Tagesarchiv für den 4. Oktober 2012

Ein richtig guter Tag für Fink

4. Oktober 2012

Er hat es getan. Und ich finde, er hat es weitgehend gut gemacht. Und damit meine ich Slobodan Rajkovic, der sich heute öffentlich entschuldigt hat. Entschuldigt für das Interview, das er mir nach seiner Suspendierung im August gegeben hatte. Damals fühlte sich der Serbe zu Unrecht ausgeschlossen und rechnete mit Trainer Thorsten Fink ab. Heute sagt er: „Ich war in einer Situation, in der ich wahrscheinlich nicht wusste, was ich tat. Aber ich wollte bestimmt niemandem im Verein und im Umfeld etwas Böses. Ganz im Gegenteil. Der Verein steht immer hinter uns und wir Spieler müssen das zu schätzen wissen. Aber in dem Moment des Interviews habe ich das völlig ausgeblendet. Ich war nicht ich selbst.“

Kann sein. Allerdings könnte es Rajkovic mit der Wahrheit dann doch etwas genauer nehmen. Denn wir hatten das Interview nicht am Tag des Eklats geführt, sondern Tage danach. Dennoch antwortet er auf die Frage, ob er sich heute anders ausdrücken würde, etwas missverständlich: „Selbstverständlich. Ich würde in jedem Fall erstmal nach Hause fahren und einen kühlen Kopf bekommen. Ich habe daraus gelernt.“ Den kühlen Kopf hatte er. Hätte er zumindest haben müssen, da er das fertige Interview mehrfach zum gegenlesen bekommen hatte und wir zwischen Interview- und Erscheinungstermin noch mal einen Tag hatten.

Aber okay, Rajkovic will wieder ein Teil der Mannschaft werden – darum geht es. Dafür entschuldigt er sich förmlich und auch so, dass ich es ihm glaube. Denn Rajkovic ist ein sehr emotionaler Typ. Sein Ehrgeiz ist vielleicht manchmal etwas überbordend – aber ich glaube ihm, dass er sich beim HSV wieder durchbeißen will. Dass er seine Entschuldigung nicht via Abendblatt formuliert hat – völlig okay. Ich hatte es ihm mehrfach angeboten, ihm gesagt, dass er genau den gleichen Rahmen bekäme, um seine Äußerungen von einst zu relativieren und zu entschuldigen. Aber er wollte nicht, entschied sich jetzt spontan nach dem Training mit der Welt und der Mopo zu sprechen. Und wisst ihr was? Ich freue mich mehr darüber, dass er sich entschuldigt hat, als dass ich traurig darüber bin, dass er es nicht bei mir gemacht hat.

Rajkovic hat tatsächlich Stil. Er schämt sich nicht, eigene Fehler einzugestehen. Dass er mit einer Entschuldigung beim HSV momentan nicht weit kommen wird, scheint dennoch klar. „Er ist ein junger Mensch der Fehler macht“, sagte Fink heute, „und das akzeptiere ich. Aber so schnell geht das dann auch wieder nicht.“ Soll heißen: Rajkovic muss sich gedulden. Allerdings glaube ich, dass Fink mit dem Linksfuß abgeschlossen hat und an eine Begnadigung nur dann denken würde, wenn er personell in eine derartige Not getrieben wäre. Und danach sieht es momentan nicht aus. Im Gegenteil: Mit Paul Scharner kommt voraussichtlich schon gegen Fürth ein weiterer Innenverteidiger nach überstandener Verletzung dazu. Zudem kehren mit Gojko Kacar (“Nach dem Training habe ich noch immer leichte Schmerzen – aber ich bin überglücklich, wieder dabei zu sein”) und Tomas Rincon zwei weitere Defensivspieler nach überstandenen Verletzungen zurück. „Für den Kader ist es wahrscheinlich noch zu früh“, so Fink, das käme erst dann in Frage, wenn sich ein weiterer Spieler verletzt. Wobei sich Sternberg (zum Glück als einziger) in Posen verletzt hat.

Ansonsten setzt Fink auf die siegreiche Elf der letzten Wochen. Petr Jiracek soll dabei den verletzten Ilicevic ersetzen. „Petr kennt diese Position“, so Fink, der den Tschechen jedoch in Posen fast überall einsetzte – außer als Linksaußen. Dennoch, Jiracek hat auf der linken Seite bei der EM stark gespielt und erhielt den Vorzug vor Maxi Beister, wie Fink heute erklärte. „Maxi muss defensiv noch etwas lernen“, so Fink, „er wird in Zukunft kommen.“ Vorerst aber setze er auf die Kämpferqualitäten Jiraceks. „Wir brauchen in Fürth einen Fighter.“

Insgesamt erwartet Fink eine kampbetonte Partie. Und mit der J-Seite (Jiracek, Jansen) ist er gut besetzt. Anders gestaltet sich das auf der rechten Seite, auf der in meinen Augen noch ein kleines Ungleichgewicht bei Diekmeier und Son herrscht. „Sonni hat überragende Qualitäten nach vorn“, umschifft Diekmeier geschickt die Frage, ob Son zu wenig nach hinten arbeitet, „ich muss ihn nach hinten immer stellen. Und er hört sehr gut“, so der Rechtsfuß, der sich seinen Platz auf der rechten Abwehrseite von Jeffrey Bruma in dessen Verletzungspause mit kompromissloser Defensivarbeit und einer für seine Verhältnisse harte Zweikampfführung zurückerobert hat. „Ich wollte mich unbedingt aufdrängen und zeigen, dass ich in die Mannschaft gehöre. Da ist es wichtig, richtig aggressiv zu sein.“

Immerhin kriegt Diekmeier momentan nicht genug vom HSV – und passt sich gleich in den Tag der Poesie beim HSV ein. „Als Fußballer willst du nicht unten rumgurken. Deshalb war das nach dem Dortmund-Sieg so ein geiles Gefühl. Das war wie eine Droge – und von der wollen wir hier alle noch viel mehr.“ Es sei ein Glücksgefühl, das man die ganze Zeit mit sich herumträgt. „Ich werde auch in der Stadt und sonst überallanders aufgenommen. Selbst zuhause ist meine Familie besser drauf. Wahrscheinlich, weil ich nicht immer so ne Flunsch ziehe.“

Kann sein. Wichtiger war für mich aber heute zu hören, dass es in er Mannschaft stimmt. Durch die letzten Zugänge hat sich innerhalb der Mannschaft eine Hierarchie gebildet, die sportlichen Ursprunges ist. Soweit hatten wir es ja auch schon hier im Blog. Diekmeier ergänzte heute: „Bei uns stimmt im Moment einfach die Mischung aus jungen und erfahreneren Spielern.“ Es stimmt also genau das, was seit vergangener Saison, seit dem Beginn des großen Umbruchs, nicht gestimmt hatte. Und das ist gut so.

Sieben Punkte machen halt was her. Im Training heute herrschte gute Laune. Scharner bewies seine Entertainer-Qualitäten und Fink, dass er mal ein richtig Guter war. „Drei Dinger hab’ ich gemacht“, erzählte der HSV-Coach stolz, wobei einer der drei Treffer eher als Eigentor seines Gegenspielers zu werten war. Allerdings legte Fink auch zwei Tore auf – Respekt!

Noch wichtiger als die Gute Laune war allerdings die Nachricht, dass die beiden heute fehlenden Torhüter Rene Adler und Jaroslav Drobny nicht ausfallen. „Drobo hat eine Schleimbeutelentzündung an der Achillesferse“, so Fink, der den Tschechen dennoch morgen mit nach Fürth nehmen will. Sollte Drobny am Sonnabend nicht in den Kader können, würden Sven Neuhaus oder Tom Mickel als Backup des heute noch leicht grippekranken Adlers nachrücken. Der zuletzt überragende Keeper war heute zwar nicht auf dem Platz, ließe sich aber pflegen und soll schon am Freitag wieder voll mit der Mannschaft trainieren können. Genau wie Heiko Westermann, der mit seinem Faserriss an der Hüfte heute das Schusstraining aussetzte. „Bei Heiko sieht das alles wieder sehr gut aus“, so Fink, dem es heute richtig gut gehen dürfte. Zumal auch Dennis Aogo nach auskurierten schlechten Blutwerten am Montag wieder ins Mannschaftstraining einsteigt.

Sieben Punkte im Rücken, gesunde Topspieler, mit Greuther Fürth einen nicht zu unterschätzenden aber auch absolut schlagbaren Gegner vor der Brust – und dann noch die Entschuldigung Rajkovics. Es passt vieles. „Die Mannschaft hat gemerkt, wie sie gefeiert wird. Und das genießen wir. Wir müssen uns jetzt in das Gewinnen verlieben – nicht ins Verlieren…“ Wahre (Fußball-)Poesie – und mit Sicherheit ein gutes Schlusswort für den heutigen Blog.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 10.30 Uhr trainiert. Öffentlich.

Scholle

P.S.: Der HSV testet am kommenden Mittwoch (10. Oktober) beim Bezirksligisten VfL 93 am Borgweg. Tickets (zwischen 8 und 12 Euro) gibt es auf der VfL-Geschäftsstelle, im HSV-Ticketcenter, bei Sport Duwe und im Sportshop Schnelsen. Das allerdings ohne die Länderspielreisenden Rudnevs und Rincon. Rudnevs spielt am 12. Oktober mit Lettland in Bratislava gegen die Slowakei und am 16. Oktober in Riga gegen Liechtenstein. Rincon trifft am 16. Oktober mit Venezuela auf Ecuador.