Tagesarchiv für den 3. Oktober 2012

Die B-Elf verliert 1:2 in Posen

3. Oktober 2012

Der HSV im internationalen Einsatz. Endlich einmal wieder. Allerdings nur in Freundschaft – und dann auch noch mit der zweiten Garnitur. Statt Champions League oder Europa League stand das Ablösespiel für Artjoms Rudnevs auf dem Programm, es ging gegen den polnischen Erstliga-Klub Lech Posen. Das Spiel endete mit einem 2:1-Sieg für die Polen, obwohl der HSV bis zur Halbzeit noch klar die bessere Mannschaft gewesen war – und mit 1:0 geführt hatte. Eine Niederlage aber, die niemandem weh tut. Am Sonnabend gilt es – in Fürth.

Mit folgender Mannschaft hatte der HSV gegen den polnischen Tabellenfünften begonnen: Tom Mickel; Jacopo Sala, Jeffrey Bruma, Lennard Sowah, Janek Sternberg; Maximilian Beister, Per Ciljan Skjelbred, Robert Tesche, Petr Jiracek; Marcus Berg und Artjoms Rudnevs. Kapitän dieses Hamburger Teams war der Schwede Berg. Bis auf Jiracek und Rudnevs, der natürlich spielen musste (!), waren keine Hamburger Spieler am Start, die am Sonnabend in Fürth gegen den Aufsteiger von Beginn an spielen werden. Für Rudnevs gab es vor dem Spiel die offizielle Verabschiedung, der Verein Lech überreichte dem Letten bei wunderbarem Herbstwetter und blauem Himmel ein Trikot mit der Nummer 16. Aus Hamburg waren 70 Fans mit in den Osten gereist – Vielfahrer lassen eben nicht den kleinsten Kick aus . . .

Messi lässt grüßen. Und „Messi“ ist überall (nur in Hamburg nie!). Auch in Polen ist Messi mit von der Partie, denn: Die Zeitungen in Posen hatten in ihren Vorberichten alle mit Rafael van der Vaart aufgemacht, zudem mit Rene Adler und Milan Badelj. Denkste, Puppe! Aber auch Lech muss einige Stammkräfte auf dem Sofa gelassen haben, denn die Partie entwickelte sich eindeutig zu Gunsten des HSV. Lech Posen, gerade 90 Jahre alt geworden, hatte in den ersten 45 Minuten nur eine Chance, und die gab es, weil Torwart Mickel eine Unsicherheit gezeigt hatte. Der HSV spielte total überlegen und hatte Tormöglichkeiten fast im Minutentakt. Hundertprozentige hatte Rudnevs auf dem Fuß, er gleich zweimal, doch er verstolperte auch zweimal absolut amateurhaft. Dazu hatte „Maxi“ Beister eine Super-Chance auf seinem „Schlappen“, doch er auch vergab. Besser machte es der Kapitän. Als Rudnves und der Schwede im Forechecking glänzten, sorgte Marcus Berg in der 31. Minute für das längst fällig und verdiente Hamburger Führungstor. Im Ausland scheint sich Berg bestens und vor allen Dingen sehr wohl zu fühlen, denn zuletzt, beim Freundschafts-Kick auf Mallorca, sorgte er auch für den 1:0-Erfolg des HSV. Wobei Berg im gestrigen Training schon (und gleich mehrfach) andeutete, dass er gut drauf ist, denn er versenkte etliche Bälle im Tor. Wäre ja schön, wenn es doch noch einmal mit ihm bergauf gehen würde.

Beim HSV sollten Skjelbred und Tesche vor 10 000 Zuschauern wohl hauptsächlich für den Spielaufbau zuständig sein, aber sie schafften es nur sehr selten. Deswegen rückte Petr Jiracek immer mehr in den Blickpunkt, der Tscheche sollte eigentlich über links kommen, rückte aber oft nach innen und spielte mehr und mehr zentral, leitete so viele Hamburger Angriffe ein.

Nach der großen und pompösen Halbzeitshow kam ein anderer HSV auf das Spielfeld. Keine Dominanz mehr, keine Ideen mehr, kein Mumm mehr bei den Hamburgern. In der 73. Minute sorgte Djurdjevic für den Ausgleich, und drei Minuten später traf Wilk. Der HSV war im zweiten Durchgang chancenlos, vielleicht aus deshalb, weil Rudnevs, Jiracek und Sternberg ausgewechselt worden waren. Für sie kamen Matti Steinmann, Jordan Brown und Dennis Diekmeier.

Für Artjoms Rudnevs war es trotz der Niederlage ein besonderes Spiel. Er ging in 48. Minute vom Rasen, war aber erst in der 87. Minute im Kabinengang. Bis dahin hatte er Autogramme ohne Ende geben müssen, er wurde auf seinen Ehrenrunden mit Sprechchören gefeiert, er posierte für Fotos mit den Fans. Welch ein traumhafter Abschied aus Posen! Da ging ein Publikumsliebling.

Trotz der Tatsache, dass der HSV in Posen mit der B-Elf antrat muss ich ja sagen, dass es auch irgendwie schön ist, dass der HSV diesen zweiten Anzug besitzt. Die personelle Decke ist groß, immer noch zu groß, aber sie ist auch sehr gut. Wenn man bedenkt, dass ja immer noch Nationalspieler wie Dennis Aogo, Zugang Paul Scharner, Tomas Rincon und Gojko Kacar fehlen, so hat der HSV in den kommenden Wochen sicherlich ein Luxus-Problem – weil immer wieder solche Könner auch auf der Bank werden Platz nehmen müssen. So gesehen sieht die Zukunft des HSV ganz sicher nicht schwarz aus, sondern eher ein wenig rosiger.
Abstieg ist auf jeden Fall kein Thema mehr (sage ich). Egal wie das Spiel am Sonnabend in Fürth auch ausgehen mag. Ich hoffe ja auf jeden Fall auf einen Punkt. Und unterschätzt mir den Aufsteiger nicht, die kämpfen schon jetzt ums Überleben und werden sich mit allen Kräften und Tricks zur Wehr setzen, Fürth wird auf keine Fall auch nur einen Zentimeter Boden verschenken. Ob es dann spielerisch gegen diesen wieder „auferstandenen“ HSV langt, das wird sich zeigen müssen . . .

Abseits des Polen-Spiels gab es natürlich noch die eine oder andere Fußball-Meldung, die auch aus Hamburger Sicht interessant ist. Zum Beispiel diese:

„Ich weiß aus Erfahrung, dass es ganz wichtig ist, diese Dinge in geschlossenen Räumen zu artikulieren und nicht so nach draußen, weil das ist Populismus, und den können wir nicht gebrauchen.“

Das sagte Bayern-Trainer Jupp Heynckes am Mittwoch in Minsk über die Kritik von Bayern-Sportchef Matthias Sammer. Zweierlei will ich dazu sagen: Ich frage mich, wie lange das noch gut gehen wird, mit dem Coach und dem Herrn Motzki. Und: Dieses Theater ist dem HSV letztlich ersparen geblieben, denn in Hamburg hätte Sammer ganz sicher auch niemals geschwiegen – dazu ist er gar nicht in der Lage. Er sagt was er denkt, ein Diplomat wird er in diesem Leben nicht mehr. Und ich finde es gut, dass dem HSV letztlich so etwas erspart geblieben ist – Sammer passt dann doch besser zum FC Hollywood.

Und dann hat sich der „kleine Dibbelkünstler“ in Erinnerung bebracht. Mit folgender Meldung:

Mittelfeldspieler Piotr Trochowski vom FC Sevilla kämpft um eine Rückkehr in die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. „Es ist ein großes Ziel für mich, wieder ins Nationalteam zu kommen“, sagte der langjährige Hamburger Bundesliga-Profi der Morgenpost: „Mein großes Ziel bleibt die WM 2014 in Brasilien.“ Der 28 Jahre alte Trochowski hatte zuletzt in der spanischen Liga für Furore gesorgt. Innerhalb von 14 Tagen traf der 35-malige Nationalspieler sowohl gegen den spanischen Meister Real Madrid (1:0) als auch gegen den FC Barcelona (2:3).

Ich finde es gut, dass er so denkt und dass er diesen Ehrgeiz noch hat. Da für mich die spanische (und nicht die englische) Liga die beste der Welt ist, darf „Troche“ einen solchen Anspruch durchaus haben. Seit er in Sevilla ist, hat er von allen Pflichtspielen des Klubs nur drei verpasst. Auch wenn er dabei oft ein- oder ausgewechselt worden ist. Er ist dabei, und das in dieser Saison wohl auch etwas erfolgreicher als zuletzt. Die Tore sollten ihm Auftrieb geben. Er trifft gegen Real und Barcelona, und der HSV II verliert in Hamburg gegen Barcelona III . . . So spielt das Fußballer-Leben.

Dann denke ich mit Schrecken daran, dass vor zwei Jahren (oder war es nur ein Jahr?) noch einige HSV-Fans damit geliebäugelt hatten, dass Michael Ballack zum HSV kommen sollte. Der „Kapitano“ war damals ganz sicher keine billige Lösung für Leverkusen, dieses Geld hätte der HSV ohnehin nicht gehabt, aber ich mag mir gar nicht vorstellen, wenn er dennoch nach Hamburg gekommen wäre. Diese Millionen wären weg gewesen. Für doch relativ wenig Gegenleistung, wenn ich mir so Ballacks Bayer-Zeiten durch den Kopf gehen lasse. Es war schon wesentlich besser, dass Ballack damals in den Westen der Republik gegangen ist – und nicht in den Norden.

Übrigens, hier die Rücktritts-Erklärung von Michael Ballack im Wortlaut:

„Mit 36 Jahren blicke ich auf eine lange und wunderbare Zeit im Profifußball zurück, von der ich als Kind nie zu träumen gewagt hätte. Es war ein Privileg, mit erstklassigen Trainern und fantastischen Mitspielern zusammenzuarbeiten. Sicher wird es mir fehlen, nicht mehr vor 80 000 Fans zu spielen oder ein Tor zu schießen.
Die letzten Monate ohne aktiven Fußball haben mir aber gezeigt, dass die Zeit reif ist, aufzuhören. Ich freue mich jetzt auf ein neues Kapitel in meinem Leben und danke meiner Familie und all den großartigen Menschen, die mich gefördert, gefordert, begleitet und unterstützt haben. Sie alle haben großen Anteil an meinem Erfolg.“

Kurios ist, dass sich heute ausgerechnet Fifa-Präsident Joseph „Sepp“ Blatter zu Wort meldet und den Rücktritt Ballacks bedauert. Der Mann hat Sorgen . . .

Dann gab es da noch eine Mail, die mir das Moderatoren-Team ans Herz gelegt hat:

„Lieber Herr Matz,

erst einmal möchte ich Ihnen, Ihrem Kollegen „Scholle” und dem ganzen Matz-ab-Team für ihre Arbeit und Mühen bedanken, die es mir erlauben meine tägliche Dosis HSV aus ihrem Blog zu ziehen. Bitte weiter so!

Da mir die teilweise niveaulosen Diskussionen Einiger im Schutz der Internet-Anonymität rund um diese Plattform missfallen, beschränke ich mich jedoch lediglich auf das Lesen Ihrer Ausführungen. So hoffe ich Sie hiermit auch persönlich erreichen zu können.

Aber nun zum eigentlichen Grund meiner Email:
Im Blog berichten Sie davon, wie Sie sich für die Pfiffe gegen Herrn Niersbach geschämt haben und Sie sich hier ein Schweigen gewünscht hätten. Hier gebe ich Ihnen Recht. Auch ich saß in der O2-World – aber lediglich dieser Tapetenwechsel (Gala-Sitzplatz anstatt Nordkurven-Stehplatz) veranlasste mich zur milderen „Applaus-Verweigerung” anstatt eines Pfeifkonzerts. Doch eben dieses Schweigen hätte ich mir dann auch an einigen Stellen von Herrn Niersbach gewünscht: So staunte ich nicht schlecht, als dieser in seinen Grußworten unseren HSV als eine Art Herzensangelegenheit des DFBs betitelte – davon habe ich in der Vergangenheit im Fall „Siegenthaler” oder auch „Sammer” wenig gemerkt.

Ferner finde ich es teilweise heuchlerisch, wie sich der DFB (an diesem Abend auch in der Person von Herrn Niersbach) einerseits um das Ehrenamt sorgt – was ich ausdrücklich unterstütze – es andererseits aber mit Füßen tritt: Im Rahmen von Fußball-Gewalt- oder Pyrotechnik-Debatten kann der DFB größtenteils leider ohne kritische medialer Betrachtung eine Vielzahl von Ehrenamtlichen als Gewalttäter verallgemeinern und als „Feinde des Fußballs” darstellen und ihnen jeglichen Dialog verweigern. Diese Ehrenamtlichen sind auch bekannt als „Ultras” oder „Faninitiativen”, stellen m. E. ein soziales Netz mit viel Herzblut als unschätzbaren Wert eines jeden Vereinslebens dar und haben – ganz aktuell in unserem Fall – noch nebenbei mit einer Weltrekord-Choreo zu unserer tollen Geburtstagsfeier beigetragen.

Ich bin kein Ultra und fordere auch von diesen deutlichere Distanzierung von Gewalt und die Anerkennung allgemein gültiger Regeln im Umgang untereinander. Doch würde ich mir wünschen, dass ihnen seitens des DFBs aber auch der Medien durch eine ausgewogenere Betrachtung (Berichterstattung) und ernst gemeinter Dialogbereitschaft mehr Gehör geschenkt wird. Sodass man für die Zukunft vermeiden kann, dass diese Gruppen in Pfeifkonzerten, Schmähgesängen oder sonstigen Protestaktionen die einzige Möglichkeit sehen, auf ihre Interessen aufmerksam machen zu können.

Das nur als kleine Randnotiz einer wundervollen Geburtstagsfete.“

In diesem Sinne,

„Happy Birthday HSV”!

Dazu möchte ich noch einmal zweierlei anmerken. Erstens entscheidet ein Wolfgang Niersbach für den DFB auch nicht allein, zweitens waren an den „Fällen“ Siegenthaler und Sammer ganz sicher die Protagonisten selbst die Hauptschuldigen. Wenn diese beiden Männer unbedingt und auf Biegen und Brechen zum HSV hätten kommen wollen, dann wären sie auch gekommen. Beide aber haben meiner Meinung nach in letzter Sekunde „kalte Füße“ und wahrscheinlich auch bessere Angebote bekommen. Und warum sollte dass der Herr Niersbach oder auch der DFB bestrafen?

Ich weiß darüber hinaus, dass Wolfgang Niersbach, den ich als neutralen und stets fairen Sportsmann kennengelernt habe, sehr wohl ein Herz für den HSV hat – nur ist Niersbach mit dem DFB gleich zu setzen? Bestimmt nicht. Wenn zum Beispiel ein DFB-Sportgericht ein Urteil gegen einen HSV-Spieler oder auch gegen den HSV fällt, dann hat Niersbach mit Sicherheit kein Mitspracherecht. Deswegen halte ich diese Kritik an ihm für ungerecht – und die Pfiffe sowieso und immer noch.

So, ich bin am Ende. Im Volkspark wird, da die Mannschaft heute um kurz nach Mitternacht in Lübeck – aus Polen kommend -landen wird, um zehn Uhr trainiert. So war jedenfalls der letzte Stand.

Und wer es immer noch nicht gesehen hat, es aber noch sehen möchte – hier die HH1-Sendung „Rasant“ vom Montag mit den HSV-Legenden Jochen Meinke, Horst Schnoor, Holger Hieronymus, Horst Hrubesch, Richard Golz, Thomas Doll, Hermann Rieger, „Jojo“ Liebnau und dem Klub-Chef Carl-Edgar Jarchow zu sehen:

21.01 Uhr