Monatsarchiv für Oktober 2012

Bayern hat Klasse, der HSV den Heimvorteil

31. Oktober 2012

HSV gegen Bayern München, da werden wohl bei jedem HSV-Fan Erinnerungen wach. Und zwar nicht immer nur gute. Denn, so grausam kann Statistik sein, die Bilanz be3ider Klubs ist nicht gerade positiv für die Hamburger Farben. 21 Siege, 19 Unentschieden und 54 Niederlagen stehen zu Buche. Mit einem niederschmetternden Torverhältnis von 96:197. Und die Heimbilanz des HSV gegen den Rekordmeister spricht auch nicht unbedingt für die Macht von der Elbe: 13 Siege, 14 Unentschieden, 20 Niederlagen. Und in Toren drückt sich diese negative HSV-Statistik wie folgt aus: 54:74. Viele Spiele dieser beiden großen Klubs habe ich live gesehen, eines ist mir ganz besonders hängen geblieben. Ein 0:5 im Volkspark, und zwar am 4. Mai 1974. Es waren 55 000 Zuschauer in die Betonschüssel gekommen, viele, viele gingen nach den Toren von Schwarzenbek, Breitner (zwei), Zobel und Hoeneß vorzeitig. Auch ich, muss ich gestehen. Aus der Westkurve raus und nur weg. Ging aber nicht. Weil viele, viele Autos vor den Stadiontoren standen, die nicht vom Fleck kamen. Weil noch nicht sämtliche Ausfahrten geöffnet waren. Und was machten die frustrierten HSV-Fans? Sie kletterten auf die Autos, sprangen von Dach zu Dach und von Haube zu Haube. Es war schrecklich. Vor allen Dingen für die, die in ihren Autos saßen und die Köpfe einzogen.

Die Bayern traten damals mit Maier, Schwarzenbek, Beckenbauer, Roth, Zobel, Breitner, Hoeneß und Müller an, Trainer war Udo Lattek. Und beim HSV, dessen Trainer Kuno Klötzer war, spielten: Kargus, Kaltz, Winkler, Krobbach, Hidien; Björnmose, Zaczyk, Ripp, Sperlich, Heese und Volkert. Aber es gab auch Siege und große Erfolg des HSV gegen die Bayern. Am 1. April 1977 gewann der HSV 5:0 gegen Maier, Beckenbauer, Schwarzenbek, Rummenigge und Co. Wie konnte das passieren? Weil Zaczyk, Reimann, Memering, Vollert und Steffenhagen traf und beim HSV an diesem Tag alles klappte. Wie auch am 31. Oktober 1981, also heute vor 31 Jahren. Da gewann der HSV 4:1 gegen die Bayern (Junghans, Augenthaler, Dremmler, Breiter, Rummenigge, D. Hoeneß). Die Tore für die Sieger schossen Hrubesch (zwei), Jakobs und Bastrup.

Den wohl größten Sieg über die Münchner gab es am 24. April 1982. 4:3 hieß es nach einem 1:3-Rückstand, bei dem das Spiel eigentlich schon entschieden schien. Hartwig, von Heesen und zweimal Hrubesch sorgten für einen der schönsten HSV-Siege der Vereinsgeschichte. In der Bundesliga ist das meine absolute Nummer eins.

In der „Neuzeit“ wurden HSV-Siege dann zwar rarer, aber es gab sie. Am 14. September 1991 schoss Armin Eck ein wunderschönes 1:0 heraus – und 1:0-Siege sind bekanntlich die schönsten (besagt ein altes Fußball-Sprichwort). Damals spielten für den HSV Golz, Kober, Beiersdorfer, Rohde, Matysik, Hartmann, Spörl, Eck, von Heesen, Nando und Furtok. Das sind doch Namen! Beim FC Bayern waren neben anderen Effenberg, Ziege, Pflügler, Berthold, Kreuzer und Labbadia an Bord. Und ein ganz besonderer HSV-Sieg wurde noch am 11. Februar 1996 gefeiert, auf Schnee, Eis und „Betonboden“. Uwe Jähnig (wer erinnert sich noch an ihn?) wurde in der 66. Minute für Valdas Ivanauskas eingewechselt und traf 60 Sekunden vor Schluss zum 2:1-Sieg. Zuvor hatten Scholl und für den HSV Andre Breitenreiter (heute Trainer TSV Havelse) getroffen. Für den HSV waren Golz, Fischer, Henchoz, Hartmann, Hollerbach, Breitenreiter, Spörl, Kmetsch, Albertz, Ivanauskas und Bäron am Start. Die Bayern waren damals stocksauer, dass diese Partie überhaupt angepfiffen worden war, denn man hätte an diesem bitterkalten Abend im Volkspark auch „Holiday and Ice“ präsentieren können . . . Das war, wie gesagt, 1996, mir kommt es so vor, als wäre das vorgestern gewesen. So schnell rennt die Zeit – auch im Fußball. Oder dort ganz besonders schnell?

Diese eben aufgezählten Namen sind schon lange Geschichte. Teilweise große, teilweise schon leicht abhanden gekommene Tradition. Und wer weiß es schon, wie die heutige HSV-Mannschaft in zehn oder 20 Jahren angesehen sein wird? Wie denkt ein HSV-Fan über Rene Adler, der vielleicht seine Karriere in Hamburg ausklingen lässt (nach sechs, sieben Jahren?), wie denken die Fans über Dennis Aogo, Heiko Westermann und Rafael van der Vaart?

Oder auch Artjoms Rudnevs? Der HSV-Stürmer lief heute zwar nach dem Training nicht allein auf ein Tor zu, aber er trainierte erneut für sich. Das heißt, er wurde von Nikola Vidovic zum Privat-Unterricht gebeten, beide Herren spielten wieder einmal Fußball-Tennis. Der Lette soll offenbar Ballgefühl (mehr Ballgefühl) vermittelt bekommen, obwohl ich sagen muss (und das ist absolut ernst gemeint), dass Rudnevs zuletzt in Augsburg zwei Szenen hatte, die hatten es in sich. Zweimal pflückte er Abschläge von Adler aus der Luft, als wäre er Lionel Messi, als hätte er Pattex an den Buffern. Das sah richtig gut aus. Und sein Tor ja ohnehin. Wobei „Tante Käthe“ ja wohl gefragt hatte, ob Rudnevs denn Schuss-Training erhalten hatte? Das hatten sie beim Abschlusstraining ja alle, das hatte ich auch geschrieben. Aber bei Artjoms Rudnevs hatte es gleich durchschlagende Wirkung. Davon weiß nun auch Augsburgs Keeper Jentzsch zu berichten . . .

Inzwischen, und das ist erfreulich, steht beim HSV die Null immer öfter hinten – und vorne nur noch selten. Ein Trend, der sich auch am Sonnabend gegen die Bayern möglichst fortsetzen soll. Und einer der Garanten für eine erfolgreiche Abwehrarbeit ist der Kapitän. Heiko Westermann auf die Frage, warum der HSV zuletzt kaum Gegentore kassiert hat: „Weil wir zuletzt und über einen längeren Zeitraum mit derselben Mannschaft gespielt haben. Mit derselben Viererkette und mit Rene Adler im Tor.“ Kurios aber ist auch, dass Trainer Thorsten Fink gerade noch zu Beginn dieser Woche über die schlechte Defensivarbeit seiner (gesamten) Mannschaft gesprochen hatte, und dabei angekündigt hatte, daran hart und verstärkt zu arbeiten. Und nicht nur Fink hat ja gesehen, dass die Gegner zuletzt zwar kaum gegen den HSV getroffen haben, aber dennoch einige Chancen zuviel auf den Stiefeln und den Köpfen hatten.

Das weiß auch Westermann: „Keine Frage, wir haben zuletzt einfach zu viel zugelassen. Das waren keine herausgespielten Möglichkeiten des Gegners, sondern Fehler von uns, die dazu geführt hatten, dass der Gegner zu Chancen gekommen ist. Das waren Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, und da müssen wir schon noch besser werden.“ Aus diesem Grund wurden zuletzt auch verstärkt Videoanalysen gemacht, der Trainer zeigt der Mannschaft die Fehler deutlich auf. Und obwohl Fink ja noch zu Beginn der Saison davon überzeugt war, dass die Defensive nun deutlich besser geworden sei (im Vergleich zur Vorsaison), ist es nun die Abwehrarbeit, die sich zur Achillesferse entwickelt hat. Ich behaupte ja auch: Wenn der HSV nicht einen Rene Adler zwischen den Pfosten gehabt hätte, dann wäre so manches Spiel nicht so erfolgreich ausgegangen, wie es letztlich ausgegangen ist.

Belegt wird die starke Form des HSV-Schlussmannes mit diesen Zahlen: Im Vergleich aller Liga-Keeper liegt Rene Adler mit zehn vereitelten Großchancen (47,62 Prozent) an der Spitze und mit 78,85 Prozent gehaltener Torschüsse nur knapp hinter Bayern-Keeper Manuel Neuer (82,61).

Auch Heiko Westermann lobt seinen Keeper: „Dass Rene zurzeit überragend hält, das ist ja kein Geheimnis, er hat uns schon einige Punkte in dieser Saison geholt. Er hat viel Selbstvertrauen, und das ist auch gut so, so soll es bleiben.“

Beim letzten Aufeinandertreffen zwischen dem HSV und dem FC Bayern im Volkspark hieß es nach spannenden 90 Minuten 1:1. Der HSV hatte unter der Regie seines (noch) neuen Trainers eines seiner besten Spiele der Saison 2011/12 gemacht. Allen voran Heiko Westermann, der bei diesem Spiel zur Top-Form auflief. Der HSV hätte auch gewinnen können. „Das wollen wir an diesem Wochenende wiederholen, wir wollen die Bayern wieder ärgern, wir werden ihnen nicht die Punkte schenken. Und gegen die Bayern spielt man immer besonders gerne, und meistens auch ganz gut. Wir freuen uns auf dieses Spiel, wir wollen das noch einmal schaffen, was uns gegen Borussia Dortmund gelungen ist, wir wollen den Bayern ein Bein stellen.“ Dann fügt Westermann noch etwas für mich ganz Erstaunliches an, was vor Wochen noch unvorstellbar schien: „Zurzeit könnte man fast jeden Spieler von uns spielen lassen, alle sind einfach gut drauf, das muss man sich einfach nur mal im Training anschauen.“

Aber es dürfte wohl bei jenem HSV-Team bleiben, das zuletzt mit Kontinuität die Punkte eingefahren hat. Einzig die Frage, ob Tomas Rincon ins Mittelfeld kommt, und dafür Maximilian Beister auf der Bank wird Platz nehmen müssen, ist ungeklärt. Aber trotz der Tatsache, dass der HSV zuletzt erfolgreich gepunktet hat – die Bayern-Partie dürfte nicht ganz so leicht werden. Nach dem 1:2 gegen Leverkusen werden die Münchner schön „geladen“ nach Hamburg kommen. Und ob das eine Chance für den HSV ist, oder eher ein Nachteil, das werden wir alle am Sonnabend um spätestens 20.25 Uhr wissen.

Heiko Westermann ist aber optimistisch: „Wir wissen, dass wir Fußball spielen können, wir sind fußballerisch deutlich stärker geworden gegenüber dem Saisonstart. Und wir sind sehr effektiv zurzeit, wir brauchen sehr wenige Chancen, um ein Tor zu erzielen. Das wissen wir, und das wissen auch die Gegner – das ist eine Stärke von uns.“

Bei den Münchner wird nach wie vor Nationalstürmer Gomez fehlen, aber das schätze ich im Moment nicht als Verlust für die Bayern ein. Weil sich Mandzukic in München zu einem Top-Torjäger entwickelt hat, und weil dahinter noch ein Mann namens Pizarro sitzt. Über den HSV-„Killer“ muss man keine großen Worte mehr verlieren, der ehemalige Bremer hat gegen den HSV immer getroffen. Fast nach Belieben. Westermann: „Mandzukic ist im Moment wohl der beste Stürmer der Liga.“ Weil er kopfballstark ist, zudem einen ausgeprägten Torriecher. Ich frage mich immer noch, warum der VfL Wolfsburg einen solchen Mann einfach so hat gehen (und ziehen) lassen.

Aber gut, das müssen nur und lediglich die VW-Männer klären, der HSV muss sich jetzt mit Mandzukic und dem FC Bayern auseinandersetzen. Westermann: „Die Bayern haben die Klasse, wir den Heimvorteil.“ Ich könnte, das gebe ich zu, mit einem erneuten 1:1 wunderbar leben.

Beim HSV waren heute fast alle Spieler im Training dabei, lediglich Ivo Ilicevic hat gefehlt (muskuläre Probleme). Und natürlich der weiterhin verletzt fehlende Petr Jiracek.

Und nun gleich die (rotierenden) Bayern gegen Kaiserslautern ansehen . . .

PS: Training morgen im Volkspark um 15 Uhr.

19.35 Uhr

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