Tagesarchiv für den 8. Oktober 2012

Westermann zu Löw!!! ***Aktualisiert***

8. Oktober 2012

Das nenne ich mal Timing. Gerade hatte ich mit Heiko Westermann telefoniert und ihn nach der Nationalmannschaft gefragt („Wenn der Bundestrainer irgendwann anruft, bin ich sehr gern und sofort da“), da wird er nachträglich von Joachim Löw nominiert. Persönlich via Telefon. „Das ist schon eine richtig gute Sache für mich“, so Westermann, der in den letzten Wochen als Stabilisator der HSV-Innenverteidigung zu gefallen wusste. „Ich bin sehr glücklich darüber, dabei sein zu dürfen.“ Und ganz ehrlich: wer gönnt es ihm nicht? Insofern: Herzlichen Glückwunsch, Capitano! Und alles Gute, vor allem ein paar Einsatzminuten bei den Länderspielen.

aktualisiert:
Womit wir beim Thema sind: Länderspielpause. Und trainingsfrei. Oh Mann, es gibt wirklich interessantere und dankbarere Tage als diese fußballlosen. Wobei, dank der zehn Punkte aus den letzten vier Spielen haben wir wenigstens ein positives Backup. Nach 40 Spieltagen – seit dem Mai 2011 – endlich mal wieder unter den ersten Zehn. Zum ersten Mal seit 21 Monaten zwei Siege in Folge. Ergo: Wir müssen glücklicherweise nicht darüber schreiben, warum und was im Moment nicht läuft.

Oder?

Immerhin stellen sich die HSVer aktuell vor keine Kamera, ohne zu betonen, dass noch lange nicht alles gut ist. Und das ist gut. Denn wie schnell hier die Trauben wieder ganz weit oben hängen, haben wir im letzten Wintertrainingslager erlebt. Damals galt für den stark schlingernden HSV plötzlich die Europa League als mögliches Ziel. Was daraus wurde, ist uns allen schmerzlich bekannt. Wir mussten lange leiden, ehe ein vergleichbar hässliches wie wichtiges 1:0 gegen Hannover 96 letztlich den Klassenerhalt besiegelte. „Das Spiel war Mist“, hatte Rafael van der Vaart den 1:0-Sieg in Fürth zusammengefasst – und damit auch seinem persönlichen Frust (wie in der Szene mit Rudnevs zu erkennen) Luft gemacht. Es war auch kein gutes Spiel von dem Niederländer. Ebenso wenig von der gesamten Mannschaft.

Aber worüber bitte reden wir?

Vor zwei Wochen hätten alle die zehn Punkte sofort unterschrieben und ein Großteil die letztlich erreichten zehn Punkte sogar als utopisch erachtet. Jetzt gewinnen wir wieder – und trotzdem sprechen wir das an, was noch fehlt. Und das ist gut so. Denn es steckt noch viel Arbeit in dieser Mannschaft.

Das fängt hinten an, wo sich die HSV-Abwehr derzeit mehr dem Zerstören des gegnerischen Spiels denn dem kontrollierten Aufbau verschrieben hat. „Wir müssen uns Sicherheit holen, indem wir mal wieder karo-einfach die Dinger im Zweifel hinten raushauen“, hatte Heiko Westermann vor dem Dortmund-Spiel als Marschroute ausgegeben. Und die Mannschaft folgte ihm seitdem. Ist der Ball nicht sicher abspielbar, wird er geschlagen. Nur vier Gegentore in vier Spielen (unter anderem gegen internationale Gegner wie BVB, Gladbach, 96) sind bemerkenswert. Zumal es vorher in drei Spielen sieben gegnerische Buden zu verkraften gab. „Wir spielen nicht schön, aber effektiv. Dass wir spielerisch nicht mit den oben platzierten Teams mithalten können, ist klar“, sagt Trainer Thorsten Fink, „aber wir werden uns steigern.“

Ganz sicher sogar. Denn mit Tolgay Arslan, Rafael van der Vaart, Petr Jiracek, Heung Min Son und vor allem Milan Badelj hat der HSV ein extrem ball- und passsicheres Mittelfeld gefunden. Auch in Fürth war Badelj das, was Dietmar Beiersdorfer mal so schön als „die Lösung für jeden Mitspieler“ bezeichnete: der Anspielpunkt Nummer eins. 84 Ballkontakte bedeuteten den Top-Wert der Partie. „Milan ist ne glatte Eins“, hatte Dennis Diekmeier nach dem Hannover-Spiel schon gesagt, „egal wie er unter Druck gerät – er bleibt cool“, ergänzte Sportchef Frank Arnesen analytisch. „Milan hat sicher nicht das höchste Tempo beim Sprint“, so der Däne diplomatisch, „aber er hat eine unheimlich gute Handlungsschnelligkeit.“ Soll heißen: Badelj sprintet nicht so schnell wie andere, weiß aber durch geschicktes, schnelles Passspiel das Tempo zu erhöhen. Und damit ist der Kroate, den einige in der Mannschaft schon „the brain“, also: das Gehirn getauft haben, bestens beschrieben. Badelj im Zusammenspiel mit Arslan und van der Vaart im Zentrum – das passt hervorragend. Und das wird das spielerische Defizit der Innenverteidiger-Kombo Michael Mancienne/Heiko Westermann ganz sicher ausgleichen. Wenn denn alle genug Sicherheit getankt haben.

Und da sind wir auf einem sehr guten Weg. Sehr gut zu erkennen ist das aktuell an Dennis Diekmeier, der in der Vorbereitung noch hinter dem inzwischen verletzten Zhi Gin Lam zu scheitern schien, inzwischen aber als Absicherung des torgefährlichsten HSVers, Heung Min Son, nicht mehr wegzudenken ist. Der ehemalige Nürnberger ackert auf der rechten Abwehrseite derzeit einen Gegenspieler nach dem anderen weg. Und manchmal sogar zwei. Denn was Son nach vorn brilliert, vergisst er nach hinten zu arbeiten. „Bislang geht die Rechnung doch gut auf“, so Diekmeier diplomatisch, „Sonni und ich verstehen uns gut.“

Auf der anderen Seite kehrt morgen Dennis Aogo zurück. Zumindest ins Training. Denn klar ist, dass Fink den zuletzt hinten links sehr gut agierenden Marcell Jansen nicht rausnehmen wird (zumal Fink eh möglichst wenig zu ändern versucht). „Marcell macht seine Sache sehr gut“, so Fink vor dem Fürth-Spiel – und das dürfte auch nach dem „Mist“-1:0 Gültigkeit haben.

Wenn aktuell etwas Sorgen bereitet, dann eigentlich weiterhin nur der Angriff. Artjoms Rudnevs ackert zwar immer wieder vorbildlich – aber er ist nicht kaltschnäuzig genug. Ich würde hier auch nicht so weit gehen, und einen Vergleich zwischen dem Letten und dem ehemaligen HSV-Stürmer Ivica Olic ziehen. Dafür war Olic fußballerisch zwar alles andere als filigran, aber ganz sicher besser als Rudnevs. Und: Was bringt ein solcher Vergleich auch? Genau: Nichts! Also nehmen wir Rudnevs und Berg, die letzten beiden verbliebenen Angreifer, wenn man Maxi Beister (wie Frank Arnesen es macht) dem offensiven Mittelfeld zurechnen will.

Und während Berg momentan und mal wieder abgeschrieben ist, versucht sich Rudnevs über Fleiß einzubringen. Ob das auf Dauer reicht, wird sich zeigen. Klar ist aber, dass Marcus Berg (dem hatte man ein paar Tage vor Saisonbeginn noch einmal einen Wechsel nahegelegt) weiter abgegeben werden soll und der HSV weiterhin auf der Suche nach einem Mittelstürmer für die Rückrunde ist. „Wir müssen erst Spieler abgeben, bevor etwas Neues geholt werden kann“, sagt Arnesen, der die Besetzung im Angriff zuletzt als „ausbaufähig“ bezeichnete, im selben Moment aber darauf hinwies, dass bislang noch 29 Spieler im Kader sind, Fink und er aber auf 25 Profis reduzieren wollen.

Was uns diese Personalien allerdings klar machen ist, dass der HSV auf einem guten Weg ist. Es wurde punktuell ausgebessert – und so soll es weitergehen. Zudem stehen mit dem talentierten Maxi Beister sowie Jeffrey Bruma, Paul Scharner, Tomas Rincon, Gojko Kacar und Dennis Aogo noch etliche Spieler in der zweiten Reihe, die für bundesligataugliche Qualität bürgen. Und das war, erinnern wir uns, nicht immer so. Ergo: wenn es ein Ziel gibt, dann möglichst schnell den Klassenerhalt zu besiegeln, um anschließend zu schauen, was noch drin ist.

In diesem Sinne, der HSV schreibt nach langer zeit mal wieder rundum positive Schlagzeilen. Und das Beste daran: Der HSV erliegt nicht der Verlockung, zu früh zufrieden zu sein. Wo das hinführen kann, hat das Beispiel Westermann gerade gezeigt. Mehr geht momentan nicht. Also, bis morgen! Da wird um zehn und um 15 Uhr an der Arena trainiert.

Scholle