hervorragend und auch überragend. Nicht nur ein erstklassiger Torwart, sondern auch ein tadelloser und großartiger Mensch. Für ihn war der Wechsel nach Hamburg auch wichtig: „Wenn man weiß, weil man es jahrelang hatte, wie die Vorbereitung abläuft, dann tut es auch gut, wenn man aus diesem Trott, das soll nun auf keine Fall negativ sein, herauskommt. Mir hat dieser Wechsel zum HSV den letzten Kick gegeben, mich neu zu beweisen. Neue Mannschaft, neue Spieler, neue Umgebung – ich habe ja bemerkt, welche Skepsis hier herrschte. Da kommt einer, der lange verletzt war, der wurde auch noch in einem Alleingang von Frank Arnesen geholt – aber das hat mich auch nur in Prozentteilchen unter Druck gesetzt. Aber dann lief es gut für mich, und die Fans haben mich akzeptiert – und wenn die Fans auf deiner Seite sind, dann kommt man eben auch schneller in einen Verein hinein. Das hat alles gepasst, aber ich habe auch sehr, sehr viel gegeben und sehr viel investiert.“

Dass er beim HSV gelandet ist, das erklärte Adler heute so: „Das ist leider so im Profi-Fußball, dass man kann sich nicht viel dafür kaufen kann, wo man mal war, ob man mal die Nummer eins war, ob man mal mit großen Klubs in Verbindung gebracht worden ist, ob man mal eine Super-Saison gespielt hat. Es kling hart, aber ein verletzter Spieler ist ein toter Spieler. Es kommen andere Spieler, die ziehen dann den Fokus auf sich, und dann ist man als verletzter Spieler ganz schnell weg vom Fenster. Und sich dann wieder ganz nach oben zu kämpfen, das kostet Kraft, Energie und erfordert viel Motivation. Deswegen freue ich mich, dass ich jetzt bei einem Klub wie dem HSV spielen darf – ich bereue es, wie ja auch schon gefragt wurde, überhaupt nicht, hierher gekommen zu sein. Ich verstehe eine solche Frage nicht, kann diese Gedankengänge nicht nachvollziehen.“

Und dann schwärmt Rene Adler von seiner neuen Heimat: „Es ist macht unheimlich viel Spaß, in einer Stadt zu spielen, wo der Verein omnipräsent ist, wo der HSV wie die Reeperbahn zur Stadt gehört. Jeder Hamburger ist doch verwurzelt mit dem Klub, bis auf die paar St.-Pauli-Fans, sonst ist doch alles nur HSV. Und das ist für mich das bislang phänomenalste Erlebnis in meiner Fußball-Laufbahn. Ich weiß nicht, ob das jetzt ein subjektives Empfinden ist, aber ich habe das Gefühl, dass wenn wir verlieren, das dann so etwas wie ein Schleier über der Stadt liegt. Dass dann die Leute hier etwas weniger gut drauf sind. Und dass sie bei einem HSV-Sieg einfach viel besser drauf sind. Und das ist dann obergeil, ein Teil dieses Vereins zu sein. Und auch ein Teil mit meiner Leistung dazu beitragen kann, dass die Leute Spaß haben. Spaß am Fußball, einfach gut drauf sind – das bereitet mir viel Freude. Das ist eine meiner prägendsten Erfahrungen in meinem Fußballerleben. Was ein Traditions-Verein wie der HSV an Kräften in der Stadt frei setzt, das zu erleben, das macht mir ganz einfach riesigen Spaß.“

Man merkt es ihm an. An jeder Geste, an jedem Wort – an jedem Lächeln. Das sind keine Phrasen. Und in Bezug auf den kommenden Sonnabend und den dann anstehenden 90 Minuten gegen den FC Bayern sagt Rene Adler: „Ich bin heiß. Ich freue mich auf jedes Heimspiel in dieser schönen Arena und diesen tollen Fans – und wenn dann noch die Bayern kommen, dann umso besser.“ Und sein Erfolgs-Rezept für das Spiel? Er sagt: „Die Basis ist, dass wir hinten gut stehen, kompakt stehen. Und dann haben wir im Spiel nach vorne ja auch noch die individuelle Klasse eines Rafael van der Vaart zu bieten, oder auch die Klasse eines Heung Min Son. Wir müssen, und daran arbeiten wir täglich, weniger Torchancen gegen uns zulassen. Das klappt einmal gut und einmal weniger gut, aber wir sind auf einem guten Wege.“ Und dann skizziert der 27-jährige Nationaltorwart auch schnell noch die Zukunft des HSV: „Unser Anspruch muss sein, bis zum Winter Platz sieben, Platz acht zu halten, Anschluss an die internationalen Plätze zu halten, dann wieder anzugreifen, Vollgas geben, voll anzugreifen.“

Ein kluger, ein genialer Plan. Hoffentlich geht er auf. Schon zu zwei Drittel wäre das schön.
Aber ist euch mal aufgefallen, was 13 Punkte aus sechs Spielen alles bewirken können? In Hamburg und beim HSV spricht niemand mehr von Abstieg. Das sollte dann auch nach dem Bayern-Spiel so bleiben, falls es denn tatsächlich nicht zu einem Punkt oder gar zu drei Punkten für den HSV gelangt haben sollte.

PS: Morgen wird im Volkspark um 10 Uhr für das Bayern-Spiel geübt. Und gleich (18 Uhr) findet das Testspiel der B-Vertretung gegen HR statt. Ich melde mich nach dem Schlusspfiff wieder.

18.07 Uhr

Ergänzt um 19.20 Uhr:

Das Spiel gegen Halstenbek-Rellingen endete mit einem 6:0-Sieg des HSV, der antrat mit Neuhaus, Sala, Bruma, Scharner, Aogo; Rincon, Kacar; Nafiu, Skjelbred,Ilicevic; Berg. In der zweiten Halbzeit kamen Strietzel (im Tor), Dennis Bergmann und Dominik Masek. Vor 250 Zaungästen trafen Berg (zweimal 15,, 35.), zum 2:0 Skjelbred (19.), Sala (63.) und der in der 69. Minute eingewechselte Masek zweimal (73. und 79.). Der HSV spielte engagiert, und ein Lob gebührt auch dem Oberliga-Klub (erste Halbzeit mit Claus Reitmaier im Tor), der sich sehr gut verkaufte. Ein Test, der sich für beide gelohnt haben dürfte.

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »