Tagesarchiv für den 19. Oktober 2012

“Hier haben wirklich alle wieder richtig Spaß!”

19. Oktober 2012

Wahnsinn, wie unser Blog-Netzwerk funktioniert. Da stehe ich mit zwei Bloggern, unterhalte mich – und binnen weniger Minuten ist sogar der Inhalt des Gesprächs online. Nicht hundertprozentig korrekt wiedergegeben – aber online und für alle zugänglich. Ebenso wie die beste Nachricht es Tages: Rafael van der Vaart ist fit. „Ich kann spielen, der Trainer hat Grünes Licht, mich aufzustellen“, so der Niederländer auf Nachfrage. Leichte Adduktorenprobleme hätte der Topspieler des HSV nach seinen beiden Länderspiel(tor)en für die niederländische Nationalelf gehabt, wurde gestern mitgeteilt – und heute belächelt. „Ich wusste von Beginn an, dass er spielen können würde“, so Trainer Thorsten Fink mit einem Lächeln, „aber man weiß ja nie. Am Donnerstag haben wir ihn geschont, heute hat er voll mitgemacht. Ohne Probleme. Deshalb ist er am Sonntag auch dabei.“

Van der Vaart machte tatsächlich ohne Probleme mit. Mehr noch: das Abschlussspiel, das die A-Elf haushoch (auch wenn Fink behauptetet, es wäre nur 3:0 gewesen) gewann, dominierte der Niederländer mit seinen Geistesblitzen. Hier mal ein kleiner Stoß mit der Fußspitze, hier ein No-Look-Pass (passen, ohne dabei in die Passrichtung zu gucken) und dort ein Tor – van der Vaart war extrem spielfreudig. „Ich bin in Hamburg wieder fit und glücklich“, so der Mann mit der Rückennummer 23. „Das war in Tottenham auch so – aber hier herrscht ein ganz anderer Druck. Das ist schöner.“ Zumal dem Niederländer das ihm entgegengebrachte Vertrauen, die hohen Erwartungen an ihn sowie natürlich die mit ihm verbundene Hoffnung schmeicheln. Und das ganze Lob scheint nicht abzuebben. Heute wartete ein holländischer Radioreporter auf van der Vaart, um anschließend auch Fink über seinen neuen Top-Scorer zu befragen. Und Fink holte weit aus: „Rafa wollten alle im Klub. Es gibt wohl keinen bei uns, der ihn nicht mindestens einmal angerufen hat, um ihm Hamburg nahezulegen. Und mit ihm haben wir das Winner-Gen dazubekommen. Neben ihm wachsen die anderen, die vorher noch an sich gezweifelt haben. Er ist mein verlängerter Arm, der mir Feedback gibt.“

Worte, die den erfahrenen van der Vaart zwar nicht zwingend die Schamesröte ins Gesicht treiben. Aber sie spornen auch einen Star wie ihn noch an. „Es macht mir auch Spaß hier“, so der Linksfuß, der für seine Pause am Donnerstag die Anstrengungen der letzten Wochen seit Bekanntwerden seines Wechsels zum HSV anführte. „Ich habe sehr viel gespielt und wenig geschlafen. Aber die Pause war nicht nur für den Körper gut, sondern auch für mich“, sagt van der Vaart, dem ich angesichts des heutigen Trainings geneigt war, alles zu glauben. Und ganz ehrlich, sollte ein Tag Pause immer solche Folgen haben, dann bitte, Herr Fink: Schonen Sie Rafael van der Vaart morgen noch einmal. Es lohnt sich…

Wobei, genau das soll zu seiner Zeit beim HSV ein gewisser Bruno Labbadia anders gesehen haben. So zumindest wird sich erzählt. Dass das so nicht wahr ist, dürfte jedem Fußballkenner klar sein. „Der HSV hat sehr teuer aber auch sehr gut eingekauft“, lobt der heutige Stuttgart-Trainer die Verpflichtung eben jenes van der Vaarts, bezieht dabei aber auch Milan Badelj und Petr Jiracek mit ein. „Ich bin auch wenig überrascht, dass der HSV so gut dasteht. Die Mannschaft wurde immer schlechter gemacht, als sie war.“ Und wenn es glücklicherweise in Hamburg schon keiner macht, dann wenigstens die Gegner: „Der HSV hat ganz klar die Möglichkeit, noch viel weiter nach vorn zu klettern. Es ist eine Mannschaft, die in die Europa League kommen kann.“

Ist ja auch nicht sein Druck, den er da aufbaut.

Wobei Labbadia nach seinem verpatzten Saisonstart und seiner drastischen Wutrede vor zwei Wochen beim nächsten HSV-gegner mächtig unter Druck steht. Manager Fredi Bobic leugnet das branchenüblich noch, aber viel erlauben darf sich der VfB nicht mehr, will man dort seinen Trainer behalten. Ob er den Druck spürt? Labbadia verneint: „Ich habe keinen Druck. Ich freue mich auf das Spiel.“

Klar, was soll er auch anderes antworten. Dabei bin ich mir sicher, dass Labbadia weiß, dass eine Niederlage sein Aus besiegeln könnte. Dafür hat der VfB trotz der minimalsten Ausgaben in der Ersten Liga (keiner gab weniger als der VfB _ 200000 Euro – aus) zu hohe Ansprüche. Immerhin sind die Schwaben in der letzten Saison mit einer nahezu identischen Mannschaft in die Europa League eingezogen. Allerdings, und das muss man dazu sagen, hat Labbadia nicht zuletzt durch den Kreuzbandriss Cacaus (Gute Besserng aus Hamburg!) erhebliche Probleme in der Offensive. Inzwischen steht dem akribischen Coach nur noch Vedad Ibisevic zur Verfügung. „Viel darf nicht mehr passieren“, sagt Labbadia, der gern noch einmal kurz vor Transferschluss 17 Millionen Euro wie der HSV ausgegeben hätte. Dennoch, und so war der Ex-Bayern-Profi in Hamburg auch, Labbadia bleibt klar. Loyal eben. „Das wünscht sich natürlich jeder Trainer. Aber ich gehe den Weg des Vereins.“ Und der heißt: Sparen.

Kennen wir doch auch irgendwoher, oder?

Und nur um eines klarzustellen: ich halte Labbadia samt seinem Cotrainer Erdinc „Eddy“ Sözer für einen sehr guten Trainer. Dass er in Hamburg gescheitert ist, hat mich dennoch nicht überrascht, da Labbadia als weitgehend beratungsresistent zu Hamburger Zeiten keinen Sportchef an seiner Seite hatte – wenn man Bernd Hoffmann und Katja Kraus mal nicht als solche werten mag. Aber ich bin mir sicher, dass Labbadia mit Dietmar Beiersdorfer zusammen in Hamburg großen Erfolg hätte haben können. Immerhin bestätigen selbst die Spieler, die bei Labbadia durchs Rost fielen dem Deutsch-Italiener fachliche Qualitäten, wie sie selten zu sehen sind.

Aber okay, wo wir schon bei Konjunktiven sind: Stellt Euch mal vor, Sven Ulreich hätte nicht so hervorragend gehalten in den letzten Jahren. Dann wäre Rene Adler heute nicht in Hamburg.

Warum?

Immerhin verdrängte Ulreich so Bernd Leno beim VfB, den wiederum Leverkusen nach seiner Leihphase unbedingt weiterverpflichten wollte und konnte. Wäre aber Leno zurück nach Stuttgart – Leverkusen hätte Adler wohl niemals ziehen lassen…

Insofern: Danke Sven Ullreich! Danke Bernd Leno!

Ein großer Dank geht auch an Milan Badelj, der am Sonnabend beim Abschlusstraining wieder mitmischen soll und nach eigener Aussage spielen will. Der Kroate ist hart im Nehmen und will trotz Bänderanrisses mit einem bandagierten Knöchel alles geben. „Klar ist aber auch, dass ich ihn nur dann bringe, wenn er 100 Prozent geben kann“, sagt Fink, der die Einsatzwahrscheinlichkeit Badeljs auf 60:40 schätzt. „Es ist eben ein reines Schmerzproblem“, so Fink, wissend, dass Badelj nach eigener Aussage zur Not auch ein, zwei Schmerztabletten nehmen will, um zu spielen.

Sollte Badelj wider Erwarten nicht auflaufen können, will Fink wie heute im Abschlussspiel auflaufen. Soll heißen: Jiracek rückt ins zentral-defensive Mittelfeld und Maxi Beister auf die linke Außenbahn. Das Riesentalent hat seine Rückenprobleme („Ich habe mir einen Nerv eingeklemmt, den wir mit zweimal Physio und Strombehandlung in den Griff bekommen haben“) auskuriert und brennt auf seine Chance. „Ich habe immer gesagt, dass ich geduldig bin“, sagt Beister und lacht dabei, „vielleicht bekomme ich ja jetzt meine Chance.“

Wie Beister herrschte heute bei den HSV-Spielern allgemein gute Laune. Nach Trainingsende wurden weiter fleißig Standards, Torabschlüsse und für die Torhüter Flankenbälle geübt. Oder es wurden bereitwillig Autogramme geschrieben und Interviews gegeben. „Es macht einfach allen wieder Spaß“, sagt Dennis Diekmeier, selbst ein Gewinner der letzten vier Spiele. „Der Erfolg trägt dazu bei. Deshalb gibt es für uns für Sonntag auch nur ein Ziel: Gewinnen“, so Diekmeier, der in seiner noch jungen Karriere ausgerechnet gegen den VfB in fünf Spielen noch nie gewinnen konnte. Aber – und das ist das gute Omen – das galt für Diekmeier auch vor dem Spiel gegen Dortmund. „Insofern kann ja nichts mehr schiefgehen“, so der Rechtsverteidiger, der ebenso wie Fink daran glaubt, dass sich der HSV mit einem Sieg im Mittelfeld vorerst festsetzen wird. Wobei der Trainer beim holländischen Radioreporter noch weiter ging. Auf die Frage, was denn das Ziel mit dem HSV in dieser Saison sei, antwortete er: „Wir wollen einen einstelligen Tabellenplatz – und jetzt auf dem Boden bleiben. Wenn wir jetzt nicht abheben und weiter Punkte sammeln, ist das auch drin.“

Absolut. In diesem Sinne: Bis morgen. Dann wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert und Dieter ist wieder am Ball. Sogar die nächsten drei Wochen lang, da ich mich vorerst in meinen Urlaub (der erste 2012) verabschiede und mich am 12. November wieder zurückmelden werde. Ich hoffe, dass wir bei meiner Rückkehr sieben Punkte mehr auf dem Konto haben, der NTSV sogar 9. Ich hoffe, dass beim HSV alle zuletzt angeschlagenen Spieler zurückkehren und Trainer Thorsten Fink ein mächtiges Problem in Sachen Kaderberufung (am Sonntag ist übrigens Paul Scharner dabei, Rincon und Kacar noch nicht) hat. Und vor allem hoffe ich, dass Ihr alle hier genau wie in den letzten Tagen und Wochen weiter so konstruktiv diskutiert. Unterstützt Dieter bitte, denn 21 Tage lang jeden Tag einen Blog schreiben ist anstrengend. Körperlich wie mental. Ich weiß das zu beurteilen…

In diesem Sinne, uns allen weiterhin schöne Fußballtage!

Bis bald,

Euer Scholle