Tagesarchiv für den 29. Oktober 2012

Fink: „Man kann ja auch Größe zeigen.“

29. Oktober 2012

Dass der Trainer nun eine ganz besonders gute Geburtstagslaune hatte, das kann ich nicht bestätigen. Thorsten Fink wurde heute 45 Jahre alt, aber irgendwie hatte er etwas ausgemacht, was ihm ansonsten kaum einmal etwas ausgemacht hatte: Kritik. Der Coach haderte mit seiner Aussage, dass er mit dem HSV in dieser Saison „unter die Top ten“ kommen will: „Das wurde mir dann so ausgelegt, dass wir Platz zehn haben wollen. So ist das doch nicht. Ergäbe sich am Saisonende Platz acht oder neun, so könnte ich mich damit natürlich auch anfreunden.“ Um das einmal klarzustellen. Aber auch um die Laufleistung und die Kondition ging es Fink, dessen Mannschaft beim 2:0-Sieg in Augsburg starke 124 Kilometer gelaufen war. Thorsten Fink sagte in die Runde: „Wenn schon oft geschrieben wird, dass wir zu wenig laufen, dann können Sie jetzt auch mal schreiben, dass die Mannschaft in Top-Kondition ist.“

Dass der HSV-Trainer aber dennoch nicht nur durchgehend schlecht drauf war an diesem Montag, davon zeugt diese Meldung: Der Trainer denkt über eine Begnadigung von Slobodan Rajkovic nach. Tolle Meldung. Nicht dass ich Rajkovic unbedingt wieder zurück in der Bundesliga-Mannschaft sehen will, aber ich finde, dass sich Sportler irgendwann auch einmal wieder die Hand geben sollten und sich versöhnlich zeigen sollte. So groß der Mist auch gewesen ist. Den Rajkovic gebaut hat.

Die Frage habe ich nicht dem Trainer gestellt, sondern der Kollege Sebastian Wolff vom Kicker. Anlass muss wohl die Regionalliga-Premiere von Rajkovic bei der Zweiten des HSV im Spiel gegen den VfB Lübeck gewesen sein. Thorsten Fink hatte diese Partie nicht gesehen, aber seine Assistenten Patrick Rahmen und Ronny Teuber. „Ist Rajkovic für das morgige Testspiel des HSV gegen den Oberliga-Klub Halstenbek-Rellingen eine Option, oder nicht“, fragte Wolff. Fink: „Ich möchte da nicht nur an mich denken, deswegen werde ich die Situation noch einmal mit dem Verein analysieren, ich persönlich bin niemand, der nachtragend ist. Das habe ich auch schon vorher gesagt. Es ist okay, dass er sich bei mir entschuldigt hat, und nun werde ich, werden wir sehen, was für den Verein das Beste ist. Und dann werden wir zusammen entscheiden. Ich werde ich noch mal mit dem Frank darüber reden, vielleicht sogar heute noch.“

Mit Frank war natürlich Sportchef Arnesen gemeint. Es kommt Bewegung in die Sache, wobei ich nicht glaube, dass das nur etwas mit dem Lübeck-Spiel zu tun hat. Der HSV muss ja auch sehen, dass ein Spieler wie Slobodan Rajkovic nicht in der Versenkung (sprich Regionalliga) verschwindet, denn dazu hat ein Mann wie der Innenverteidiger doch schon einen zu großen Wert. Ist Rajkovic wieder bei der Mannschaft (den Profis), dann ist er mit Sicherheit auch viel, viel besser zu verkaufen. Entweder im Winter – oder zur neuen Saison. Und – natürlich – wenn es Rajkovic selbst will. Im vergangenen Sommer wollte er (noch) nicht.

Ganz klar ist, und das muss ich hier noch einmal unmissverständlich zum Ausdruck bringe: Rajkovic hat nicht nur Mist gebaut, sondern Bockmist. Es ist mit das Härteste, was sich ein HSV-Spieler in den vergangenen 30 Jahren herausgenommen hat. Das musste hart bestraft werden, und es wurde hart bestraft. Aber nun, so denke ich, ist auch die Zeit gekommen, wo der Klub und der Trainer, der ja der Leidtragende war (mit dem Rajkovic-Abendblatt-Interview), über eine Begnadigung nachdenken könnten. Und es wird ja auch getan. „Wir schauen mal, wir werden reden“, sagt Thorsten Fink und ergänzt: „Wie gesagt, es kann nicht jeder irgendwelche Dinge machen, sich dann entschuldigen und meinen, dass alles wieder gut ist. Er hat sich entschuldigt, er hat mir einen Brief geschrieben und die Bitte geäußert, dass er sich mal mit mir unterhalten wolle – ich habe ihm aber noch nicht geantwortet. Ich werde sicherlich noch mal mit ihm reden – und dann schauen wir mal.“ Fink unmissverständlich: „Ich will das Beste für den Klub. Und ich will natürlich auch Ruhe in der Mannschaft haben, das ist ja auch wichtig. Und: Ich glaube, dass es schwieriger ist, jemanden zurückzuholen, wenn es schlechter läuft, als jetzt. Wenn man ihn zurückholt, wenn es sportlich nicht läuft, dann heißt es von außen: ‚Jetzt wird er weich, weil es so schlecht läuft.’ Deswegen blieb mir bislang auch nichts anderes möglich.“ Fink auch noch weiter: „Ich habe mich ja auch zum Anfang zu dieser Aussage hinreißen lassen, dass er nie wieder unter meiner Leitung spielen wird. Das weiß ja jeder – aber man kann ja auch Größe zeigen, ich überlege mir das.“

Slobodan Rajkovic, der gegen den Viertliga-Vertreter Lübeck ein überragendes Spiel gemacht hat (in meinen Augen), wird ganz genau und immer noch wissen, was er da angestellt hat. Und er wird sich sicherlich schon viele, viele Male selbst verflucht haben, dass es so gekommen ist, wie es nun ist. Das hat natürlich ganz allein er zu verantworten. Ich hoffe nun aber trotz allem, dass Fink diese Größe zeigen wird. Obwohl ich über einen Zusatz des Trainers immer noch grübele: „Und ich will natürlich auch Ruhe in der Mannschaft haben, das ist ja auch wichtig.“ Heißt das vielleicht, dass es Unruhe gäbe, wenn Rajkovic wieder zurück käme? Dass Rajkovic vielleicht zu viele Spieler gegen sich hat? Mal sehen, wie sich dieses Thema weiterhin entwickeln wird. Zumal der HSV ja auch genügend Innenverteidiger hat: Heiko Westermann, Michael Mancienne, Jeffrey Bruma und Paul Scharner. Deswegen müsste der HSV in Sachen Rajkovic ganz sicher nicht „einknicken“. Aber eben aus humanitären Gründen . . .

Um schnell noch einmal auf das morgige Spiel zu kommen: Um 18 Uhr soll gegen HR gespielt werden, und zwar werden die Spieler zum Zuge kommen, die gegen Augsburg nicht gespielt haben. Damit sie Spielpraxis bekommen – und somit fit sind, wenn sie bei den Profis benötigt werden. Thorsten Fink: „Ich möchte nicht nur immer gegen die eigene U-23 spielen, ich möchte aber auch nicht groß reisen. Deswegen nun dieses Testspiel hier bei uns.“

Zum 45. Trainer-Geburtstag hatte der Kollege Matthias Linnenbrügger („Welt“) dem Coach einen kleinen „Kasten“ Bier mitgebracht. Thorsten Fink bedankte sich und sagte: „Die Mannschaft hatte mir ja mit den drei Punkten von Augsburg schon ein schönes Geschenk gemacht. Und vielleicht kommen am Wochenende ja noch einmal drei oder ein Punkt dazu, wenn wir gegen die Bayern spielen. Man hat ja gesehen, dass das nicht unmöglich ist, warum sollen wir das nicht schaffen? Wir sind natürlich klarer Außenseiter, aber Leverkusen hat es am Sonntag vorgemacht – warum sollte uns so etwas nicht auch gelingen können?“

Ja, warum eigentlich nicht? Thorsten Fink, der ehemalige Bayern-Profi: „Es ging zuletzt bei uns in die richtige Richtung, 13 Punkte aus den letzten sechs Partien, das ist ja – aber wir haben auch gesehen, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben. Wir haben im Defensivverhalten große Probleme, es gab einige Schwächen im Abwehrverhalten, das hat Augsburg wieder gezeigt. Wir haben ordentlich gespielt, aber nicht gut. Wir haben zwar auch gute Phasen in diesem Spiel gehabt, 15 Minuten in der ersten Halbzeit, zehn Minuten in der zweiten Halbzeit, aber es gab auch große Mängel in unserem Spiel. So standen wir immer noch zu weit von unseren Gegenspieler weg. Wir müssen mutiger werden, mehr noch von hinten heraus spielen, nicht zu viele lange Bälle spielen – da haben wir noch viel Arbeit vor uns.“

In der Tat. Auswärts in Fürth gewonnen, daheim gegen Stuttgart verloren. Auswärts in Augsburg gewonnen, und dann daheim gegen den Rekordmeister? Setzt der HSV die Achterbahnfahrt fort? In der vergangenen Saison spielte der HSV in Hamburg gegen die Bayern großartig (unter der Regie von Fink) und schaffte ein 1:1. Das war zu jener Zeit auch schon ein kleines Wunder, auf jeden Fall eine große Überraschung. Aber noch immer spielt der HSV nicht konstant genug. Selbst in einem Spiel gibt es so manches Wellental – wie in Augsburg. Gute Phase, schlechte Phasen. Fink: „Deswegen stehen wir auf dem siebten Tabellenplatz und nicht auf dem ersten oder zweiten. Das ist normal, das ist die Qualität, die wir im Moment haben. Wir sehen daraus, dass wir noch Arbeit vor uns haben, dass nicht alles schon perfekt ist – das dauert halt. Ich trete deshalb immer auf die Bremse.“

Es geht um die Zielsetzung in dieser Saison. Nur ein Mittelfeldplatz für den HSV, oder doch mehr? „Alle möglichen Leute möchten, dass wir von der Europa League als Saisonziel sprechen, aber ich werde nicht darüber sprechen“, sagt Thorsten Fink und fügt an: „Ich kann jeden nur warnen, gleich wieder von höheren Zielen zu sprechen. Wir habe in Fürth gewonnen, wir haben in Augsburg gewonnen, aber wir haben dabei immer gezeigt, dass wir einiges noch viel besser machen können.“ Und müssen. Wenn es wieder in Richtung Spitze gehen soll. Und zwar dauerhaft. Nicht nur eine Nacht (wie diesmal Platz vier). Fink: „Es fehlen noch Automatismen, aber wir sind auf einem guten Weg. Es braucht seine Zeit, und dazu muss man mit einem Team auch mal länger arbeiten. Wir sind in der Lage, jede Mannschaft zu schlagen, das haben wir gegen Dortmund und Hannover bewiesen, und wir haben gegen Mannschaften, die von unten kommen, Charakter gezeigt und das Richtige gemacht.“ Thorsten Fink sagt dann aber auch: „Dass wir zwischendurch aber auch mal wieder verlieren werden, dass ist doch aber auch klar. Trotz allem sollte man das dann nicht alles so negativ sehen. Und ich sage auch, dass man nun nicht alles nur positiv schreiben sollte – es gibt noch viel Arbeit. Auch wenn die Entwicklung in den letzten sechs Wochen schon gut war. Wir müssen aber unser Defensivverhalten verbessern, daran müssen wir arbeiten – und damit ist nicht nur die Viererkette gemeint, sondern das gesamte Defensivverhalten der Mannschaft.“

Vor Wochen hatte Fink dem HSV schon prophezeit, dass es trotz des mageren Saisonstarts schon bald wieder bergauf gehen würde. Das ist eingetreten. „Wir waren damals nicht euphorisch, wir waren auch nicht unrealistisch – das sind unsere Ziele. Wir wollten als HSV ja nicht auf Platz 15 oder 16 bleiben, auf denen wir damals waren, sondern wir wollen ins gesicherte Mittelfeld“, so Thorsten Fink. Was für einige (oder viele?) HSV-Fans offenbar nicht ganz nachvollziehbar ist. Auf der Fahrt heute in den Volkspark telefonierte ich (mit Freisprechanlage) mit einem Edel-Fan und Dauerkarten-Inhaber, und der befand: „Der HSV ist großes Risiko gegangen, hat noch tolle Leute gekauft – damit muss es um Platz fünf gehen, ganz klar. Nichts anders.“

Damit habe ich Thorsten Fink konfrontiert, und er antwortete: „Natürlich, ganz klar. Letzte Woche, beim Fan-Talk in der Arena, da haben mir diese Leute noch vorgehalten, was alles noch nicht in Ordnung ist, wo unsere Mängel liegen, und nun muss es schon Platz fünf sein, natürlich. Es könnte selbstverständlich passieren, es ist ja nichts ausgeschlossen – wenn wir einen sensationellen Lauf bekommen, auch noch mehr Glück als im Moment. Aber ich meine, dass das nicht passieren muss. Es war doch zu oft schon unser Fehler: Wenn es mal bei uns nach einem Aufwärtstrend aussah, dann wurde gleich wieder von der Europa League gesprochen. Das möchte ich jetzt vermeiden. Und deshalb sollte im Moment – jedenfalls in dieser Beziehung – jeder auch ganz ruhig bleiben.“ Fink hält den Ball flach – und er tut gut daran.

Zumal es nun gegen die übermächtigen Bayern geht. Vor einer solchen Partie täte (zu viel) Übermut sicherlich überhaupt nicht gut. Denn die Münchner haben eine großartige Offensive – und der HSV, wie eben gelesen, eine nicht so gute Defensive. Obwohl der HSV natürlich den besseren Torwart in seinen Reihen hat, das muss mal gesagt werden (dürfen). Rene Adler für Deutschland. Er wird es am Sonnabend zeigen. Ganz sicher.

PS: Morgen geht es im Volkspark rund. Um 10 Uhr wird trainiert, und um 15 Uhr oder um 15.30 Uhr (das wusste Thorsten Fink noch nicht so genau) auch noch einmal. Mit Ausnahme jener Spieler, die dann um 18 Uhr gegen HR spielen werden. Übrigens: Bei HR gibt es einige Ex-HSVer: Trainer Thomas Bliemeister (Vater des Son-Beraters), Co-Trainer Vahid Hashemian und Torwart Claus Reitmaier.

18.46 Uhr