Tagesarchiv für den 1. Oktober 2012

Arnesen ist gut drauf – Ilicevic leider verletzt

1. Oktober 2012

Lässige Jeans, ein schickes Hemd und sportliche Schuhe – Frank Arnesen ließ es am heutigen trainingsfreien Montag locker angehen. Zum ersten Mal seit langer Zeit wirkte der Däne entspannt und locker. Er war sogar richtig gut drauf. „Ich habe die Gala am Sonnabend auch richtig genossen“, sagte Frank Arnesen, „weil mir der Abend gezeigt hat, wie groß der HSV ist und was für Tradition der Verein hat. Am schönsten aber war natürlich, dass wir vorher gegen Hannover drei Punkte geholt haben.“ Die Punkte fünf bis sieben. Und drei weitere Punkte auf dem Weg zur Genugtuung.

Bereits vor null Uhr verließ Arnesen die Feierlichkeiten, um Zuhause mit seiner Frau in seinen eigenen Geburtstag reinzufeiern. Seine Frau hatte ihm zu mitternächtlicher Stunde noch eine kleine Überraschung bereitet und mit ihm angestoßen. So kam es auch nicht zu besonderen Aufeinandertreffen mit seinen zuletzt größten Kritikern. Allen voran HSV-Idol Uwe Seeler. „Ich habe nicht mit ihm gesprochen“, so Arnesen, der die Kritik von Seeler angenommen hat: „Ich stelle mich der Kritik. Wenn es nicht läuft, dann ist es für mich völlig normal, dass gefragt wird, ob ich meine Arbeit gut mache. Aber in Hamburg hatte ich grundsätzlich immer ein gutes Gefühl. Egal ob auf der Straße, beim Einkaufen oder Spazierengehen – in Hamburg begegnen mir die Leute von Tag eins an nur positiv.“

Zumal, wenn die Mannschaft gewinnt. Nach drei Niederlagen zu Saisonbeginn wurde nun dreimal in Folge nicht verloren. „Gegen Teams, die europäisch spielen“, fügt Arnesen hinzu und schließt ein Warnung an: „Wir haben gezeigt, was wir letzte Saison gut gemacht haben. Wir haben gegen Dortmund und Gladbach gut gespielt, gegen Hannover auch eine Halbzeit. Aber wir dürfen nicht denken, dass das einfach so weitergeht. Im Gegenteil: Wir müssen jetzt gerade noch mehr machen. Was sonst passiert, haben wir letzte Serie nach dem guten 1:1 in Gladbach gezeigt.“ Da gab es vier bittere Pleiten nacheinander, ehe das 1:0 in Kaiserslautern den freien Fall stoppte.

Allerdings ist auch klar, dass der HSV dieses Jahr über eine andere Mannschaft verfügt als noch vor wenigen Monaten. Mit Milan Badelj, Petr Jiracek und nicht vor allem den beiden Topstars der letzten Wochen, Rafael van der Vaart und Rene Adler hat der HSV Führung gefunden. Diese Mannschaft hat ihre natürliche Hierarchie gefunden. Und das auf dem bestmöglichen Weg – über Leistung auf dem Platz. „Rafael ist ein erfahrener Spieler im besten Alter. Mit 29 kann er noch locker drei Jahre auf Top-Niveau spielen. Er läuft auch wie ein junger Hund. So viel, dass die anderen überrascht sind und es ihm nachmachen.“ Zudem steht mit Rene Adler der vielleicht formstärkste deutsche Torwart beim HSV im Kasten. So sieht es auch Arnesen. „Es ist auch für mich überraschend, dass Rene so schnell wieder zu der Form findet, die ihn einst zur Nummer eins gemacht hat. Seine Ausstrahlung, seine Ruhe sind überragend. Er ist mit Sicherheit auf Augenhöhe mit Manuel Neuer.“

Aktuell auf jeden Fall. Die Frage ist, ob Joachim Löw reagiert und Adler holt. Zuletzt hatten sich Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke darauf festgelegt, zumindest die nächsten Länderspiele gegen Irland und Schweden mit dem selben Trio (Neuer, ter Stegen, Zieler) zu bestreiten. „Aber Joachim Löw ist ja nicht blind“, sagt Arnesen und beantwortet die Frage, ob ein Adler nicht zu schade wäre für die Bank: „Warum Bank? Gesunde Konkurrenz würde ich das nennen.“

So schnell geht das. Wie bei Adler so bei Arnesen. Der Däne galt bereits als gescheitert. Hinzu kam der Vorwurf, dass Arnesen beim Transfer von Milan Badelj nicht im Sinne des HSV verhandelt haben soll. „Solche Vorwürfe kommen immer wieder“, sagt Arnesen, „das war beim PSV Eindhoven so, das war bei Chelsea so und ist auch hier jetzt. Das sind Leute, die auf unsere Positionen eifersüchtig sind und andre Interessen als den Verein im Kopf haben.“ Ein klarer Seitenhieb auch in Richtung der Aufsichtsräte.

Aber okay, ich drifte in so schönen Tagen nicht freiwillig wieder in Richtung Vereinspolitik ab. Zumal gerade Badelj sich selbst immer mehr zu erklären scheint. Immerhin dürfte der Kroate, der für knapp 3,5 Millionen Euro Ablösesumme kam, inzwischen knapp das Doppelte wert sein. „In der Form ist das auch für mich überraschend“, freut sich Arnesen, „ich kenne ihn schon seit zwei Jahren. Aber ich habe ihn in Kroatien gesehen, weil die Liga kein Vergleich zur Bundesliga ist. Aber er hat international immer wieder seine Klasse bewiesen. Wir kannten und kennen seine Defizite – aber er wird mit besseren Spielern auch besser. Und das sieht man jetzt.“

Auffällig für mich ist auch die Entspannung bei Spielern wie Michael Mancienne und Heiko Westermann. Arnesen sieht in der Formsteigerung der beiden auch ein großes Plus für die Ruhe Adlers – ich allerdings sehe das eher andersrum. Ich glaube, dass einem tadellosen Kämpfer wie Heiko Westermann zusätzliche Verantwortung nicht gut tut. Ich glaube, dass Westermann immer dann am besten ist, wenn andere führen. Genauso Mancienne. Der Engländer verfügt über eine herausragende Einstellung, gibt immer alles. Aber er braucht Leute um sich herum, die die Verantwortung tragen. Das klingt für einige vielleicht so, als würde ich ihm etwas absprechen wollen – dem ist aber nicht so. Mancienne ist wie Westermann und viele andere (Beister, Arslan, Son, Diekmeier, Ilicevic, selbst Aogo…) immer dann am besten, wenn er sich ausschließlich um sein Spiel kümmern muss. Und das machen beide, Westermann wie Mancienne, gut.

Und noch einer wird besser: Artjoms Rudnevs. Der Mann, der auf dem Platz ackert wie kaum ein Zweiter. Der Mann, der gegen Hannover seinen zweiten Treffer erzielte. „Ich wusste immer, was er kann. Wir haben gesagt, wir brauchen einen, der in die Tiefe geht und vorne ackert, der abläuft und der trifft. Wir kennen Artjoms’ Defizite. Er ist keiner, der ins Eins-gegen-Eins geht. Aber er läuft und läuft, und läuft. Ich würde als Verteidiger auf jeden Fall nicht gegen ihn spielen wollen.“

Gleiches gilt für die größte Überraschung bislang: Tolgay Arslan. Der Junge war für mich gegen Hannover der beste Hamburger und erhielt zurecht den Vorzug vor Petr Jiracek, den ich für eine absolute Topverstärkung halte. Arslan ist ballsicher, spielt gute Pässe (bis auf die finalen Pässe) und weiß inzwischen auch durch Einsatz zu gefallen. Was Arslan gegen Hannover wegarbeitete, war sensationell. „Ich war sehr überrascht, als Thorsten ihn gegen Dortmund neben Milan stellte. Ich habe ihn gefragt, ob er sich sicher ist und ansonsten nichts gesagt. Aber Fragen hatte ich eigentlich genug.“ Fragen, die Arslan sportlich beantwortet hat. Arnesen: „Er ist super.“

Dann beantwortete und Arnesen noch mal ausführlich seine Sicht der Transferperiode, die hier und anderswo schon hinlänglich beschrieben wurde. Er habe den Umständen entsprechend gehandelt und bei Jiracek („Er wurde uns aus dem Nichts angeboten“) um die Bereitschaft, finanziell ins Risiko zu gehen. Zu dem Zeitpunkt sei er sehr zufrieden gewesen. „Milan konnte leider nicht früher für uns spielen, zeigt aber jetzt, dass er uns auch da schon geholfen hätte.“ Zudem habe erst Kühne den van-der-Vaart-Transfer möglich gemacht. Arnesen: „Ich bin sehr zufrieden mit den Transfers.“ Kann er auch sein. Und entsprechend gelöst wirkt Arnesen, der die fünf, sechs Wochen vor dem ersten Bundesligasieg in dieser Saison als für ihn „sehr, sehr hart“ bezeichnete.

Ob Arnesen auch im Winter nachlegen könnte, sollte personell noch nachgebessert werden müssen? „Schwer zu sagen“, so Arnesen, „weil wir erstmal Spieler abgeben müssen. Ideal wären 25 Spieler – und im Moment haben wir 29.“ Einer der ersten Streichkandidaten bleibt Marcus Berg. Der Schwede ist momentan zwar schwer zu vermitteln, soll aber nach Möglichkeit verkauft werden. Zumal der HSV mit dem Ghanaer Abdul Majeed Waris vom schwedischen Erstligisten BK Häcken bereits einen interessanten neuen Angreifer im Blick hat. „Er ist nicht zwingend das, was wir vordringlich brauchen“, sagt Arnesen, „aber wir kennen ihn.“ Der 21 Jahre alte und 172 Zentimeter große Waris hat zuletzt in 22 Spielen 19 Treffer erzielt. Zudem will Arnesen schon im Winter den Vertrag mit Heung Min Son (angeblich sollen englische Teams interessiert sein) verlängern. „Ich glaube auch, dass Son sehr gern bleiben will. Er hat Riesenpotenzial und ich würde ihn sehr gern noch sehr lange in Hamburg sehen“, sagt Arnesen.

In diesem Sinne, morgen trainiert der HSV um zehn Uhr an der Arena. Fehlen wird dabei Ivo Ilicevic, der sich gegen Hannover einen Muskelfaserriss zugezogen hat und voraussichtlich drei Wochen pausieren muss. Gute Besserung, Ivo!

Bis morgen,
Scholle