Tagesarchiv für den 11. Oktober 2012

“Psycho-Scharner” – ein echter Typ, den man (frau) mögen muss

11. Oktober 2012

So ist das nun mal mit echten Typen. Sie werden gefeiert – oder eben nicht gemocht. Gleiches gilt für den in Österreich als Enfant terrible bekannten Paul Scharner. Der Österreicher ist ein eigenwilliger Kauz. Aber er ist eben genau der Typ, den man mögen muss. Und einer, den man mögen wird. Schon allein, weil er ein Ehrgeizling erster Güte ist, der verlieren hasst. Ein Trainingsweltmeister, der erst dann genug trainiert hat, wenn der Körper wirklich nichts mehr zulässt. Auch gegen den unterklassigen VfL 93 gab sich Scharner nicht mit dem sicheren Verteidigen der wenigen Angriffe des Bezirksligisten zufrieden. Im Gegenteil. „Das wäre nicht fordernd genug gewesen“, so Scharner, „deshalb habe ich mich mehr ins Spiel eingeschaltet, um meinem Körper so mehr abzuverlangen. Am Ende war ich gut ausgepowert.“

Gesagt, getan. Heute spürte Scharner seine Muskeln. „Ich bin natürlich noch nicht wieder auf normalem Stand“, so der Österreicher, der sich dafür noch die Länderspielpause lang Zeit geben will. „Ich bin noch nicht bei 100 Prozent – aber auch nicht mehr weit weg.“ Zumindest seinen Innenbandriss hat er auskuriert. „Hat alles gehalten“, freut sich Scharner heute, der dem Trainer schon signalisiert hatte, dass er keine normale Verletzungspause bräuchte und schneller wieder da sei. Sein Geheimnis? „Mentaltraining“, so der 32-Jährige, der seit etlichen Jahren mit Valentin Rubel, einem Mentaltrainer, zusammenarbeitet. „Valentin ist mein Karriereplaner“, so Scharner, der beim Mentaltraining durch verschiedene Übungen unter anderem seine Konzentrationsfähigkeit verbessert haben will. „In vielen Gesprächsfolgen lerne ich, mich besser zu konzentrieren. Ich entwickele meine Persönlichkeit. Auch durch Meditation und das Lernen der richtigen Atemtechnik.“

Das hilft “Psycho-Scharner” auch dabei, sich von äußeren Umständen nicht beeindrucken zu lassen. „Ein volles Stadion mit 57000 Zuschauern darf mich nicht negativ beeinflussen – nur positiv“, so Scharner, der durch das Mentaltraining sogar medizinische Vorteile hat. Das sagt er zumindest selbst. „Bei meiner letzten großen Verletzung in England habe ich so satt vier oder fünf Monate nur drei gebraucht. Das ist bewiesen“, so der Rechtsfuß, der jetzt auf seinen ersten Einsatz hofft: „Man darf ja noch utopische Träume haben.“

Zum Beispiel den von einer Startelfnominierung im nächsten Bundesligaspiel in der Imtech-Arena gegen den VfB Stuttgart. Dort sind momentan allerdings seine Konkurrenten Michael Mancienne und Heiko Westermann derzeit als Innenverteidigerduo gesetzt. Ob er sich auch auf einer anderen Position anbieten würde? „Nein“, so die klare Antwort, „ich bin mir auch sicher, dass der Trainer nichts anderes mit mir vorhat. Ich bin als Innenverteidiger geholt worden und habe jetzt 13 Jahre auf verschiedenen Positionen spielen müssen – das reicht. Zumal die Position auch für meine Entscheidung, nach Hamburg zu gehen, entscheidend war.“

Ergo: keine Kompromisse. „So bin ich immer gewesen“, sagt Scharner und erklärt, worauf sich Fans und Mannschaftskollegen bei ihm freuen dürfen: „Ich gebe immer mindestens 100 Prozent persönlichen Einsatz.“ Seine Stärken? „Kopfball, Zweikampf und Siegeswille.“ Dafür habe er sogar die den Österreichern typische Gelassenheit („Wir Österreicher sind eher gemütlich und sage: das passt schon, machen wir“) abgelegt. In seiner Zeit bei Wigan und West Bromwich in England vornehmlich. „Die erste Hälfte meiner Zeit in England war es ein Knochenjob, diese Mentalität abzulegen. Aber seitdem geht’s. Und es wird noch besser.“

Dennoch, das Thema England ist abgehakt, Scharner schaut nicht zurück. Auch nicht in Sachen Nationalelf. Angesprochen auf die Parodie im Internet muss Scharner lachen. „Die ist sensationell“, so der HSV-Profi, „ich kann mich darüber sehr gut amüsieren, weil ich ein durchaus selbstironischer Mensch bin.“ Dennoch birgt die Parodie eins der wenigen Dinge, die Scharner noch weh tun. „Natürlich ist es traurig, dass ich mir das Länderspiel der Österreicher nur im TV ansehen“, sagt Scharner, der seinerseits die Hoffnung nach dem ausgedehnten Streit mit Österreichs Bundestrainer Marcel Koller nicht aufgegeben hat: „Von meiner Seite her steht die Tür immer offen – aber vom ÖFB weiß ich eher nicht…“ Und das stimmt wohl – aus Scharners Sicht leider. Der ÖFB hat Scharner suspendiert und sich somit hinter Koller gestellt.

Bis sich auf dem Gebiet etwas tut, hat Scharner allerdings noch Großes mit dem HSV vor. „Der HSV ist der größte Klub, für den ich je gespielt habe. Wenn ich allein an die Gala denke! Das war unfassbar, das ganze Drumherum. Da ist es doch völlig normal, dass erwartet wird, dass dieser Klub international spielt.“ Zwar sei man davon momentan noch ein ganzes Stück entfernt, „aber es ist verständlich, dass es auf Sicht wieder erwartet wird.“

Erwartet wird vom 32-jährigen Scharner indes eine gewisse Führung. So sieht es der Österreicher selbst. Im Test gegen den VfL war er schon sehr lautstark unterwegs, „und das ist auch meine Art. Ich versuche, die Leute um mich herum noch stärker zu machen. Das wird auch von mir erwartet.“ Wie selbstbewusst Scharner ist, bewies er in diesem Zusammenhang mit einem Vergleich. „Von den Erfahrenen Spielern wird das erwartet – und bei Rafa haben wir gesehen, was es bewirkt. Nur so geht’s. Und das wird auch von mir erwartet.“ Ebenfalls von ihm erwartet wird eine ordentliche Einstandsfeier für die Kollegen. Zudem muss auch Scharner das obligatorische Einstandslied singen. Welches er nimmt? Dreimal dürft Ihr raten… „Ich bin Österreicher – selbstverständlich singe ich ‚Hey Baby’ von DJ Ötzi. Das hat schon meine englischen Mitspieler auf die Tische steigen lassen.“ Steigen soll die Sause nach dem Stuttgart-Spiel – sofern das gewonnen wird. Denn nach einer Niederlage mag ein Paul Scharner sicher nicht feiern…

Grund zum Feiern hatten zuletzt alle Rene-Adler-Fans. Der neue HSV-Keeper ist trotz der Van-der-Vaart-Gala-Auftritte wohl der formstärkste HSVer. Nicht umsonst hatten viele schon mit seinem Nationalelf-Comeback in diesen Tagen gerechnet. Allerdings hatten sich Jogi Löw und sein Trainerteam schon vor Wochen darauf festgelegt, an der Dreier-Kombo Neuer/Zieler/ter Stegen nichts ändern zu wollen. Dennoch darf sich Adler weiter realistische Hoffnungen auf sein DFB-Combeack machen. Zumal er heute von DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke (bekennender Adler-Fan!) selbiges in Aussicht gestellt bekam: „René ist auf einem guten Weg“, sagte Köpke und erklärte: „Er verkörpert eigentlich genau das Torwartspiel, was wir bei der Nationalmannschaft sehen wollen.“

Mehr geht kaum.

In diesem Sinne, heute war es ansonsten ruhig. Die Mannschaft war nicht auf dem Platz sondern laufen. Morgen soll es jedoch um zehn Uhr wieder auf den Platz an der Imtech-Arena gehen. Von dort wird dann wieder unser aller Dieter berichten.

Scholle

P.S.: Heute feiert der Mann seinen gerade erst 45. Geburtstag, der sich als einziger Profi-Fußballer, den ich jemals gesehen habe, die Bälle von seinem Trainer vor dem Spiel links und rechts hinrollen ließ, um diese dann zurückzugrätschen…!! ;-) Herzlichen Glückwunsch, Carsten Kober!!