Tagesarchiv für den 7. Oktober 2012

Der HSV hat den Charaktertest bestanden

7. Oktober 2012

Ein Tor gegen Hannover 96, ein Tor gegen Fürth – und ein Tor an der Torwand. Es läuft ziemlich rund beim HSV. Dass jeweils ein Treffer gegen 96 und Fürth zu jeweils drei Punkten reichten, ist einfach nur klasse, dass ein Treffer beim ZDF in Mainz nicht zum Sieg reichte, dürfte nicht tragisch sein für den Schützen, denn Rene Adler hatte mit seinem letzten Schuss ins Netz immerhin noch 500 Euro gerettet. So viel muss nämlich ein HSV-Profi in die Mannschaftskasse bezahlen, wenn er von der ZDF-Torwand erfolglos nach Hamburg zurückkehrt. Dieser Kelch ging an Adler gerade noch vorbei, aber er soll ja auch keine Tore erzielen, sondern sie verhindern, und das tat er beim 1:0-Ausswärtssieg gegen Aufsteiger Greuther Fürth wieder einmal fehlerlos. Schade nur, dass die seit Wochen fabelhaften Leistungen des HSV-Torhüters noch nicht von Joachim „Jogi“ Löw honoriert wurden, denn Adler fehlt im Aufgebot für die kommenden Länderspiele.

Schade deswegen, weil in meinen Augen Adler der zurzeit beste Bundesliga-Torwart ist. Und wenn ich an Hannovers Zieler und an den Mönchengladbacher ter Stegen (der beim 2:0-Sieg gegen Frankfurt einige Male bedenklich wackelte) denke, so ist zwischen diesen nun wieder nominierten Keepern und Adler doch schon ein großer Unterschied zu erkennen: Rene Adler ist souveräner, besser und ist vor allen Dingen ist er eine Persönlichkeit. Adler ist überragend. Das hat er in allen Spielen dieser Saison bewiesen, und das zeigte er auch bei seinem großartigen Auftritt im Sportstudio. Dass Adler nicht sofort einen Klasse-Mann wie Manuel Neuer verdrängen kann, das ist schon klar, aber die beiden anderen Keeper? Löw sagte zu diesem Thema im ZDF: „Für mich persönlich freut es wirklich sehr, dass Rene Adler mit diesen herausragenden Leistungen wieder zurückgefunden hat. Er war sehr, sehr lange verletzt, und in dieser Phase habe ich das eine oder andere Gespräch mit ihm geführt. Er hat nie den Glauben an seine Fähigkeiten gezweifelt, er hat immer hart gearbeitet, auch wenn es für ihn eine harte Zeit war.“ Löw weiter: „Dass er mit einer so guten Leistung, dass er auch mit einer so positiven Ausstrahlung nun in Hamburg so zurückkommt, darüber bin ich sehr erfreut.“ Dann kam der Bundestrainer auch noch konkret zur Sache: „Es gibt jetzt keinen Grund, irgendetwas zu ändern in dieser Konstellation (also mit Neuer, Zieler und ter Stegen. Die M-a-Red.), aber ich habe auch schon gesagt, dass am Ende natürlich die Gesamtleistung zählt, gerade vor einem Turnier – und da wird Rene Adler weiterhin beobachtet. Ich traue ihm den Sprung absolut zu, keine Frage.“

Trotzdem: schade, schade. Obwohl ich den Bundestrainer auch ein bisschen verstehen kann, denn der Hamburger Schlussmann hat erst wieder sieben (überragende) Spiele nach seiner schweren und langen Verletzung absolviert, Löw wird sich auf eine gewisse Konstanz warten – und dann Adler wieder zu sich holen. Alles andere wäre ja auch Blödsinn, denn der Bundestrainer will ja auch Erfolge feiern. Und die gibt es nur, wenn auch die Besten des Landes spielen.

Apropos die Besten. Der Beste war ja nach dem Spiel noch bei „Wetten, dass . . ?“ Rafael van der Vaart mit seiner Sylvie. Als die „ewige 23“ von Lanz aufgefordert wurde, einen Fallrückzieher zu machen, habe ich spontan umgeschaltet. Geht es noch? Im feinen Anzug einen Fallrückzieher? Das sollte der Lanz mal machen. Aber gut, ich habe dann auf die weitere Sendung verzichtet, deswegen weiß ich auch gar nicht, wie sich vdV aus der Affäre gezogen hat. Er soll ja gesagt haben, dass das HSV-Spiel in Fürth Mist gewesen sei (er soll es noch drastischer ausgedrückt haben). Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Denn eines war doch klar, dass der Aufsteiger wie um seine letzte Chance kämpfen und rennen würde. Wer da auf ein gutes Spiel des HSV gehofft oder es sogar erwartet hatte, der lag schon von vornherein daneben. Das war Kampf, Krampf und Gewürge. Und der HSV gewann dieses KKG-Spiel deshalb verdient, weil er die besseren Tormöglichkeiten auf seiner Seite wusste. Ich sage nur ein Wort: Rudnevs.

Ich war heute am Vormittag bei Condor gegen Bramfeld (Oberliga Hamburg). Das Spiel endete 0:0. Auch deshalb, weil bei Bramfeld auch ein „Rudnevs“ spielte. Der vergab auch drei sehr gute Möglichkeiten. In Rudnevs-Manier. Deswegen nannten ihn auch einige Zuschauer „Rudnevs“. Nur Bramfelds Trainer nicht. Nach dem Spiel gab es einen Kreis, und da sagte Hardy Brüning zu seinen Spielern: „Mit dem Punkt bin ich zufrieden, obwohl wir auch hätten gewinnen können – aber dazu hätten wir Stürmer haben, wir hatten nur einen Flipper . . .“ Bramfelds „Rudnevs“ heißt also „Flipper“. Ich habe Rudnevs ja nach dem Fürth-Spiel „Chancentod“ genannt, denn die beiden „Dinger“, die er versiebte, die hätten sitzen müssen. Das sieht wohl auch Trainer Thorsten Fink so, denn er kündigte an, dass Artjoms Rudnevs nun pro Tag zehn Minuten extra und allein auf das Tor zu rennen wird – mit Ball. Sodass der Lette dann lernt, was es für Möglichkeiten gibt, den Ball am Torwart vorbei zu bekommen. Statt den Keepern die Kugel immer nur zwischen die Beine zu schießen.
Ein gewiss sehr kluger Schachzug, des Trainers.

Wobei ich eines festhalten möchte: Rudnevs bewegt sich ja gut und viel. Er geht dorthin, wo es weh tut, er kämpft, er attackiert seine Gegenspieler, er gibt alles – nur mit dem Abschluss hat er (noch) so seine Probleme. Und mit Volleyschüssen auch, fällt mir gerade ein, denn als er einen Ball mit links volley nahm, da wackelte das Tribünendach in Fürth. Aber diese Übung kommt dann garantiert nach den Einzel- und Sonderschichten namens „Allein gegen den Torwart“ auch noch. Und dann ist der „gute Rudi“ auch fit für weitere Treffer. Hundertpro. In Anlehnung an ein Lied von Udo Lindenberg könnte man ihn auch “Rudi glücklich – heißt der Stürmer” nennen.

Thorsten Fink zur Leistung von Rudnevs: „Er kommt immer wieder in solche Situationen, denn seine Laufwege sind fantastisch. Aber er macht viel zu wenig daraus.“ Das konnten nun noch einmal alle sehen. Im „Champs“, wo wir auch diesmal „Matz-ab-live“ drehten (vielen Dank an dieser Stelle nochmals an die “Altmeister” Jürgen Stars und Lothar Dittmer), brachen einige Leute an den Tischen zusammen, als sie diese vergebenen „Hundertprozentigen“ erleben mussten . . .

Zurück zum “schlechten Spiel”, wie es einige HSV-Spieler nannten (wie van der Vaart). Ich habe trotz allem auch viele positive Dinge gesehen – wie ich gestern schon schrieb. Heiko Westermann, Michael Mancienne, Tolgay Arslan und auch Dennis Diekmeier, der immer stabiler und damit auch besser wird. Er spielt nun so, wie es die meisten von uns schon vor einem Jahr von ihm erwartet hatten. Und ich sage dazu: lieber spät als nie. Und Marcell Jansen zeigt hinten links, dass er es doch noch nicht ganz verlernt hat. Alles zum Wohle des HSV.

Obwohl Thorsten Fink sich die größte Mühe gibt, den Ball flach zu halten: „ Wir haben noch einiges zu erarbeiten, wir gehören noch nicht zu den sechs Top-Klubs der Liga, denn die machen es besser – uns fehlt noch die Sicherheit. Diesmal kann ich der Mannschaft nur zu ihrer kämpferischen Leistung gratulieren, spielerisch geht es sicher noch besser.“

Aus einer anderen Warte betrachtete Sportchef Frank Arnesen diesen 1:0-Erfolg: „Ich bin total stolz auf die Mannschaft, weil der Druck doch sehr groß war. Erstmalig waren wir doch der Favorit vor einem Spiel, und jeder hatte deswegen einen Sieg erwartet, doch das ist gegen einen angeschlagenen Gegner, der mit voller Leidenschaft kämpft und zur Sache geht, meistens sehr schwer. Wir haben aber kaum Fürther Chancen zugelassen, wir haben gut dagegen gehalten – das war okay. Natürlich haben wir nicht sonderlich gut gespielt, aber das ist mir dann total egal.“

Danach nahm er Däne auch noch Stellung zur diesmal nicht gerade herausragenden Van-der-Vaart-Leistung: „Er ist auch nur ein Mensch. Er hat unglaublichen Druck auf sich genommen in den vergangenen Wochen, er hat alles auf seine Schultern genommen – deswegen hat er auch einen ganz großen Verdienst daran, wo wir jetzt stehen.“ Und das ist Platz acht. Thorsten Fink pflichtete Arnesen bei: „Rafael ist super-wichtig für die Mannschaft, denn der Gegner stellt sich auf ihn ein, versucht ihn aus dem Spiel zu nehmen, und dann ergeben sich für die Nebenspieler Räume. Das war auch in Fürth wieder so.“

Kritische Töne gab es vom Kapitän. „Es geht ja nicht darum, einen Schönheitspreis zu gewinnen, aber für unsere Fähigkeiten haben wir zu wenig gemacht, wir haben es vielleicht zu locker angehen lassen. Es ist auch wieder eng geworden, weil wir unsere Chancen nicht genutzt haben – das müssen wir besser machen“, sagte Westermann. Natürlich. Da kann man ihm nur beipflichten. Dennoch spürt Westermann, der einst in Fürth unter Vertrag stand, die Aufbruchstimmung im HSV: „Ich gehe jetzt mit großer Freude zur täglichen Arbeit, es macht einfach wieder Spaß, man spürt wie es aufwärts geht, man merkt, wie die Mannschaft noch enger zusammengerückt ist – das fühlt sich alles sehr, sehr gut an. Nur dürfen wir jetzt auch nicht locker lassen, wir müssen dran bleiben. Jeder muss sich dessen bewusst sein, dass wir nur dann Erfolg haben werden, wenn alle mitarbeiten, wenn auch jeder bereit ist, einen Schritt mehr zu machen.“

So ist es, Herr Westermann, so ist es!

Aber im Moment sieht es ja auch so aus, als hätten dies alle begriffen.

Zu einer solchen Einstellung gehört mit Sicherheit auch ein wenig (oder auch ein wenig mehr) Selbstkritik. Die gab es in Fürth zum Beispiel von Tolgay Arslan zu vernehmen, denn er befand. „Das war ein typisches Zweitliga-Spiel. Beide Mannschaften haben den Ball immer weit nach vorne geschlagen, spielerisch ging da kaum etwas – genau eine solche Partie hatte ich befürchtet – das war ein ganz ekliges Spiel. Aber wir sind eben noch nicht so weit, schon alles perfekt zu machen.“ Arslan ergänzte dann aber auch noch: „Vor diesem Spiel haben viele von einem Charaktertest für uns gesprochen, ich glaube, dass wir den bestanden haben.“

Thorsten Fink übrigens hatte schon vor dem Spiel gewusst, was auf seine Mannschaft im Frankenland zukommen würde: „Ich habe den Spielern gesagt, dass sie diesmal nicht so toll spielen müssen, die Hauptsache ist, dass sie kämpfen und gewinnen. Das haben sie wohl zu wörtlich genommen.“

Zum Siegtorschützen Heung Min Son merkte Thorsten Fink noch an: „Sicherlich muss er noch viel lernen, aber wie er dieses Tor schießt, das ist schon große Kasse. Da sieht man, dass sich harte Arbeit auszahlt, denn genau diese Situationen trainiert er jeden Tag für sich allein. Er bleibt nach dem Training immer noch draußen auf dem Platz und übt solche Dinge.“ Jetzt ja nicht mehr so ganz allein, denn “Rudi” Rudnevs wird sich ja dazu gesellen.

Resümierend befand der HSV-Coach dann noch: „Wir müssen jetzt die Ruhe bewahren, bei uns fängt nun keiner an zu träumen und spinnen. Unser Ziel bleibt ein einstelliger Tabellenplatz, aber wir wehren uns auch nicht dagegen, wenn unsere Entwicklung plötzlich eine andere Dynamik aufnehmen würde.“ Klingt gut. Ist es auch. Denn Fink fügte noch an: „In der Mannschaft herrscht jetzt eine ganz andere Stimmung als noch vor Wochen, es gibt ein ganz anderes Vertrauen untereinander. Und einen großen Anteil daran hat Rafael van der Vaart, denn wenn er auf de Platz ist, dann hilft es immer. Es hilft jedem Mitspieler, und es schreckt jeden Gegner ab. Und es ist auch ein gutes Gefühl, dann zu gewinnen, wenn Rafael van der Vaart nicht seine Top-Leistung abruft.“ Speziell auf den Niederländer fügte Fink auch noch an: „Rafael hat selbst in Fürth gemerkt, dass es nicht so ein Spiel wird, und trotzdem hat er sich total eingebracht und gekämpft. Jeder Spieler von uns sieht, dass er ein großes Vorbild ist, und genau das ist es, was wir gebraucht haben. Alle ziehen super mit, getreu dem Motto: ‚Wenn ein Star wie van der Vaart kämpferisch alles gibt, können wir hier nicht tatenlos daneben stehen.’ Man sieht, dass er sich mit dem Verein identifiziert.“

Und nun kommt in 14 Tagen der VfB Stuttgart in den Volkspark. Thorsten Fink ist jetzt schon ganz heiß: „Gegen den VfB haben wir noch einiges gut zu machen, das werde ich den Spielern sagen, daran sollen sie sich erinnern.“ Und dann gewinnen . . . Weil man sich ja an HSV-Siege gewöhnen kann. Wie schön ist es endlich, wieder einmal solche Gefühle zu entwickeln. Vor eineinhalb Jahren (und etwas mehr) hatte der HSV zuletzt zwei Siege in Folge in der Bundesliga geschafft.

Zugabe!

PS: An diesem Montag ist trainingsfrei.

Lasst das Wochenende noch schön ausklingen . . .

17.59 Uhr