Tagesarchiv für den 15. Oktober 2012

Seeler: “Jetzt wird mein Herz geschont”

15. Oktober 2012

Volle Konzentration auf Stuttgart. An diesem Dienstag beginnt die HSV-Mannschaft mit den Vorbereitungen auf ein erneut sehr wichtiges Spiel. Gegen den VfB müssen Westermann, Adler, van der Vaart und Co ihren Aufwärtstrend unter Beweis stellen. Weiter aufwärts? Oder weiterhin ein Schlingerkurs mit durchwachsenen Ergebnissen? Ich bin, das muss ich zugeben, schon jetzt sehr gespannt, wie sich der „neue HSV“ in naher Zukunft präsentieren wird. Von mir aus könnte es gegen die Schwaben schon morgen losgehen – aber das ist ja kein Wunschkonzert. Beruhigend aber ist bislang zu wissen, dass Trainer Thorsten Fink aus dem Vollen schöpfen kann, denn bis auf Ivo Ilicevic fehlt ja kein Spieler – noch nicht. Am Dienstag stehen ja noch jede Menge WM-Qualifikationsspiele auf dem Programm, sodass sich doch noch die eine oder andere Verletzung bei einem HSV-Profi ergeben könnte, aber ich will das gar nicht provozieren. Es soll alles so bleiben, wie es sich im Moment verhält.

Ich sprach heute mit zwei großen Größen des HSV über ihren Klub, über die derzeitige Situation und wie sie sich die Zukunft der drei riesigen Buchstaben der Stadt vorstellen. Es gab mir der absolut Größte genauso Auskunft wie der erfolgreichste HSV-Spieler aller Zeiten. Seid gespannt auf die Aussagen von Uwe Seeler und Manfred Kaltz.

Mit dem „Schweiger“ sprach ich zuerst, kurz und knapp handelten wir den HSV gemeinsam ab. Hat Dein Klub, „Manni“, in naher Zukunft mal wieder die Möglichkeit, ganz nach oben, nicht an sondern in die Spitze der Liga vorzudringen? Kaltz ist da noch etwas vorsichtig: „Mit dem Abstieg hat der HSV in dieser Saison nichts zu tun, das ist schon mal beruhigend. Zum Glück hat der Klub ja in den letzten Stunden der Transferperiode noch zweimal nachgelegt, sodass es jetzt mehr Qualität in dieser Mannschaft gibt als vorher. Obwohl die Verantwortlichen ja vor einem Jahr noch gesagt haben, dass sie den Weg der Verjüngung konsequent gehen wollen – und dass dieser Weg wohl an die drei Jahre dauern wird. Jetzt aber wurde alles gekippt, jetzt wurde ein Spieler zurückgeholt, der einst weg wollte vom HSV. Ich meine van der Vaart. Jetzt sagt er plötzlich wieder, dass der HSV der beste Verein ist – aber okay, er ist ein guter Spieler, er hilft sicher.“ Dann sagt Kaltz auch: „Van der Vaart ist sicherlich schon am Ende seiner Karriere, und man muss mal sehen, wie er diese Saison durchstehen wird. Eines ist klar, Fußball spielen kann er. Und den jungen Leuten tut er auch ganz sicher sehr gut, denn die Talente brauchen erfahrene Spieler, die sie führen können, die Vorbilder sind – uns ging es damals ja nicht anders. Aber die Saison wird noch sehr schwer, dass es nun nur noch aufwärts geht mit dem HSV, daran glaube ich noch nicht.“

Zum Thema HSV und die Jugend hat Manfred Kaltz auch seine ganz spezielle Meinung: „Es kommt ja schon seit Jahren keiner mehr groß raus. Es werden immer wieder junge Spieler geholt, aber aus den eigenen Reihen kommt ja nicht viel. Das ist ja schon Jahre so. da müsste endlich mal was passieren, das würde ich mir wünschen.“ Und wann holt der HSV endlich mal wieder einen Titel? Kaltz: „Letztes Jahr hat der Klub gerade mal den Abstieg vermieden, deswegen muss sich die Mannschaft erst einmal erholen und finden. Von einem Titel muss zurzeit niemand im HSV reden und träumen, und dieser Zustand wird auf jeden Fall noch in den nächsten zwei Jahren anhalten. Zumal die Kluft zwischen dem FC Bayern und dem HSV ja wieder riesig geworden ist. So groß wie selten einmal zuvor. Und dann gibt es da ja auch noch andere Vereine wie Dortmund und Schalke. Die spielen zurzeit in einer anderen Liga. Auch vom Finanziellen her. Das ist schon fast Wettbewerbsverzerrung. Da kommt der HSV nicht ran, aber auch Klubs wie Mainz, Düsseldorf, Nürnberg, Freiburg, Fürth und Augsburg. Das liegen Welten zwischen.“

Aber das ist die bittere Realität. Auch deswegen hat sich ja vor Wochen auch der Größte der Hamburger Fußball-Geschichte Sorgen gemacht und darüber öffentlich gesprochen: Uwe Seeler. Der Ehrenspielführer sieht der Zukunft nun aber, nach zuletzt zehn Punkten in vier Spielen, gelassener entgegen: „Im Moment sieht es gut aus, wenn man punktet, dann ist man immer zufrieden. Durch die drei Zugänge Milan Badelj, Petr Jiracek und Rafael van der Vaart hat sich die Mannschaft gefestigt und ist in der Lage, auch gegen sehr gute Gegner Punkte zu holen. Darüber hinaus spielt der HSV im Moment ja auch einen recht ansehnlichen Fußball, und deswegen bin ich da schon beruhigt.“ „Uns Uwe“ fügt aber hinzu: „Aber es muss jetzt auch weitergehen mit der Entwicklung der Mannschaft, nun muss man nicht gleich glauben, dass weil man drei, vier Spiele gut bestritten hat, dass alles so weitergeht. Aber immerhin kann man auf den zuletzt gezeigten Leistungen aufbauen.“

Uwe Seeler hatte vielen HSV-Fans (auch oder vor allem mir) mit seiner offenen Kritik an dem HSV aus der Seele gesprochen. Deshalb war und bin ich ihm auch immer noch dankbar, denn sein Wort hat das größte Gewicht. Wenn ein Uwe Seeler etwas sagt, dann wird das nicht einfach überhört. Und das ist auch gut so. Er erklärt seine mahnenden Sätze heute: „Ich habe damals ja nur gesagt, dass wir zusehen sollten, in der Bundesliga zu bleiben. Und es gab keine Forderungen von mir, ich habe nur anhand der Spiele gesehen, dass man sich Sorgen machen muss, dass man Angst um den Klassenverbleib des HSV haben muss. Aber jetzt ist es beruhigend zu sehen, wie sich das entwickelt hat, es ist angenehm für mich zu sehen – und so wird auch mein Herz geschont.“ Das Mittelstürmer-Idol ergänzt noch: „Was ich sehe, das werde ich doch auch sagen dürfen – werde es auch immer sagen.“

Mit dem Abstieg wird der HSV, davon ist Uwe Seeler überzeugt, nichts mehr zu tun haben: „Man hat ja schon einige Mannschaften gesehen, die dort unten bestimmt noch hinein rutschten werden. Aber dann wird der HSV in der Winterpause aufpassen müssen, ob sich der eine oder andere Klub nicht noch so verstärkt, dass er aufblüht. Wir wissen doch, dass die zweite Halbzeit einer Saison immer die schwerste ist. Und wir erinnern uns doch auch alle ganz bestimmt, dass Eintracht Frankfurt nach der Hinrunde einst schon mal 26 Punkte hatte – und dennoch abgestiegen ist. Deshalb sollte man sich nie zu sicher sein. Einfach so weitermachen, wie zuletzt, dann habe ich auch keine Bedenken.“

Sehr gut. Viele Experten und Fans machen den Aufschwung des HSV ja vor allen Dingen an Rafael van der Vaart fest, Uwe Seeler aber hat einen anderen Favoriten: „Der Milan Badelj ist ein ganz, ganz feiner Fußballer, der spielt einen sehr guten und gepflegten Fußball, der gibt der Mannschaft bislang sehr viel.“ Seeler weiter: „Der Jiracek passt auch, der ist eine richtige Kampfmaschine, tut der Mannschaft gut, der geht mächtig zur Sache – und kreativ gibt van der Vaart dem Team sicher auch sehr viel. Solche Führungsleute braucht jede Mannschaft, und der HSV hat nun solche Leute in seinen Reihen. Gut zu wissen.“ Zumal sich ja dazu auch ein Rene Adler gesellt – die herausragende Figur zwischen den Pfosten. Seeler: „Wenn er Kontinuität in seine Leistungen bringen kann, dann ist er demnächst auch wieder in der Nationalmannschaft anzutreffen.“

Auch davon bin ich restlos überzeugt. Wobei diese Einkäufe natürlich nicht billig waren, der HSV ganz groß ins Risiko gegangen ist. Aber Uwe Seeler sagt auch: „Das ist immer noch besser, als der Abstieg. Der wäre teurer geworden. Das ist eine alte Weisheit, das ist auch tatsächlich so.“

Der ehemalige HSV-Präsident hat ja auch nie verheimlicht, dass er zu Trainer Thorsten Fink hält. Ihm hätte der große Mann des deutschen Fußballs auch noch mehr Unterstützung gewünscht. Seeler sagt: „Er hat gewiss sehr schwere Zeiten hier mitgemacht, deswegen gönne ich jetzt auch diesen Erfolg. Und ich wünsche ihm, dass er nun fortan in ruhigeren Gefilden mitschwimmen kann.“ Wer wünscht sich das nicht? Jeder HSV-Fan – ganz sicher. Und diese Anhänger werden auch ganz speziell von „uns Uwe“ gelobt: „Ich bewundere diese Leute, wie sie seit Jahren zu ihrem Klub stehen, wie sie in diesen schlechten Zeiten zur Stange gehalten haben – das ist bewundernswert.“ Zur Choreographie der Fans während des Hannover-Spiel befand Seeler: „Das war gewaltig, das war toll, das war sensationell – so etwas war zu meinen Zeiten gar nicht denkbar. Großes Kompliment den Fans.“

In Sachen Angriff hat sich der HSV in Seeler Augen enorm stabilisiert, jetzt sieht er noch einigen Nachholbedarf in Sachen Sturm: „Da wünschte ich mir noch etwas mehr Durchsetzungsvermögen, aber man kann ja nicht gleich alles auf einmal schaffen.“ Zumal es im Angriff ja auch noch Entwicklungspotenzial gibt. Bei Artjoms Rudnevs, über den Uwe Seeler wie folgt urteilt: „Er ist sehr fleißig, er arbeitet enorm für die Mannschaft, aber er hat im Moment noch nicht das Glück, was ein Stürmer ab und an auch mal braucht. Mir aber gefällt schon einer, wenn er für die Mannschaft arbeitet – und das macht er. Und ich drücke ihm die Daumen, dass er noch mehr Durchschlagskraft entwickelt und auch sicherer im Abschluss wird.“

Letzteres hat ja zuletzt Heung Min Son entwickelt. Schon vier Bundesliga-Tore. Uwe Seeler über den Südkoreaner: „Das haben wir ja auch schon mal erlebt, er hatte ja schon vor einem oder zwei Jahren mal eine guten Lauf, verschwand dann aber doch plötzlich wieder von der Bildfläche. Aber ich glaube, dass er sich jetzt in einer gefestigten Mannschaft auch weiter nach oben und nach vorne kämpfen kann, der neue HSV kommt ihm sicherlich entgegen.“

Da Uwe Seeler ja auch immer bei der Nationalmannschaft weilt, hat er ja auch die Nominierung von HSV-Kapitän Heiko Westermann zur Kenntnis genommen. Und nicht nur das. Er hat sich auch mit ihm gefreut: „Das wird dem Heiko weiter Auftrieb geben, ich habe mich mit ihm gefreut, seine guten Leistungen im HSV wurden belohnt. Er hat immer sachlich nüchtern gespielt und auch gewirkt hat. Er hat nach schlechten Spielen nichts schön geredet, er hat die Wahrheit gesagt, wohl auch deshalb, weil er weiß, dass das nichts bringt. Ich fand es okay, wenn er Klartext gesprochen hat. Und es war auch bewundernswert, dass er sich auch nach noch so schlimmen Niederlagen immer wieder gestellt hat.“

Geredet wird auch jetzt, in diesem Augenblick im CCH. Ich sitze im dritten Teil der Mitgliederversammlung (im Moment sind – nur – 259 Mitglieder anwesend!) und werde mich dann noch ergänzend zu Wort melden, wenn es etwas Wichtiges gibt.

So, um 21.20 Uhr melde ich mich noch einmal aus dem CCH. Es ist bislang ruhig geblieben, die meisten Anträge auf Satzungsänderungen wurden angenommen, allerdings hatte unsere “Gobi” Pech, denn sie kam mit ihren Wünschen nicht durch. So wird es in Zukunft (auf Antrag von Supporters-Chef Ralf Bednarek) eine zweite Jahreshauptversammlung des HSV geben.

Der größte Hammer wird aber erst noch in den kommenden Minuten verkündet (wohl von Klub-Chef Carl-Edgar Jarchow), denn die Sachen Anleihe “Campus” gibt es eine fast sensationelle Meldung: Bis heute wurden Anleihen im Werte von 10,5 Millionen Euro gezeichnet – von allen 12,5 Millionen, die auf dem Markt sind. Das lässt den Schluss zu, dass die letzten Urkunden noch in dieser Woche, auf jeden Fall in den nächsten Tagen gezeichnet werden. Ein großartiger Erfolg, der in dieser Form einmalig für einen Fußball-Verein ist.
Herzlichen Glückwunsch, HSV!

So, um 21.32 Uhr hat es Carl-Edgar Jarchow verkündet, er sprach von einer ganz erfreulichen Entwicklung.
Das ist es in der Tat – es gab viel Beifall dafür.

PS: Morgen wird um zehn Uhr im Volkspark trainiert.

19.27 Uhr