Tagesarchiv für den 21. Oktober 2012

0:1 – der Traum von Platz vier geplatzt!

21. Oktober 2012

Immer dann, wenn der HSV mal einen Sprung in der Tabelle machen könnte, immer dann – geht die Sache in die Hose. Oder in diesem Fall auch nur der Sprung. Der HSV taugt einfach nicht zu einem Känguru. Mit einem leeren Beutel kann man eben doch keine großen Sprünge machen, auch wenn der Kopf es vielleicht noch so gerne möchte. Auf Platz vier hätte der HSV an diesem achten Bundesliga-Spieltag vorstoßen können, vorher hörte ich an allen Ecken und Kanten der Arena nur: „Platz vier! Heute stehen wir am Ende des Tages auf Platz vier.“ Gute Nacht, Freunde – und ein fröhliches Aufwachen. Diese 0:1-Niederlage gegen den VfB Stuttgart hat deutlich, überdeutlich gezeigt, dass der „neue“ HSV doch noch nicht ganz so weit ist, wie ihn den Fans schon wieder gesehen haben wollten. Vier Spiele, zehn Punkte, das war auch einem überragenden Torwart zu verdanken. Vor allem ihm. Aber Rene Adler allein kann es nicht richten, wenn es, wie an diesem 21. Oktober 2012, vor ihm drunter und drüber geht. Das war über weite, weite Strecken ganz schlecht, HSV!

Die schönsten Trainer der Liga prallten an diesem Abend aufeinander, aber, und das ist kein großer Trost, der HSV hat den schönsten. Stuttgart aber in diesem Falle den erfolgreicheren. Dass die Schwaben hier völlig verdient drei Punkte ins Ländle entführten, müsste jedem noch so eingefleischten HSV-Fans klar sein. Der VfB spielte vor 53 121 Zuschauern engagierter, schneller, beweglicher, heißer, aggressiver, zweikampfstärker und ideenreicher. Der HSV dagegen ohne jeden Zusammenhang in den einzelnen Mannschaftsteilen. Viele lange Bälle wurden nach vorne gedroschen, aber sie kamen fast nie an – oder nur bei einem Stuttgarter. Das Nachrücken klappte zudem beim HSV kaum einmal, zu behäbig wurde sich von hinten heraus gelöst, es klaffte zwischen Defensive und Offensive eine riesige Lücke. Applaus gab es für den viel zu selten „stürmischen“ HSV schon dann, wenn es einen Eckstoß gab. Das war ganz, ganz dünn.

Und es begann schon alarmierend. Nach einer Minute und 18 Sekunden stand, wer konnte es anders sein, der Hamburger Martin Harnik allein vor Rene Adler. 0:1? Nein, nein, die Nummer eins des HSV, auch wenn er die Nummer 15 auf dem Rücken hat, blieb eiskalt (stehen) und hielt den Schuss. Bei der Parade hatte Adler einen Ausfallschritt hingelegt, und der sorgte für eine kleine Furche im Rasen – noch in der Sekunde, als der Keeper den Ball fest in den Händen hielt, galt seine ganze Sorge dem ramponierten Grün. Adler stapfte das Loch schnell zu – und dann schlug der die Kugel zur Mitte. Einmalig.

Aber es ging auch danach nur in Richtung HSV-Tor. Wahnsinn. Der HSV wirkte hilflos, war nicht im Spiel, lief der Musik nur hinterher. Ibisevic kreuzte in der 15. Minute frei vor dem HSV-Tor auf, schoss aber aus elf Metern daneben. In dieser Szene blieb Rene Adler nur das Nachsehen – und dann gab es das Aufatmen. Eigentlich hätte es da schon 2:0 für die Schwaben stehen müssen, denn es spielte nur eine Mannschaft. Und weil der HSV immer kräftiger bettelte, gab es dann auch folgerichtig das 0:1. Gentner auf den rechts ungedeckt lauernden Harnik, der flach zur Mitte, Ibisevic war vor Michael Mancienne zur Stelle und drückte die Kugel aus vier Metern ein. Ein Treffer, der überfällig war.

Auch danach stürmte der Tabellenfünfzehnte Stuttgart weiter Richtung Nordkurve. Zeitweise wurde der HSV vorgeführt. Das sah ganz bitter aus. Erst in der Schlussphase der ersten Halbzeit keimte so etwas wie die Hamburger Hoffnung auf, weil sich der HSV vom Dauerdruck des VfB ein wenig befreien konnte. In der 43. Minute flanket Petr Jiracek von links, Rafael van der Vaart kam am langen Pfosten sieben Meter vor dem Tor an die Kugel, lenkte zur Mitte, wo Artjoms Rudnevs lauerte – aber Torwart Ulreich schnappte sich den Ball. Immerhin, da lag mal ein zarter Hauch von HSV-Torgefahr in der Volkspark-Luft.

Und in der Nachspielzeit des ersten Durchgangs stempelte Milan Badelj mit einem satten Rechtsschuss aus 28 Metern die Torlatte des Stuttgarter Gehäuses. Dass Rudnevs den Abpraller ins Netz köpfte, hatte dann aber einen kleinen jedoch realistischen Schönheitsfehler: der Lette stand im Abseits. Kein Tor also – mit einen 0:1 ging es in die Pause. Nur 0:1 – das war auch Glück für den HSV, denn das Chancenverhältnis lag bei mindestens 1:5.

“Das ist bislang nicht so doll heute, aber ich hoffe ja, dass der HSV den Schwung aus den letzten Minuten des ersten Durchgangs mit in die zweiten Halbzeit nimmt, dann kann es noch etwas werden”, sagte der Comedian Olli “Dittsche” Dittrich während des Pausentees noch voller Hoffnung.

Während der Halbzeit liefen sich Maximilian Beister und Dennis Aogo intensiv warm, aber nur Beister kam zum zweiten Durchgang. Thorsten Fink korrigierte das Missverständnis mit Petr Jiracek auf der linken Außenbahn. Der Tscheche kann sicher viele Positionen spielen, aber nicht links draußen. So nahm sich der HSV eine Option, nämlich die, schnell über den linken Flügel nach vorne zu kommen, um dann entweder zu flanken oder zu schießen. Jiracek schaffte es nur einmal, ansonsten herrschte Ebbe. Dramatisch Ebbe sogar. Der HSV hatte sich einer großen Waffe selbst beraubt. Wie gesagt, in den ersten 45 Minuten. Dann kam Beister.

Und der bereitete durch eine beherzte Aktion immerhin die zweite große HSV-Möglichkeit vor. Linksschuss von der Strafraumgrenze, Ulreich musste prallen lassen – Marcell Jansen köpfte über das verwaiste VfB-Tor. Das hätte das 1:1 sein können, wenn nicht sogar müssen (58.). Danach folgte ein Anrennen des HSV, einige Schüsse aus der zweiten Reihe – aber nichts war es mehr mit dem Ausgleich. Und erst recht nichts mehr mit dem vierten Platz. Es wäre ja auch zu schön gewesen – der HSV mal vor Dortmund!

Die Einzelkritik:

Rene Adler hatte von der ersten Minute an erkannt, wohin hier der Hase laufen wird –nämlich auf sein Tor. Deswegen nahm der das Tempo raus, bei jedem Abschlag, bei jedem Freistoß vor seinem Kasten – um für Ruhe zu sorgen. Hielt ansonsten wieder einmal bärenstark – Note eins.

Dennis Diekmeier wurde in der zweiten Halbzeit sicherer, spielte dann auch seine Schnelligkeit aus.

Michael Mancienne soll ja, so ein Gerücht, demnächst eine Einladung von der englischen Nationalmannschaft erhalten. In diesem Spiel aber musste er erkennen, dass da noch einiges an internationaler Klasse fehlt – die Nati sollte (noch) kein ernsthaftes Thema sein. Aber: Mancienne rettete einmal (78.) in höchster Not gegen Traore, das hätte das 0:2 sein müssen.

Heiko Westermann – noch Fragen? Er allein bremste in Halbzeit eins fast alle Stuttgarter Angriffe, die nicht mit einem Torabschluss endeten. Und der Kapitän trieb seine Mannen immer wieder an, war auch Einfädler und tauchte nicht selten in der gegnerischen Hälfte auf – eine überragende, eine absolute Top-Leistung.

Marcell Jansen begann ein wenig zu lässig und zu nachlässig, konnte sich später aber ein wenig steigern. Dennoch nicht so gut wie zuletzt.

Tolgay Arslan gelang ganz sicher nicht alles, aber er war dennoch der Pluspunkt im Mittelfeld, denn es gab keinen besseren Nebenmann. War giftig und hatte auch gute spielerische Szenen.

Milan Badelj ging offenbar angeschlagen ins Spiel, denn er wirkte fahrig und langsam – sein bislang schlechtestes Spiel für den HSV. Ging in der 74. Minute vom Platz, als Marcus Berg für ihn kam.

Heung Min Son mit Licht und Schatten, diesmal mit mehr Schatten. Immerhin: Wenn ein Hamburger einmal schoss, dann war er es. Aber so wird das nie etwas mit dem FC Liverpool. Gegen Ende des Spiels schwanden seine Kräfte, in der 85. Minute kam Paul Scharner – als Kampf-Maschine und als Kopfball-Ungeheuer.

Rafael van der Vaart versuchte einiges, aber er war von Beginn an nie im Spiel. Er kämpfte, er lief viel, aber diese Partie war nicht für ihn gemacht – er blieb blass.

Petr Jiracek ist eben kein Flügelflitzer . . . Was ihn aber ehrte – er lief, er biss, er kämpfte, er gab alles. Vielleicht wäre er besser auf die Sechs gegangen, und Badelj wäre zur Pause in der Kabine geblieben. Wer weiß es schon?

Artjoms Rudnevs kämpfte, lief, wollte, blieb aber glücklos.

Maximilian Beister kam in der 46. Minute für Jiracek und sorgte für Schwung, auch wenn er es sicher noch viel besser kann. Bei der U-21-Nationalmannschaft zeigt er es eigentlich regelmäßig.

Marcus Berg versuchte noch zu retten, was noch zu retten war – aber es gelang nicht mehr.

19.23 Uhr