Tagesarchiv für den 9. Oktober 2012

Aogo ist wieder da – und das stärker denn je

9. Oktober 2012

Kurz bevor Heiko Westermann gestern für die Nationalelf nachnominiert worden war, hatte sich der HSV-Kapitän noch intensiv Gedanken über seine Mannschaft gemacht. Insbesondere auch über seinen Buddy und ehemaligen Natio-Kollegen Dennis Aogo, der nach vier Wochen Pause unmittelbar vor seinem Comeback steht. „Dennis ist ein enorm wichtiger Bestandteil unserer Mannschaft, der uns jetzt länger gefehlt hat. Wenn er wieder fit ist, wird er schnell auch wieder sportlich eine große Stütze für uns.“ Wie er zuletzt mit Aogo, der sich selbst völlig rausgenommen hatte, Kontakt hatte? „Wir haben uns geschrieben. Häufiger. Aber ich wollte ihn auch in Ruhe lassen, damit er schnell wieder zurückkommt“, so Westermann, der damit genau das ansprach, was Dennis Aogo uns heute in seiner ersten Runde seit seinem krankheitsbedingten Ausfall erzählte. „Vier Wochen war ich raus – und in der Zeit haben sich fast alle Menschen gemeldet, mit denen ich zu tun habe und die meine Nummer haben. Das war großartig. Über das Präsidium, das Trainerteam, Frank Arnesen, die Mitspieler und Freunde wie Verwandte – alle haben sich erkundigt.“ Und das nicht nur im Vorbeigehen als Höflichkeitsfloskel. „Nein“, sagt Aogo, „dabei fielen auch so schöne Sätze wie ‚Du fehlst uns’ und ‚wir vermissen dich’. Das war schon sehr schön zu sehen. Das gibt einem eine Menge positive Energie.“

Und genau die brauchte Aogo. Nicht, weil er wie viele vermutet hatten, psychische Probleme hatte. „Nein, nicht die Seele war die Ursache, sondern der Körper“, weiß Aogo von seinen behandelnden Ärzten. So etwas wie ein verschleppter Infekt, der die Blutwerte massiv verschlechtert hatte, war die Ursache. „Ich war früher fast nie krank und hatte offensichtlich die Krankheitssymptome zu lange zu leicht abgetan“, erzählt Aogo. Aber vor vier Wochen war dann Schluss. „Ich war immer müde, stieg schon müde aus dem Bett und hatte Probleme, mich zum Training hochzufahren. Ich habe die Symptome einfach nicht so beachtet und mich durchgekämpft.“ Dennoch suchte der Linksverteidiger das Gespräch mit Trainer Thorsten Fink und stieß dabei auf großes Verständnis. „Ich habe ihn gebeten, dass ich mich mal gründlich durchchecken lassen darf, weil das schon komisch war. Und der Trainer stimmte zu. Er hat mir große Vertrauen entgegengebracht und mir seine Hilfe angeboten. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.“

Was folgte war ein Klinikaufenthalt in Innsbruck. Die ersten zehn Tage pausierte Aogo auf Anraten der Ärzte, um seinem Körper die maximale Erholung zu geben. „Anschließend kribbelte es aber wieder und ich durfte so viel machen, wie mein Körper zuließ“, erzählt Aogo, der sich mit leichten Läufen, Wanderungen und Fahrradtouren fit hielt. So fit übrigens, dass er in heute schon wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen ist, obwohl das erst für kommende Woche vorgesehen war. „Wir haben einen Leistungstest gemacht, der offensichtlich sehr gut war“, freut sich Aogo heute über gute Blutwerte.

Ebenfalls erfreut miterlebt hat der gebürtige Karlsruher den Aufstieg des HSV. „Zwar nur aus der Ferne“, so Aogo, „aber ich freue mich unglaublich, was passiert.“ Obwohl ihm jetzt erst einmal die Bank droht. „Ja“, sagt Aogo, „das ist nunmal der Lauf der Dinge, das gehört dazu. Ich muss mich jetzt wieder neu beweisen, weiß aber auch, dass ich genügend Qualität habe. Ich bin von mir ausreichend überzeugt, um zusagen, dass es nur eine Frage der zeit ist, wann ich wieder meine Chance bekomme.“ Ob das nächste Heimspiel gegen Stuttgart schon ein Ziel sein kann? „Das kann sein. Aber ich muss erstmal abwarten, wie sich die Einheiten auf dem Platz darstellen. Ich habe jetzt vier Wochen quasi ohne Ball gearbeitet. Und ehrlich gesagt: Laufen konnte ich schon immer.“

Aogo pur. Aogo ehrlich. Aogo offen. Egal welche Kritiker des 25-Jährigen jetzt wieder anfangen zu nörgeln, ich behaupte, dass Aogo eine große Verstärkung wird. Er hat in den letzten schwierigen Wochen mehr Erfahrungen fürs Leben sammeln können, als ihm recht waren. Allerdings scheint er gestärkt zurückzukommen. Denn das heute vor allen Kameras und vor uns war eine beeindruckende Vorstellung. Er werde sein Ego hintenanstellen und Geduld haben, sagt Aogo, der nicht als Dampfplauderer bekannt ist. Im Gegenteil. „Man konnte doch sehen, dass die Mannschaft sich personell verändert und sehr gut entwickelt hat. Es ist eine Mannschaft auf dem Platz, die immer alles gibt. Da habe ich keine Probleme, mein Ego hintenanzustellen und auf meine Chance zu warten.“

Aogo, der seit ein paar Jahren intensiv die Bibel studiert und nach eigenen Angaben viel Kraft aus seinem Glauben an Gott zieht, reift weiter. „Ich bin jetzt ganz sicher etwas gelassener und werde mehr in mich hineinhorchen. Es gibt Sachen, die kann man nicht ändern. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Und zwar positiv.“ So blieb Aogo sogar freiwillig eine Woche länger i Innsbruck, als klar war, dass er bis Fürth nicht fit würde.

Vorbei die Zeit des falschen Ehrgeizes bei Aogo, der wahrscheinlich auch schneller und früher in eine Führungsposition rutschen musste, als gut war. Immerhin ging es bei dem 25-Jährigen zuletzt rasant zu. Dem Stammplatz beim HSV, der Berufung ins A-Nationalteam und der WM in Südafrika folgten Nackenschläge in der Bundesliga und Nationalelf, die im Abstiegskampf und der Nichtberücksichtigung für die EM in Polen und der Ukraine gipfelten. Alles Dinge, die ermüdend wirken können. Allein, Aogo ist nicht der Typ, der Schwächen zugibt geschweige denn sich beklagt. Aogo ist ein Kämpfertyp. Statt sich die nötigen Pausen zu geben, versuchte er seiner Rolle als Führungsspieler gerecht zu werden. Egal, dass das ob der schlechter werdenden Mannschaftsleistungen auch für ihn immer schwerer wurde. „Körper und Seele gehören natürlich eng zusammen“, sagt Aogo, der aber Wert auf die Feststellung legt: „Es hat zwar länger gedauert, aber letztlich haben die Ärzte einen Entzündungswert in meinen Blutbildern ausgemacht. Die Ursache für meine Probleme war körperlich.“

Betonung auf „war“. Denn das ist jetzt vorbei. Hoffentlich. Ich drücke Dennis auf jeden Fall beide Daumen!

Vorbei ist es auch mit der HSV-Haltung gegen Zweitverwerter der Eintrittskarten. Ihr habt es größtenteils im Abendblatt von meinem geschätzten Kollegen Kai Schiller gelesen: Viagogo darf für einen sechsstelligen Betrag künftig Eintrittskarten versteigern und verkaufen. Eben genau das, wogegen Kai Voerste, der HSV-Ticketchef, seit Monaten strikt vorzugehen versucht. Sogar gerichtlich. Inzwischen scheinen andere Zeiten angebrochen zu sein und die Haltung für ein paar Euro aufgegeben worden zu sein. Dass dies offiziell vom gesamten Vorstand beschlossen wurde, intern aber definitiv und noch immer sehr gespalten betrachtet wird ist klar. Bislang gibt es zwar noch keine offizielle Erklärung – aber die werden wir morgen sicher nachholen, wenn Carl Jarchow zu uns in die Runde kommt.

Daher, geduldet Euch noch einen Tag. Bis morgen! Dann übrigens mit einer Einheit um 10 Uhr an der Arena und dem Test beim starken Bezirksligisten VfL 93 (Stadion Borgweg) um 18.30 Uhr. Beides allerdings ohne Stammkeeper Rene Adler, der eine Grippe auskurieren muss und bis voraussichtlich Donnerstag ausfällt. Ebenfalls beim Test nicht dabei ist Marcell Jansen, der heute schon mit Knieproblemen pausierte.

Scholle