Tagesarchiv für den 16. Oktober 2012

Shootingstar Tolgay Arslan: Türkei oder doch lieber DFB?

16. Oktober 2012

Er ist für seinen Trainer Fink die positivste Überraschung der bisherigen Saison. Und auch er hat noch lange nicht genug. „Ich bin nicht der Typ, der nachlässt. Im Gegenteil: Wenn ich gefordert werde, gebe ich noch mehr“, sagt Tolgay Arslan, angesprochen auf seine neue Stammposition im zentralen Mittelfeld und die dazugehörige Konkurrenz. „Als Rafael van der Vaart gekommen ist, dachten doch alle, dass es für mich noch schwerer würde und ich nur dann auf der Zehn spiele, wenn Rafa mal ausfällt. Aber in Wirklichkeit hat er mir geholfen. Inzwischen habe ich meine Position gefunden und die anderen müssen mich herausfordern.“ Mit „die anderen“ meint Arslan seine direkten Konkurrenten für das defensive Mittelfeld. Und da stehen mit Robert Tesche, Per Skjelbred, Tomas Rincon, Gojko Kacar und nicht zuletzt Petr Jiracek namhafte Spieler parat. „Das weiß ich“, sagt Arslan, „und genau deswegen werde ich immer ein wenig mehr machen als alle anderen. Ich will meinen kleinen Vorsprung behalten.“

Und das wird er. Mindestens im Spiel am Sonntag gegen den VfB Stuttgart. Gegen den Klub, dessen Trainer ihn einst zum Profi machte. „Vor drei Jahren hat mich Bruno Labbadia hochgezogen und wollte mich nicht gehen lassen, als ich darum bat, verliehen zu werden“, erzählt Arslan heute. Und er ist Labbadia dankbar dafür. „Das darauffolgende Jahr habe ich sehr, sehr viel gelernt. Bruno ist ein sehr guter Trainer. Ich kann mit Stolz sagen, dass ich in meiner noch sehr kurzen Karriere bislang nur richtig gute Trainer hatte.“

Dass er am Sonntag mit dafür verantwortlich sein könnte, dass der beim VfB Stuttgart in der Kritik stehende Labbadia entlassen wird, stört ihn nicht. So sei es nunmal im Fußballgeschäft. „Aber ich hoffe, dass Bruno noch lange Trainer in Stuttgart bleibt. Ansonsten dürfte es der VfB sehr schwer haben, einen so guten neuen Trainer zu finden.“

Eine schwere Entscheidung steht auch Arslan bevor. „Ich will unbedingt international spielen“, so der quirlige Deutsch-Türke, der damit nicht auf einen Vereinswechsel anspielt, sondern vielmehr auf seine persönliche Zukunft in Sachen Nationalelf. Bei der U21 war er zuletzt nicht dabei. Dennoch stellte man ihm eine Rückkehr im Falle der Qualifikation des DFB-Nachwuchses heute gegen die Schweiz in Aussicht. Warum er nicht schon in der Quali dabei ist, wenn er doch für ein etwaiges Endturnier eingeplant ist, erschließt sich mir auch nach längerem Nachdenken nicht. Das Einzige ist, dass man sich schnell die Dienste sichern will, bevor dies der türkische Verband macht. Denn auch der ist nach den letzten Wochen auf Tolgay Arslan aufmerksam geworden. „Der Teammanager hat bei meinem Vater angerufen und das Interesse hinterlegt“, sagt Arslan, der schon einmal für die Türkei auflief. Damals war er an Alemannia Aachen verliehen und saß anschließend auf der Bank der türkischen U21. „Das ist nicht, was ich will“, so Arslan, der sich bei der Entscheidung, für welches Land er letztlich aufläuft, wohl noch ein wenig Zeit lassen wird. „Ich werde mich nicht gegen ein Land entscheiden, sondern für das mit dem für mich besseren Angebot. Ich will international Erfahrungen sammeln und habe beide Länder in mir. Die deutsche Mentalität, jeden Morgen aufzustehen und arbeiten zu wollen ebenso wie die Verspieltheit der Türken.“ Dennoch gibt es eine leichte Tendenz: „Mein Vater freut sich für mich und überlässt mir die Entscheidung“, sagt Arslan, „obwohl ich schon merke, dass er mehr pro Deutschland tendiert.“

Arslan ist heiß auf seine internationale Karriere – aber er ist trotz seiner jungen Jahre einer, der wohl überlegt, ehe er handelt. Vor etwa einem halben Jahr hatte Tolgay mit gesagt, dass er Geduld habe, weil er weiß, dass er sich etwas langsam entwickelt als andere. „Ich bin ja auch jetzt nicht leistungsmäßig explodiert sondern habe alles langsam aufgebaut“, analysiert sich Arslan selbst nicht ohne Stolz: „Ich kann von mir guten Gewissens behaupten, dass ich endgültig angekommen bin.“ Vor allem auch auf seiner besten Position. In der Jugend sowie den ersten Profijahren galt Arslan als Stürmer. Oder besser: als Zehner, der ein guter Stürmer ist. Von Jahr zu Jahr aber wanderte Arslan immer ein Stück weiter nach hinten. Bis er auf der jetzigen, zentraldefensiven Position angekommen war. Damals war es mir egal, wo ich spiele“, so Arslan, „Hauptsache, ich bekam Spielminuten.“ Das sei heute anders. Heute will Arslan seine „Lieblingsposition“ nicht mehr hergeben. „Viele haben gedacht, ich hätte defensiv Probleme“, so Arslan, „dabei bin ich von Grund her durchaus aggressiv auf dem Platz. Mir macht es Spaß. Ich habe Bock, auf dem Platz zu fighten und zu ackern. Es sind andere Dinge wichtig als früher. Das ist jetzt meine Position, die ich am stärksten spiele.“

Klingt gut. Vor allem im Doppelpass mit den gezeigten Leistungen schmecken derart selbstbewusste Worte nach genau dem, was der HSV zubereiten will: starke Bundesligaspieler aus den eigenen Reihen. Und Arslan ist hierbei hoffentlich erst der Anfang.

Ein sehr guter wohlgemerkt. Denn Arslan besitzt das komplette Paket. Vor allem den Kopf. Arslan weiß nicht nur, was er richtig macht, er weiß auch um seine Schwächen und wie er diese am besten kaschiert. Der Rechtsfuß ist ein Stammgast im Fitnessbereich des HSV an trainingsfreien Tagen, er zieht einen Psychologen zurate und scheint sich den Umständen bewusst, die ihn funktionieren lassen. „Es ist immer ein Zusammenwirken von vielen Faktoren“, so Arslan, der insbesondere die Kaderzusammenstellung für das HSV-Mittelfeld lobt. Vor allem seine beiden zentralen Mitspieler Rafael van der Vaart und Milan Badelj. „Rafa ist ein Typ, mit dem man sich verstehen muss. Ich auch. Auf und neben dem Platz. Rafa ist immer anspielbar, was es mir leichter macht, schneller abzuspielen.“ Selbst ein Spiel wie das fußballerisch eher schwache aber eben erfolgreiche Auswärtsspiel in Fürth führt Arslan als positives Beispiel an. „Da hat man gesehen, dass Rafa auch anders kann, wenn es mal nicht so läuft. Genau wie wir. Dann wird eben mal Fußball gearbeitet.“

Vor allem aber das Zusammenspiel mit Milan Badelj scheint für Arslan ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg zu sein. „Angefangen hat es ja gegen Dortmund, wo ich eigentlich den offensiveren Part von uns beiden spielen sollte. Aber irgendwie hat sich das im Spiel andersrum ergeben. Seitdem wissen wir, dass wir reagieren können. Wir sind deutlich unausrechenbarer geworden. Bei uns muss nicht einer im Mittelfeld ausgeschaltet werden, sondern gleich zwei oder drei.“ Und auch für die Gegner, wie in dem Fall des VfB Stuttgart. Dort steht Arslan am Sonntag mit Raphael Holzhauser sowas wie der neue Hoffnungsträger der Schwaben gegenüber. Zu viel Respekt hat der HSV-Youngster allerdings nicht. „Stuttgart ist gut – aber wir sind besser. Ich habe den Holzhauser beobachtet. Ich freue mich auf das Duell. Es ist immer geil, wenn man gegen Spieler spielt, die gerade gefeiert werden. Und eines verspreche ich ihm: es wird ein schwieriges Spiel für ihn. Ich werde giftig und gallig sein.“ Immerhin gilt es, die „ätzend lange Pause“ mit einer guten Leistung zu beenden. Eben so, wie er zuletzt in Fürth aufgetreten ist. Und davor gegen Hannover. Und wiederum in Gladbach. Und natürlich vor Wochen gegen Dortmund. Aber vor allem so, wie er hoffentlich noch sehr lange für den HSV spielt.

In diesem Sinne, das war’s sportlich für heute. Im Nachklapp noch ein klein wenig Vereinspolitik für die, die es lesen wollen. Bis morgen. Da wird um 15 Uhr an der Imtech-Arena trainiert. Und ich beginne mit einem hoffentlich erfolgreichen Fußballabend…

Scholle (17.30 Uhr)

Nachklapp zur Mitgliederversammlung:
Das Thema Viagogo wurde am Ende der Veranstaltung doch noch heißer diskutiert, als es die HSV-Verantwortlichen zuvor erwartet hatten. HSV-Marketingvorstand Joachim Hilke sah sich heftiger Kritik ausgesetzt und musste versprechen, den Deal mit dem Internet-Ticket-Anbieter noch mal zu überarbeiten. Zumal der Vertrag zwar vorerst (innerhalb von 30 tagen zum 31. Juli 2013 kündbar) abgeschlossen ist, es allerdings noch in einigen Bereichen keine hundertprozentige Einigung gibt. Das wiederum reicht den Kritikern noch nicht. Denn zu den 1500 Tickets pro Spiel dürfen auch Dritte ihre Tickets via Viagogo anbieten. Und davon machen die Leute jetzt schon Gebrauch. Stehplatztickets für das Spiel gegen Hoffenheim werden dort angeboten. Für 44 Euro. Eben jene Tickets, die original 14 Euro kosten. So viel zum Thema „nur 100 Prozent Aufschlag“. Denn das erhöht sich dank der Gebühren Viagogos schnell und drastisch. Aber, und das muss allen klar werden, letztlich ist Viagogo nicht mehr als ein übersichtlicherer, legalisierter Schwarzmarkt – mit entsprechenden Gewinnmargen…