Tagesarchiv für den 5. Oktober 2012

Im Training kracht es mächtig – und das ist gut so

5. Oktober 2012

Kennt ihr diese Tage, an denen irgendiwe nichts passieren will? Diese Tage, die eigentlich nur dafür taugen, das Hauptereignis um 24 Stunden zu verzögern? Sie nerven – aber sie steigern die Vorfreude. Wie bei mir auf das Spiel in Fürth. Ich freue mich tatsächlich auf ein Bundesligaspiel bei der SpVgg Greuther Fürth! Das hätte ich mir vor wenigen Wochen so nicht träumen lassen.

Aber es ist so!

Und das heutige Training trägt zu dieser Vorfreude bei. Denn da ist so einiges passiert. Positives! Die Mannschaft gibt Gas. In den Spielen wie im Training werden keine Zweikämpfe verloren gegeben, Einstellung bewiesen. Heute krachte es das eine oder andere Mal ordentlich. Einmal sogar etwas mehr, als normal verträglich. Jacopo Sala hatte einen Zweikampf verloren und war kurzzeitig teilnahmslos. Erst als der Italiener sah, dass Heiko Westermann unmittelbar vor ihm angespielt wurde, zog er an und grätschte den Kapitän um. Ein übles Foul, für das sich Westermann revanchierte. Er packte Sala zunächst am Trikot dann überall, wo er ihn packen konnte. Nase an Nase standen sich beide Streithähne gegenüber, ehe Physio Stefan Kliche schlichten konnte. Eine Szene, die in schlechten Zeiten wahrscheinlich von einigen meiner Kollegen als symptomatisch bezeichnet worden wäre.

Aber warum in Konjunktiven reden? Ich fand’s richtig schön zu sehen, dass diese Mannschaft weiter pulsiert. Auch die Szene mit Son/Rajkovic hätte ich – das hatte ich damals geschrieben – mit einem klärenden Gespräch abgehakt und letztlich als positives Zeichen gewertet. Reibung kann durchaus gut sein. Auch dann, wenn es läuft. So werden alle wieder darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich jetzt nicht hängenlassen dürfen. Es ist zweifellos ein schmaler Grat. Auch Westermann musste sich anschließend den Knöchel kühlen, soll aber in Fürth spielen können. Aber solange es Ausnahmen sind und die Spieler sich nicht bewusst verletzen, ist es für mich okay. Mehr noch: Es füllt das ständige Gerede über die verschärfte Konkurrenzsituation sogar endlich mal mit Leben.

Und das wird morgen in Fürth gebraucht. Deshalb nahm sich Fink noch während des Trainings beide Streithähne jeweils zur Seite, sprach kurz und ließ das Training Training sein. Fink weiß, dass höchste Konzentration gefragt sein wird, denn die Spielvereinigung ist nicht unbedingt die Mannschaft, die das Spiel machen will. Im Gegenteil. Null Tore und null Punkte zuhause sprechen eine deutliche Sprache. Der HSV wird in Fürth – im Gegensatz zu den Spielen gegen Dortmund und Hannover – das Spiel machen müssen, wenn es drei Punkte werden sollen. Zum ersten Mal seit 21 Monaten wieder zwei Siege in Folge – das hätte doch was! Und ich glaube daran.

Allerdings wird es ein schwerer Gang für den „neuen“ HSV. Das Spiel machen lag den Mannen um Rafael van der Vaart nicht so. Stattdessen wurde schnell gekontert. Und Artjoms Rudnevs hatte vorn alle Freiheiten, brauchte nur den freien Raum zu suchen, um den entscheidenden Pass aus dem HSV-Mittelfeld (vorrangig von van der Vaart) zu bekommen. „Wir werden von Beginn an volles Tempo gehen“, verspricht Fink, der an der Startelf aus dem Hannover-Spiel nichts ändert. Außer natürlich Petr Jiracek, der für den verletzten Ivo Ilicevic ins Team rückt und der heute einen guten Eindruck hinterließ. Der Tscheche war bissig, passsicher und ein Bestandteil der haushohen Überlegenheit der A-Elf im Abschlussspiel heute. Ich habe lange nicht mehr eine so chancenlose B-Elf gesehen wie die heutige. Und das lag vor allem an der Qualität des A-Teams. Heung Min Son marschierte wie er nur wollte an dem noch sichtbar unfitten Gojko Kacar vorbei, während van der Vaart in der Mitte schalten konnte wie er wollte und Marcell Jansen über links immer wieder nahezu perfekte Flanken schlug. Wie beim ersten Tor. Da setzte Jiracek Jansen auf Linksaußen in Szene. Jansen selbst schlug aus vollem Lauf einen Flankenball, den Rafael van der Vaart inmitten von Paul Scharner und Jeffrey Bruma mit einem Kopfball gegen die Laufrichtung von Sven Neuhaus verwandeln konnte.

Zudem meldete sich Rene Adler gesund zurück. Der Keeper, der heute nicht von Bundestrainer Jogi Löw nominiert worden ist, weil der sich bereits beim letzten Länderspiel auf die Dreier-Kombo Neuer/ter Stegen/Zieler für die beiden Qualispiele festgelegt hatte, absolvierte mit Torwarttrainer Ronny Teuber eine separate Einheit und wirkte topfit. „Alles okay“, so seine kurze Antwort auf die Frage, ob er wieder fit ist. Und ich bin mir sicher, dass Löw ihn zum nächsten Länderspiel holen wird, wenn er so weiterhält. Alles andere wäre unbegreiflich…

Unklar ist noch, ob auch Jaroslav Drobny wieder gesund ist. Der Tscheche leidet an einer Schleimbeutelentzündung an der Achillessehne und trat auf jeden Fall den Weg nach Fürth mit an, weil er von Nürnberg aus am Sonnabend zur tschechischen Nationalelf reist. „Torhüter haben wir ja genug“, hatte Trainer Thorsten Fink gestern noch gescherzt – um heute tatsächlich vier Keeper ins vorläufige Aufgebot zu berufen. „Sicher ist sicher“, so Fink, der auf die Rückkehrer Kacar, Tomas Rincon und Paul Scharner verzichtet.

Dafür steht in Fürth eine Premiere bevor. Zum ersten Mal starten Jiracek, van der Vaart und Milan Badelj im Mittelfeld – und spielen durch (Danke rautentraeger!). „Ich habe mir schon keine potenziellen Gegenspieler angesehen“, sagt Badelj, der auf mich einen unfassbar selbstsicheren Eindruck macht. Und das meine ich im Spiel wie außerhalb. „Die Atmosphäre ist super, das macht es mir leicht“, sagt Badelj, der an der Verbesserung der Atmosphäre maßgeblichen Anteil hatte. „Wir hatten bei null Punkten mächtig Druck – jetzt haben wir Spaß. Der Sieg gegen Dortmund war glücklich, aber er hat es uns leichter gemacht und uns Selbstvertrauen gegeben. Und das spürt man jetzt in der Mannschaft.“

Auch, weil sich Badelj und van der Vaart in der Zentrale (vom derzeit nicht minder starken Tolgay Arslan ergänzt) spielerisch sehr gut verstehen. „Wir reden viel miteinander“, sagt der Kroate, „es scheint zu passen, kann aber noch viel besser werden.“ Wobei das bei Badelj auf alles zutrifft. Auf sein Spiel („Ich muss mich in wirklich allen Bereichen noch steigern. Ich bin überrascht, wie schnell es ging, brauche aber noch mehr Spiele. Bislang ist es gut – aber lange noch nicht exzellent“) wie auf das Zusammenspiel mit van der Vaart bis hin zum Gesamtauftritt. „Wir haben bislang unser bestes Spiel gegen Mönchengladbach gemacht – und kurioserweise das als einziges der letzten drei nicht gewonnen. Aber spielerisch müssen wir da wieder hinkommen. Erst dann können wir zufrieden sein.“ Wobei ich derzeit schon mit den Punkten ohne tolles Spiel zufrieden wäre. Erst einmal Sicherheit zu den unteren Regionen herstellen – der Rest kommt von allein.

In diesem Sinne, morgen „einfach“ gewinnen. So, wie es Dennis Diekmeier gesagt hat: „Das nächste Spiel ist immer das Schwerste. Wir müssen das gleiche Feuer wie gegen Dortmund, Gladbach und Hannover haben – dann packen wir das auch in Fürth.“ Und mit einem Sieg wäre sogar nach Ewigkeiten mal wieder ein einstelliger Tabellenplatz drin…

Bis morgen! Ich freue mich auf das Spiel – und das anschließende Matz ab live aus dem Champs.

Scholle

SpVgg Greuther Fürth: Grün – Nehrig, Kleine, Mavraj, Schmidtgal – Sararer, Pekovic, Fürstner, Pektürk – Edu, Azemi.
HSV: Adler – Diekmeier, Mancienne, Westermann, Jansen – Badelj, Arslan – Son, van der Vaart, Jiracek – Rudnevs.

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne). Assistenten: Christian Bandurski (Oberhausen), Sascha Stegemann (Niederkassel)
Vierter Offizieller: Christiang Dingert (Lebecksmühle)

Statistik (Quelle: www.hsv.de):
Dieses Duell gab es bisher nur im DFB-Pokal, die SpVgg wird zum 51. Gegner des HSV in der Bundesliga-Historie. Das letzte Duell fand in der ersten Runde des DFB-Pokals 63/64 statt und die Franken kamen nach einem 1:1 in Hamburg durch ein 2:1 im Heimspiel weiter. Die Tore für die Rothosen in Hin- und Rückspiel erzielte jeweils Uwe Seeler.