Tagesarchiv für den 28. Oktober 2012

Rajkovic stoppt den VfB Lübeck!

28. Oktober 2012

Das war höchst interessant. Da die Profis heute Ruhetag hatten, fand ich mich bei der Zweiten im Regionalliga-Spiel gegen den VfB Lübeck ein. Deswegen hoch interessant, weil die HSV-Mannschaft mit Profis und solchen Spielern antrat, die mal Profis werden wollen. Um es gleich am Anfang zu schreiben: Beim HSV bildeten Paul Scharner und Slobodan Rajkovic die Innenverteidigung, für die beiden Nationalspieler war es die Premiere in der „Nachwuchs-Truppe“, und beide spielten gut. Wobei ich noch etwas weitergehen möchte, mit einer kleinen Nuance: Rajkovic war beim 3:1-Sieg des HSV der überragende Mann auf dem Rasen. An ihm bissen sich die Gäste immer wieder die Zähne aus, ich gehe sogar so weit: Rajkovic stoppte den VfB Lübeck. Das war eine fabelhafte Leistung, so gut habe und hatte ich den verbannten Innenverteidiger noch nie gesehen. Kurios: Scharner und Rajkovic schossen jeweils ein Tor.

Der HSV trat in Norderstedt mit folgender Mannschaft an: Tom Mickel, Henrik Dettmann (Kapitän), Paul Scharner, Slobodan Rajkovic, Janek Sternberg, Zhi Gin Lam (65. Jordan Brown), Matti Steinmann, Bentley Bexter Bahn, Farrona Pulido (65. Kevin Ingreso) , Dennis Bergmann (63. Fabian Graudenz), George Kelbel. Wie ihr sehen könnt, neben den Profis einige ambitionierte Talente dabei. Wobei einige davon auch keinen besonders guten Tag erwischt hatten. Sternberg kann wesentlich mehr, Steinmann auch, Lam ebenfalls. Auch 1:0-Torschütze Pulido (22. Min.) habe ich persönlich schon besser gesehen. Dettmann spielte hinten rechts solide, Bergmann zeigte einige (aber wenige) gute Ansätze. Bahn ebenfalls, er wurde zweite Halbzeit besser. Keinen besonders guten Tag hatte auch Kelbel, der aber auch sicher darunter litt, dass er nie so angespielt wurde, wie es nötig gewesen wäre.

Besonders auffällig: Nach dem 1:0 kamen bis auf Mickel, der in seinem Tor blieb, alle Spieler, um den Torschützen Pulido zu herzen. Auch die Profis Scharner und Rajkovic reihten sich in die Schar der Gratulanten ein. Ein sehr schönes Bild. Das für die Profis spricht. Überhaupt, beide Spieler ließen nie eine Überheblichkeit erkennen, sie gaben sich so, als würden sie schon immer in dieser Mannschaft spielen. Das 2:0 erzielte Scharner nach einem Eckstoß, als die Lübecker den Ball in Form einer Kerze Richtung Sonne klären wollte. Als die Kugel wieder zu Boden fiel, stand der Österreicher goldrichtig und drosch sie humorlos und trocken aus fünf Metern in die kurze Ecke (41.). Mit diesem Stand ging es in die Halbzeitpause.

Mit dem 3:0 von Rajkovic, der aus 32 Metern wuchtig abzog und das Glück hatte, dass VfB-Torwart Toboll den haltbaren Ball schon in den Händen hatte, ihn dann aber doch noch über die Linie rutschen ließ, war die Partie entschieden (63.). Nach diesem Treffer stürmten alle Kollegen auf Rajkovic ein, sogar Mickel war aus seinem Gehäuse bis in die gegnerische Hälfte gerast, um zu gratulieren. Etwas Spannung kam nach diesem dritten Tor des HSV noch einmal auf, weil Scharner mit einem Rückpass ein wenig arg daneben lag. Der Lübecker Hauck erlief den Ball und „tunnelte“ den ansonsten beschäftigungslosen Mickel (77.). Was mir auffiel beim HSV: Bis auf Dettmann, Scharner, Rajkovic und Kelbel, vielleicht auch noch Steinmann, müssen alle anderen Spieler körperlich noch deutlich zulegen. Der VfB Lübeck stellte da doch die wesentlich robustere Mannschaft. Ein Manko, was ich schon oft bei den „HSV-Amateuren“ erkannt habe, die Talente sind durchweg alle ein wenig zu schmal auf der Brust. Ob darauf beim HSV kein so großer Wert gelegt wird?

Dass Scharner und Rajkovic bei der „Zweiten“ spielten, das lag an den Spielern selbst. Beim HSV wird nämlich, so hörte ich heute, kein Profi mehr von „oben“ nach unten geschickt, weil das in der Vergangenheit nicht so viel gebracht hat (Paradebeispiel Muhamed Besic). Wer als Profi am Wochenende nicht zum Einsatz kam, der darf sich gerne freiwillig bei der Regionalliga-Mannschaft melden und anbieten, er wird dann auch genommen – weil er mit dieser (seiner) Meldung ja ganz offen bekundet, dass er spielen will (und damit auch Leistung bringen will). Eine in meinen Augen gute und sinnvolle Regelung.

Um noch einmal kurz auf Paul Scharner zu kommen: Der Österreicher spielte gut, keine Frage, aber die Regionalliga sollte auch für ihn kein Maßstab sein. Wenn ich Profi-Maßstäbe ansetze, dann würde ich sagen, dass da doch noch einiges für die Erste Liga fehlt. Vor allen Dingen Spielpraxis, denn viele Aktionen des Innenverteidigers sahen doch noch etwas hölzern und steif aus, ganz sicher war das noch nicht alles so souverän, dass ich sagen würde: „Das ist ein Mann für Fink.“ Noch ist er das in meinen Augen nicht, obwohl ich es ihm wünschen würde, denn er geht hart in jeden Zweikampf, schont weder sich noch den Gegner. Und einen solchen Abwehrmann, der ein wenig für Angst und Schrecken beim gegnerischen Sturm sorgen kann, täte der HSV-Defensive mal ganz gut.

So gesehen war Scharners Nebenmann Rajkovic schon unübersehbar auf einem erstklassigen Weg – und bei 90 Prozent. Ob allerdings Torwarttrainer Ronny Teuber, der dieses Spiel für die Profi-Abteilung beobachtete, das auch seinem Chef Thorsten Fink berichten wird? Ich glaube eher nicht, den Rajkovic ist und bleibt eine Persona non grata. Nach dieser Leistung muss ich es deutlich sagen: schade eigentlich.

Aber der HSV-Chef-Trainer kann ja ohnehin aus dem Vollen schöpfen, braucht einen Slobodan Rajkovic ja gar nicht – der HSV hat ja genügend Leute für die Profi-Mannschaft. Und so sehr ich mich gefreut hätte, wenn ich heute einen HSV-Spieler entdeckt hätte, der unbedingt zu Thorsten Fink und den Profis müsste – es gab diesen einen Spieler nicht. Weder hinten noch vorne, auch Mittelfeld nicht. Auch das eigentlich sehr schade. Denn ich hoffe ja immer noch, dass sich auch diese HSV-Abteilung demnächst oder auch bald oder zeitnah entwickelt. Aber wie lange hoffen wir das nicht schon? Und wie oft haben wir in den vergangenen Jahren nicht folgende Aussage von den Ochsenzoll-Verantwortlichen gehört: „Das muss sich erst entwickeln, das braucht seine Zeit . . .“ Ist schon klar.
Ich sage aber auch ganz deutlich, dass ich diesbezüglich schon seit geraumer Zeit total ungeduldig bin. Total!

Geduld wird der HSV noch mit Petr Jiracek beweisen müssen, denn der Tscheche, so viel steht schon fest, wird auch für das nächste Spiel (am Sonnabend kommen die Bayern nach Hamburg) ausfallen. Kurzzeitig war sogar zu befürchten, dass der Mittelfeldspieler wegen eines Leistenbruchs operiert werden müsse, aber zum Glück gab es in diesem Punkt die Entwarnung. Dennoch wird der Nationalspieler erst einmal ausfallen. Thorsten Fink spielt deshalb mit dem Gedanken einer Umstellung seiner Mannschaft, um dem Rekordmeister entsprechend Paroli bieten zu können. Die Überlegungen des Trainers könnten sein (oder sind so): Tomas Rincon neben Milan Badelj auf die Sechser-Positionen, und Tolgay Arslan statt Maximilian Beister ins linke offensivere Mittelfeld. Das ist, wie geschrieben, ein Gedankengang, es muss nicht so kommen – denn es wird ja noch einige Trainingstage geben, in denen sich auch der eine oder andere Spieler noch anbieten darf und kann – und vielleicht ja auch anbieten wird.

Fest „im Sattel“ dagegen sitzen zurzeit die treffsicheren Offensivkräfte. Heung Min Son und Artjoms Rudnevs haben mit ihren Treffern in Augsburg nicht nur den Sieg perfekt gemacht, sie haben auch ihre Positionen deutlich gefestigt. Und nach seinem fünften Saisontor redet ja nun ganz Hamburg davon, dass der HSV den Vertrag mit Son (läuft noch bis Sommer 2014) sofort und so schnell wie möglich verlängern sollte. Aber der Südkoreaner hat andere Pläne: „Ich weiß noch nicht, ob ich den Vertrag in diesem Winter schon verlängern werde. Ich fühle mich aber, das kann ich in jedem Fall sagen, sehr wohl in Hamburg.“ Schön zu hören.

Nicht ganz so schön war für mich dagegen die Aussage von Sportchef Frank Arnesen, der zum Thema Son sagte: „Er kann noch drei, vier Jahre bei uns spielen. Wichtig wird sein, dass für ihn die Perspektive stimmt. Spieler wie Son, Badelj oder van der Vaart wollen da mitspielen, wo es lustig ist, also international.“
Ja, das ist wohl so, aber daran können doch alle mitwirken, dass es noch so lustig wird beim HSV. Und warum sollte Son nur drei, vier Jahre hier spielen? Der junge Mann ist 20 Jahre alt. Warum kann er nicht auch noch zehn Jahre beim HSV sein? Oder sogar noch länger? Muss man immer davon ausgehen, dass die Etappen der Spieler immer kürzer und kürzer werden – Hamburg nur als Durchgangsstation anzusehen ist? Aber wahrscheinlich bin ich in diesem Punkt ein hoffnungsloser Träumer, es ist wohl so, dass die meisten Spieler ex und hopp bevorzugen – und schnellstens wieder weg vom HSV (der natürlich wichtige Aufbauhilfe geleistet hat). Der HSV als Ausbildungsverein.

Vielleicht geht es ja auch im „Fall“ Rudnevs so. Der Lette kommt allmählich, schoss in Augsburg sein drittes Bundesliga-Tor. „Ich habe mir vor der Saison einen Plan aufgestellt, wie viele Treffer ich in dieser Saison machen möchte. Ich sage aber nicht, wie viele Tore ich mir vorgenommen habe. Nur so viel verrate ich: noch bin ich im Plan.“ Rudnevs also mit der Tor-Planwirtschaft zufrieden, und der Trainer mit Rudnevs ebenfalls. Fink sagt: „Artjoms erarbeitet sich in jedem Spiel seine Chancen, und wenn er alle genutzt hätte, dann stünde er wahrscheinlich schon bei sechs Toren – aber er kommt, er macht seine Sache gut.“ Und das Tor zum 2:0 war sehenswert, keine Frage. Erst die herrliche Vorarbeit von Rafael van der Vaart (mit dem Tunnel-Pass), dann die blitzschnelle Drehung des Letten und der wuchtig Abschluss – hervorragend. So kann und darf es weitergehen. Auch wenn Rudnevs sagt: „Der Unterschied zwischen der polnischen Liga und der Bundesliga ist riesig. Hier wird viel schneller gespielt – und die Torhüter sind auch viel besser.“ Klar doch, Deutschland steht doch europaweit auf Rang drei – bei den Vereinsmannschaften.

Nur noch die Nummer zwei bei der Nummer drei, wenn ich das einmal so salopp umschreiben darf, ist zurzeit ja Dennis Aogo. Durch die lange Pause wegen der schlechten Blutwerte hat der Nationalspieler seinen Linksverteidiger-Posten an Marcell Jansen vorerst verloren. In Augsburg wurde Aogo nun erstmalig wieder eingewechselt, aber erst in der 90. Minute (für „Maxi“ Beister). Dennoch befand Aogo: „Ich war zumindest mal wieder dabei, und es war auch ein schöner Moment, mal wieder auf dem Platz zu stehen, aber ich würde schon gerne auch mal wieder länger spielen. Mal wieder von Anfang an. Aber das ist eine schwierige Situation, ich muss hart arbeiten und mich im Training anbieten. Ich bin fit und überzeugt, dass ich der Mannschaft helfen kann.“

Das denke ich auch. Zumal Dennis Aogo für mich der Spieler war, der im Zusammenspiel mit Kapitän Heiko Westermann in schweren und schwerste Bundesliga-Zeiten versucht hat, die stark angeschlagene HSV-Mannschaft wieder aufzurichten. Jeden Tag. Aogo hat sich für das gesamte Team eingesetzt, damit es wieder bergauf geht – und nun ist er im Pech. Auch deshalb, weil Jansen seine Sache hinten links sehr gut macht. Aogo sagt über diesen Konkurrenzkampf: „Ich muss mich hinten anstellen und auf meine Chance warten, aber ich möchte auch nicht auf eine andere Position ausweichen. Ich bin linker Verteidiger, das habe ich viereinhalb Jahre hier gemacht, das ist meine Position.“ Über sein Verhältnis zu Jansen sagt er: „Ich habe mit Marcell ein offenes Verhältnis – wir wollen nur beide auf dieser einen Position spielen.“

Das wird noch ein hartes und vereinsinternes Duell. Wobei mich erstaunt, dass Jansen jetzt offenbar hinten links spielen will, obwohl es jahrelang so aussah, dass sich der ehemalige Bayern-Spieler weiter nach vorne orientiert hat. Aber nun ist sein Motto wohl: „Vorwärts Marcell, es geht zurück.“ Ich bin gespannt, wie lange Dennis Aogo geduldig wartet und still bleibt. Ganz gespannt. Wobei Thorsten Fink zu diesem brisanten „Zweikampf“ sagt: „Kein Trainer der Welt würde die Mannschaft jetzt ändern. Dennis ist ein guter Junge, er muss nun Geduld aufbringen und auf seine Chance warten.“

PS: Heute wird Mittelfeldspieler Tolgay Arslan Gast beim „Sportclub“ im Dritten sein, die Sendung beginnt um 22.50 Uhr. Und an diesem Montag wird um 15 Uhr im Volkspark trainiert.

PSPS: Noch steht es in München bei der Partie Bayern gegen Leverkusen nur 1:1. Ein Zeichen, dass auch die übermächtigen Bayern, denen ich ja Unbesiegbarkeit bescheinigt habe, doch verletzbar sind? Wie schön wäre das denn? Am nächsten Sonnabend . . .

19.09 Uhr